Jahr der Jahrestage

Vor 50 Jahren erklären führende Naturwissenschaftler der Bundesrepublik und der Welt ihre ablehnende Haltung gegenüber einer Forschung an Atomwaffen; fast zeitgleich wird der Euratom-Vertrag unterzeichnet. 40 Jahre ist es her, dass das erste Fass mit Atommüll in der Asse unter die Erde kommt; 35 Jahre, dass die erste Treckerdemo gegen das AKW Breisach stattfi ndet; 30 Jahre, dass Gorleben als Standort eines Entsorgungszentrums benannt wird. In Brokdorf, Grohnde, Kalkar und Malville demonstrieren im gleichen Jahr Zehntausende. 21 Jahre trennen uns von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl; die unwissentliche Verbreitung von Cäsium 139 durch Schrottsammler im brasilianischen Goiânia, die größte Nuklearkatastrophe Lateinamerikas liegt, 20 Jahre zurück.

Es sind Ereignisse, herausgegriffen aus einer langen Chronologie, die für die anti- Atom-Bewegung von einiger Bedeutung sind - oder wichtig sein könnten. In der Erinnerung der Bewegung allerdings sind sie höchst unterschiedlich präsent. Vieles, was ausführliche Untersuchung wert wäre, verschwindet. Auch wir unternehmen mit dieser Ausgabe der aaa nicht den Versuch, Erinnerungslücken systematisch zu schließen, sondern halten allenfalls fest, wie dieser Tage an verschiedenen Standorten vergangenes Geschehen ins Gedächtnis geholt wurde.

Mit einigen Fragen haben wir uns an Bernd Hüttner gewandt; seit langen Jahren engagiert er sich im Archiv der sozialen Bewegungen und ist dadurch zum Fachmann für eine Kultur des Erinnerns geworden. Auszüge aus einigen seiner vielen Texte geben uns Antworten zur Arbeit im Steinbruch der Geschichte.




Das Erinnern an diverse Momente der Geschichte hat zur Zeit Konjunktur. Wie erlebst Du die Bemühungen um die Präsentation des Gestern im Heute?

Insgesamt sind die neuen sozialen Bewegungen eher kurzlebig und unstetig. Während Geschichte in der Gesellschaft permanent thematisiert wird, ist die undogmatische Linke relativ geschichtslos. Derzeit ist es wieder an der Bewegung gegen die globalen Konzerne zu sehen: Neue, jüngere Leute machen ihre Politisierung an diesem Thema.

Die Theoriebildung ist aber geschichtsvergessen, Erfahrungen aus älteren Kampagnen sind verschüttet, jüngere attac-Mitglieder machen den Eindruck, sie hätten noch nie von der russischen Revolution gehört. „Neue“ eignen sich vieles erst mühsam neu an, machen zwangsläufig Fehler. Gleichzeitig ziehen sich ältere Aktivist_innen resigniert zurück, da eine Weiterentwicklung kritischer Politik nicht möglich zu sein scheint.

Woher kommt das?

Die Geschichtslosigkeit resultiert auch aus dem Selbstverständnis undogmatischlink( sradikal)er Praxis, das von Spontaneität geprägt ist, geplante, strategische Politik sowie festere Organisationsformen lange Zeit ablehnte und Theorie (und damit auch Geschichte) vor allem als Legitimation der eigenen, tradierten Praxis verstand. Ein kollektives Gedächtnis dieser Strömung kann sich angesichts der losen Strukturen und der personellen Fluktuation nur schwerlich bilden.

Es geht ums Lernen?

Zweck einer historischen Beschäftigung ist natürlich aus Fehlern zu lernen, Schlussfolgerungen zu ziehen und in der heutigen politischen Debatte erfolgreicher und attraktiver zu sein. Menschen sollen sich besser als gestaltende Subjekte des historischen Prozesses begreifen und heute einmischen.

Das klingt nach sehr klaren Vorstellungen von Vermittlung geschichtlichen Wissens.

