Reise zu den Brennpunkten der indischen anti-AKW-Bewegung -

Jaitapur

von Petra und Peter

In der letzten aaa berichteten Petra und Peter von ihrer Reise ins südindische Kudankulam. Im zweiten Teil schildern sie ihren Besuch bei der Bewegung gegen das AKW im westindischen Jaitapur.

"Das ist der Vater von Tabrej Sayekar“, ein ernster älterer Herr kommt auf uns zu und reicht uns die Hand. Wir finden kaum Worte unser Mitgefühl auszudrücken. Am 18.April 2011 hatte die Polizei bei einer Demonstration Tabrej Sayekar erschossen, den einzigen Sohn von Abdul Sayekar. Schon mit zwölf Jahren hatte Tabrej das Fischen in tiefen Gewässern erlernt, er wurde nur dreißig Jahre alt. Den Traum vom eigenen Boot konnte er sich nicht mehr erfüllen. Der Familie wurde der Haupternährer genommen.

Abdul Sayekar ist gesundheitlich angeschlagen und kann nicht mehr zum Fischen aufs Meer. Vor einiger Zeit hatten wir ihm als Zeichen der Solidarität und der Anteilnahme eine anti-AKW-Fahne zukommen lassen. Als ein Foto zurück kam, auf dem ein von Leid und Trauer geprägter Mann unsere Fahne hält, waren wir nicht sicher, ob das mit der Fahne eine gute Idee war. Heute wissen wir: Die Solidaritätsbekundung ist bei dem aktiven AKW-Gegner auch als solche angekommen.

    Kohlekraftwerk vergiftet Brunnen

Der zweite Teil unserer Reise wurde von einem indischen Freund organisiert. Er zeigte uns den südlichen Teil des Konkan, der Küstenregion zwischen Mumbai und Goa: Festungen und Tempel, aber auch menschenleere Strände, einsame Landschaften, Mangoplantagen und abgelegene Dörfer.

Er zeigte uns auch Projekte, die die Lebensgrundlagen der Menschen dort zerstören. Deutlich sichtbar wurde dies bei einem 1.200 MW Kohlekraftwerk von Jindal: Kohlestaub hat sich über Boden und Pflanzen gelegt. Mangos wachsen hier nicht mehr. Unter freiem Himmel gelagerte Kohleasche hat das Grundwasser kontaminiert. Die Brunnen in den umliegenden Dörfern wurden vergiftet; einige Menschen starben deshalb. Der Hinweis "Kein Trinkwasser" wurde erst später angebracht. Inzwischen liefert Jindal kostenlos Wasser in Tankwagen - aber nur, solange sich die Dörfer nicht dem Widerstand gegen den Ausbau des Kraftwerkes anschließen. Fünfzehn Kohle-Kraftwerke und ein Atomkraftwerk, Jaitapur, sollen an der Küste gebaut werden, alle fünfzehn bis zwanzig Kilometer eines.

    Versammlung in Sakhri Nate

Am Abend des 6.Februars 2015 erreichen wir mit dem Taxi Sakhri Nate, das Zentrum des Widerstandes gegen das AKW Jaitapur. Es ist Jahrmarkt: dröhnende Musik, auf dem Boden ausgebreitete Waren, Verkaufsstände, ein handbetriebenes Kinderkarussell, viele Menschen. Männer im Kaftan und mit weißer Mütze auf dem Kopf bilden eine Traube um uns. Nach der Begrüßung durch Abdul Sayekar gehen wir in die Gemeindehalle. In Kürze beginnt dort eine Versammlung der AKW-GegnerInnen. Alle sitzen auf dem Boden, etwa neunzig Männer und zehn Frauen getrennt an der Seite. Normalerweise seien etwa gleich viele Frauen wie Männer bei den Aktiventreffen, erklärt uns später unser Freund. Jetzt seien aber die meisten Frauen mit der Versorgung auswärtiger Jahrmarkt-BesucherInnen beschäftigt.

Mansur Solkar, Fischer aus dem Ort und zweiter Vorsitzender der regionalen Organisation der Bewegung (“Jan Hakk Samiti", in etwa "Volksrechtskomitee"), eröffnet die Versammlung und begrüßt uns. Er reicht das Mikrophon – für die Übertragung nach draußen - an uns weiter, damit auch wir ein paar Sätze sagen. Als nächstes spricht Amjad Borkar, als Vorsitzender des Fischereiverbandes eine lokale Autorität. Eine kurze Diskussion folgt. Thema des Abends ist die nächste Aktion: eine Demonstration in der etwa 60 km entfernten Bezirkshauptstadt Ratnagiri. Wie wird die Anreise finanziert? Wie werden Menschen in der Stadt mobilisiert?

