Stoff für einen Krimi

Am Morgen des 12. September 1986 kommt es zwischen 7:50 und 7:55 in einem unscheinbaren Gebäude im Wald bei Grünhof zu einem heftigen Brand. Eine riesige Stichflamme ist weithin zu sehen. Das Feuer in Hamburgs äußerstem Südosten vernichtet die technische Einrichtung, das Haus und die umliegende Waldfläche. Auslöser ist ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment mit einem so genannten Hybridreaktor.

Nahe beim Forschungszentrum "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GKSS" haben Nukleartechniker eine Versuchseinrichtung aufgebaut, in der sie mit Hilfe von Lasertechnik und kleinsten Mengen radioaktiven Materials eine Kernfusion auslösen können. Mit ihren Untersuchungen bewegen sie sich in der Zone zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie: eine Anwendung der Ergebnisse zur Stromgewinnung wäre wohl vorstellbar, um vieles brisanter aber ist die Umsetzung in Waffentechnologie. Dem entsprechend unterliegt ihr Forschungsvorhaben strengster Geheimhaltung. Ein notwendiger Versuch verläuft anders als vorgesehen. Das Feuer wird gelöscht, ein Aufräumtrupp entfernt die Reste, das Gelände wird abgesperrt. Gras wächst darüber.

Die Geschichte wäre damit eigentlich zu Ende. Aber sechs Jahre später erkranken so viele Kinder an Leukämie wie sonst nirgendwo auf der Welt an einem Fleck. Eine Bürgerinitiative gründet sich; die Landesregierung kommt nicht umhin, eine Kommission einzusetzen. Aber wollen die Behörden wirklich, daß die Ursachen der Krankheit bekannt werden?

Der Klappentext steht

Der Klappentext ist fertig, der Krimi dazu muß noch geschrieben werden. Stoff dazu liefern die Untersuchungen zu Leukämie und Kügelchen in der Elbmarsch. Vielleicht ist die Geschichte tatsächlich nicht mehr als das Ergebnis von an Fernsehstories geschulter Phantasie. Es könnte aber allerdings auch sein, dass es sich so oder ähnlich wirklich zugetragen hat.

Zumindest haben namhafte WissenschaftlerInnen am 14. Oktober 2002 im Marschachter Hof in öffentlicher Sitzung der Leukämie-Fachkommission Schleswig-Holstein Indizien zusammengetragen, die ein solches Szenario durchaus stützen könnten:

  • Die örtliche Zeitung meldet für diesen Tag ein Brandereignis, das nicht näher beschrieben wird.
  • Eine Augenzeugin erinnert sich an eine Flammensäule und kann Uhrzeit und Ort recht genau und nachvollziehbar einordnen.
  • Eine weitere Notiz der Tageszeitung berichtet von Leuten in Strahlenschutzanzügen, die in dem Bereich tätig waren.
  • Bei einer Begehung der Örtlichkeit wird eine größere Stelle im Wald gefunden, auf der es keine alten Bäume gibt; zwischen jungen Bäumchen finden sich die verkohlten Stümpfe alter Stämme. In der Mitte befindet sich eine gekachelte Bodenplatte; die Mastenreihe einer Stromleitung enden an dieser Stelle.
  • Nach Angaben von Nachbarn verkaufen nach 1986 mehrere Angehörige der GKSS ihre Häuser und Grundstücke in Grünhof und ziehen weg.
  • Auf Nachfragen zu diesem Feuer erteilt die Behörde nicht zutreffende Auskünfte und stützt sich dabei auf die Aussage des Kreisbrandmeisters. Der allerdings verneint, sich dazu geäußert zu haben: Unterlagen über die Tätigkeit der Feuerwehr, die den fraglichen Zeitraum betreffen, gibt es nicht mehr. Im Archiv der Feuerwehr ist - kurze Zeit nach Einrichtung der Untersuchungskommission - ein Feuer ausgebrochen und hat ausgerechnet den Ordner mit den Aufzeichnungen aus dieser Zeit vernichtet.
  • Verschiedene Stationen der Umgebungsüberwachung verzeichnen auffällige Erhöhungen radioaktiver Werte. Behördliche Erklärungen, wie die Steilkurven auf den Meßschreibern zustande gekommen sind, erweisen sich als nicht belastbar. Der Papierstreifen eines Meßgeräts ist erkennbar manipuliert; eine andere Station (ganz in der Nähe der fraglichen Stelle) wurde "aus technischen Gründen" abgebaut.
  • In Sandproben werden PAC-Kügelchen gefunden. Sie sind Träger von Kernbrennstoffen und von deren Spaltprodukten. Ähnliche Kügelchen wurden auch in der Umgebung einer Kernbrennstoffanlage im hessischen Hanau-Wolfgang festgestellt.

Plot und Recherche

Wer schreibt den Roman? Wer dreht den Film? Wir sind gespannt, wer sich meldet!

Anzubieten haben wir eine schöne Auswahl von Figuren; Parteileute, Staatssekretäre, WissenschaftlerInnen, engagierte BürgerInnen - ihre Entsprechungen im wahren Leben liefern Material für Geschichten ohne Ende. Bei der Gestaltung der Handlungsstränge lassen wir freie Hand: ob beispielsweise der frühere hessische Umwelt- und heutige Bundesaußenminister Fischer in dem Ganzen die Rolle des glücklosen Aufklärers oder des gewissenlosen Karrieristen oder die des ahnungslosen Deppen spielt ist uns egal. Vielleicht kommt er nicht einmal vor.

Außer einer spannenden Handlung braucht ein guter Krimi einen Hintergrund, der die Alltagsgewißheiten in Frage stellt. Und doch muß es zumindest so gewesen sein können. Das macht dieses Projekt so spannend: es geht nicht ohne eine gründliche Beschäftigung mit einer Reihe von Fragen.

  • Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland Forschungen mit Fusion-Fissions-Kügelchen? Wird, wie das Ministerium für Staatssicherheit der DDR argwöhnte, in der BRD an sogenannten mini-nukes gearbeitet?
  • Sind (Forschungs-)Strukturen denkbar, die eine solche Technologie vorantreiben können? Bei welchen Institutionen wäre das angesiedelt; wie finanziert sich das; sind personelle Kontinuitäten bekannt?
  • Ist es in Deutschland nicht strafbar, Atomwaffen zu bauen? Wie sind die rechtlichen Voraussetzungen?
  • Die Bundesrepublik hat den non-proliferation-treaty, den Vertrag zur Nicht-Verbreitung von Atomwaffen unterzeichnet. Wie sind die internationalen Regelungen?
  • Welche außenpolitischen Konsequenzen hätte ein heimliches Basteln an der Bombe? Sind ähnliche Reaktionen der UN zu erwarten wie gegenüber Nord-Korea oder dem Irak?
  • Ist es denkbar, daß ein Politiker Außenpolitik betreibt, ohne detaillierte Kenntnis von solchem Potential zu haben?
Wie gesagt: bisher gibt es lediglich einige Indizien. So schnell wird es sich nicht aufklären lassen, was es wirklich auf sich hat mit den Kügelchen im Sand, mit der außerordentlichen Häufigkeit von Leukämie in der Elbmarsch und mit der Tätigkeit der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mit beschränkter Haftung in Krümmel.

Zum Inhaltsverzeichnis

Leukämie-Cluster

Die bei den Geesthachter Atomanlagen ab 1990 aufgetretene Häufung kindlicher Leukämieerkrankungen ist weltweit einzigartig in ihrer räumlichen und zeitlichen Konzentration. Andere bekannte oder denkbare Verursacher als radioaktive Strahlung konnten durch umfangreiche Untersuchungen von Behörden und den befassten Expertenkommissionen ausgeschlossen werden.

Die zuständige Aufsichtsbehörde, das schleswig-holsteinische Ministerium für Finanzen und Energie, behauptet, daß es keinerlei Hinweise für ungenehmigte Freisetzungen radioaktiver Stoffe in die Umwelt gäbe. Die Leukämiekommission des Landes Schleswig-Holstein jedoch kam 1997 zu dem Schluß, daß die Erkrankungen wahrscheinlich durch ionisierende Strahlung erzeugt wurden. Sie stützte sich dabei auf festgestellte Umgebungskontaminationen durch radioaktive Spalt- und Aktivierungsprodukte sowie Ergebnisse der biologischen Dosimetrie an weißen Blutzellen bei Bewohnern der Nahumgebung.

Ausgangspunkt für strahleninduzierte Leukämie ist das rote Knochenmark. Um dem Verdacht nachzugehen, daß in den Körper aufgenommene knochensuchende Alphastrahler wie Plutonium ursächlich sein könnten, ließ die Bürgerinitiative 1997/1998 Untersuchungen in Proben von abgelagertem Dachbodenstaub durchführen. Dabei wurde nicht nur Plutonium sondern auch das Transuran Americium 241 auffällig erhöht gefunden. Genauere Messungen an diesem Material durch ein Krakauer Institut für Kernphysik bestätigten, daß diese Kerntechnik-Produkte nicht durch die übliche Hintergrundbelastung bedingt sein konnten.

