Reise zu den Brennpunkten
der indischen anti-AKW-Bewegung


Im westindischen Jaitapur und in Kudankulam an der Südspitze Indiens entstanden schon vor Fukushima Massenbewegungen gegen AKWs. Der Staat reagierte mit Repression und Gewalt. Demonstrierende Atomkraft-Gegner wurden erschossen. AktivistInnen und ausländischen JournalistInnen wurde der Zugang zu den Zentren der Bewegung verweigert. Im Januar und Februar dieses Jahres reisten Petra und Peter nach Jaitapur und Kudankulam. Sie konnten sich von der Staatsmacht unbehelligt bewegen, mit Menschen vor Ort sprechen und einen Geigerzähler überbringen. Petra und Peter berichten von ihren Begegnungen mit Menschen an den beiden Standorten und der aktuellen Situation der anti-AKW-Bewegung in Indien.

Hier der erste Teil des Berichtes von Petra und Peter:

Klopfen an der Zimmertür. "Sunrise, Sunrise" - "Sonnenaufgang, Sonnenaufgang" ruft eine Stimme. Es ist noch nicht einmal fünf Uhr morgens. Anscheinend ein besonderer Service unseres Hotels. Mitten in der Nacht werden wir aus dem Schlaf gerissen, damit wir ja nicht den Sonnenaufgang über dem Bengalischen Meer versäumen. Dieser gehört in Kanyakumari an der Südspitze Indiens genauso wie der Sonnenuntergang über dem Arabischen Meer zu den touristischen Attraktionen. Aber lange hätten wir sowieso nicht mehr schlafen können. Pünktlich um fünf Uhr beginnt die religiöse Belärmung. Unterhalb unseres Hotels hat die katholische Gemeinde Mega-Lautsprecher aufgebaut, eine Mischung aus Kirchengesang und Predigten wird bis spät abends bei voller Lautstärke, leicht übersteuert, abgespielt werden. Vom Hindu-Tempel ist in diesem Teil des Ortes nichts mehr zu hören.

Vom Sonnenaufgang ist noch nichts zu sehen.. Dafür können wir auf der anderen Seite der langgestreckten Bucht Lichter sehen eine Industrieanlage? Zwei Stunden später, nach Sonnenaufgang, erkennen wir dann die zwei Kuppeln des AKW Kudankulam. So nahe hatten wir das nicht erwartet, weniger als 20km Luftlinie entfernt. Dort wollen wir hin, genauer gesagt etwas weiter nach Norden, in den Fischerort Idinthakarai.

Den Strom für die nächtliche Beleuchtung produzierte das AKW nicht selbst. Am 15. Januar war der erste Block per Notabschaltung gestoppt worden, gerade mal zwei Wochen nach Aufnahme des kommerziellen Betriebs. Notabschaltungen waren für die Ingenieure der staatlichen Betreibergesellschaft NPCIL während des achtzehnmonatigen Pilotbetriebs zur Routine geworden. Einen Totalschaden an der Turbine konnten sie indes nicht verhindern, genauso wenig wie eine Dampfexplosion im Sekundärkreislauf, bei der einige Arbeiter schwer verletzt wurden. Der zweite Block diente als Ersatzteillager. Er war noch nie kritisch, seine Inbetriebnahme wird sich weiter verzögern. Auch Terminverschiebungen und Falschinformationen gehören in Kudankulam zur Routine. Die Bevölkerung wurde nie über die Ursachen der zahlreichen Ausfälle und Verzögerungen informiert. Die Dampfexplosion im AKW war nur ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, weil AnwohnerInnen die vielen Krankenwagen auf den Straßen in der Nähe des AKW aufgefallen waren.

Für die Menschen in Idinthakarai haben wir einen Geigerzähler im Gepäck. Vor zwei Jahren hatten deutsche Aktivisten einem Mittelsmann in Indien einen Geigerzähler für Idinthakarai übergeben, das Gerät kam dort nie an. Daher wollten wir den Geigerzähler persönlich überbringen. Ob und wie das gelingen würde, war uns vorab nicht klar.

