Atomkraft, Gentechnik: Die Machtinhaber spielen mit unserer Zukunft
Gendreck weg

von Faucheuse volontaire + DageGEN

Unter Transpis á la „Gendreck weg“ und „Das Genfeld ist gegen alle da!“, die an Bäumen und Laternen befestigt waren, fanden vom 2. bis zum 5. Juni 06 Aktionstage gegen das Gentec-Versuchsfeld auf dem Gelände der Gießener Universität statt. Auf einer Versuchsfläche von rund 10 qm findet dort der bundesweit erste Freilandversuch mit transgener Gerste statt. Das Experiment ist sehr umstritten. Einige Anti-Gentec-AktivistInnen setzten auf zivilen Ungehorsam, um auf die Gefahren der Gentechnologie aufmerksam zu machen. Sie machten den Uni-Forschern einen Strich durch die Rechnung.


Hintergrund

Das Institut für Phytopathologie der Uni Gießen führt seit Anfang Mai 2006 den ersten Freilandversuch der BRD mit transgener Gerste durch. Ziel des Versuches ist herauszufinden, ob die gentechnisch veränderten Pflanzen negativ auf die für die Pflanzen wichtigen Bodenpilze wirken (Gießener Anzeiger). Außerdem sollen sie resistent gegen das BAYER-Herbizid Basta sein, als Futtermittel für Hühner taugen, die normale Gerste nur schwer verdauen können, und eine verbesserte Eigenschaft für das Bierbrauen aufweisen.


„Biosicherheit“

In Gießen, geht es nicht unmittelbar um den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen für Lebensmittel, sondern um die so genannte „Biosicherheit“. KritikerInnen aber meinen, dieses sei ein gefährlicher Trick zur Akzeptanzbeschaffung, da Bayer und Monsanto den ersten Gengerstenversuch nicht so elegant einfädeln und den weiteren Ausbau von Gentechnik durchsetzen könnten. Prof. Karl-Heinz Kogel, Leiter des Instituts für Pflanzenschutz an der Universität Gießen sagte diesbezüglich gegenüber dem Hessenfernsehen am 2. Juni: „ Die Gentechnik ist im Vormarsch. Sie hat Nachteile und Vorteile. Deshalb kann man nicht unbedingt sagen: ‘auf keinen Fall’. Das ist nicht mehr durchführbar. Also muss man doch weiter versuchen, Risiken durch reine Forschungsansätze [...] zu prüfen.“ Kogel behauptet also, dass die Gentechnik für Mensch und Leben zwar gefährlich sei, oder sein könne, aber diese Technologie sei Tatsache und es gehe jetzt darum die negativen Auswirkungen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Diese Rhetorik ist uns von der Atomlobby längst bekannt. Sie versorgt uns täglich mit ähnlicher Propaganda, sprich Katastrophenschutz und Jodtabletten. Der beste Schutz gegen Radioaktivität aber ist die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen.


Forschung für Profite, nicht für Menschen

Es gibt Gründe genug, gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zu sein. Hier eine kleine Auswahl:

- Auskreuzung: Die Genveränderungen können durch Pollenflug, über Mikroorganismen und Verschmutzungen bei Saatgutzucht und -transport auf andere Felder und Pflanzen übertragen werden. Nicht gentechnisch veränderte Pflanzen werden somit verseucht. Eine „friedliche“ Ko-Existenz kann es nicht geben.

- Pestizide und Umwelt: Die gentechnisch veränderten Organismen (GVO) sind resistent gegen bestimmte Pestizide, was dazu führt, dass noch mehr Pestizide und Herbizide in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Desweiteren besteht die Gefahr, dass diese Pflanzen ihre Gene an Wildkräuter übertragen. Diese würden dann ebenfalls resistent gegen Pestizide und Herbizide, was dem eigentlichen Zweck der Genmanipulation völlig zuwiderläuft und sie somit überflüssig macht. Dies ist zum Beispiel in England schon passiert, und beim Gen-Raps selbst vom Versuchsleiter Kogel zugegeben worden.

- Wirtschaftliches Interesse: „Gentechnisch veränderte Pflanzen werden die Welt retten.“ Neue Arzneimittel könnten produziert werden, und Firmen wie Monsanto behaupten, sie würden die Welt ernähren. Es wird aber bereits jetzt doppelt soviel Essen produziert, wie ausreichen würde um die Menschen zu ernähren (Quelle: FAO). Hunger ist eine Folge der ungerechten Verteilung, von Krieg, Unterdrückung, Diskriminierung und dem Raub von Nahrungsmitteln in anderen Ländern. Wenn zur Zeit schon seit Jahrhunderten existierende Kulturpflanzen patentiert und Terminatorgene implantiert werden, die eine Weitervermehrung blockieren, so wird sogar Hunger gezielt erzeugt – Hunger ist Mord! Bei „selbst-kreierten“ Pflanzen wird die Patentierung und die Verhinderung des Anbaus ohne hohe Geldzahlungen an die Konzerne erst recht der Fall sein. Die Gen-Multis setzen in Wirklichkeit auf mehr Profite, indem sie heute schon z.B. hybrides Saatgut verkaufen. GVOs, die im Folgejahr nicht wieder ausgesät werden können, sind nur die Fortsetzung davon und bauen ihre Monopolstellung aus. Dadurch schreitet die Privatisierung unseres Lebensraumes weiter voran und die Bauern werden abhängig von den Großfirmen.