Der Ursprung dieser Stoffe konnte im folgenden durch die Untersuchungen der Gutachtergruppe ARGE PhAM weitgehend aufgeklärt werden, die ebenfalls Spaltprodukte und Transurane in der Nahumgebung der Anlagen feststellten. Dabei wurden in Boden- und Dachstaubproben Mikrokügelchen aus Schwermetall entdeckt und als Pac-Kernbrennstoff identifiziert. Diese entstammen einer Entwicklungslinie der Kernforschung aus den 70er und 80er Jahren, mit der man in einer sog. Hybridtechnik die Prinzipien der Energiefreisetzung durch Kernverschmelzung (Fusion) und Kernspaltung kombinieren wollte. Der "Vorteil" dieser Kombination liegt darin, daß die ausgelösten Kernreaktionen gleichzeitig zur Bildung weiteren Spaltmaterials führen (Brüten) und daß als Ausgangsmaterial die in großen Mengen vorkommenden natürlichen Aktinide Thorium 232 und Uran 238 oder Transurane aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Kernbrennstoffe verwendet werden können.

Aus Umweltproben isolierte Kügelchen und aufgefundenes Hüllmaterial wurden von ARGE PhAM und am Institut für Toxikologie der Universität Kiel untersucht. Es zeigte sich, daß sie Thorium, Uran und Transurane enthalten und zusätzlich die typischen Elemente, die zur Kernfusion und zum Aufbau des Hybridelements gehören. ARGE PhAM geht davon aus, daß bei Geesthacht Experimente mit diesem Material durchgeführt wurden und es dabei zu einem Unfall kam. Sie haben zwischen dem Areal der GKSS und dem Kernkraftwerk Krümmel einen Bereich ausgemacht, in dem es offenbar vor etlichen Jahren gebrannt hat und der radioaktive Stoffe und auch Kügelchen in besonders hoher Konzentration enthält.

Tatsächlich hat es am 12.9.86 ein besonderes Ereignis gegeben, mit dem sich schon die Leukämiekommissionen der Länder Niedersachsen und Scheswig Holstein befaßt hatten. An diesem Tag war eine radioaktive Verseuchung auf dem Gelände des Kernkraftwerks aufgetreten. Betreiber und Aufsichtsbehörde behaupten bis heute, es habe sich um einen Aufstau natürlicher Radioaktivität (Radon) gehandelt. Ein Bericht der IPPNW belegt, daß diese Interpretation nicht haltbar ist. Vielmehr sind an diesem Tag auch künstliche radioaktive Spaltprodukte freigesetzt worden. Dies ergibt sich unzweifelhaft aus den Daten der behördlichen Routineüberwachung.

Die Umgebungskontamination muß sehr massiv gewesen sein. Dies läßt sich u.a. aus dem Auftreten einer Vielzahl von Spaltprodukten im Elbsediment oberhalb der Abwassereinleitstellen für die Nuklearanlagen ableiten. Die signifkante Erhöhung zeigt sich in den Meßergebnissen verschiedener Labors nach dem 12.9.86. Die außergewöhnliche Höhe der Kontamination ergibt sich ferner aus dem Auftreten des Spaltprodukts Cäsium 137 im abgeschlossenen Reservoir des Geesthachter Trinkwasserwerks. Außerdem wurden für den Zeitraum 1986 erhöhte Konzentrationen des Spalt- und Aktivierungsproduktes Tritium, das auch für die Kernfusion verwendet wird, sowie andere Betastrahler in Bäumen der Umgebung festgestellt.

Aufsichtsbehörde und Niedersächsisches Landesamt für Ökologie haben öffentlich mitgeteilt, daß es aufgrund eigener Messungen bei Geesthacht keine radioaktiven Kügelchen gäbe. Ihre Mißerfolge lassen sich teilweise dadurch erklären, daß der Nachweis von Plutonium nicht an einzelnen intakten Partikeln von 1 mm Größe erfolgen kann, sondern nur an einer aufkonzentrierten Menge von Schwermetall-Kleinstkügelchen mit maximal 0,05 mm Durchmesser. Derartige Untersuchungen wurden von keiner Meßstelle in behördlichem Auftrag durchgeführt.

Die erhöhten Konzentrationen an Spaltprodukten und Transuranen in Begleitung von Uran und Thorium zeigen, daß die Freisetzung aufgrund des Unfalls nach einem starken Neutronenfluß erfolgte.

Eine Bestätigung der ARGE PhAM-Befunde liefern frühere - auch behördliche - Bodenuntersuchungen in der Elbmarsch, die im Zusammenhang mit der Leukämieursachenforschung Anfang der neunziger Jahre unternommen wurden. Der Nachweis angereicherten Urans in den Messungen ist nur durch Kerntechnikaktivitäten und ungenehmigte Freisetzungen erklärlich. In diesen Messungen ist bereits die ungewöhnliche Häufung von Thorium dokumentiert, dem Spalt- und Brutmaterial für das Hybridsystem, und seinen radioaktiven Abkömmlingen.

Wahrscheinlich sind nicht alle aufgezeigten Umgebungskontaminationen bei KKK und GKSS auf ein einmaliges Ereignis zurückzuführen. Es ist aber davon auszugehen, daß die am 12.9.86 erfolgte Freisetzung die wesentliche Quelle für die Leukämieinduktion war. Zur Abschätzung des zeitlichen Dosisverlaufs der Bevölkerung müssen weitere Details über den Freisetzungsvorgang, die Art und Menge der Radioaktivität und über den Grad der Zerstörung von Mikrokügelchen ermittelt werden.@

Zum Inhaltsverzeichnis

Funde in Hanau

von Sebastian Pflugbeil

In der kontroversen Diskussion um Kernbrennstoff in Wohngebieten wird bis heute von den zuständigen Behörden immer wieder infragegestellt, daß es diese Kügelchen wirklich gibt. Darin steckt die Unterstellung, daß Dipl.Ing. Werner Gabriel (ARGE PhAM, Weinheim), der die Kügelchen in Hanau (und in der Elbmarsch) gefunden hat, sich die Kügelchen von sonstwo besorgt haben könnte, sie jedenfalls nicht an den behaupteten Stellen gefunden hat.

Im Rahmen einer Exkursion am 8. Juni 2002 haben Frau Dr.med. Angelika Claußen (IPPNW-Vorsitzende, Bielefeld), Prof. Edmund Lengfelder (Universität München), Prof. Inge Schmitz-Feuerhake (Gesellschaft für Strahlenschutz, Bremen), Thomas Dersee (Strahlentelex, Berlin), Dr.med. Ute Östreich (IPPNW, Hanau) und Dr. Sebastian Pflugbeil (Gesellschaft für Strahlenschutz, Berlin) überprüft, ob sich die Kügelchen tatsächlich so leicht aufspüren lassen, wie Gabriel und seine Kollegen in der ARGE PhAM es behauptet haben. Dipl.Ing. Gabriel hat die Gruppe von Fachleuten begleitet und in die handwerklichen Schritte bei der Probennahme und der Separation der Kügelchen eingewiesen ohne sich an den Arbeiten selbst zu beteiligen.

In einem Wäldchen dicht am Zaun der Hanauer Atombetriebe fanden die Fachleute sofort Schlackestücke verschiedener Art. In einem Wohngebiet, etwa 1.200 Meter von den Atombetrieben entfernt, wurden mehrere Bodenproben im Wurzelbereich von Bäumen an der Straße und in Gärten entnommen. In der Garage von Dr. Östreich wurden mit wenigen Handgriffen tatsächlich die Kügelchen aufgespürt: Eine Bodenprobe wurde durch ein einfaches Teesieb geschüttet, eine andere wurde sorgfältig gewaschen (dekantiert), das verbliebene Material auf Filterpapier zum Trocknen ausgebreitet; Schlackestücke wurden mit Wasser geschüttelt, der dabei herausgewaschene Abrieb wurde ebenfalls zum Trocknen auf Filterpapier ausgebreitet.

In allen so vorbereiteten Proben haben die Fachleute unter Auflichtmikroskopen die Kügelchen mit Pinzetten herausgesammelt. Es wurden Kügelchen unterschiedlicher Art gefunden, metallisch glänzende und bräunlich-schwärzliche mit Durchmessern bis zu 1 Millimeter. Einige Kügelchen wiesen ein Einschußloch auf, wie es in dem Bericht ELB4 an Kügelchen aus Hanau und Elbmarsch mit elektronenmikroskopischen Aufnahmen bereits eindrücklich dokumentiert wurde. Neben intakten Kügelchen wurden auch zerbrochene Kugelschalen und andere Materialien gefunden, die einer weiteren Untersuchung bedürfen. Im Rahmen dieser mehrstündigen Exkursion ließen sich zwar noch keine Aussagen über die Beschaffenheit der Kügelchen im Detail machen, wohl aber über deren Existenz.

Die eigenen Beobachtungen und Erfahrungen der Expertengruppe haben die diesbezüglichen Berichte von Dipl.Ing. Gabriel in vollem Umfange bestätigt.

Information der Bürger

Anders als in der Elbmarsch ist in Hanau die Konfrontation der Bürger mit radioaktiven Kontaminationen neu und hat begreiflicherweise für Beunruhigung gesorgt. Die Obrigkeit in Stadt (Hanau) und Land (Hessen) hat auf eine Weise reagiert, die aus der Elbmarsch vertraut erscheint: Die Funde werden bestritten, das zuständige Hessische Amt für Umwelt und Geologie mißt gezielt an den Kügelchen vorbei und findet angeblich keine erhöhten Strahlenwerte, Dipl.Ing. Gabriel, der im Auftrag der IPPNW das Problem untersucht, wird als Scharlatan bezeichnet, mit abstrusen Theorien (Wurmkot!) ohne jeden Beleg werden die Bürger und die Medien an der Nase herumgeführt, der mögliche Imageverlust der Stadt Hanau wird beklagt (was wird mit der Gartenschau!!), jedes Risiko für die Einwohner ausgeschlossen. In dieser Situation bestand großes Interesse an der Vermittlung des Wissensstandes an die betroffenen Bürger in Hanau. Prof. Inge Schmitz-Feuerhake (Bericht über die welthöchste Rate an Leukämie bei Kindern in der Elbmarsch, die Suche nach den Gründen und Desinteresse und Desinformation der Behörden), Dipl.Ing. Werner Gabriel (Meßergebnisse in Elbmarsch und Hanau), Prof. Edmund Lengfelder (Bericht über die Exkursion zum Auffinden der Kügelchen) und Dr.med. Angelika Claußen (Position der IPPNW, Forderungen an Stadt, Land und Bund) trugen unter Moderation von Dr. Sebastian Pflugbeil den Erkenntnisstand vor und stellten sich der Diskussion.