Nach Fukushima hatte die AKW-Bewegung einen Baustopp durchgesetzt. Im März 2012 beendete der Staat gewaltsam den Baustopp. Idinthakarai wurde von der Außenwelt abgeriegelt. Der deutsche Aussteiger Rainer Sonntag wurde als angeblicher Agent festgenommen und abgeschoben. Einem ARD-Team wurde der Zugang nach Idinthakarai verweigert. Führende AktivistInnen konnten Idinthakarai erst im Frühjahr 2014 verlassen, um für das indische Parlament zu kandidieren.

Wir hatten unseren Besuch in Idinthakarai niemandem angekündigt, um Aufmerksamkeit von falscher Seite zu vermeiden. Nach unseren letzten Informationen sollte der Zugang nach Idinthakarai aber inzwischen möglich sein, auch für offensichtlich Fremde aus dem Westen. Und als solche waren wir natürlich sofort zu erkennen: Hellhäutig, Petra mit ihren kurzen Haaren und Peter auch noch blond.

    Von Kanyakumari nach Idinthakarai

Am Vormittag des 17.Januars machen wir uns auf den Weg. Wir wollen mit dem Bus nach Kudankulam und dann irgendwie ins nur wenige Kilometer entfernte Idinthakarai. Es sollte ganz einfach sein. Bus Nr.22 fahre direkt nach Kudankulam, sagten uns Busfahrer am Vorabend. Wir warten einige Zeit an der nächsten Bushaltestelle, eine Nr. 22 kommt da nicht. Die Auskünfte der Wartenden sind unterschiedlich, erst am Nachmittag fahre ein Bus nach Kudankulam, es gäbe überhaupt keinen direkten Bus nach Kudankulam, die Nr. 22 fahre nur morgens, usw. Wir beschließen zum Busbahnhof zu gehen. Dort fragen wir die Fahrer. Die sind sich schnell einig und zeigen uns einen Bus, mit dem wir bis A-Irgendwas fahren und dort in den Bus nach Kudankulam umsteigen sollen. Also in den Bus nach A-Irgendwas. Wenn wir im Nirgendwo landen, können wir ja immer noch mit einem Taxi an den Ausgangspunkt zurück.

Unterwegs passieren wir einige Polizei-Kontrollpunkte: Gitter auf der Straße, die umfahren werden, und einige dösende Polizisten in einem Unterstand. Nichts besonderes, solche Kontrollpunkte gibt es immer wieder in Indien, an Autobahnauffahrten, an den Grenzen von Städten und Bundesstaaten. Nach einer halben Stunde scheinen wir in A-Irgendwas zu sein, alle steigen aus, wir auch. Der Schaffner zeigt uns noch den Bus nach Kudankulam.

Der wird richtig voll. Wir erleben zum ersten Mal, dass die sehr freundlichen InderInnen auch richtig böse werden können. Wir hatten uns durch die vordere Tür in den Bus gezwängt, hinter uns will noch ein Mann zusteigen. Der Schaffner beschimpft ihn aufs Heftigste und lässt ihn nicht einsteigen. Der Mann gibt schließlich auf und steigt hinten in den Bus. Erst später haben wir verstanden, dass in vollen Bussen die Frauen vorne und die Männer hinten im Bus ihren Platz haben. Peter wurde vorne im Bus geduldet, weil er als Ausländer sowieso nichts kapiert oder weil Männer ihre Frauen begleiten dürfen. Geschlechtertrennung werden wir noch öfter erleben.