Die Shiv Sena soll beim Wort genommen werden. Als Oppositionspartei hatte diese den Widerstand unterstützt. Nach den Wahlen übernahm sie Ministerämter in den von der BJP-geführten Regierungen in Mumbai und Delhi, obwohl diese den Bau des AKW Jaitapur weiter vorantreiben. Die Shiv Sena war in der Region zur stärksten Partei geworden, auch muslimische Gemeinden wie Sakhri Nate hatten die hindunationalistische Partei gewählt. Jetzt soll die Shiv Sena die Bewegung auch praktisch unterstützen. (Wie der Blog indien.antiatom.net berichtet, wurde die Demonstration später ganz der Shiv Sena überlassen.)

Zum Ende der Versammlung gehen alle vor die Halle. Die wichtigen Männer geben Fernsehinterviews. Pradeep Indulkar übergibt ein Transparent von seiner letzten Frankreich-Reise. Die Frauen betrachten das Geschehen skeptisch. Nach Auflösung der Versammlung werden wir immer wieder auf den Atomausstieg in Deutschland angesprochen, wie viele AKWs es dort gäbe, wann das letzte AKW vom Netz gehe.

Wir übernachten bei einem relativ wohlhabenden Fischer. Sein zweistöckiges Haus am Hang ist geräumig, Wasser kann aus einem Brunnen direkt hinter dem Haus geholt werden. Drei Generationen leben hier zusammen. Auch ohne Englisch können wir uns verständigen. Der Liebling der Familie ist zweifellos der zweijährige Enkel, er trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Big Trouble".

    Von Sakhri Nate nach Nate

Den nächsten Tag beginnen wir mit einem Spaziergang durch Sakhri Nate. Das Dorf erstreckt sich von der Hochebene den Hang hinab zum Hafen an der Jaitapur-Bucht. Eine enge unbefestigte Straße führt in den Ort. Diese müsste auch die Polizei hinunterfahren, wenn sie sich noch in das Dorf trauen würde. Im Hafen liegen einige Hundert Fischerboote. Auf einem Boot arbeiten bis zu zwanzig Männer. Dreitausend Bootsarbeiter kommen aus Nepal, sie wohnen auf den Booten. Fischer reparieren ihre Netze, Frauen arbeiten an einem großes Boot. Eine Frau wäscht im Meerwasser einen Tiermagen aus. Frauen schöpfen Wasser aus dem Brunnen, um die Ecke wird ein Schaf geschlachtet. Ein Junge verkauft Seifenblasenlauge. Auf Plakaten heißt es "NPCIL, AREVA GO BACK". NPCIL (Nuclear Power Company India Ltd.) nennt sich das indische Staatsunternehmen, das AKWs betreibt und bauen lässt.

Über eine steile Treppe erreichen wir den Ort auf der Ebene: Nate. An der Kreuzung mit der Bundesstraße erinnert eine Plakatwand an die Ermordung von Tabrej Sayekar. Der Platz wurde nach ihm benannt. Auf der Straße anti-AKW-Parolen. In Sichtweite die Schule und vor dieser eine von niedrigen Mauern umgebene kahle Fläche, größer als ein Fußballfeld: die Gefangenensammelstelle. Dort wurden bei "Jail Bharo"-Aktionen Tausende festgesetzt. "Jail Bharo" kann etwa mit "Füllt die Gefängnisse" übersetzt werden. Protestierende lassen sich dabei nach einer bewussten Regelverletzung massenhaft festnehmen.

Etwas weiter im Norden verfällt die alte, von Demonstrierenden demolierte Polizeistation. Die neue Polizeistation ist weit und breit das einzige mehrstöckige Gebäude. Sakhri Nate und Nate zusammen haben über zehntausend EinwohnerInnen.

    Zum AKW-Bauplatz

Mit einer Autorikscha machen wir uns auf den Weg zum neun Kilometer entfernten Bauplatz auf der anderen Seite der Bucht. Diese Strecken nahmen auch etliche Demonstrationen. Die Missachtung des Versammlungsverbots oder das rechtswidrige Betreten des Bauplatzes wurde dann oft mit einer Rückfahrt im Gefangenentransporter belohnt.