Neben dem Podium konnte sich jeder am Mikroskop von der Existenz der am gleichen Tage gefundenen Kügelchen mit eigenen Augen überzeugen. Bemerkenswert ist, daß der Leiter der Hessischen Atomaufsicht, Dr. Helge Schier, sich an der Diskussion beteiligte und den Standpunkt des Hessischen Umweltministeriums zu erklären versuchte. Auf gezielte Nachfrage rehabilitierte er die Würmer des Hessischen Umweltministers - er hat die Wurmkot-Hypothese zur Erklärung der Herkunft der Kügelchen nicht weiter vertreten. Eine weitere Bemerkung von Dr. Schier erscheint noch wichtiger: Dipl.Ing. Gabriel hat ernsthafte Probleme mit den Behörden bekommen, als er über die auffällige Kontamination von NUKEM-Mitarbeitern zu der Hypothese eines unfallartigen Ereignisses im Januar 1987 kam. Dieses Ereignis hängt möglicherweise mit den Kügelchen-Funden zusammen.

Die Atomaufsicht hatte trotz mehrfacher Nachfrage dazu selbst nie klar Stellung bezogen und lediglich auf ein Gutachten des Öko-Instituts verwiesen, das ein solches Ereignis bestreitet. Nun erinnert sich Dr. Schier auf Nachfrage, daß da im Januar 1987 etwas war, er könne sich nur nicht genau erinnern, wann und was genau. Es ist zu begrüßen, daß der Leiter der Atomaufsicht sich in einer sehr gespannten Atmosphäre der Diskussion gestellt und in den Argumenten erkennbar bewegt hat, auch wenn das offensive Interesse an der Ermittlung der Fakten, der Ursachen und der Risiken bisher eher bei der IPPNW und deren Experten zu bestehen scheint. Der Verfasser hat die Hoffnung nie aufgegeben, daß sich in der Kernphysik letztlich die naturwissenschaftlichen Argumente als stärker erweisen als die politische Raison.

Vor dem Hintergrund der Situation in der Elbmarsch haben wir allen Grund zur Beunruhigung in Hanau. Was uns zur Elbmarsch an detaillierten Analysen heute vorliegt, ist im Prinzip, aber nicht im Detail auf Hanau übertragbar.

aus IPPNW-Forum 75/76

Zum Inhaltsverzeichnis

Widersprüche

Überblick über Untersuchungen der Radioaktivität in Elbmarsch und -geest

1. Meßergebnisse der ARGE PhAM

In Bodenproben aus Elbmarsch und -geest wurden in orientierenden Voruntersuchungen erhöhte Aktivitäten gemessen. Gleichzeitig wurden Kügelchen gefunden, die als pac-Material klassifiziert wurden (die jedoch nicht durchweg radioaktives Material enthielten). Es wird auch darauf hingewiesen, daß die Teilchen nicht aus einem kommerziellen Reaktor stammen können, sondern einer Forschungsanlage zuzuordnen sind. Mit Hilfe der a- und g-Spektrometrie wurden u.a. Am-243, Th-230, Th- 232 und weitere Actinide in Konzentrationen gefunden, die nicht- natürlichen Ursprungs sind. Weiterhin wurde in mehreren Proben angereichertes Uran nachgewiesen. Die identifizierten Nuklide können nicht mit Tschernobyl- und Waffenfallout erklärt werden.

2. Reaktionen auf Zwischenergebnisse der ARGE PhAM

In einer Pressemitteilung vom 9.2.01 weist die GKSS die "Unterstellungen" der ARGE PhAM zurück und verlautbart unter anderem : "GKSS hat niemals eigene Forschung für Brennelement-Entwicklung betrieben" und "sind diese (pac-) Brennelemente in der Fachwelt unbekannt." Dagegen

  • heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Reaktorsicherheit vom 12.3.2001 für den Bundesumweltminister betreffend die Technik der pac-Herstellung: "werden hier Kernbrennstoffkügelchen mittels eines Sol-Gel- Verfahrens hergestellt (...) mit typischerweise 0,5 bis 1,2 mm sowie eine Fraktion mit 0,04 bis 0,25 mm Durchmesser" und: " das Verfahren wurde vor allem zwischen Ende der 70er und etwa Mitte der 80er Jahre verfolgt (Sowjetunion, Japan, USA, Schweiz, Niederlande, Deutschland, Indien)".
  • Vgl. auch das Patent der Fa. NUKEM zur Herstellung von Mikrokügelchen von 1984
  • heißt es in der Zeitschrift "Atomwirtschaft" vom Januar 1988 u.a.: " Im Rahmen des AF-Programms sind in Deutschland, in Geesthacht und Jülich, LEU-Brennstoffplatten und -elemente (...) mit eingewalzten Brennstoffpartikeln (Korngröße 40 mm) (...) getestet worden"
  • Vgl. auch Berichte der Fa. Interatom betr. Umstellung der experimentellen Beladungen der FRG-1 und FRG-2 -Reaktoren in Geesthacht mit LEU und MEU-Kernen (low-enriched -, medium enriched uranium) 1983 bis 1986
  • Vgl. auch Schreiben der Staatsanwaltschaft Hanau vom 29.1.01: "im Hinblick auf die seit 1974 erfolgte Einbeziehung von GKSS in den Entwicklungsverbund von u.a. ITU, NUKEM und EIR zur Herstellung von MOX- Material ...."
  • Vgl. auch GKSS-Bericht zur Erprobung von LEU-Brennelementen in den FRG-Reaktoren.
  • Vgl. auch EIR-Bericht (Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung, Würenlingen) über Versuche mit Uran/Plutonium - pac- Elementen.
  • In der Fachliteratur gibt es deutliche Hinweise darauf, daß man sich in Geesthacht und in dem Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen (INT) in Stohl bei Kiel, einer vom Verteidigungsministerium finanzierten Einrichtung, gemeinsam schon frühzeitig Gedanken über Fusionsreaktionen in Mikrokügelchen (vgl. pac-Material !) gemacht hat.
  • Zitat aus der Zeitschrift "Fusion" 1979, Autor F. Winterberg, ehemals Wissenschaftler bei der GKSS: "Zusammen mit Professor Bagge begannen wir zu überlegen, wie wir möglicherweise eine thermonukleare Miniexplosion unter Anwendung hochexplosiven chemischen Sprengstoffs zünden könnten."

Es muß zumindest als sonderbar bezeichnet werden, daß seitens der GKSS (siehe z.B. die o.g. Pressemitteilung ) jegliche Kenntnis der auch aus der Litertur bekannten Forschungsarbeiten an pac-Brennelementen bestritten wird, darüberhinaus noch mit der haltlosen Behauptung, "(pac-) Brennelemente sind in der Fachwelt unbekannt" !

Aus diversen Mitteilungen / Stellungnahmen von Behörden in Schleswig-Holstein und Niedersachsen:

In einem Bericht des Ministeriums für Finanzen und Energie Schleswig-Holstein schrieb Staatssekretär Voigt am 15.6.01 : daß drei Institute, GKSS, LUFA, und NLÖ die gefundenen Teilchen als "Wurmkot und Pflanzenteilchen" identifiziert hätten. Die Verlautbarungen der ARGE PhAM werden als unseriös bezeichnet. Staatssakretär Voigt schrieb, es gäbe keinen Befund, der auf das Vorhandensein von künstlichem radioaktivem Material in Elbmarsch und -geest hindeutet - trotz der vorliegenden Ergebnisse auch anderer Institute. Dagegen:

  • Das Vorhandensein von pac- Kügelchen in Elbmarsch und - geest ist evident - wissenschaftlich ernstzunehmende Widerlegungen gibt es bisher nicht. Die Kügelchen sind mit mikroskopischen und elektronenmikroskopischen Aufnahmen zweifelsfrei dokumentiert. Chemische und physikalische Analysen belegen, daß es sich nicht um organisches Material handelt . Als Elemente des Hüll- und Füllmaterials wurden bisher u.a.: Al, Si, Li, Be, Ga und Actinide ermittelt.
  • Staatsekretär Voigt übernimmt GKSS-Verlautbarungen, wie " pac- Brennelemente sind in der Fachwelt unbekannt" etc. offensichtlich unreflektiert.
  • Am 17.7.2001 veranlaßte das Amtsgericht Lübeck eine Beschlagnahmung aller Proben, die die ARGE PhAM in Elbmarsch und -geest genommen hatte und behinderte damit die unabhängigen Untersuchungen. Am 18.7.2001 wurde von einem Sachbearbeiter des LKA Kiel mitgeteilt, daß in dieser Sache Druck von offizieller Stelle ausgeübt worden sei.
  • Noch in der Drucksache 15/1128 vom 18.07.2001 - Kleine Anfrage im Landtag Schleswig-Holstein - werden von der Landesregierung die Ergebnisse der ARGE PhAM trotz besseren Wissens als "widerlegt" dargestellt und Mitglieder der ARGE PhAM darüberhinaus verunglimpft.

