Frankreichs Atompolitik ist eine Sackgasse. Sie führt zu einer Vielzahl von nuklearen Abfalltypen. Die bestehenden Lager sind voll.

Frankreich versinkt im nuklearen Abfall

Tobias Tscherrig, infosperber

Frankreich hat den Atomausstieg verschlafen. Dabei ist es im weltweiten Vergleich das Land mit dem höchsten pro-Kopf-Anteil an erzeugtem Atomstrom.

58 Reaktoren beliefern die Französische Republik mit Strom. 2015 schienen sich die französischen Behörden zu besinnen. Sie erliessen ein Energiewendegesetz, mit dem der Anteil an Strom, der aus Kernkraftwerken gewonnen wird, bis 2025 von 75 auf 50 Prozent gesenkt werden sollte. Ein Ziel, das deutlich verfehlt wird: im November 2017 gab Umweltminister Nicolas Hulot bekannt, der Teilausstieg aus der Atomenergie müsse um bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden. Dies sei erforderlich, weil es bislang keine klare Strategie gebe, wie die Reduktion des Atomstroms erreicht werden könne.

    Behörden vermehren Typen
    der radioaktiven Abfälle

Die Abhängigkeit Frankreichs vom Atomstrom führt zu weiteren – teils kuriosen – Problemen. So verpasste sich Frankreich im Jahr 2006 per Gesetz eine Wiederaufbereitungspolitik. Im Gesetzestext sind radioaktive Stoffe als Stoffe deklariert, "bei denen ein späterer Gebrauch nach einer Behandlung vorgesehen ist". Damit hatten sich die französischen Behörden den Standpunkt zu eigen gemacht, die Wiederaufbereitung von gebrauchten nuklearen Brennstoffen sei der einzige Weg, und dass eines Tages alle gebrauchten Brennstäbe wiederverwertet werden.

"Bis jetzt reichte es beinahe aus, zu versprechen, man werde die Brennstoffe wiederverwerten", sagt Yves Marignac, Direktor von WISE-Paris gegenüber "reporterre". "Damit werden die Brennstoffe zu wertvollem Stoff deklariert." Yannick Rousselet, Kampagnenbeauftragter "nuklear" bei Greenpeace ergänzt: "Weder ökonomisch noch ökologisch ergibt das einen Sinn." Denn dafür bräuchte es eine Lösung, mit welcher das Material lange und in grösstmöglicher Sicherheit gelagert werden kann. Ein Problem, an dem sich die Behörden die Zähne ausbeissen.

Bei der Wiederaufbereitung und Umwandlung von atomaren Brennstoffen entstehen neue, hochgiftige Stoffe, die definitiv nicht mehr verwertet werden können. Mit der Festlegung auf den Entsorgungspfad „Wiederaufbereitung“ und die damit beabsichtigte Abtrennung von Plutonium vermehrten die französischen Behörden die unterschiedlichen Typen der radioaktiven Abfälle. Auch deshalb ist die Frage der radioaktiven Abfälle in Frankreich unüberschaubar geworden. Dazu kommt, dass die französischen Behörden und die involvierten Firmen lieber im Geheimen verhandeln, eine öffentliche Debatte findet – mangels Information – kaum statt.

    Beispiel La Hague:
    Frankreichs Zwischenlager sind voll

Nach dem Einsatz der nuklearen Brennstoffe lagern sie einige Jahre lang neben den Reaktoren in Wasserbecken im AKW. Erst dann sind sie transportfähig und werden in die Wiederaufbereitungs-Fabriken von La Hague gebracht. Die giftigen Abfallstoffe, die bei der Plutoniumabtrennung entstehen, werden in Kokillen verglast. Sie warten darauf, in den Tiefen von Cigéo, einem geplanten Zentrum für die Lagerung von radioaktiven Abfällen, auf ewig versenkt zu werden. Allerdings existiert noch keine Bewilligung für den Bau und den Betrieb von Cigéo, diese soll erst Mitte 2019 angefragt werden.