Hinter der Brücke über die Bucht biegen wir nach Jaitapur ab. Dort treffen wir die Ortsvorsteherin ("Sarpanch"). Sie vertritt die Shiv Sena. Vor der letzten Gemeindewahl hatte die Kongresspartei noch die Mehrheit. Den EinwohnerInnen von Jaitapur wurde kein Land weggenommen und nur wenige betreiben Fischfang. Jaitapur hat sich bislang nicht aktiv am Widerstand beteiligt. Die Ortsvorsteherin versichert uns aber, die gesamte Bevölkerung lehne das AKW ab, ebenso alle Parteien in Jaitapur, unabhängig von den offiziellen Positionen der Partei. Nach Auskunft der Ortsvorsteherin leben in Jaitapur 1.200 Menschen.

Einige Kilometer weiter südlich stoßen wir auf eine langgestreckte Mauer aus Betonelementen, am oberen Rand Stacheldrahtrollen. Die Mauer umschließt ein Gelände von 250 Hektar, auf dem eine Siedlung für die AKW-Beschäftigten gebaut werden soll. Außer der Mauer ist da nichts.

Zum AKW-Bauplatz auf dem Madban-Plateau führt eine lange, schmale, schnurgerade Straße. Wieder eine Mauer aus Betonelementen mit Stacheldraht. Auf dem 750 Hektar großen Gelände können wir neue Gebäude für den Sicherheitsdienst und die Polizei erkennen. Ein Wachturm überragt die Mauer. Am Tor langweilen sich Wachmänner. Fotografieren sei verboten, ermahnen sie uns. Das Gelände dürfen wir nicht besichtigen. Zwei Bauern mit Hacken gehen auf das Tor zu, für sie wird geöffnet, sie dürfen vorläufig noch ihr Land bestellen.

Das Plateu besteht aus rotem Fels, Laterit, dem für die Gegend typische Baumaterial. Beim Abbau entstandene, flache Mulden wurden mit Erde für den Reisanbau aufgefüllt. Auf dem Gelände wachsen auch Kokospalmen sowie Mango- und Cashewnuss-Bäume. Mit dem AKW-Bau wurde noch nicht begonnen, obwohl das Land bereits 2010 wegen hoher Dringlichkeit im Schnellverfahren enteignet wurde.

    Madban, der Ursprung des Widerstandes

Das meiste Land verloren Menschen aus Madban. Das Dorf mit etwa 400 Haushalten ist ärmer als Sakhri Nate - Landwirtschaft bringt weniger ein als Fischfang. Die Häuser liegen weitläufig verstreut unter Palmen und anderen Schatten spendenden Bäumen. Zum menschenleeren Sandstrand sind es nur wenige Hundert Meter. Am Dorfplatz ein Tempel, Madban ist hinduistisch. In diesem Tempel nahm der Widerstand seinen Anfang. Wir besuchen den Ortsvorsteher Bhkaji Waghdare, auch von der Shiv Sena. Schon 2005 zwangen die BewohnerInnen einen Bus mit JournalistInnen und NPCIL-Offiziellen zur Umkehr. Über neunzig Prozent der LandbesitzerInnen verweigerten jahrelang die Annahme der Kompensationszahlungen.

Dann gab Pravin Gavankar auf. Er war der unangefochtene Anführer des Widerstandes und Vorsitzender der lokalen Widerstandsorganisation "Janhit Seva Samiti", in etwa "Komitee für die Volkswohlfahrt". In diesem Komitee durften nur Menschen aus Madban Mitglied werden, Parteien und AktivistInnen von außerhalb waren nicht zugelassen. Im Spätsommer 2013 beendete die Führung des Komitees den Widerstand. Nach und nach nahmen fast alle die Kompensationszahlungen an.

Pravin Gavankar starb im Dezember des gleichen Jahres, er hatte Lungenkrebs. Wie seine Frau berichtet, hatte er ein Angebot der NPCIL abgelehnt, die Kosten für eine Operation in den USA zu übernehmen. Mit dem nahen Tod vor Augen beugte sich Gavankar jedoch dem Druck des auswärtigen Teils seiner Großfamilie. Er akzeptierte die Annahme der Kompensationszahlungen. Seine Frau und sein Sohn gingen nach seinem Tod jedoch leer aus.

