Touristen in Tschernobyl

"Plötzlich rastet der Geigerzähler aus"

Die Sperrzone rund um Tschernobyl ist ein Katastrophengebiet - dennoch gibt es jeden Tag Touristen, die die verlassenen Orte sehen und erleben wollen. Es sind Touren, wo der Geigerzähler Teil des Erlebnisses ist. Doch wie läuft so was eigentlich ab?

Die einen machen Tagesausflüge in Parks, die anderen suchen den Kick - oder so etwas in der Art. Ein gewisses Erschauern ist bei den Touristen-Ausflügen nach Tschernobyl inklusive.

Journalist Timo Mascheski wollte zu Recherchezwecken selbst erfahren, wie solche Touren ablaufen. Er buchte bei einem typischen Anbieter wie „Chernobyl Tours" einen Tagesausflug ins Sperrgebiet - für etwa 100 Dollar. „Man fährt früh morgens in Kiew los, das ist eine Tagestour, man kann aber auch mehrere Tage dorthin fahren. Ungefähr zwei Stunden fährt man bis zum ersten Checkpoint an der 30-Kilometer-Sperrzone und dann werden die Personalien kontrolliert."

Natürlich gibt es bei diesem Trip Besonderheiten, weil die Besucher der radioaktiven Strahlung ausgesetzt werden. Der Reiseveranstalter muss eine Art Unfallversicherung für die Teilnehmer unterschreiben lassen und bei den Kontrollbehörden an den Checkpoints vorzeigen. An der 10-Kilometer-Sperrzone wiederholt sich das Prozedere noch einmal.

    Sicherheitsvorkehrungen sind lax

Im Bus geht vorher ein Zettel herum, worauf Regeln stehen, wie sich die Touristen vor Ort verhalten müssen. In nur zwei Stunden aus der belebten Stadt ins verlassene Sperrgebiet - für Timo Mascheski ist besonders die Anfahrt ein prägender Moment, dank eines kleinen Gerätes: „Die Anfahrt ist einprägsam, denn am Anfang hat man eine weite Anreise und man vergisst fast, wo man eigentlich gerade hinfährt - und dann fährt man durch ein Waldstück und auf einmal fängt der Geigerzähler an plötzlich auszurasten - man wird vom Geigerzähler daran erinnert, wo man gerade ist".

In der Zone selbst sieht der Journalist nur wenige Sicherheitskräfte. Ohnehin sind die Touristenführer im Sperrgebiet, wie zum Beispiel in der Geisterstadt Prypiat, nicht gerade zimperlich, wie Mascheski beschreibt. „Normalerweise darf man in die Gebäude nicht hinein. Die Gruppenleiter machen es aber trotzdem, um den Teilnehmern was zeigen zu können, von daher sind wir auch in die Gebäude reingegangen". Bis zu 70 Meter kommen die Touristen an das verstrahlte Atomkraftwerk heran - das Zentrum der großen Katastrophe.

Doch nicht jeder, der die verlassenen Gebäude und verwaiste Landstriche besucht, bringt den nötigen Ernst mit. „Einige sehen das schon wie so eine Art Abenteuerurlaub und wollen sich nicht in erster Linie damit befassen wollen, welche Geschichte hinter diesen Orten steckt. Vieles scheint auch für diese Extremtouristen zum Teil so hergerichtet zu sein, dass es noch interessanter ist", resümiert der Journalist. Teilweise habe er sogar Bierflaschen gesehen, manch einer feiert wohl ausgelassene Partys am Ort der Strahlung - nur um eine besondere Location zu finden. Für Timo Mascheski ist das nicht nachvollziehbar: „Menschen, die so was machen, verkennen diesen Ort natürlich".

Der Ausflug von „Chernobyl Tours" hat mehrere Programmpunkte - von Prypiat geht es in die Stadt Tschernobyl, wo noch heute mehrere tausend Menschen leben. Im Anschluss daran fährt die Gruppe zu einer alten Radarstation, um sich die verlassene Konstruktion anzuschauen. „Man kann dort noch viel mehr sehen, zum Beispiel den Red Forest, der besonders verstrahlt wurde", erklärt Mascheski. Doch dafür müsse man länger im Sperrgebiet unterwegs sein.

    Am Ende winkt das
    Strahlungs-Zertifikat

Und wie steht es um die eigene Strahlung? Das versuchen die Tourguides am Ende zu demonstrieren: Es ist Teil der Tschernobyl-Inszenierung - einer Show, die das Grauen noch verstärken soll: „Beim Rausgehen aus der Zone gibt es eine Strahlenkontrolle. Da stellt man sich in ein uraltes Gerät hinein, was sicherlich aus Sowjetzeiten ist. Und das zeigt dann an, ob man verstrahlt ist oder nicht."

Aber was passiert, wenn das Gerät eine höhere Strahlung als zugelassen anzeigt? „Dann gehen die Verantwortlichen davon aus, dass das Gerät kaputt ist und man lässt die Person trotzdem gehen. Ich glaube, dass gehört auch irgendwo zur Show", berichtet der Journalist.

Wer das alles geschafft hat und aus der Sperrzone raus ist, bekommt eine Karte und ein Zertifikat, auf der persönliche Strahlungswert eingetragen wird. Die verstrahlten Touristen zahlen für dieses Erlebnis Geld - und die ukrainische Regierung in Kiew ist wohl froh um jeden, der ein bisschen Geld ins Land bringt - sei es auch durch einen Ausflug ins Katastrophengebiet.@

www.n-tv.de
26.4.2016

 

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