Historische Aufarbeitung – und in den unstetigen sozialen Bewegungen ist alles, was vor vier Jahren geschah, schon historisch - kann nur von Menschen vollbracht werden kann, die „dabei“ waren oder sich für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Bewegung engagieren und sich dafür Zeit nehmen (können). Dabei gibt es mehreren gravierenden Tatsachen Rechnung zu tragen:

Erstens der politischen Lage, die von Abwehrkämpfen gekennzeichnet ist und – angesichts von Abschiebungen, Krieg und autoritärem Sozialstaatsumbau - kaum Raum für die dann im Vergleich als Luxus erscheinende Geschichtsarbeit lässt. Zweitens ist die Zeitspanne, in der sich die meisten Akteur_innen in den Bewegungen aufhalten, relativ kurz und reicht in der Regel nicht über das „schwarzrote Jahrzehnt“ vom 19. bis 28. Lebensjahr hinaus.

Dies hat zur Folge, dass ein Interesse für geschichtliche Aufarbeitung nicht entsteht und die Frage nach der eigenen Geschichte selten gestellt wird. Drittens sind es nur Einzelpersonen und kleine politische Gruppen, Fanatiker_ innen im positiven Sinne, die sich für die Aufarbeitung der Geschichte einsetzen. Wer hat schon simpel allein viel Zeit zu forschen und womöglich ein Buch zu schreiben? Wer hat denn Zeit Interviews zu machen? Da heute durch den Bezug von Sozialgeldern lange nicht mehr so einfach individuelle und kollektive Freiräume zu schaffen sind als früher, sind phantasievolle Ideen und kollektive Anstrengungen vonnöten.

Geht es denn vorwiegend darum, was war? Ist Geschichte zwangsläufig rückwärtsgewandt?

Die politische Frage im Zusammenhang mit Geschichte heute ist: Was aus der Geschichte der Arbeiter- wie auch der neuen sozialen Bewegungen möglicherweise lernbar ist, hängt von der Beurteilung dessen ab, was sich seitdem verändert hat, also wie man es beurteilt, ob historische Debatten heute noch ”passen”, denn der spanische Bürgerkrieg oder die Oktoberrevolution ist eine denkbar schlechte historische Folie für das Agieren von Linken in einem globalisierten kapitalistisch-patriarchalen Weltsystem. An was angeknüpft werden kann, ist weniger eine Frage der Beurteilung historischer Begebenheiten, sondern eine der Einschätzung der aktuellen, heutigen Verhältnisse.

Die Geschichtsschreibung der sozialen Bewegungen hat potentiell zwei Funktionen: Dokumentation und politische Bewertung. Zum einen muss, im Sinne einer gesellschaftlichen Überlieferung, ganz simpel festgehalten werden, was war - dieses tun alle Historiker_innen und Archive - zum zweiten und weit spannender könnten aus der Geschichte und den gemachten Erfahrungen Schlüsse für heutiges Handeln gezogen werden.

    Foto: Sturm auf AKW

Ist es denn überhaupt möglich, Erkenntnisse zu gewinnen?

Wenn hier gefordert wird, Erkenntnisse zu gewinnen, dann hänge ich damit nicht der Vorstellung an, es gäbe eine objektive Wirklichkeit der Geschichte sozialer Bewegungen, die bislang nur ungenügend abgebildet worden sei. Oder es sei gar Aufgabe linker Geschichtsarbeit herauszufinden und aufzuschreiben, wie „es wirklich gewesen sei“, ganz in der Manier konservativer Geschichtswissenschaft.

Es wäre naiv anzunehmen, es gäbe nur die eine Geschichte der sozialen Bewegungen. Es gibt deren sehr viele und sie sollten meines Erachtens alle geschrieben werden. Es gibt viele Sichtweisen auf Ereignisse (ja unterschiedliche Vorstellungen, was überhaupt ein Ereignis ist) und die eine objektive Beschreibung ist nicht möglich, schafft doch die Beschäftigung mit einem Gegenstand ihn erst. Es bedarf einer Setzung, aus dem Sammelsurium von Demonstrationen, Konzerten, Streitereien in Wohngemeinschaften und der Produktion von Flugblatt- und anderen Texten, eine Geschichte abzuleiten, beziehungsweise diese als in einem Zusammenhang und darüber hinaus in einer historischen Kontinuität stehend zu definieren. Sie schreiben Kontinuitäten fest, stellen Entwicklungslinien heraus, halten Dinge für erwähnenswert und andere nicht, treffen Wertungen und schaffen damit Fakten.