3. Meßergebnisse weiterer Institute betr. Radioaktivität in Elbmarsch und -geest

  • Bericht des Instituts für Kernchemie und des Instituts für Physik der Universität Mainz: "Bestimmung des Gehalts von Plutoniumisotopen in Hausstaubproben mittels Lasermassenspektrometrie" , Februar 2000. Bemerkenswert sind die nachgewiesenen vergleichsweise hohen Pu-241-Konzentrationen, die nach Daten der Strahlenschutzkommission insbesondere nicht auf Tschernobylfallout zurückzuführen sind.
  • Bericht aus dem Isotopenlabor für biologische und medizinische Forschung der Universität Göttingen "Gammaspektrometrische Analysen an 5 Bodenproben aus der Elbmarsch", 24.1.1996 Ergebnisse unter anderen sind, daß in den Proben angereichertes Uran vorliegt und der Thoriumgehalt (Folgeprodukt Ac-228) zumindest in zwei Proben ungewöhnlich hoch ist.
  • Bericht des Niedersächsischen Landesamts für Ökologie (NLÖ): "Bericht über die Sonderuntersuchung der Belastung des Bodens der Elbmarsch mit Alphastrahlern", Dok. Nr. 258, 13.2.2001 Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, daß in der Elbmarsch keinerlei vom üblichen Hintergrund abweichende Kontamination vorliege. Daß man aber aus den Tabellen 6.2, 6.3 und 11 des Berichts entnehmen kann, daß an einigen Probenahmeorten angereichertes Uran nachgewiesen wurde, war den Autoren des NLÖ offensichtlich entgangen. Schon am 23.3.2001 (Dok. Nr. 268) legten die Autoren neue Meßwerte vor, die z.T. niedrigere Anreicherungen belegen sollten - eine merkwürdige Vorgehensweise!
  • Bericht des Niedersächsischen Landesamts für Immissionsschutz (NLIS, jetzt:NLÖ) von 1991: Die Ergebnisse weisen deutliche Abweichungen für U-235- und Th- 232 Folgeprodukte - insbesondere Pa-231 - von der natürlichen Zusammensetzung auf.

Fazit: Auch durch Messungen anderer Institionen ist mithin eindeutig belegt, daß in Elbmarsch und -geest Nuklide durch ein bisher nicht näher beschriebenes "Ereignis" deponiert worden sind, die nicht-natürlichen Ursprungs sind. Die von der ARGE PhAM vorgelegten Ergebnisse werden damit bestätigt - auch wenn die neueren Erkenntnisse inhaltlich deutlich über die früher vorgelegten Ergebnisse hinausgehen (z.B. das Vorhandensein von pac-Kügelchen).

4. Tatsachen und Vermutungen zu einem Vorkommnis in der Elbgeest

Die großflächige Verbreitung der aufgefundenen Kügelchen nicht-organischen Ursprungs in Elbmarsch und -geest kann ihre Ursache ausschließlich in einem unfallbedingten Ereignis haben - sei es ein Großbrand, eine Verpuffung, eine Explosion oder ähnliches.

Wenn eine endliche Menge angereicherten Materials (das im Erdboden in seinem natürlichen Isotopenverhältnis vorliegt (z.B. Uran, Thorium, Lithium etc.) über eine größere Fläche verteilt wird, ist nicht ohne weiteres zu erwarten, daß das ursprünglich angereicherte Material in diesem Zustand wiedergefunden wird. Hier ist das Mengenverhältnis natürliches / künstliches Material für das Analysenergebnis maßgebend.

Es ist nicht davon auszugehen, daß das unfallbedingt ausgestoßene, evtl. angereicherte Material makroskopisch und mikroskopisch homogen verteilt wird. Es ist anzunehmen, daß Eigenschaften wie Radioaktivität, Isotopenzusammensetzung u.ä. in Partikeln ungleichmäßig verteilt sind. Dafür gibt es experimentelle Belege bei den bisherigen Voruntersuchungen.

Am 12.9.1986 wurde eine deutlich erhöhte Beta-Aktivität bei regelmäßigen Messungen der GKSS in Obermarschacht festgestellt. Am gleichen Tag wurden im Kernkraftwerk Krümmel erhöhte Aktivitäten in der Zuluft gemessen.

Bei einer Untersuchung von Elbsediment am 15.9.1986 bei der GKSS-Einlaufbauwerk an der Elbe durch die LUFA wird u.a. eine ungewöhnlich hohe Cs-137 - Aktivität (~ 100 Bq/kg) gemessen. Das Verhältnis von Cs-137 zu Cs-134 belegt, daß die Aktivitäten weder von Tschernobyl noch von Waffenfallout stammen können. Gleichzeitig wird dort eine Np-239 - Konzentration von " < 3300 Bq/kg" bestimmt. Np-239 ist das kurzlebige Tochterprodukt des langlebigen Am-243 (das auch die ARGE PhAM gemessen hat).

Als Erklärung gaben die GKSS und das Kieler Ministerium für Finanzen und Energie eine Radonwolke von 500 Bq/m³ infolge austauscharmer stabiler Wetterverhältnisse vor dem 12.9.1986 an. Die ARGE PhAM hält das für eine Irreführung der Öffentlichkeit.

Prof. Dr. R. Brandt, Dipl.Ing. H. W. Gabriel, Dr. D. Schalch, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. A. Scharmann, ARGE PhAM Giessen

Stand Oktober 2001

Zum Inhaltsverzeichnis

Dauerware in Deutschland: die H-Bombe

Die Inspektion des irakischen Arsenals an vermuteten Massenvernichtungswaffen findet international allerhöchste Aufmerksamkeit. Die verdankt sie nicht nur der damit verknüpften Kriegsdrohung der US-Regierung. Die Herstellung, Anschaffung und Besitz solchen Zerstörungspotentials durch wen auch immer ist zugleich die Drohung, sie irgendwann zum Einsatz zu bringen. Sollten die UN-InspektorInnen in Bagdad und Umgebung auf Atombomben oder Anlagen zu ihrer Herstellung stossen, braucht sich niemand darüber zu wundern, wenn auch irgendwo ein Zettel made in germany draufklebt.

Der neben stehende Artikel ist vor 13 Jahren geschrieben worden. Es steht zu befürchten, daß nur die ausgewählten Beispiele ihre Aktualität verloren haben.

von rh. Hamburg

Zur Jahreswende 1989 stand die H-Bombe - wenn auch nicht made in Germany, so doch proliferated by Germany - im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Bundesdeutsche Atomfirmen hatten Technologie und Stoffe, die für diese Waffe wichtig sind, in verschiedene Staaten der sogenannten 3. Welt, u.a. nach Pakistan und Indien, geliefert.

Im Zusammenhang betrachtet - Genehmigungen auf höchster politischer Ebene, Beteiligung führender Atomkonzerne der BRD, Verwicklung der bundesdeutschen Kernforschungszentren - formt sich ein Bild, wonach es sich hier weniger um die im Allgemeinen angeprangerte Dunkelmännerproliferation handelt, als um eine nukleare Kooperation wechelseitigen nationalen Interesses. Daß es überhaupt ein Eigeninteresse der BRD an Atomwaffenforschung geben könne, wird immer wieder geleugnet. Nicht zu bestreiten ist allerdings, daß die logische Voraussetzung der Proliferation H-Bombenrelevanter Technologie der eigene Besitz dieses Know-Hows ist.

Verwickelt in diese Proliferation waren auch bundesdeutsche Kernforschungszentren. Ein Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts in Garching bei München baute die nach Pakistan verschobene Tritiumanlage vor Ort auf. Verdachtsmomente, an Proliferationsgeschäften beteiligt zu sein, richten sich auch gegen das Kernforschungszentrum Karlsruhe, das wie Garching an der Verwendung von Tritium forscht. Das Gleiche gilt für die KFA Jülich. Die Jülicher stehen bezüglich ihrer Forschungen an Tritiumtechnologie in engem Austausch mit den Atomwaffenforschern im indischen Bombenzentrum in Trombay, wo Indiens erste, 1974 gezündete Atombombe gebaut wurde. Spätestens seit Ende der 70er Jahre wird dort auch an der H-Bombe geforscht. Alle Geschäfte mit Pakistan und Indien, die zur Jahreswende aufgedeckt wurden, waren auf höchster Ebene in Bonn abgezeichnet. Sie waren sowohl vom Wirtschaftsministerium als auch vom Außenministerium genehmigt.

Insofern läßt sich denn auch die These formulieren: Wenn in den nächsten Jahren in Indien, Pakistan, oder wohin auch immer proliferiert wird, eine H-Bombe gezündet werden sollte, dann wird das auch eine deutsche Bombe sein. Die deutschen Ambitionen auf die Wasserstoffbombe haben eine weit längere Tradition als in diesen Ländern.

Experimente im Faschismus

Bekannt ist, daß es im faschistischen Deutschland während des Krieges ein Atomprogramm zum Bau einer Plutonium- bzw. Uranbombe gegeben hat. Weniger bekannt dürfte sein, daß es daneben auch Forschungen zum Bau einer H-Bombe gab.

