US-Präsident Obama spricht sich deutlich für Atomenergie aus.
Der Kampf gegen die Ressourcenknappheit gewinnt an Vorrang.

die Krise:Argument für ein nukleares Comeback ?

Im US-Präsidentschaftswahlkampf vor eineinhalb Jahren sah alles noch ganz anders aus: Da übte der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama heftige Kritik an seinem republikanischen Widersacher John McCain, der Dutzende neue Atomkraftwerke bauen wollte. Obama schlug stattdessen ein milliardenschweres Programm zur Erforschung „grüner” Energien vor und besichtigte medienwirksam Fotovoltaikanlagen.

Doch nach der Wirtschaftskrise ist der Kampf gegen Ressourcenknappheit stärker in den Vordergrund gerückt. Und so schrieb Obama jüngst in einem Memorandum an Energieminister Steven Chu: „Eine größere Kapazität unseres Landes zur Herstellung sauberer Atomenergie ist entscheidend für unseren Kampf gegen den Klimawandel, für Energiesicherheit und für weiteren wirtschaftlichen Wohlstand.”


Staatshilfe verdreifacht

Heute, Montag, will der Präsident bei der Vorstellung seiner Haushaltspläne eine Verdreifachung der staatlichen Bürgschaften für neue Atommeiler auf mehr als 54 Mrd. Dollar (38,27 Mrd. Euro) vorschlagen. Bereits in seiner Rede zur Lage der Nation am Mittwoch hat sich Obama überraschend deutlich für Nuklearenergie ausgesprochen: Er forderte den Kongress auf, das umstrittene Klimaschutzgesetz zu billigen, mit dem umweltfreundliche Energien profitabel gemacht werden sollen: „Das bedeutet den Bau einer neuen Generation sicherer und sauberer Atommeiler in diesem Land.”

Um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird ein Ausschuss eingerichtet, der sich mit der künftigen Lagerung von Atommüll beschäftigen soll. Binnen zweier Jahre sollen Vorschläge erarbeitet werden. In den vergangenen Jahrzehnten hatte Nuklearenergie auch in den USA Gegner auf den Plan gerufen: Zwei Jahrzehnte lang hat es keine Genehmigung für den Bau eines neuen Reaktors gegeben. Grund war ein schwerer Nuklearunfall in Harrisburg vor mehr als 30Jahren, der schwerste in der US-Geschichte. Derzeit kommt ein Fünftel des Stroms in den USA aus Atomkraftwerken, weltweit sind es sechs Prozent.

Zum Umdenken hat auch der Kampf gegen den Ausstoß von Treibhausgasen beigetragen: Obama will in den kommenden zehn Jahren den CO2-Ausstoß in den USA um 17 Prozent unter das Niveau von 2005 drücken. Am Freitag wies er alle Bundesstellen an, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 28 Prozent zu reduzieren. Die Bundesregierung müsse als größter Energieverbraucher des Landes die Vorreiterrolle bei der Steigerung der Energieeffizienz übernehmen, sagte der Präsident. „Unser Ziel ist es, Kosten zu senken, Ausstoß zu verringern und die Energieausgaben des Bundes weg vom Öl hin zu lokalen, sauberen Energien zu lenken.”


Umdenken auch in Europa

Auch in Europa fand zuletzt ein Meinungsumschwung zugunsten der Atomkraft statt: Die neue deutsche Regierung hat zwar keinen vollständigen „Ausstieg vom Atomkraftausstieg” vollzogen, doch ist geplant, die Laufzeiten bestehender Kernkraftwerke zu verlängern. Am Samstag kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Videobotschaft an, künftig mehr in die Erforschung der Kernfusion (dabei werden Atomkerne miteinander verschmolzen) investieren zu wollen, die ohne radioaktive Abfälle auskomme.

In Schweden wurde vor einem Jahr das Bauverbot für neue Atomreaktoren aufgehoben. Polen plant die Errichtung zweier Atomkraftwerke, um die Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke einzuschränken. Auch in Italien, einem der wenigen Länder neben Österreich, die der Atomkraft abgeschworen haben, zeichnet sich eine Wende ab: Ministerpräsident Silvio Berlusconi will die Atomkraft wieder aktivieren. Das erste Atomkraftwerk soll in Chioggia errichtet werden, 30 Kilometer Luftlinie von Venedig entfernt. Der Spatenstich soll vor 2013 stattfinden, 2020 soll das AKW in Betrieb genommen werden. Es gibt aber Widerstand gegen das Vorhaben.

Eine am Wochenende präsentierte Umfrage in der Schweiz zeigte, dass 73 Prozent der Schweizer glauben, ihr Land benötige Atomenergie für die Stromversorgung. 55 Prozent wollen bestehende Anlagen durch eine neue Generation von Reaktoren ersetzen.@





 
Die Energiekrise ist kein Argument für ein atomares Comeback. Damit würde das eigentliche Problem wieder einmal unter den Teppich gekehrt, bis zum nächsten Tschernobyl.