Im Vergleich zu linken Bewegungen in anderen Ländern ist die Geschichtslosigkeit in hier bemerkenswert. So schreibt ein Tupamaro aus Uruguay [über seine Erfahrungen in der Bundesrepublik]: „Was mich an der Linken hier ebenfalls erstaunt, ist, dass es keinerlei Akkumulation gibt, weder inhaltlich noch personell. Erfahrungen werden nicht aufgearbeitet, ich habe das Gefühl, diese Linken fangen ständig von vorne an, haben kein Fundament, von dem sie ausgehen können. Es ist doch wichtig, die eigene Erfahrung zu sammeln und die Verarbeitung der Geschichte zu betreiben“. In Uruguay ist man oder frau geschichtsbewusster: „Wir arbeiten seit einigen Jahren daran. (…) Für uns ist es ungeheuer wichtig, diese geschichtlichen Verknüpfungen und Kontinuitäten herzustellen - denn wir sind, genauso wie ihr hier, mit der Geschichtsschreibung der Bourgeoisie konfrontiert. Das darf man nicht stehen lassen, dem muss die Linke ihre eigene Geschichte entgegenstellen“.

Damit sprichst Du an, dass Geschichtsarbeit stets interessengeleitet ist.

Es hat sich immer wieder gezeigt, dass es wichtg ist, wenn die Bewegungen sich selbst um die Sicherung ihrer Dokumente kümmern und ihre Geschichte selbst dokumentieren. Nur so entsteht auch ein Gegenpart zum denunziatorischen Umgang mit Geschichte.

Geschichte wird sozusagen „erfunden“ - und nicht gefunden, und gerade dies begründet die besonders hohe Verantwortlichkeit der bewegungsnahen militanten Historiker_innen. Sie müssen sich Gedanken über ihre Zielsetzung, Methoden und die Relevanz ihrer Arbeit machen.

Das, was geschichtswissenschaftliche Untersuchung zu klären vermag, ist mit der gewählten Methode und den untersuchten Quellen, mit der eigenen Positionierung im Feld der Wissens- und Textproduktion und mit der letztlich produzierten Form der Erzählung (Buch, Film, Fotoband, Website,...) aufs Engste verknüpft. Hayden White, der Papst der postmodernen Geschichtswissenschaft, schreibt, dass „jeder Diskurs die Gegenstände konstituiert, die er lediglich realistisch zu beschreiben und objektiv zu analysieren behauptet“.

Aber gerade dann ist doch höchst spannend, wer das in die Hand nimmt, was Du „der Bewegung selbst“ nahelegst. Du hast vorhin den Begriff kollektives Gedächtnis benutzt.

Kollektives Gedächtnis ist die gemeinsame Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen. So, wie jedes Individuum ein individuelles Gedächtnis besitzt, wird einer Gruppe von Menschen ein gemeinsames Gedächtnis unterstellt. Das kollektive Gedächtnis wird als „Rahmen“ einer solchen Gruppe verstanden und bildet unter anderem die Basis für Kommunikation zwischen ihren Angehörigen.

Soziale Bewegungen haben sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie ein Konglomerat von unterschiedlichen Strömungen waren: demokratischen und autoritären Sozialist_innen, Sozialdemokrat_innen, Anhänger_innen der christlichen Soziallehre, Anthroposoph_ innen und Anarchist_innen. Verschiedene Strömungen werden nicht nur geduldet, sondern als Bereicherung verstanden werden. Dies setzt die Bereitschaft zur Toleranz der anderen Position voraus.

Damit kommen wir zur Themenpalette: was sind die Fragen, die in diesem Sinn zu bearbeiten wären? Worum geht der Streit?

Die neuen sozialen Bewegungen in den westlichen Industriegesellschaften hat die Diskussion um Integration oder Opposition, um Widerstand oder Gestaltung begleitet: Wieweit soll man und frau sich in den Institutionen engagieren, sich professionalisieren, wer ist BündnispartnerIn, wer nicht? Soll außerparlamentarisches Wirken nur eine ergänzende oder eine weiterreichende, alternative Forum zum Parlamentarismus ein? Soll vor allem die Öffentlichkeit informiert, oder auch das Denken und alltägliche Handeln der Protestierenden grundlegend verändert werden?

Wie beschreibst Du den „Gebrauchswert von Geschichte“?