- Gesundheit: Gefahren für die Gesundheit sind nicht auszuschließen: Resistenz gegen Antibiotika wurden festgestellt, Allergien können durch den Konsum von ungewollt mitübertragenen Gensequenzen ausgelöst werden. Die britische Regierung hat Monsanto Groß-Britannien gerade gezwungen, ihre internen Untersuchungsergebnisse offen zu legen, und schon die hauseigenen Erkenntnisse zeigen eine Beeinflussung des Stoffwechsels bei Mensch und Tier, die genmanipulierte Nahrung zu sich nehmen.

- Patentiertes und lizenziertes Saatgut führt langfristig zu einem Verlust der Sortenvielfalt und zu Monokulturen im Landbau. Hofeigene Weiterzüchtung von Pflanzenarten wird nicht mehr möglich sein.

- Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Außerdem werden die Entstehungsprozesse und Auswirkungen von GVOs für die NutzerInnen nicht transparent gemacht und mit falschen Angaben verschleiert. Doch die Politik schafft weiterhin Gesetze, für die überflüssige grüne Gentechnik, um den Gen-Multis einen Gefallen zu tun.

- Gerade wissenschaftliche Begleitforschung mit scheinbar kritischem Blick, wie sie unter anderem in Gießen durchgeführt wird, ist Türöffner für weiteren Anbau. Nachdem in Gießen der erste Freilandversuch mit gentechnisch veränderter Gerste abgeschlossen wurde, werden weitere mit dieser Getreideart mit Sicherheit folgen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass auch diese „unabhängigen“ Forschungsergebnisse innerhalb kurzer Zeit wirtschaftlich genutzt werden.


Widerstand

Für Pfingsten wurde in unmittelbarer Nähe des Genfeldes eine Mahnwache angemeldet, um BürgerInnen zu informieren. Einige unabhängige AktivistInnen hatten zusätzlich schon Wochen zuvor angekündigt, das Feld zu befreien. Am frühen Freitagnachmittag verschafften sie sich Zugang zum eingezäunten Versuchsfeld, rissen die Schutzverkleidung um das Feld nieder und begannen, die Gentech-Pflanzen auszureißen. Am Rande des Feldes befestigten AktivistInnen Transparente an Bäumen, Zäunen und Laternen. Zahlreiche Journalisten beobachteten das Geschehen.

Polizisten, die sich versteckt in einem angrenzenden Gewächshaus aufgehalten hatten, eilten unmittelbar nach Beginn der „Feldbefreiung“ zur Rettung der Gen-Pflanzen herbei. Nach einem kurzen Katz- und Maus-Spiel unter der nur ca. 1,20 m hohen Netzabdeckung des Versuchsfeldes wurden die Aktivisten schließlich von einem größeren Polizeiaufgebot festgenommen. Auch ein Journalist, der die Aktion beobachtet hatte wurde kurzzeitig festgesetzt. Die AktivistInnen bedankten sich bei der Hessischen Polizei, die durch ihren ungeschickten gewaltsamen Einsatz spürbar bei der Feldbefreiung mitgeholfen hat.

Sechs Personen wurden in Gewahrsam genommen. Die ersten beiden kamen schon am nächsten Morgen frei (sie hatten das Gen-Feld nicht betreten). Die übrigen vier wurden dem Haftrichter vorgeführt; für alle hatte die Polizei einen umfassenden Platzverweis rund um das Versuchsfeld bis Ende August vorbereitet. Zwei der AktivistInnen wurden anscheinend auf Drängen der Polizei (es wurde keine Begründung dafür genannt, warum ein Platzverweis nicht ausreichen würde) über Pfingsten in Unterbindungsgewahrsam nach Frankfurt verschleppt. Währenddessen wurde vor dem Gießener Amtsgericht und in der Innenstadt für die Freilassung der Gefangenen demonstriert. Unter dem Motto „Gefangene freilassen, statt Gen-Gerste freisetzen“ wurden PassantInnen informiert, nachdem den repressiven Polizisten klar gemacht worden war, dass es bei einer Eilversammlung sehr wohl möglich ist, Transparente mit sich zu führen. Noch am Abend der Feldbefreiung wurde die angemeldete Mahnwache vom Ordnungsamt verboten, obwohl auch nach den Festnahmen friedlich weiter demonstriert worden war. Ein geschickter Schachzug, nachdem die Anmelderin schon im Vorfeld unter Druck gesetzt worden war, man aber „ keinen Ansatz gefunden (hatte), die Mahnwache zu verbieten“ (Ordnungsamt). Über das Pfingstwochenende war es natürlich nicht möglich, beim Verwaltungsgericht per Eilantrag dieses Verbot aufheben zu lassen.

