Soll die Rettung der Welt noch eine Chance haben, bedarf es der Rückgewinnung eines utopischen Denkens.

Es geht doch auch anders!

von Thomas Gebauer, medico international

An sich ist die Sache ja ganz einfach. Mit Blick auf den heute weltweit erzeugten Reichtum müsste niemand mehr in Armut leben und könnten die Menschenrechte längst für alle verwirklicht sein. Nicht nur hierzulande, sondern überall auf Erden. Die Befreiung aus Not und Notwendigkeit, das Reich der Freiheit müsste nicht länger in eine ferne Zukunft vertagt werden. Weder mangelt es an den Ressourcen, um allen ein würdiges Leben zu ermöglichen, noch am nötigen Wissen; es mangelt einzig: – ja, an was eigentlich?

Ist es nur der fehlende Willen der politisch Verantwortlichen? Die strukturelle Krise der demokratischen Repräsentation? Die herrschenden Machtverhältnissen, die systematisch auf Ausgrenzung und Ungleichheit setzen? Der global entfesselte Kapitalismus, dessen Zwang zu Wachstum und Rendite die sozialökologische Verwüstung antreibt? – Viele der Gründe, warum "der reale Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt wird, was potenziell möglich ist" (so definierte Johan Galtung bereits in den 1970er Jahren die strukturelle Gewalt) sind seit langem bekannt. Doch da ist noch ein weiterer Grund, den wir nicht immer im Blick haben. Er spiegelt sich in dem merkwürdigen Umstand, dass selbst dort, wo sich der Traum von einem besseren Leben erfüllt zu haben scheint, die Menschen dennoch nicht froh daran werden.

    Utopien können illusionär sein,
    aber auch Alternativen beschreiben

Die bloße Verfügbarkeit von Konsumgütern, seien es nun ausreichendes Essen, immer neue Klamotten, Urlaubsreisen, Fernsehshows oder Autos, jedenfalls begründet noch kein gelingendes Leben. Die Antworten, die der Kapitalismus auf den Wunsch nach Freiheit bereithält, sind ebenso banal wie verführerisch. Sie nähren eine individualistische Utopie, die Glück an ein beständiges Drängen auf Mehr knüpft. Ein schales Glück, das auf Dauer nur auf Kosten anderer und der Umwelt realisiert werden kann.

Die Lage scheint vertrackt. Eine Mehrheit der Leute soll inzwischen davon überzeugt sein, dass eher die Welt untergehen werde, als sich der Kapitalismus abschaffen lasse. Wie Mehltau hat sich der im neoliberalen Diskurs gepriesene Mythos der Alternativlosigkeit auf das öffentliche Bewusstsein gelegt. Dystopien wuchern; die Fähigkeit, sich die Welt auch anders vorstellen zu können, hingegen schwindet.

Und eben hier liegt der Schlüssel für die Veränderung. Soll die Rettung der Welt noch eine Chance haben, bedarf es der Rückgewinnung eines utopischen Denkens, des Entwerfens überzeugender Zukunftsbilder, in denen das andere nicht als bloßes Wunschdenken, sondern als konkrete Möglichkeit aufscheint. Ja, Utopien können illusionär sein, sie können aber auch Alternativen beschreiben, die nur darauf warten, verwirklicht zu werden.

Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, behauptete der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt und irrte gewaltig. Die Schrecken, die der Realismus der Pragmatiker angerichtet hat, lassen sich heute weltweit beobachten. Der Klimawandel, die wachsende soziale Verunsicherung und die eskalierenden Gewaltverhältnisse machen deutlich, dass einzig noch das von Idealen getragene Drängen auf Veränderung realistisch ist. Wenn die Welt in Flammen steht, ist es nicht länger hinzunehmen, dass notwendige Lösungen nur deshalb scheitern, weil für sie angeblich kein Geld vorhanden sei.

    "Fridays for Future":
    Großes Bedürfnis
    nach Veränderung

Der mitreißende Erfolg der "Fridays for Future" zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Veränderung ist. Zu Recht wollen sie sich nicht mehr mit dem Verweis auf angebliche Sachzwänge abspeisen lassen. Was stünde denn der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wirklich entgegen? Was einem Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr? Was gegen die Überführung von Grundbesitz in Gemeineigentum, wie es Artikel 15 des Grundgesetzes explizit als Möglichkeit aufführt, um beispielsweise das außer Kontrolle geratene Wohnungswesen wieder in den Dienst der Menschen zu stellen? Was gegen eine globale Bürgerversicherung, die – von der Idee einer kosmopolitischen Solidarität getragen – dafür sorgt, dass alle Menschen an allen Orten der Welt Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung bekommen?@

 

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