Geleitet wurden diese Forschungen von Dr. Kurt Diebner, dem Sprengstoffspezialisten der Nazis, der von Heereswaffenamt und Reichsforschungsrat auch mit dem Bau der Uran- bzw. Plutoniumbombe beauftragt war. Den Anstoß für eine Ausdehnung des Programms auf H-Bombenversuche gaben die grundlegenden theoretischen Arbeiten zweier deutscher Forscher aus dem Jahr 1942. Der Aero-Dynamiker Adolf Busemann veröffentlichte eine "Stoßwellenfokussierungstheorie", und eine Arbeit des Physikers Guderley ermöglichte die Beschreibung einer implodierenden Stoßwelle. Ziel war es, mittels konvergenter Stoßwellen in kugelsymmetrischen Anordnungen so hohe Temperaturen und Drücke zu erzeugen, daß damit eine Kernfusionsexplosion auszulösen wäre.

Während bei einer Atombombe schwere Kerne wie U235 oder Pu239 durch Neutronen gespalten werden, basiert eine Wasserstoffbombe auf der Fusion leichter Kerne: Die Wasserstoffisotope H2 und H3 verschmelzen zu Helium. Um einen solchen Prozeß in Gang zu setzen, ist jedoch zunächst eine gewaltige Anfangsenergie erforderlich, da die elektrischen Abstoßungskräfte der Kerne überwunden werden müssen. Für eine solche Zündung probierte man Implosionsverfahren aus: Die zu verschmelzende Masse sollte gewissermaßen zusammengesprengt werden.

Welche gewaltigen Energien in einer Kernfusion schlummerten, war bereits seit Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre bekannt. Damals bereits hatten Wissenschaftler die Kernfusion als den Prozeß entdeckt, aus dem sich die ungeheuren Energiequellen der Sterne speisen würden. Sofort nach Bekanntwerden der Arbeiten Guderleys und Busemanns stellte Diebner eine Arbeitsgruppe zusammen, um erste Experimente zur Auslösung dieser Sternenfeuer unter irdischen Bedingungen durchzuführen. Der Arbeitsgruppe gehörten neben Diebner selbst die Wissenschaftler W. Trinks, W. Czulius, W. Herrmann, G. Hartwig und G. Sachsse an.

Ende 1943 war man soweit, ein erstes Experiment durchführen zu können. Als Kernfusionsstoff wurde damals Deuterium (schweres Wasser) benutzt. Auch bei der ersten US-amerikanischen H-Bombe im Mike-Versuch 1952 soll es sich um eine Deuterium-Bombe gehandelt haben. Das Deuterium sollte durch eine Hohlladung bis auf Fusionstemperaturen komprimiert werden. Bei Diebner heißt es dazu: "Als Sprengkörper diente eine Hohlkugel von 20 cm Durchmesser. Um eine konzentrierte Zündung zu gewährleisten, wurde die Kugel durch mehrere Sprengkapseln (Zeitzündung durch Knallzündschnur) gezündet."

Der Versuch mißlang. Man meinte, "wegen der geringen Größe der Anordnung". Diebner dazu: "Die theoretischen Abschätzungen ergaben für die Erreichung des gesteckten Ziels einen notwendigen Kugelradius von 10 m und einen Mindestsprengstoffaufwand von mehreren Tonnen." Die Versuche mißlangen jedoch notwendigerweise aus anderen Gründen. Mit herkömmlichen Sprengstoffen waren Verdichtungsstoßwellen zur Erreichung von Fusionstemperaturen nicht zu erzielen. Die Zündung einer H-Bombe erforderte einen Sprengstoff neuer, nuklearer Qualität: Plutonium.

Deutscher H-Bomben-Entwurf von 1952

Nach dem Krieg war der BRD jede militärische Atomforschung verboten. Trotzdem wurden im Geheimen die begonnenen Arbeiten sehr schnell wieder aufgenommen, selbst im Bereich der H-Bombenentwicklung. Trinks, einer der führenden Köpfe in der faschistischen Fusionsforschung, hat offenbar bereits Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre seine Gedanken wieder um die gleiche alte Idee kreisen lassen. 1952 ließ er sich die Ergebnisse seiner bis dahin getätigten Forschungen patentieren. Veröffentlicht wurden die Arbeiten erst 1971.

Ebenfalls wieder im Geschäft war Diebner. Gemeinsam mit Erich Bagge gehörte er zu den Gründervätern des Atomforschungszentrums Geesthacht. Diebner und Bagge kannten sich aus dem faschistischen Atomprogramm. Sie hatten damals zusammen den Generalplan zum Bau der Atombombe konzipiert und den Einsatz der Wissenschaftler koordiniert. 1956, als es in Geesthacht um den Aufbau eines ersten Forschungsreaktors ging, stieß ein weiterer auf Fusionsforschung spezialisierter Wissenschaftler zu ihnen: Friedwardt Winterberg, ein Schüler Heisenbergs.

Neben dem Aufbau des Atomreaktors war das Interesse Diebners, Winterbergs und Bagges sogleich wieder auf die Fusionsforschung gerichtet. Immer noch ging es um die alten Ideen aus dem faschistischen H-Bombenprogramm. "Zusammen mit Professor Bagge begannen wir zu überlegen", so Winterberg, "wie wir möglicherweise eine thermonukleare Miniexplosion unter Anwendung hochexplosiven chemischen Sprengstoffs zünden könnten. Unsere Idee war, die Guderley-Lösung in Verbindung mit einem superschnellen z-pinch oder explodierenden Draht zu nutzen."

In der ersten Ausgabe der "Atomenergie", einer von Bagge u. a. gegründeten Zeitschrift für die BRD-Atomforschung, veröffentlichte Winterberg 1956 als Mitarbeiter der Hamburger "Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie" - der Fördergesellschaft des Atomzentrums Geesthacht - einen Aufsatz über die verschiedenen thermonuklearen Reaktionen in technischer Sicht, der auch Kenntnisse von der Funktionsweise einer Wasserstoffbombe verrät. Explizit wird hier bereits "der vermutliche Wasserstoffbombenprozeß zum Aufbau von Helium aus Lithium und Deuterium" analysiert. Winterberg will auf dem Papier - als Entwurf - bereits 1952 eine eigene Wasserstoffbombe konzipiert haben. Er präsentierte ihn 1979 in einem Artikel in der "Atomkernenergie". Ein Entwurf ist noch keine Bombe. Seine Funktionstüchtigkeit müßte sich erst erweisen. Allein der Tatbestand aber, daß hier 1979 ein deutscher H-Bombenentwurf - datiert auf 1952, das Jahr des ersten erfolgreichen amerikanischen H-Bombentests - präsentiert wird, dokumentiert einen gleichermaßen ungeheuerlichen wie ambitionierten Anspruch auf Ebenbürtigkeit. Es ist der kaum versteckte nationalistische Fingerzeig: Auch die Deutschen hätten bereits 1952 eine H-Bombe bauen können, wenn man sie gelassen hätte.

Nationalistisches Wissenschaftspathos ist auch sonst der Tenor bei Winterberg. Mit Bedacht beruft er sich für seinen 1952er Entwurf ausschließlich auf deutsche Physiker. Für die Idee, als Fusionssprengstoff 6Li-D anstelle von Tritium (H3) oder Deuterium (H2) zu wählen, da sich das Tritium "während einer thermonuklearen Explosion in einem Gemisch aus Deuterium und dem seltenen Lithiumisotop 6Li von selbst bilden kann", verweist er auf den deutschen Physiker Ulrich Fetter. Der habe, so Winterberg, "bereits 1950" auf diese "wichtige andere Möglichkeit erstmalig hingewiesen". Die streng geheim gehaltene "Teller-Ulam-Konfiguration" der US-amerikanische H-Bombe ist für Winterberg "nichts anderes als eine spezielle Anwendung der Busemannschen Theorie", also eines weiteren deutschen Forschers.

Als der Physiker Carl-Friedrich von Weizsäcker 1957 zu einem Treffen von Spezialisten auf dem Gebiet der Fusionsforschung nach Göttingen rief, um die künftigen Untersuchungsgebiete genauer zu definieren, gehörten auch die Wissenschaftler zu dem erlauchten Kreis, die bereits im Faschismus an der Wasserstoffbombe geforscht hatten. Die Geesthachter wurden durch Friedwardt Winterberg vertreten.

Offenherzig schreibt Winterberg in der Zeitschrift "Fusion" über die Vorbesprechungen zu diesem Treffen in Geesthacht: "Bevor ich zu dem Treffen ging, warnte mich Diebner: Wenn Weizsäcker erfährt, daß wir Fusion mit kleinen Explosionen machen wollen, wird er augenblicklich dagegen sein". Genau das trat ein. Winterberg, der versucht hatte, das Konzept der Geesthachter als "Fusion mittels konvergenter Schockwellen" zu verkaufen, handelte sich von Weizsäckers Kritik ein, "daß das nur mit D-T und dann nur in Form von Minibomben funktionieren würde."

Als er, Winterberg, darauf zu bedenken gab, "daß wir nicht vernachlässigen sollten, auch über diese Möglichkeit nachzudenken" unterbrach ihn von Weizsäcker, der das Gespräch schroff beendete: "Das ist, wo ich aufhöre zu denken." Es wurde nicht aufgehört darüber nachzudenken. Zwar setzte sich das Konzept der Geesthachter auf der damaligen Konferenz nicht durch, aber ein Interesse an diesen Überlegungen tauchte immer wieder auf.

Friedliche Explosionen für den Hafenbau?