Der Bus fährt durch eine savannenartige Landschaft mit etlichen Windrädern. Die Windräder sind nicht sehr groß und stehen auf zum Teil rostigen Metallmasten, vergleichbar mit kleinen Strommasten in Deutschland. Plötzlich rumpelt es stark, wir werden durchgeschüttelt. Aufgewirbelter Sand nimmt die Sicht, das Klappern des Busses übertönt jedes Gespräch. Die Straße ist nicht mehr befestigt, der Busfahrer versucht die größten Löcher zu vermeiden. So geht das einige Kilometer. Wir sind nicht auf irgendeiner Nebenstraße, sondern auf der Hauptstraße nach Kudankulam und zum größten AKW Indiens. Es folgen noch einigen Kilometern asphaltierter Straße, dann hält der Bus. Einige Häuser und ein Abzweig. Der Schaffner macht uns deutlich, das sei unser Ziel, Kudankulam. Wir steigen aus. Anscheinend dachte der Schaffner, wir wollten zum AKW. Dorthin führt nämlich die abzweigende Straße.

Nun ist es richtig heiß. Also zuerst einmal etwas trinken. Bei einem jüdischen Bäcker bekommen wir eine erfrischend kalte Limo. Darüber hinaus können wir uns aber nicht verständigen. Ohne zu wissen, wo und wie wir weiterkommen, gehen wir einfach die Straße entlang, vermutlich Richtung Ortsmitte. Irgendwie scheinen wir hilflos zu wirken. Ein junger Motorradfahrer hält an und fragt, ob er uns helfen könne. Er verweist uns auf eine Bushaltestelle ein Stück die Straße hinunter. Wir gehen weiter, können aber keine Haltestelle identifizieren. Schließlich liest uns ein Autorikschafahrer auf und bringt uns nach Idinthakarai, zur Kirche. Das waren doch noch etliche Kilometer.

    In Idinthakarai

Ein Strohdach als Sonnenschutz erweitert die Halle über dem Platz vor der Kirche. So können sich mehrere Tausend Menschen im Schatten versammeln. Auf der einen Seite sitzt eine Gruppe von Männern, auf der anderen Seite sitzen Frauen im Sand. Einige schlafen auf dem Steinboden vor der Kirche. Eine Tafel zeigt an, heute ist der 1251.Tag des Kettenhungerstreiks. Seit August 2011 treffen sich hier täglich AKW-GegnerInnen, heute etwa fünfundzwanzig. Zu Hoch-Zeiten des Protestes waren es einige Tausend. In besonders kritischen Zeiten schliefen die Menschen auch nachts im Sand vor der Kirche. In der Halle erinnern Bilder an die Toten des Widerstandes: Anthony John wurde durch Polizeikugeln getötet, Sahayam erlag den Verletzungen durch einen Sturz wegen eines tieffliegenden Flugzeugs der Küstenwache, Rosalin und Rajasekar starben, nachdem ihnen während der Haft die medizinische Versorgung ihrer Krankheiten verweigert worden war. Die Atomkraft-Nein-Danke-Fahne aus Ludwigsburg und das Transparent aus dem anti-Atom-Camp Kiel kennen wir. Sie sind das einzige sichtbare Zeichen der Solidarität von außerhalb. Die Männer spielen Karten, die Frauen vertreiben sich die Zeit mit einem Brettspiel. Einige schlafen auf dem Boden. Sie halten durch. Der Protestalltag wirkt eher deprimierend.

Wir werden nicht überschwänglich, aber freundlich begrüßt, und können mit Verweis auf die Atomkraft-Nein-Danke-Fahne vermitteln, woher wir kommen. Wir stellen uns vor und erfahren auch die Namen von einigen Frauen. Melret führt das Wort. Der Pfarrer, der englisch spricht, ist nicht vor Ort. Ein Kirchenmaler aus Westbengalen spricht zwar Englisch, kann uns aber nicht viel über den Widerstand erzählen. Er ist erst vor Kurzem nach Idinthakarai gekommen, um die Kirchenfiguren zu restaurieren. Nach gebührender Würdigung seiner Arbeit, gehen wir mit Melret zum Strand. Die Fischer am Ufer flicken Netze oder sortieren Fische.

Nach einigen Hundert Metern können wir die AKW-Kuppeln sehen. Mit wenigen englischen Worten und vielen Gesten berichtet Melret von der polizeilichen Gewalteskalation im September 2012. Einige Tausend Menschen hatte sich am Strand versammelt und dort auch geschlafen. Am nächsten Tag wurden sie von der Polizei attackiert. Die Protestierenden wehrten sich, indem sie die Polizei mit Sand bewarfen. Aber dann wurden sie mit Tränengasgranaten beschossen und mit den langen indischen Schlagstöcken ins Meer geprügelt.