Die Protestaktionen liefen trotzdem weiter. AnwohnerInnen und Interessierte wurden um das Feld geführt. Als Kontrapunkt zur Gentechnik wurde zu fairem Bio-Kaffee und Kuchen eingeladen. Zahlreiche Passantinnen, darunter auch viele erstaunte NachbarInnen des Versuchsfeldes, informierten sich über die Risiken und Hintergründe des Gentech-Feldes auf Gießener Unigelände. Weitere Spaziergänge von AktivistInnen um das Feld wurden von der Polizei immer wieder mit Personalienkontrollen schikaniert und durch Platzverweise unterbunden. Kreidemalen wurde mal wieder als mögliche Sachbeschädigung gehandhabt und die gefährlichen (!) Farben beschlagnahmt.

Wieder auf freiem Fuß, berichteten die beiden Aktivisten von unterschiedlichen Erfahrungen im Unterbindungsgewahrsam. In Gießen wurde wieder einmal Gewalt angewendet, z.B. ein Würgegriff bis dem Misshandelten die Luft wegblieb, nur um Fingernagelproben zu bekommen, obwohl klar war, dass der Aktivist bei der Feldbefreiung Handschuhe trug. Dagegen „besuchte“ in Frankfurt sogar eine Polizistin einen Gefangenen, um über Gentechnik zu diskutieren und die Infoflugis lagen im Eingangsbereich der GeSa aus.


Politische Verfahren und Öffentlichkeitsarbeit in Sicht

Inzwischen legt sich die Universität darauf fest, dass etwa 20% des Feldes zerstört wurden. Das Experiment wird weitergeführt, auch wenn sich bestimmte Ergebnisse nicht mehr ablesen lassen können. Der Sachschaden soll rund 300.000 € betragen. Der Uni-Präsident Hormuth hat Strafanzeige wegen „Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch“ gestellt, „um die Rechte der Universität zu wahren“.

Ziviler Ungehorsam gegen die Gentech-Mafia kann sehr teuer werden. Die AktivistInnen wollen jedoch die Gelegenheit nutzen, um ihren Unmut gegen die Gentechnik vor Gericht und dadurch in die Öffentlichkeit zu tragen. Von den MachtinhaberInnen werden FeldbefreierInnen gerne als uninformierte Chaoten bezeichnet. Der Gießener SPD-Landtagsabgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel versuchte ebenfalls, die AktivistInnen zu diskreditieren. Das Medienecho der Aktion war ihm anscheinend zu groß. Die Feldbefreiung wurde ja mit offenen Karten und vor laufenden Kameras durchgeführt. In Gießen formiert sich jedoch inzwischen, wohl auch aufgrund dieser Ereignisse, ein übergreifendes Bündnis gegen Gentechnik. Die FeldbefreierInnen in Gießen haben in sozialer Notwehr gehandelt, denn sie versuchten Menschen vor den unabsehbaren Schäden und der fremdbestimmten Folgen dieser unnötigen Forschung zu bewahren. Wenn die Politik versagt, werden Widerstand und ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Noch ist es nicht zu spät!


Beispiel Frankreich

Aktionen wie diese Feldbefreiung sind nicht einmalig in Europa. In Frankreich setzen sich zum Beispiel Tausende von Menschen zur Wehr – mit Erfolg! Die 2003 gegründete Initiative „Faucheurs volontaires“ („freiwillige Mäher“) ruft immer wieder zur Feldbefreiung auf. Über 5.000 Menschen haben inzwischen diesen Aufruf unterschrieben. Tausende AktivistInnen zerstörten im Sommer 2004 vor laufenden Kameras ein Gen-Maisfeld in der Nähe von Toulouse. Bei weiteren Aktionen griff die Polizei mit überzogener Gewalt an. Die Gen-Felder werden dazu rund um die Uhr bewacht. Feldbefreiungen finden weiterhin statt, aber sie werden meistens nachts durchgeführt, um die Polizeigewalt zu verhindern. Am Tag darauf melden sich Hunderte von Menschen bei der Polizei und erklären sich für die Zerstörung verantwortlich. Entsprechend viele Prozesse finden vor Gericht statt. Die Medienresonanz ist meistens großartig und die Bevölkerung solidarisiert sich mit den FeldbefreierInnen. Die Gerichte haben bisher sehr unterschiedliche Urteile gesprochen. In Orléans und Versailles wurden die AktivistInnen in erster Instanz sogar FREIgesprochen, das Gericht erkannte „l’Etat de nécessité“ - Notwehr. Eine Premiere in Frankreich.


Solidarität und Aktion!

Seit Jahren müssen sich Gerichte mit der Thematik „Atomkraft“ beschäftigen. Auch die Auseinandersetzungen um Gentechnik werden vor Gericht ausgetragen werden. Der Widerstand dort und im Feld wird weiter gehen. Aktive Beteiligung und finanzielle Unterstützung sind hierzu notwendig!

gendreck-giessen.de.vu
de.indymedia.org/2006/06/148745.shtml
gendreck-weg.de

Spendenkonto für weitere Aktionen und mehr:
Volksbank Gießen
Konto 9288 1806
BLZ 513 900 00
Stichwort „Spenden & Aktionen - Gentechnik“

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