Wie die Familie Gavankar haben sich viele Familien in, bzw. aus Madban wegen der Zahlungen zerstritten, Familienmitglieder verklagen sich gegenseitig. Korruption soll bei der Feststellung der rechtlichen Besitzverhältnisse im Spiel gewesen sein. Grundbucheinträge reichen oft über mehrere Generationen bis in die Kolonialzeit zurück. Alle Nachfahren des eingetragenen Eigentümers beanspruchen einen Anteil, auch wenn sie schon längst nicht mehr in Madban leben. Diejenigen, die heute das Land bebauen, erhalten so oft nur einen Bruchteil der Zahlung - zu wenig, um ihren Einkommensverlust wettzumachen.

Die Menschen in Madban sind unzufrieden und lehnen das AKW weiterhin ab, sie nehmen aber nicht mehr aktiv am Protest teil. Der Widerstand hat sich neu formiert und von Madban nach Sakhri Nate verlagert. Die AktivistInnen dort hoffen, dass sich Madban eines Tages wieder dem Widerstand anschließt. Madban ist wegen seiner Nähe zum Bauplatz für direkte Aktionen wichtig.

    In der Bezirkshauptstadt Ratnagiri

Wir übernachten diesmal bei einem Kleinhändler in Holi, einem Dorf zwischen Madban und Nate. Das Haus unserer Gastgeber verfügt über eine Küche und einen Multifunktionsraum. Wir schlafen zu viert mit Decken auf dem Fußboden und füllen damit den Raum aus. Die Schwester des Kleinhändlers hat ihren Schlafplatz in der Küche. Am Morgen werden die Decken zusammengelegt, aus dem Schlafzimmer wird ein Wohnzimmer. Wir waschen uns am Brunnen vor dem Haus. Während wir auf das Taxi warten, bringt ein Nachbar frisch geerntete Kokosnüsse,

Dann fahren wir weiter in die Bezirkshauptstadt Ratnagiri (ca. 70.000 EinwohnerInnen). Auf der belebten Hauptstraße war es dort nach der Ermordung von Tabrej Sayekar zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen: Reifen brannten, Steine flogen, PolizistInnen prügelten. Aus Protest gegen die Staatsgewalt schlossen die kleinen Geschäfte. Die Shiv Sena hatte mobilisiert. In der Stadt und in Teilen des Bezirks wurde der Ausnahmezustand verhängt.

Wir suchen die Niederlassung der NPCIL in Ratnagiri auf. Im Erdgeschoss des mehrstöckigen modernen Bürogebäudes wird über das Jaitapur-Projekt informiert. Nach Ausweiskontrollen an der Rezeption laufen drei NPCIL-Mitarbeiter auf. Einer spricht. Im Wesentlichen liest er die Reklametafeln an der Wand vor. Die Entscheidung für Areva sei höheren Ortes gefallen. Areva liefere nur die Atomtechnik, alles andere werde von indischen Unternehmen beigesteuert. Später erfahren wir, dass die NPCIL vor einigen Monaten das Personal in Ratnagiri reduziert hat. Das bestätigt unseren Eindruck: Hier bewegt sich nicht viel.

    Fazit

Die Bewegung gegen das AKW Jaitapur wirkt lebendiger als die in Kudankulam. Zuletzt war sie mit 1.000 Leuten auf der Demonstration der Shiv Sena in Ratnagiri. Der Rückschlag in Madban hat die Bewegung nachhaltig geschwächt und die Rolle der Shiv Sena gestärkt. Der starke Einfluss der Shiv Sena untergräbt nicht nur die Eigenständigkeit der Bewegung, sondern steht auch einer überregionalen Zusammenarbeit der indischen anti-AKW-Bewegungen im Wege.

Der Baubeginn in Jaitapur wird sich durch den vom AREVA-Chef Knoche angekündigten Rückzug aus dem AKW-Bau weiter verzögern. An anderen neuen AKW-Standorten wie Mithi Virdi und Kovvada ist ebenfalls nicht mit einem baldigen Baubeginn zu rechnen. Im nächsten Frühjahr wird in Kudankulam mit dem Bau des dritten und vierten Reaktors begonnen werden. Auf sich alleine gestellt wird die Bewegung in Kudankulam den Ausbau der Atomanlage kaum verhindern können.@

 

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