"Eine Verlängerung der Laufzeiten ist lebensgefährlich!"

Kommentar von
Alexander S. Kekulé

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wandlungsfähig Politiker sind. In den 70er Jahren kämpften die Grünen und große Teile der SPD für eine ökologische Wende, gegen den erbitterten Widerstand der Union. Heute beschuldigen ausgerechnet die Vorsitzenden der christlich- konservativen Parteien ihre ökologisch gesinnten Gegner, nicht genug gegen den Klimawandel zu tun, jedenfalls nicht das Richtige.

Richtig wäre, davon sind Angela Merkel und Erwin Huber überzeugt, den von Rot-Grün beschlossenen und im Koalitionsvertrag verankerten Atomausstieg rückgängig zu machen. Damit das nicht wie Vertragsbruch aussieht, werden regelmäßig „unerwartete Entwicklungen“ ausgemacht, die den Beschluss von damals in neuem Licht erscheinen lassen – Verträge können ja auch im normalen Leben gekündigt werden, wenn die Geschäftsgrundlage wegfällt.

Der alarmierende Bericht des Klimarates der Vereinten Nationen (IPCC) 2007 war für industriefreundliche Politiker so ein unerwartetes Ereignis. Jedenfalls forderten sie daraufhin vehement eine Rückkehr zur Kernenergie, der Umwelt zuliebe. Ein halbes Jahr später warnte die Internationale Energieagentur (IEA) vor Abhängigkeit von russischem Erdgas – sofort forderten konservative Politiker und Strommanager längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke (Akw). Jetzt sind auch noch die Öl- und Gaspreise explodiert: Der Schrei nach einem Ausstieg aus dem Atomausstieg wird ohrenbetäubend; in Umfragen ist mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung für längere Laufzeiten.

Trotz berechtigter Angst vor schwindendem Wohlstand, politischer Destabilisierung und Treibhauseffekt darf jedoch nicht einfach verdrängt werden, weswegen der Atomausstieg seinerzeit beschlossen wurde: Die Kernenergie birgt das konkrete Risiko, Hunderttausende von Menschen zu töten und erhebliche Teile der Erdoberfläche unbewohnbar zu machen.

Die Gefahr ist nicht geringer, sondern sogar noch höher als vor zehn Jahren. Zwar ist die neueste Reaktorgeneration deutlich besser gegen Kernschmelze und austretende Radioaktivität geschützt. Doch die gestiegene Gefährdung durch Terroranschläge macht den technischen Sicherheitsfortschritt mehr als zunichte. Zudem sind neue Kernkraftwerke astronomisch teuer und die Hersteller auf Jahrzehnte ausgebucht. Deshalb bewirkt die zunehmende Akzeptanz der Nukleartechnik vor allem, dass veraltete Akw länger laufen dürfen, insbesondere in Ländern mit schlechten Sicherheitsstandards und mangelndem Schutz vor Anschlägen.

Schließlich ist das Kardinalproblem der Kernenergie weltweit nach wie vor ungelöst: Rund 300.000 Tonnen hoch radioaktiver Abfall, darunter 2000 Tonnen des giftigen Bombenstoffes Plutonium, strahlen mangels Endlager in überirdischen, improvisierten Hallen vor sich hin. Dass in dieser Situation zu den rund 450 existierenden Akw demnächst rund 100 neue hinzukommen sollen, die meisten in Entwicklungs- und Schwellenländern, grenzt an kollektivem Wahnsinn.

Übrigens wurden die angeblich „neuen“ Argumente für die Kernenergie – Verknappung fossiler Energieträger, Klimawandel und Abhängigkeit vom Öl- und Gasimport – bereits vor zwanzig Jahren diskutiert. Deshalb war der Atomausstieg mit dem Vorsatz verbunden, nachhaltige Energien schnell weiterzuentwickeln. Doch die Windradhersteller sahnten lieber Subventionen für nutzlose Generatoren an Land ab, statt in die teure Offshoretechnik zu investieren. Biosprit wird – ernährungsökonomisch unsinnig – aus Getreide, Zuckerrohr und Pflanzenölen gewonnen, statt Verfahren für die Verwertung von Zelluloseabfällen zu entwickeln. Die Solarenergie kommt noch schleppender voran, von den Irrwegen bei der Wasserkraft – etwa in China – ganz zu schweigen.

Bei der Energieversorgung geht es der Menschheit deshalb wie beim Klimaschutz: Weil sie jahrzehntelang bequem weitermachte wie bisher, scheint die Krise jetzt nicht mehr abzuwenden – das Gebot der Stunde heißt: „Anpassung - mangels Alternativen müssen die Restlaufzeiten der Kernkraftwerke notgedrungen verlängert werden!” Das löst das Energieproblem aber genauso wenig wie ein höherer Deich das Erdklima rettet. Und es birgt die Gefahr, dass sich alle wieder für ein paar Jahrzehnte zurücklehnen – weil es bequem ist und der Strom ja sowieso aus der Steckdose kommt.@

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.



 

 

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