1962 veröffentlichte Diebner in der "Kerntechnik" einen Aufsatz, in dem er die älteren Forschungen und einige neuere Ansätze dieser Richtung zusammenfaßte. Aus diesem Aufsatz geht eindeutig hervor, daß an der Entwicklung von Waffen geforscht wurde. Behauptet wurde lediglich, es handele sich sozusagen um friedliche Wasserstoffbomben. "Als mögliche Anwendung", so Diebner lapidar, "kann nur an unterirdische Explosionen und Großraumsprengungen - z.B. für den Hafenbau - gedacht werden." Um dem Ganzen wenigstens einen Anstrich von Seriösität zu geben, heißt es dann weiter, "daß auf der zweiten internationalen Konferenz in Genf 1958 über die friedliche Nutzung der Atomenergie bereits technisch ausgereifte Vorschläge zur Nutzbarmachung der Energie unterirdischer Kernspaltungs- und Kernverschmelzungsexplosionen von H. Brown u. a. vorgelegt wurden."

Das Konzept zur Auslösung von Kernfusion mittels "thermonuklearer Mikroexplosionen", oder wie von Weizsäcker deutlicher sagte, "in Form von Minibomben", wurde in der BRD auch in den 70er Jahren verfolgt. Neben Winterberg diskutierten insbesondere die Atomforscher vom damals in Stohl bei Kiel ansässigen "Institut für Naturwissenschaftliche Trendanalysen" sogenannte neuere Methoden zur Auslösung solcher miniaturisierter Kernfusionsexplosionen. Anknüpfend an Winterberg erörterte Leuthäuser z.B. eine Verbesserung des Konzepts laserinduzierter Kernfusion.

In der Tat funktioniert das Konzept der Fusion mittels Mikroexplosionen vom Prinzip her entsprechend dem der Makro-Fusionsexplosionen (H-Bombe). Der fachwissenschaftliche Terminus lautet für beide Prozesse "Trägheitseinschlußfusion" oder "Inertial Confinement-Fusion (ICF)". Im Unterschied zur Explosion einer H-Bombe, deren Zündung durch eine Plutonium-Bombe erfolgt, wird für miniaturisierte Fusionsexplosionen nach anderen Zündern gesucht, da die Miniaturisierung des Plutonium-Zünders durch die kritische Masse des Plutoniums begrenzt ist.

Für die Auslösung der Mini-Fusion im Laborversuch denkt man daher an Hochleistungslaser oder sehr intensive Elektronenstrahlenquellen. Im Unterschied zur Wasserstoffbombe ist die Zündung von Mikro-Fusionsexplosionen bis heute nicht gelungen, da es bisher an ausreichend starken nichtatomaren Energiequellen zur Auslösung einer Kernfusion fehlte. Am weitesten fortgeschritten sind auf diesem Gebiet die USA. Hier soll im Sandia National-Laboratory bei Albuquerque ein Laser mit einer ausreichenden Treiberenergie von 1 bis 2 Mega-Joule gebaut werden.

In den Atomwaffenstaaten konzentriert sich die Forschung und Entwicklung von "Inertial Confinement Fusion" fast ausschließlich auf die militärische Anwendung. Die Realisierung einer zivilen Einsatzmöglichkeit ist auf lange Sicht nicht abzusehen. Die Versicherungen von Nicht-Atomwaffenstaaten wie der BRD, sie betrieben ICF rein zu zivilen Zwecken, ist insofern in höchstem Maße unglaubwürdig. Völlig absurd wird diese Versicherung dann, wenn - wie im Falle des INT - ein Institut an diesen Forschungen beteiligt ist, das ursprünglich aus den spezifischen Interessen des Bundesverteidigungsministeriums eingerichtet worden ist.

Das Institut für Naturwissenschaftliche Trendanalysen (INT), an dem Leuthäuser seine Forschungen tätigte, war ursprünglich als eine Außenstelle des von Erich Bagge geleiteten Instituts für Reine und Angewandte Kernphysik in Kiel eingerichtet worden. Ab Mitte der 60er Jahre wurde es laut Bagge aus Mitteln und auf Initiative des Bundesverteidigungsministeriums zu einem eigenständigen Institut ausgebaut. 1972 war der Ablösungsprozeß vom Bagge-Institut abgeschlossen und das INT wurde als eigenständiges Institut in die Fraunhofer-Gesellschaft integriert.

Die Wissenschaftler vom INT sind aber nicht die einzigen, die in der BRD auf dem militärisch brisanten Gebiet der ICF-Forschung arbeiten. Entgegen dem Diktum von Weizsäckers: "Das ist, wo ich aufhöre zu denken", wird heute in den wichtigsten Atomforschungszentren der BRD an ICF geforscht. Forschungsschwerpunkte auf diesem Gebiet existieren bei der GSI in Darmstadt, am Kernforschungszentrum in Karlsruhe und am IPP Garching.

Unabhängig von der Frage, ob die BRD nun bereits im Detail über das Know-How verfügt, H-Bomben bauen zu können, ist es erschreckend genug, mit welcher Unverfrorenheit und geradezu provozierenden Offenheit hier an H-Bombentechnik geforscht wird. Kalte Schauer können einem über den Rücken laufen angesichts des Umstands, daß diese Forschungen von Leuten betrieben werden oder wurden, die bereits im Faschismus mit damals unverhohlenen Zielsetzungen auf diesem Gebiet arbeiteten. Keiner der beteiligten Forscher hat 1958 den Appell der Atomwissenschaftler für den Verzicht der Bundesrepublik auf Atomwaffen unterschrieben. Gerade Diebner und Bagge hätten nach ihrer Stellung im faschistischen Atombombenprojekt eine Rehabilitation eigentlich nötig gehabt. Daß sie die Unterschrift verweigerten und auch sonst keinerlei Anstalten machten, von ihren damaligen Aktivitäten Abstand zu nehmen, nährt zusätzlich den Verdacht, daß sie ihr Tun auch nach dem Krieg weiter vom alten Geist bestimmt war.

Die technisch-industriellen Potenzen zur Umsetzung von Forschungen an Wasserstoffbomben wären in der BRD allemal gegeben. Das sollte in Ansätzen bereits mit den Proliferationsskandalen zu Beginn dieses Jahres deutlich geworden sein. Die Produktionsmöglichkeiten in diesem Bereich sind seit den 50er Jahren entwickelt. Die Degussa produziert seit dieser Zeit Lithium 6. Dabei arbeitet sie eng mit dem in der französischen Atomwaffenproduktion engagierten Konzern "Ateliers Partiot" zusammen. Als Gemeinschaftsunternehmen ist von beiden die Eurotope AG gegründet worden. Darüberhinaus hat die Degussa auch "Rechte erhalten, Erfahrungen des staatlichen französischen Atomzentrums Saclay auszuwerten."

Ein weiteres Beispiel ist die Nukem. Sie hat über einen Zeitraum von 10 Jahren, von 1965 bis 1975, sogenannte Tritiumtargets für die Bundeswehr produziert. Interessant ist auch, daß nach Winterberg "zu einer Zeit" auch der Krupp-Konzern "durch Dr. Dieter Pfirsch, der damals bei Krupp arbeitete und heute einer der bedeutendsten Plasma-Physiker Europas ist", Interesse an den von Diebner, Bagge und Winterberg favorisierten Konzepten der Fusion in Minibomben zeigte.

Die Forschung an H-Bombenrelevanter Technologie in der BRD läßt sich auch auf Seiten der Wissenschaftler nicht auf individuelle Macken reduzieren. Es waren nie nur Einzelne, die hier forschten, sondern es war immer eine Gruppe von Leuten mit den besten Verbindungen in die Politik oder auch zum Militär. Bagge, der im Kreis dieser Forscher für lange Zeit als eine Schlüsselfigur gelten kann, legte mit der Einrichtung der Außenstelle seines "Instituts für Reine und Angewandte Kernphysik" in Stohl und der dortigen Zusammenführung von Atomwaffenforschern die Grundlagen für den späteren Ausbau dieser Außenstelle zu einem eigenständigen, aus den Mitteln und für die speziellen Interessen des Bundesverteidigungsministeriums errichteten Instituts.

Die "Atomkernenergie", als Publikationsorgan für die H-Bombenrelevante Forschung genutzt, wurde von Bagge zusammen mit einem Professor Kraut von der Bundeswehrhochschule in Neubiberg, also in direkter Kooperation mit einem Militärwissenschaftler, geschäftsführend herausgegeben. Im erweiterten Herausgeberkreis saß er neben Friedwardt Winterberg und Prof. W. Seifritz, einem Schweizer Atomwaffenspezialisten vom Atomzentrum Würenlingen, noch ein weiterer Bundeswehr-Physiker. Bagge besaß immer einen direkten Draht zur politischen Führung. Nach dem Krieg sicherte ihm sein Sitz in der Atomkommission Einfluß im Atomministerium. Darüberhinaus unterhielt er aber auch eine persönliche Verbindung zum seinerzeitigen Atomminister und späteren Verteidigungsminister F.J. Strauß.

So überdreht, halbseiden oder gar spinnert einzelne Forscher wie etwa Winterberg auch anmuten mögen, so sollte das nicht den Blick dafür trüben, daß hier weit mehr Leute am Werk waren und sind, und daß die verschiedensten Fäden, die aus Politik, Industrie und Forschung sichtbar werden und auch zusammenlaufen, sich niemals aus der Marotte Vereinzelter erklären lassen. Sie können aber Spuren eines gut getarnten Programms sein. Und nicht zu vergessen ist: Schon öfters haben gerade scheinbare "Spinner" eine herausragende Rolle in der Forschung gespielt. Teller, der Vater der US-amerikanischen Wasserstoffbombe ist dafür ein in dieser Beziehung recht naheliegendes Beispiel.@

übernommen aus "Arbeiterkampf" 29. Mai 1989

Zum Inhaltsverzeichnis

Gigantische Sprengwirkung

Trägheitsfusion ist vorrangig militärisch interessant

von Internationale ÄrztInnen zur Verhütung des Atomkriegs

Die Untersucher haben derzeit noch keine genaueren Kenntnisse über die Aktivitäten, die zu den Kontaminationen der Elbmarsch und Elbgeest mit Aktiniden (Th, U), Transuranen, Fusionselementen und Pac-Mikrosphären führten.