Deshalb bleiben die nuklearen Abfälle in den Wasserbecken von La Hague. Die Anlage besteht aus vier Becken, die zwischen den Jahren 1976 und 1985 erbaut wurden. Sie wird vom Industrie-Konzern Areva betrieben – und sie ist überlastet: die operationelle Lagerobergrenze liegt bei rund 12.350 Tonnen; Ende 2016 lagerten in La Hague bereits 9.778 Tonnen radioaktive Abfälle. Damals schätzten Areva und die französische Elektrizitätsgesellschaft Élétricité de France SA (EdF), dass noch 7.4 Prozent der Lagerfläche übrig sind. Keine beruhigenden Zahlen – immerhin erreichen das Lager pro Jahr rund 150 Tonnen radioaktive Abfälle.

    Atommülllager mitten im
    AOC-Weinanbaugebiet

Das Problem der vollen Zwischenlager quält die französischen Behörden seit über 20 Jahren. Statt aber den Atomausstieg vorzubereiten, wurde die Lagerung in den Becken von La Hague verdichtet, wodurch ihre zulässige Höchstbelastung beinahe verdoppelt wurde. Eine Lösung auf Zeit.

Im Jahr 2000 wurde die EdF auch mit der Tatsache konfrontiert, dass die Kapazitäten der kraftwerksinternen Lagerungsbecken neben den 58 Reaktoren an ihre Grenzen stossen. Um die Kapazitäten zu erhöhen, wollte die EdF in den Becken dort ebenfalls Zusatz-Lagergestelle einbauen, die Lagerdichte erhöhen und die Kapazität dadurch erweitern. Dieser Kompaktierung erteilte die Atomaufsicht ASN allerdings keine Bewilligung. Also mussten andere Wege gefunden werden, vor allem, da die Sicherheitsbehörde die französische Elektrizitätsgesellschaft im Jahr 2011 beauftragte, ihren Umgang mit nuklearen Brennstoffen zu ändern. Zwischen Areva, EdF und ASN fanden Verhandlungen statt. Als Resultat sollte Areva in La Hague ein neues Becken bauen. Allerdings erklärte das Unternehmen, es hätte keine finanziellen Möglichkeiten – die Verantwortung fiel an die Elektrizitätsgesellschaft EdF zurück.

    Ein zentrales Zwischenlager
    beim AKW Belleville

Insgesamt dauerte die Diskussion um das neue Becken in La Hague drei Jahre. Nun muss die Elektrizitätsgesellschaft Nägel mit Köpfen machen. Sie plant zurzeit ein neues Beckenlager, in dem die giftigen Abfälle "zentralisiert und gelagert" werden sollen. Gemäss den Recherchen von "reporterre" soll das Lager auf dem Gelände der nuklearen Zentrale zur Produktion von Energie (CNPE) in Belleville-sur-Loire gebaut werden.

Dank der Recherchen von "reporterre" sind die Pläne von EdF und ASN aufgedeckt worden. Weder die Einwohner von Belle-sur-Loire, noch die lokalen Behörden waren darüber informiert. Dabei scheinen sich EdF und ASN bereits festgelegt zu haben. Das Gelände der CNPE punktet mit einer zentralen Lage und einem Anschluss an das Eisenbahnnetz. Ausserdem verfügt das Areal über Platzreserven, es umfasst 170 Hektar. Perfekte Voraussetzungen. Damit würde das neue Atommülllager aber auch mitten zwischen die Abbaugebiete der AOC-Weine "Sancerre" und "Pouilly fumé" gebaut.

    Unterwasserlagerung
    birgt grosse Risiken

Die Unterwasserlagerung von nuklearen Abfällen ist risikoreich: Die giftigen Stoffe müssen mehrere Meter unter Wasser permanent gekühlt werden, im Falle eines Temperaturanstiegs könnten sie enorm viel radioaktives Material in die Atmosphäre abgeben. Als nach der Katastrophe von Fukushima das Lagerungsbecken von Reaktor 4 Gefahr lief, sein Wasser zu verlieren, stockte der ganzen Welt der Atem. Bei einem Totalausfall der Kühlung läuft alles unaufhaltsam auf eine Kernschmelze zu, mit dem Gefahrenpotential immenser Freisetzungen.

Ausserdem fehlen in Frankreich bei vielen Becken elementare Schutzmassnahmen. So bemängelte etwa Greenpeace in einem Report die fehlenden Abschirmungen der Becken und die Verletzbarkeit durch externe Angriffe und Flugzeugabstürze.