Auf dem Rückweg durch den Ort kommen wir an einer weiteren Kirche vorbei. Etwa 10.000 Menschen leben in Idinthakarai, ganz vorwiegend vom Fischfang. Viele Männer arbeiten auch in arabischen Ländern. Frauen rollen in Heimarbeit Bidis, kleine indische Zigaretten. Fließendes Wasser gibt es nicht. Einen Brunnen haben wir nicht gesehen. Wasser wird mit LKWs in den Ort gebracht. Hin und wieder stellt uns Melret vor, sie macht uns auch mit ihren fast erwachsenen Kindern bekannt. Mit deren Hilfe erzählt uns Melret, dass sie vor kurzem zusammen mit anderen AktivistInnen mit dem Zug durch ganz Indien gefahren ist und Flugblätter verteilt hat.

Wir kündigen an, in zwei Tagen noch einmal vorbeizukommen. Der Bus zurück nach Kanyakumari ist gerade abgefahren. Es soll aber noch einen Bus nach A-Irgendwas geben. Auf dem Versammlungsplatz entwickelt sich mit den Frauen eine Diskussion, warum Petra nur einen Ohrring trägt. Ob sie den zweiten verloren habe, ob Peter sie nicht liebe oder kein Geld habe, um einen zweiten Ring zu kaufen? Bevor diese Fragen abschließend geklärt werden konnten, biegt ein Bus um die Ecke und wir müssen losrennen.

    Noch einmal Idinthakarai

Zwei Tage später machen wir uns wieder auf den Weg nach Idinthakarai. Eine leichte Übung. Aus A-Irgendwas war Anjugramam geworden. Einmal umsteigen, und mit dem Bus direkt nach Idinthakarai. Wir hoffen, nun unseren Geigerzähler an jemanden mit guten Englisch-Kenntnissen übergeben zu können.

Als wir den Versammlungsplatz erreichen, ist die Situation ähnlich wie beim ersten Besuch. Getrennte Gruppen von Männern und Frauen. Aber weniger Frauen als beim letzten Mal und nur junge Männer. Der Pfarrer ist wieder nicht anzutreffen. Dafür aber sein Helfer, der Vikar. Der herrscht uns an: "Wer hat Sie geschickt? In wessen Auftrag kommen Sie?". Unsere Erklärungen, dass wir aus eigener Initiative und in niemandes Auftrag gekommen sind und die Solidarität zwischen Basisbewegungen stärken wollen, ändern an der aversiven Haltung des Vikars nichts. Genausowenig wie sein angeblicher oder tatsächlicher Anruf bei S.P. Udayakumar, dem Vorsitzenden der PMANE (Peoples Movement Against Nuclear Energy, Organisation des Widerstandes gegen das AKW Kudankulam). Er bleibt dabei "Sie sind hier nicht willkommen." Wir hätten unseren Besuch nicht "ordentlich kommuniziert", uns nicht an das übliche Prozedere gehalten. Er redet wie ein Prozessmanager.

Die jungen Männer verfolgen den Disput interessiert, machen aber keinerlei Anstalten, sich einzumischen. Ziemlich frustriert entscheiden wir uns, nach einem kurzen Abschied von den Frauen wieder zurückzufahren. Der nächste Bus fährt in zwanzig Minuten. Während wir warten, kommen zahlreiche SchülerInnen vorbei. Sie beobachten uns neugierig, bleiben aber auf Distanz. Das hatten wir so noch nicht erlebt, bisher waren wir von den Kindern immer umringt und angesprochen worden "Wie heißen Sie?", "Woher kommen Sie?". Anschließende Gruppenfotos mit Petra waren meist unvermeidlich.