Recherchen von Sebastian Pflugbeil in der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes ergaben, daß sich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR für die Grauzone zwischen Atomwaffen und Kraftwerken interessierte. Aus "zuverlässigen Quellen der Abteilung 5 der Hauptabteilung XVIII" liegt eine "Einschätzung des gegenwärtigen Entwicklungsstandes" vor. Eine Studie aus dem Jahr 1987 mit dem Titel "Kleinkernladungen (Mininukes)" untersucht diesbezügliche Entwicklungen in der BRD, den USA, der Schweiz und Saudi-Arabien.

Sie beginnt interessanterweise nicht mit militärischen Überlegungen, sondern mit dem Hinweis auf die Kernfusion als möglicher Lösung der Weltenergieprobleme: "Eine Lösungsmöglichkeit könnte das Einschießen von kleinen bis kleinsten Fusions-Fissions-Kügelchen in den Reaktor darstellen." Doch dann heißt es: "Interessanterweise sind in der letzten Zeit die Erfolg versprechendsten Fusionskonzepte in einer ganz anderen Richtung angelegt worden", die ergeben haben, daß bei "Fusions-Fissions-Kügelchen eine andere Anwendung wesentlich interessanter ist". Das werde "durch die Zielrichtung der US-amerikanischen Atompolitik unterstützt", bei der "das Streben der Kernwaffenforschung eindeutig zu kleineren und leichteren Kernladungen ... geht". Das MfS nennt Kügelchen mit Abmessungen im Millimeter- bis Zentimeter-Bereich, die gigantische Sprengstärken entwickeln.

Physikalisch funktioniert das Ganze etwa so, daß die Kügelchen zunächst zu einer Implosion gebracht werden (z. B. durch Laserstrahlen). Dabei entsteht ein Druck, der die Dichte einer winzigen Menge spaltbaren Materials im Innern des Kügelchens so stark erhöht, daß es zu einer Fusionsreaktion kommt. Die Fusion ist das eigentliche Ziel. Dabei kommen vor: Uranoxid, Urancarbid, Uransilizid, Uran-, Plutonium-, Americium-, Curium-, Californium-Isotope, Deuterium und Tritium.

Wichtig ist, daß man so zu interessanten Sprengwirkungen mit Spaltmaterialien weit unterhalb der bekannten kritischen Massen kommen kann, das heißt man bekommt Miniatombomben in tragbaren Abmessungen. Das MfS beschreibt die Einsatzbereiche folgendermaßen:

  • Ersatz konventioneller Munition durch wesentlich kleinere und leichtere Geschosse mit besserer Zielgenauigkeit, Flächenbombardements möglich;
  • Submunition, intelligente Munition;
  • Taktische Kernwaffen in Flugzeugen und U-Booten, in denen bisher die Anzahl der mitgeführten Kernwaffen durch deren hohes Gewicht stark begrenzt war;
  • Krieg der Sterne: Platzierung der Sprengladungen lange vor dem Einsatzfall, Zündung aus dem Weltraum durch Laser geringer Leistung oder Verwendung als Geschosse in elektromagnetischen Kanonen im Weltraum zur Zerstörung von Interkontinentalraketen undSatelliten ...
  • Diversion und Sabotage: leicht transportierbare kleine Sprengsätze ... schlechte Nachweisbarkeit der Sprengung in einem Kernkraftwerk, weil danach sowieso alles verstrahlt ist

Das MfS fand es bemerkenswert, daß die besonders geeigneten Isotope Americium 243, Curium 245 und Californium 249 beispielsweise bei einer Grenzkontrolle schwer aufzuspüren sind. Denn diese Isotope senden Alphastrahlen aus, die bereits von einer dünnen Folie wirksam eingeschlossen werden können. Das MfS verweist auch darauf, daß die Miniatombomben wegen der langen Halbwertszeiten der relevanten Isotope auch viele Jahre irgendwo versteckt liegen können, ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren.

Dieses Interesse war mit Sicherheit nicht nur platonisch, denkt man an die Aufgaben der "Arbeitsgruppe des Ministers/Sonderfragen" (AGM/S) des MfS. Das war eine Gruppe von hoch qualifizierten Einzelkämpfern, die - wie in bekannten Spionagekrimis - als scheinbar harmlose Bürger bis heute unentdeckt in Deutschland leben und einst auf das Stichwort für einen bestimmten Mord- oder Sabotageanschlag warteten. Es liegt auf der Hand, daß für ihre Zwecke Miniatombomben die optimale Lösung dargestellt hätten. Es gibt Listen des MfS mit bedeutenden "Zielobjekten in der BRD", unter denen sich acht Kernkraftwerke und andere kerntechnische Anlagen befanden. Ob das MfS tatsächlich über Miniatomwaffen verfügt hat, ist bisher nicht bekannt.

In der Literaturrecherche des MfS wird auf die Zeitschrift "Atomkernenergie-Kerntechnik" hingewiesen, in der die Gutachter des Mfs allein zwischen 1982 und 1985 zehn Veröffentlichungen mit durchschnittlich zehn Literaturhinweisen zur Thematik gefunden haben. Von den Autoren wird Professor Friedwardt Winterberg genannt, der zunächst in der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schifffahrt und Industrie in Hamburg und am Forschungsreaktor in Geesthacht (GKSS) gearbeitet hat, später nach Reno (Nevada, USA) ging, aber die Zusammenarbeit mit der GKSS weiterführte. Er verfügt über mehrere einschlägige Patente und hat sich intensiv mit den militärisch nutzbaren Aspekten des Themas befasst. Ebenfalls genannt wird Professor Walter Seifritz als Autor der genannten Fachzeitschrift. Seifritz hat sich in leitender Position im Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung in Würenlingen (Schweiz) intensiv mit nuklearen Sprengkörpern befaßt. Der Titel eines seiner Bücher macht nachdenklich: "Nukleare Sprengkörper, Bedrohung oder Energieversorgung für die Menschheit?, Teil I Nukleare Sprengkörper als Kernwaffen, Teil II: Nukleare Sprengkörper zur Energieversorgung".

In der Zeitschrift fallen mehrere Arbeiten von K.-D. Leuthäuser aus dem Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalyse (INT) bei Kiel auf, die sich mit den "Kügelchen" befassen, vom MfS aber übersehen wurden. Auch nach 1985 finden sich in der Atomkernenergie etliche Artikel, die sich in der hier beschriebenen Grauzone bewegen. Sowohl die Zeitschrift Atomkernenergie als auch das INT und die GKSS wurden wesentlich von Professor Erich Bagge mitbegründet. Er gehörte zu den deutschen Physikern, die es glücklicherweise nicht geschafft hatten, für Adolf Hitler die Atombombe zu bauen.

Anders als etliche seiner berühmten Kollegen wie Max Born, Otto Hahn, Walter Gerlach, Werner Heisenberg, Max von Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Fritz Straßmann und Karl Wirz hat Bagge jedoch die von Carl Friedrich von Weizsäcker initiierte Göttinger Erklärung vom 12. April 1957 nicht unterzeichnet. Dieser bemerkenswerte Text begann so: "Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge." Die Unterzeichner erklären, es wäre "keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen". Bagge hat dieses Versprechen nicht abgegeben.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges gab es gute Gründe und etliche Versuche auf verschiedenen rechtlichen Ebenen, insbesondere Deutschland den Umgang mit ABC-Waffen zu untersagen. In etlichen Publikationen wird analysiert, wie bockig sich Bundesregierungen in den Verhandlungen um diese Frage verhalten haben. Besonders stark war der Widerstand der Bundesregierungen gegen alle Versuche, das Enstehen einer deutschen Atommacht grundsätzlich zu verhindern. Mit Forderungen wie "Freiheit der Forschung" und unbehindertem freien Handel im Bereich der Kerntechnik gelang es Grauzonen zu schaffen, in denen niemand eindeutig feststellen konnte, ob "friedliche" oder militärische Motive oder sogar beide gleichzeitig hinter Material- und Gerätschaftsbewegungen innerhalb Deutschlands und weit über die Grenzen hinaus bestimmend waren. Ebenso schwer zu bestimmen war die Motivation im Bereich der Forschungszusammenarbeit über die Grenzen hinweg.

Kriegswaffen-Kontroll-Gesetz

Es ist wenig transparent, was deutsche Kernphysiker und Nukleartechniker etwa in Israel, Südafrika, Argentinien und Brasilien oder im Irak konkret bearbeitet haben und wofür sich Studenten und Gastwissenschaftler aus diesen und anderen Schwellenländern in Deutschen Forschungseinrichtungen interessiert haben.

Am Kriegswaffenkontrollgesetz (KWKG) und seinen Veränderungen im Laufe der Zeit kann man exemplarisch aufzeigen, wie zielstrebig versucht wurde, klare und bindende Regeln zu vermeiden oder aufzuweichen. Das KWKG hatte den Sinn, Artikel 26 Abs. 2 des Grundgesetzes umzusetzen ("Zur Kriegführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden....").