In der geplanten Anlage von Belleville-sur-Loire ist die Sicherheitsfrage noch wichtiger, da hier Gemische aus Uran und Plutonium eingelagert würden. Auch wenn sie bereits einmal im Einsatz waren und nun unter Wasser eingelagert wurden, bleiben sie wegen ihrer fortwährenden Zerfallsaktivität und ihrer Hitze, die "lebendig" bleibt, während mehreren Tausend Jahren gefährlich. Theoretisch könnten zwar Teile davon mit viel Aufwand wiederverwertet werden, die Kernkraftbetreiber haben aber kaum die Mittel, diesen finanziellen Kraftakt zu stemmen.

    "Das ist eine Omertà"

In den Korridoren des Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) ist das Projekt eines zentralen Lagerbeckens für radioaktive Abfälle längst Thema. Trotzdem ziehen es die Branchenexperten vor, den geplanten Standort geheim zu halten. Wie IRSN gegenüber "reporterre" mitteilt, werde man über das Dossier nicht informieren. EdF teilt "reporterre" in einem Schreiben mit, "dass zurzeit verschiedene Standorte zur Umsetzung des Projekts geprüft werden, zurzeit aber noch keine Entscheidung gefallen ist." In einem weiteren Schreiben vermerkt EdF, man habe die Installation des Beckens in Belleville-sur-Loire "weder bestätigt noch abgestritten."

Guillaume Blavette vom Kollektiv "Stop-EPR" sagt gegenüber "reporterre", vom Projekt sei die Allgemeinheit betroffen. Statt Transparenz gebe es aber eine Omertà. "Die Nuklearbranche sagt, sie habe sich geändert und geöffnet. Allerdings hat sich die Situation in diesem Dossier seit 1973 nicht geändert." Darüber zeigt sich wise-Direktor Marignac im "reporterre"-Artikel nicht erstaunt. "Offiziell handelt es sich zwar nicht um die Neuerrichtung einer Abfalldeponie. Trotzdem würde es kompliziert werden, wenn den betroffenen lokalen Behörden und den Bewohnern des betroffenen Gebiets offen sagen würde, dass man ihnen den Abfall von allen anderen AKWs hier herbringen wird, um ihn in einem Becken zu lagern, das ein Sicherheitsrisiko darstellt."

Die Behöden flüchten sich in Geheimhaltung – obwohl das Projekt seit Jahren diskret vorbereitet wird. In einem Schreiben von Juni 2013 fordert die Sicherheitsbehörde die EdF auf, ihre Strategie der Lagerung von gebrauchten Brennstoffen zu ändern und neue Kapazitäten zu schaffen, die es ermöglichen, den Lagerbedarf zu decken. Im nationalen Plan zu radioaktiven Stoffen (PNGMDR) einige Jahre später ist festgehalten, dass EdF eine neue Strategie für die Lagerung von gebrauchten Brennstoffen präsentieren soll. Im Bericht wird auch ein Zeitplan für die Schaffung von neuen Lager-Kapazitäten vorgegeben. Die Frist lief am 31. März 2017 ab.

Seit der Veröffentlichung der "reporterre"-Recherchen regt sich in der Region "Centre-Val de Loire" Widerstand. Die Mandatsträger*innen der Region trugen bei der Regierung den Wunsch vor, das Becken zur Lagerung des Atommülls in einer anderen Region zu bauen. Centre-Val de Loire sei mit insgesamt vier nuklearen Kraftwerken bereits heute die am meisten belastete Region von Frankreich. Es sei inakzeptabel, die Gegend nun noch zusätzlich mit einem nationalen Lager von Atommüll zu belasten. Überhaupt: Die weitreichenden Auswirkungen auf die Region und die Bewohner seien erst gar nicht untersucht worden. "Wir werden das nicht akzeptieren."

Es sind kritischen Stimmen wie diese, die Behörden und Atombranche mit ihrer Intransparenz verhindern wollten.@

infosperber.ch/Artikel/Politik/Frankreich-Ein-Land-versinkt-im-nuklearen-Abfall
11.3.18

 

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