Die Zerstörung eines kollektiven Gedächtnisses hat der Neoliberalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiter forciert. Eric Hobsbawm schreibt: ”Die Zerstörung der Vergangenheit oder vielmehr die jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit derjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischsten und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts.” Die Beschäftigung mit Geschichte kann heute folgenden Nutzen haben:

  1. Die Verständigung über politische Traditionen und Kontinuitäten, in denen man selbst als Person, aber auch andere Menschen sich befinden.
  2. Geschichtliches Wissen ist auch heute noch ein wichtiger Teil des ethischen und politischen Fundaments, auf dem politische Zusammenschlüsse und Einzelpersonen stehen.
  3. Geschichte ist nicht zuletzt eine nostalgische oder verklärende Eindeutigkeit, ein Kino der eigenen Erinnerungen oder eines historischer Ereignisse, an denen man und frau selbst nicht teilgenommen hat.

Soweit die Beschreibung. Und Dein Wunsch?

Ein Schwerpunkt historischer Analyse könnte die Frage sein, wie sich das Verhältnis von gemeinsamer Organisation, die notwendig ist, und persönlicher Autonomie, die moralisch und normativ wünschenswert ist, gestalten lässt. Es geht darum,

  • ein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, das Fragen der öffentlichen Vermittlung genauso wichtig nimmt wie die der Inhalte.
  • verschüttete Ansätze der sozialen und kulturellen Linken aufzuarbeiten.
  • verschiedene Biographien kennen zu lernen und dann Kritik auf der Basis von Respekt zu üben.

Was heißt das für die Umsetzung? Du hast Die Frage der Methoden und Zielsetzung ja bereits angeschnitten.

Es ist Zeit, das Defizit der bewegungsnahen Geschichtsschreibung aufzuheben, „zu beschreiben“, wie es Katja Leyrer nennt, „und zu berichten, was in den vergangenen zwanzig Jahren war: Nicht Flugblätter, Pamphlete und Gesetzesentwürfe, sondern vor allem die alltägliche Erfahrung, die wir gemacht haben und machen und die manchmal ganz unfeministisch ist“, da „der Alltag, das Tagtägliche, das ´Normale` und der Umgang mit den ´kleinen Ungerechtigkeiten` und Bedrohungen in der Regel sehr viel mehr Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, als es scheint - und als wir es wahrhaben wollen“.

Katja Leyrer hat völlig Recht, hat doch sicher mehr Linke das alltägliche Zusammenwohnen mit anderen Linken oder die Organisation eines gemeinsamen Projektes an ihren Vorstellungen von Sozialismus oder Anarchismus zweifeln und sie schließlich resignieren lassen, als die sehr gut dokumentierte staatliche Repression. Es ist Zeit, sich von der patriarchalen Ereignis- und Politikgeschichte zu verabschieden und zum Beispiel eine (Alltags-) Geschichte der Bewegungen in verschiedenen Regionen zu schreiben, die synthetisierten Aussagen von Zeitzeug_innen als Quellen zu entdecken und die individuellen und kollektiven Sozialisationen, die Deutungsmuster und Motivationen zu beleuchten.

Was vermutest Du, was dadurch zutage gefördert würde?

Dann würde deutlicher werden, dass die Linke wenige bis keine Konzepte für politisches Wirken und widerständiges Leben in der Nachausbildungsphase hat, für Kinder, Erziehung, Krankheit, Tod, Beruf etc. pp. für genau die Widersprüche, die das normale Leben bietet und so schwierig macht, für all die Widersprüche, die in der linken Geschichtsschreibung sehr oft nicht vorkommen. Dabei sind diese Defizite und diese Widersprüche exakt die Gründe, wegen denen sich Menschen aus emanzipatorischer Politik zurückziehen.

Die Geschichte(n) der Linken in diesem Sinne sind erst noch zu schreiben. Sicher sind die engen materiellen Bedingungen, denen Geschichtsvermittlung heute unterliegt, in Rechnung zu stellen, zum Beispiel das ökonomische Berufsverbot für kritische professionelle Historiker_innen. Nicht zuletzt haben sich die Formen historischer Arbeit geändert, nicht zufällig sind die erfolgreichen Bücher zur linken Geschichte extrem bilderreich und auch sonst aufwendig gestaltet.

Den neuen Medien und der allgemeinen Tendenz zur Visualisierung ist und wird Rechnung getragen. Es soll hier nicht das politische Sachbuch als Auslaufmodell bezeichnet werden, es wird noch weitere Bücher geben müssen, aber auch Filme, Romane, Interviewbände sind vonnöten und weitere Ideen zu angemessenen Formen historischer Bildungsarbeit. Ältere Genoss_innen brauchen nicht nur über Geschichtslosigkeit jammern, sie sollten besser überlegen, wo sie wem welche Angebote machen.@

 

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