Auf der Rückfahrt, etwa fünfzehn Kilometer südlich von Kudankulam, steigen einige junge Männer in Bürokleidung zu, ungewöhnlich im ländlichen Indien. Sie kommen aus einer Siedlung der NPCIL (Nuclear Power Corporation, betreibt auch AKW-Kudankulam) bei Chettikulam. In Deutschland hätten wir die Siedlung für eine Kaserne gehalten. Gleichförmige Bauten, umgeben von einer Mauer, auf deren oberen Rand Glassplitter eingelassen sind. In dieser Atomkaserne leben einige Tausend Beschäftigte der NPCIL. Jeden Tag werden sie mit Bussen an ihren Arbeitsplatz im AKW gebracht. In den Jahren 2011 und 2012 stoppte die Widerstandsbewegung diese Busse hin und wieder.

Die Siedlung und das AKW haben nichts mit der gewachsenen Umgebung zu tun. Fremdkörper, wie von einem anderen Stern. Menschen wurden importiert, und mit ihnen mehrstöckige Wohnhäusern und ein Fabrikkomplex mit den riesigen Kuppeln. Maschinen in der Fabrik erzeugen Dampf und saugen Wasser aus dem Meer, um es dann erwärmt und vergiftet wieder abzulassen. Fukushima ist ganz nah.

    In Nagercoil bei S.P.Udayakumar

Was war zwischen unserem ersten und zweitem Besuch in Idinthakarai geschehen? Unsere einzige Erklärung war, dass - eventuell verstärkt durch irgendwelche Gerüchte die Angst vor ausländischen Agenten überhand nahm. Der Widerstand wurde schon seit Jahren als vom Ausland gesteuert und finanziert diffamiert. Die Abschiebung von Rainer Sonntag war da nur die Spitze eines Eisbergs. Bestand die Befürchtung, es solle eine neue Agenten-Geschichte fabriziert werden?

Wenige Tage später besuchen wir S.P.Udayakumar. Er bestätigt diese Vermutung. Und der Vikar sei ein Fall für sich. Udayakumar lebt mit seiner Familie in Nagercoil, einer Handels- und Industriestadt mit 250.000 EinwohnerInnen, fünfzehn Kilometer nordwestlich von Kanyakumari. Kleine Läden säumen die engen Straßen, Autorikschas, Motorräder, Busse und LKW lassen wenig Platz für FußgängerInnen. Wir hatten uns mit Udayakumar telefonisch verabredet, wir sollten an der Kreuzung XY nach ihm fragen. An der belebten Kreuzung weiß man sofort, wohin wir wollen. Zu Udayakumar, dem Mann der gegen das AKW Kudankulam kämpft. Wir treffen Udayakumar in seinem Haus in der dritten Reihe, weg von der Hektik, der Hitze und dem Lärm der Straße. Fast idyllisch, Palmen spenden Schatten, Hühnern laufen über den Hinterhof.

Gegen S.P.Udayakumar sind noch zahlreiche Verfahren anhängig, u.a. wegen Aufwiegelung zu bewaffnetem Kampf gegen den Staat. Er ist nicht der Einzige. Klagen laufen gegen einige Hundert Menschen aus der Bewegung. Ihre Pässe wurden eingezogen. Eine Maßnahme, die diejenigen, die im Ausland arbeiten müssen, besonders hart trifft. Derzeit lasse die Justiz die Verfahren ruhen. Sie will keine Proteste auslösen. Seit seiner Kandidatur für die AAP (Aam Aadmi Party, Partei des kleinen Mannes) kann sich Udayakumar in Indien frei bewegen, wenn auch nicht unbeobachtet. Er ist sicher, dass auch wir - spätestens seit unserem Besuch in seinem Haus - die besondere Aufmerksamkeit des Staates genießen werden. Ausländische Touristen müssen bei Hotelübernachtungen sowieso schon lange Formulare ausfüllen, die Pässe werden eingescannt, manchmal müssen sich die Gäste auch noch fotografieren lassen.

