Uran-Kontamination in Niger und Gabun:
AREVA angeklagt
„Wir sahen unsere Kollegen sterben und wussten nicht, warum“

von Saïd Aït-Hatrit, 4. April 07

Wissenschaftler, Juristen, Mediziner und Opfer haben am 4.4.07 Anklage erhoben gegen den Uranabbau durch das französische Unternehmen AREVA in Niger und Gabun. Ex-COGEMA wird beschuldigt wird, ihre Angestellten und Anwohner der Uranabbaugebiete wissentlich einer nicht unerheblichen radiologischen Strahlendosis ausgesetzt zu haben.

Die Juristen, Wissenschaftler und Mediziner von „Médecins du monde“ sowie Vertreter der Organisation der Betroffenen aus den Minen in Arlit und Mounana (Gabun), die seit 1999 geschlossen sind, haben jetzt die Ergebnisse der dreijährigen Ermittlungen in Paris vorgestellt. „Wir haben ernstzunehmende Gründe anzunehmen, dass die Afrikaner und französischen Auswanderer sich Krankheiten zugezogen haben, die allein im Verschulden von AREVA liegen, was sowohl den Gesundheits- als auch den Umweltschutz betrifft“, erläutert William Bourdon, Vorsitzender des Verbands SHERPA.

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Der nigrische Sänger Abdallah Oumbadougou hat im letzten November im Rahmen eines Interviews in Afrik erklärt, dass er überlege, seine Geburtsstadt Arlit, 250 km nördlich von Agadez, zu verlassen, weil er sich um die Gesundheit seiner Familie sorge. Guizmo, sein französischer musikalischer Partner in der Gruppe Désert Rebel, hatte ihm von einer Reportage erzählt, der zufolge die Ausbeutung der Uranminen in Arlit durch die AREVA die Ursache der Trinkwasserverseuchung und zahlreicher Todesfälle in der Region sei.

Im Privatsender Canal + im Jahr 2004 ausgestrahlt, berichteten die SHERPA-Vereinigung, eine Gruppe internationaler Juristen, und eine Gruppe von unanhängigen Wissenschaftlern der Criirad (Kommission für unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität) über die Situation der Arbeiter der Ex-COGEMA aus Arlit während ihrer ersten Reise 2003.

Eine Stadt, in den 70er Jahren mitten in die Wüste gebaut, um die Bedingungen zum Abbau des wertvollen Rohstoffes zu schaffen, die heute eine Einwohnerzahl von 70.000 erreicht hat. Die radioaktiven Abfälle - in alle Winde verstreut. Nach dem Bericht der jetzt anklagenden Organisationen, die sich am 4. April in Paris versammelten, haben AREVA und die Tochterunternehmen SOMAÏR und COMINAK in Niger und COMUF in Gabun ihre Angestellten absichtlich über die Risiken als Minenarbeiter im Unklaren gelassen. „Erst 1986 gab es eine ganz vorsichtige Sensibilisierung dafür“ erklärt Almoustapha Alhacen, Minenarbeiter aus Arlit und Vorsitzender der nigrischen Umweltschutz-Vereinigung Aghir N’Man. Im Jahr 2000 gegründet, hat diese die Criirad damals veranlasst, die radiologische Situation des Gebietes zu untersuchen. „Wir sahen unsere Kollegen sterben und wussten nicht, warum“ erinnert er sich.

Nachdem ein Versuch, diese Untersuchungen in Arlit zu verbieten, gescheitert war, hatte der Geschäftsführer der COMINAK versucht, die radiologischen Messinstrumente der Wissenschaftler durch den Zoll in Niamey beschlagnahmen zu lassen, berichten die Vereinigungen. Es gelang ihnen jedoch trotzdem, einige Instrumente zu behalten, deren Ergebnisse unwiderruflich bezeugen: „Die Kontaminationsrate des Wassers, das zum Verbrauch verteilt wurde, übertrifft die zulässigen Grenzwerte der OMS bei weitem“, versichert Bruno Chareyron als Verantwortlicher bei der Criirad. Das wissenschaftliche Labor hat des weiteren auf dem Marktplatz der Stadt stark kontaminierte Schrottteile gefunden und festgestellt, dass die radioaktiven Abfälle (5000 000 Becquerel pro Kilogramm) schutzlos im Freien gelagert werden: „Den Witterungseinflüssen durch Regen und Wind schutzlos ausgesetzt“.


AREVA kennt keine Berufskrankheiten

AREVA habe laut Bruno Chareyron, der diese Strategie der puren Negation außerordentlich beklagt, auf die Kontrollen durch die Criirad durch die Einleitung von Expertenmaßnahmen reagiert, die bekannt gaben, dass es keine Kontamination des verteilten Wassers gäbe. Das Ziel der AREVA, klagt der Bericht der Umweltorganisationen an, sei es, einen Nachweis des Zusammenhangs zwischen der Strahlenbelastung und den auftretenden Krankheiten unmöglich zu machen, da dies die AREVA teuer zu stehen käme. Deshalb halte der Konzern die Berichte der Untersuchung geheim, genau wie 1986 in Mounana.

In dieser Stadt hat Jacqueline Gaudet 15 Jahre ihres Lebens verbracht. Dort hat sie 2005 eine Vereinigung der aus Frankreich ausgewanderten Ex-Minenarbeiter gegründet: „Aus dem einfachen und guten Grund, dass es zu viele Krebserkrankungen unter den Auswanderern gibt,“ erklärt sie. Sie selbst habe nach und nach ihren Mann, ihren Vater und ihre Mutter an den Krebs verloren, in einem Zeitraum von zehn Jahren nach ihrer Rückkehr nach Frankreich. AREVA habe ihr erklärt, nichts mit der Krankheit ihres Vaters - auf Grund einer Radon-Belastung an Lungenkrebs gestorben – zu tun zu haben, da dieser über die gabunische Sozialversicherung für diese Krankheit versichert gewesen sei. Zu den Krankenakten bekommt sie keinen Zugang. Unter diesen Umständen „ist es einfach für AREVA zu behaupten, dass keine Berufskrankheiten aufgetreten seien“ beklagt sie sich.

Um der Medienkampagne der Umweltschutzorganisation zuvorzukommen, hat AREVA am 16. März angekündigt ein „Gesundheits-Observatorium“ an den Uranminen einrichten zu wollen. „Ein positiver Vorstoß, auf den wir mit gegebener Vorsicht reagieren müssen“, schätzt der 2. Vorsitzende von Sherpa. Was Almoustapha Alhacen betrifft: „Ich gestehe, dass ich keinerlei Vertrauen habe, denn sie sind Medienspezialisten,“ erklärt er fast verschämt.

Sherpa, die bereits TOTAL dazu gezwungen haben, die birmanischen Arbeiter zu entschädigen, hat bereits gewarnt, dass sie über ausreichend Mittel verfügen, einen oder mehrere der längsten und komplexesten Justizprozesse in der Geschichte Frankreichs anzustoßen.@

aus afrik.com vom 4.4.07
Übersetzt von Silke

 

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