Die älteste Fassung des KWKG stammt von 1961 (Gb 61). In § 16 Abs. 1 steht "Wer vorsätzlich ohne die nach diesem Gesetz erforderliche Genehmigung 1. Kriegswaffen herstellt, 2. die tatsächliche Gewalt über Kriegswaffen von einem anderen erwirbt, 3. die tatsächliche Gewalt über Kriegswaffen einem anderen überläßt ... wird mit Gefängnis und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft." In der Kriegswaffenliste Teil A sind die Waffen aufgelistet, die der Kontrolle des damaligen Rüstungskontrollamtes der Westeuropäischen Union unterlagen. Die erste Position in dieser Liste bezieht sich auf Atomwaffen. "Waffen aller Art, die Kernbrennstoffe oder radioaktive Isotope enthalten oder eigens dazu bestimmt sind, solche aufzunehmen oder zu verwenden, und Massenzerstörung, Massenschäden oder Massenvergiftungen hervorrufen können." Und "Alle Vorrichtungen, Baugruppen oder Substanzen, die eigens für eine in Nummer 1 genannte Waffe bestimmt oder für sie wesentlich sind, sofern nicht die Genehmigung nach dem Gesetz über die friedliche Nutzung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren vom 23. Dezember 1959 erteilt ist."

1978 werden die Strafvorschriften des KWKG etwas angezogen, der § 16 Abs. 1 beginnt "Mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer..." . In Abs. 2 wird einem gewerbsmäßig handelnden Täter oder Mitglied einer Bande, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Straftaten verbunden hat oder unter Mitwirkung eines anderen Bandenmitgliedes handelt, Freiheitsstrafe von 1 bis 10 Jahren angedroht. Der Begriff "Forschungszentrum" wird vermieden.

1989 wird die Kriegswaffenliste geringfügig verändert. Die Überschrift lautet nun "Kriegswaffen, auf deren Herstellung die Bundesrepublik Deutschland verzichtet hat". Dann gibt es einen neuen Vorsatz: "Von den Bestimmungen der Waffen ausgenommen sind alle Vorrichtungen, Teile, Geräte, Einrichtungen, Substanzen und Organismen, die zivilen Zwecken oder der wissenschaftlichen, medizinischen oder industriellen Forschung auf dem Gebiet der reinen und angewandten Wissenschaft dienen." Das bedeutet - Herstellung von Atomwaffen nicht, Forschung und Entwicklung in Richtung auf Atomwaffen - schon möglich, kann man sowieso nicht verhindern.

Wenige Wochen nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, im November 1990, wurde die bisher schwerwiegendste Veränderung vorgenommen. Zunächst scheint die Veränderung positiv: in § 17 ist zu den bisherigen Verboten die Entwicklung von Atomwaffen dazugekommen, es ist auch verboten, einen anderen zu den verbotenen Handlungen zu verleiten oder eine solche verbotene Handlung zu fördern. Ein neuer § 16 befaßt sich jedoch mit den "Nuklearen Aufgaben im Nordatlantischen Bündnis". "Die Vorschriften dieses Abschnitts und die Strafvorschriften der §§ 19 und 21 gelten, um Vorbereitung und Durchführung der nuklearen Mitwirkung im Rahmen des Nordatlantikvertrages vom 4. April 1949 oder für einen Mitgliedstaat zu gewährleisten, nur für Atomwaffen, die nicht der Verfügungsgewalt von Mitgliedstaaten dieses Vertrages unterstehen oder die nicht im Auftrag solcher Staaten entwickelt oder hergestellt werden." Das bedeutet, daß es verboten ist, "Atomwaffen zu entwickeln, herzustellen, mit ihnen Handel zu treiben, von einem anderen zu erwerben oder einem anderen zu überlassen, einzuführen, auszuführen, durch das Bundesgebiet durchzuführen oder sonst in das Bundesgebiet oder aus dem Bundesgebiet zu verbringen oder sonst die tatsächliche Gewalt über sie auszuüben" im Auftrage irgendeines Staates, der nicht zur NATO gehört - beispielsweise für China oder den Irak. Das bedeutet aber auch, daß all das erlaubt ist in Zusammenarbeit mit anderen NATO-Partnern oder auch für Deutschland (als gleichberechtigten NATO-Mitgliedsstaat) alleine.

Man mag einwenden, daß es ja noch andere Verträge gibt, die das Atomwaffenverbot für Deutschland klarer aussprechen. Erklärungsbedürftig bleibt, weshalb im KWKG das Atomwaffenverbot für Deutschland praktisch völlig aufgehoben wurde. Jedenfalls muß man sich in Deutschland vor den etwas angezogenen Strafandrohungen nicht fürchten, wenn man in aller Ruhe an Atomwaffen arbeitet, die in deutscher Hand oder unter der Verfügungsgewalt eines anderen NATO-Partners bleiben. Diese wesentliche Veränderung der Rechtslage ist in der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt geblieben. Die bisher zu dieser Gesetzesänderung befragten Bundestagsabgeordneten, die 1990 im Bundestag saßen, konnten sich nicht erinnern oder haben jedes Gespräch zu ihrer damaligen Abgeordnetentätigkeit abgelehnt.

Es gibt eine Fülle von Quellen, die belegen, daß Deutschland sich über Jahrzehnte unter dem Druck gewunden hat, unmißverständlich auf Atomwaffen zu verzichten, daß es nie den Wunsch aufgegeben hat, endlich mit den Atomwaffenmächten auf gleicher Augenhöhe reden zu können. In der Dissertation von Matthias Küntzel sind diese Quellen im Kontext des deutschen Beitritts zum Atomwaffen-Sperrvertrag überzeugend analysiert worden. Unter Fusionsforschern ist man überwiegend der Meinung, daß sich die Methode des Trägheitseinschlusses deutlich schlechter zur Energiegewinnung in Kraftwerken eignet als der Weg des magnetischen Einschlusses. Vor allem in den USA und in Frankreich wurde aus militärischen Gründen an der Trägheitsfusion gearbeitet. Rebhan schreibt dazu "Die Laserfusion ist ein Paradebeispiel für die Janusköpfigkeit, mit der sich physikalische Forschung darbieten kann. Die Brennstoffkügelchen sind zugleich Energiepillen für den Fusionsreaktor und `Minibomben' für den Laborversuch".

Trägheitseinschluß-Fusion

Trägheitseinschluß-Fusion ist der deutsche Begriff für Inertial Confinement Fusion, abgekürzt ICF. Ein Ort in den USA, an dem intensiv seit Jahren ICF-Projekte bearbeitet werden, ist das Lawrence-Livermore-National-Laboratory. Das LLNL ist eine der Atomwaffenschmieden der USA. Man kann leicht über das Internet recherchieren, daß es im LLNL eine Fülle von Literatur über ICF im Kontext militärischer Projekte gibt. Enge Kooperation gibt es mit den führenden Laserforschungseinrichtungen weltweit - beispielsweise dem GSI Darmstadt (PHELIX-Projekt) und dem Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Berlin. Ein anderer wichtiger Partner ist eine Tochter der deutschen Glas-Firma Schott in den USA. Ähnliche Kooperationsbeziehungen gibt es zwischen LLNL und britischen und französischen Kernwaffenlaboratorien. Zur Zeit ist eine neue Anlage von LLNL am Rande von San Francisco im Bau, die National Ignition Facility (NIF). In Frankreich gibt es eine ähnliche Einrichtung: Laser Megajoule (LMJ). Japan ist über die Hoya Corporation USA, die Tochter eines japanischen Unternehmens, das auf optische Gläser spezialisiert ist, im Geschäft.

Zwischen den genannten Firmen und damit den USA, Frankreich - aber auch nach außenhin atomwaffenunverdächtigen Staaten wie Deutschland und Japan gibt es diese geräuschlose Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Atomwaffen. Sie braucht keine Testgebiete, keine tiefen Bohrlöcher, sie findet im Laboratorium statt. Weil "nur" wissenschaftliche Gerätschaften und sehr geringe Mengen von Spaltstoff dafür gebraucht werden, ist zu befürchten, daß auf dieser Ebene gegenwärtig das größte Problem bezüglich der Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen besteht. Wir verweisen an dieser Stelle nur auf den Beitrag von R. Brandt, in dem zu Recht das leichtsinnige Geschenk des gebrauchten Berliner Elektronensynchrotrons BESSY 1 nach Jordanien kritisiert wird. Es soll dort deutlich leistungsfähiger aufgebaut werden, als es in Berlin je lief. Mit einem solchen Gerät würde sich insbesondere Plutonium 239 in einer Größenordnung von 100 Gramm pro Jahr herstellen lassen, das ist im Bereich der Miniatomwaffen eine beträchtliche Menge.

Im Bereich der ICF werden "Kügelchen" eingesetzt, wie sie in Hanau und bei den Geesthachter Atomanlagen in der Umwelt gefunden wurden. Ihre Struktur und ihr Inhalt entsprechen den Angaben der Literatur. Fusions- und Fissions-Komponenten sind nachgewiesen. Lasereinschußlöcher und "Fingerabdrücke" des Laserstrahls sind elektronenmikroskopisch dokumentiert.

ICF und die Arbeit mit Mikroexplosionen werden weder vom Atomwaffen-Sperrvertrag (Non-Proliferation Treaty, NPT) noch dem Allgemeinen Teststopp-Abkommen (Comprehensive Test Ban Treaty, CTBT) berührt. Das ist nicht versehentlich, sondern ganz bewußt so geregelt worden.@

Zum Inhaltsverzeichnis

Ende