Fast drei Jahre hatte S.P.Udayakumar Idinthakarai nicht verlassen können, er wäre sofort verhaftet worden. Wie uns seine Frau Meeta Udayakumar erzählt, war diese Zeit auch für die Familie nicht einfach. Was den Kindern erzählen, ohne sie anzulügen und ohne sie allzusehr zu ängstigen? Der jüngere Sohn war zu Beginn der Trennung gerade mal zehn Jahre alt. In dieser Zeit wurde auch die Schule der Udayakumars verwüstet. Die Polizei hat bis heute keine Schuldigen gefunden. Meeta Udayakumar will sich nicht weiter um Aufklärung kümmern, dafür will sie ihre Energie nicht verschwenden.

Auch heute muss die Familie noch bangen. Der Staat kann die Verfahren gegen S.P.Udayakumar jederzeit wieder aufnehmen. In einem Bericht des Geheimdienstes wurde S.P.Udayakumar öffentlich als vom Ausland finanzierter Feind der Nation gebrandmarkt. Wie real die Gefahr für die Familie ist, erfuhren wir wenige Wochen später. Unbekannte schossen von einem Motorrad auf den bekannten Kommunisten Govind Pansare und dessen Frau Uma Pansare. Govind erlag einige Tage später den Schussverletzungen. Auf ähnliche Weise war vor eineinhalb Jahren der Aktivist Narendra Dabholkar umgebracht worden.

Wir fragen S.P.Udayakumar, warum die Polizei ihn als angeblichen Terroristen nicht mit Brachialgewalt in Idinthakarai verhaftet habe. Das sei zu riskant gewesen. In Idinthakarai schützten ihn einige Tausend. Wäre die Polizei in Idinthakarai eingedrungen, hätte sie mit Unruhen in den umliegenden Dörfern rechnen müssen. In der Gegend verstehen sich die Fischer auf den Bau von Sprengkörpern. Vor einigen Jahren war in Idinthakarai eine heimliche Bombenwerkstatt in die Luft geflogen. Einige Häuser waren zerstört, sechs Menschen tödlich verletzt worden.

Wir sprechen auch über die Perspektive der Bewegung. In Kudankulam sollen zwei weitere Reaktoren gebaut werden, die Vertragsverhandlungen seien weit fortgeschritten. Mit dem Bau werde womöglich nächstes Jahr begonnen. In Tamil Nadu unterstützten alle relevanten Parteien die Atomenergie. Nun werde versucht, die Parteien im benachbarten Bundesstaat Kerala zu gewinnen. Von Kerala aus werde es demnächst einen mehrtägigen Marsch nach Kudankulam geben. Eine weitere Zugreise durch Indien sei geplant. Erneute Blockade-Aktionen schließt Udayakumar nicht aus.

Die AAP habe er wieder verlassen, diese sei nicht gegen Atomkraft. Ihm sei es bei seiner Kandidatur für die AAP hauptsächlich um den Wahlkampf gegangen. Dieser habe es ermöglicht, zahlreiche Veranstaltungen und Kundgebungen zu organisieren. Ansonsten sei es fast unmöglich gewesen, Genehmigungen für öffentliche Veranstaltungen gegen Atomkraft zu bekommen. Und die Bevölkerung von Nagercoil, wie ist ihre Einstellung? Die meisten Menschen seien gegen das AKW, nähmen das AKW aber als Schicksal hin, der tägliche Kampf ums Überleben lasse kaum Kraft für Aktivitäten. Nagercoil ist nur 30 km von Kudankulam entfernt.

Zusammenfassend unser Eindruck: In Idinthakarai ist die Niederlage, sind Resignation und Ermüdung zu spüren. Andererseits haben wir Menschen getroffen, die seit Jahrzehnten gegen die Atomenergie kämpfen, sie werden nicht aufgeben. Ob die Bewegung die Kraft haben wird, den weiteren Ausbau der Atomanlage zu verhindern, wird sich erweisen müssen. Woher soll die Hoffnung kommen? Gibt es Entwicklungen, die wieder Mut machen, etwa in Jaitapur?

Dazu der zweite Teil des Berichtes in der nächsten aaa. @

 

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