Kanadisches Uranbergwerk säuft ab
von Inge Lindemann  -  Oktober 2006

Das Betreiberkonsortium unter Leitung der kanadischen Cameco Corporation kann das Eindringen von Wasser in den geplanten Abbau der Cigar Lake Lagerstätte im Norden Saskatchewans nicht verhindern. Cigar Lake zählt zu den größten und noch nicht ausgebeuteten Uranlagerstätten der Welt. Mit einem extrem hohen Gehalt von 16,8 Prozent Uran im Gestein liegt Cigar Lake um den Faktor 100 über dem Urangehalt einer durchschnittlichen Lagerstätte in den USA. Die Mine sollte ab dem kommenden Jahr den Weltmarkt mit einem beträchtlichen Anteil Uran versorgen. Wann und ob überhaupt das Wasser wieder aus dem Bergwerk gepumpt und gereinigt werden kann ist derzeit unklar.

"In einigen Tagen steht das gesamte Bergwerk unter Wasser", erklärte Gerald W. Grandey, Präsident der weltweit führenden kanadischen Bergbaugesellschaft Cameco Corporation am 23. Oktober 2006 auf der eiligst einberufenen Pressekonferenz in Saskatoon, dem Sitz des Unternehmens. Der Hauptschacht und die zentrale Infrastruktur des als modern geltenden kanadischen Uranbergwerkes Cigar Lake hat dem Druck der Wassermassen nicht standgehalten. Am Vortag war es in Folge eines Einsturzes unter Tage zu einem massiven Wassereinbruch in der geplanten Abbauregion gekommen. Dammbauwerke konnten geschlossen werden, Personen wurden evakuiert, doch eine Tür sei nicht dicht gewesen. Niemand sei verletzt worden. Um die Anlage, die seit 2004 im Probebetrieb läuft, wieder in Betrieb nehmen zu können, müsste das Wasser abgepumpt und in der noch nicht fertig gestellten Wasserreinigungsanlage gereinigt werden.

Doch vorerst herrscht Ratlosigkeit in Cigar Lake. Grandey räumte ein, dass sich nun große Probleme mit Radioaktivität und insbesondere auch der Radonbelastung stellen würden. Umweltschützer forderten Cameco auf, alles zu unternehmen, um die Kontamination des Grundwassers zu verhindern und den Uranabbau in Cigar Lake zu unterlassen. Schon am 6. April 2006 gab es in 329 Metern Tiefe einen beachtlichen Wassereinbruch in Cigar Lake. Arbeiter wurden evakuiert und schweres Gerät geborgen. Das Betreiberkonsortium bemühe sich, die schwierigen Förderbedingungen durch modernste Technik und Kreativität der Mitarbeiter vor Ort zu meistern, hieß es.

Cigar Lake liegt am östlichen Rande des Athabasca Beckens in Saskatchewan, 660 Kilometer Luftlinie nördlich von Saskatoon. Entdeckt wurde diese Uran-Lagerstätte im Mai 1981, seit 1990 laufen die Genehmigungsanträge und Pilotförderungen. Die kanadische Atomaufsicht (Canadian Nuclear Saftey Comission) erteilte im Dezember 2004 die Baugenehmigung für Cigar Lake an ein Betreiberkonsortium. Am Konsortium sind die kanadische Cameco mit 50 Prozent und die international in allen Facetten des Atomgeschäftes tätige französische Areva Resources Canada mit 37 Prozent führend vertreten. Im kommenden Jahr sollten die Erschließungsarbeiten abgeschlossen sein und die kommerzielle Uranförderung beginnen. Die Genehmigung der kanadischen Atombehörde läuft am 31. Dezember 2007 aus. Wie es in Cigar Lake weitergehen wird, ist fraglich. Die dortigen geologischen Reserven in Höhe von 150.000 Tonnen Uran wolle man aber nicht aufgeben, so Cameco.

Wegen der hohen Strahlung und der instabilen geologischen Formation in 450 Metern Tiefe konnte in Cigar Lake nicht mit konventioneller Abbautechnik gearbeitet werden. Die speziell entwickelte Yet-stream Technik sah vor, die Lagerstätte künstlich auf minus 40 Grad zu gefrieren, um das Uranerz dann unter hohem Wasserdruck aus 500 Metern Tiefe zu fördern. Das Erz wurde untertage gebrochen, zu Uranschlamm verarbeitet und über hydraulische Pumpen zur Weiterverarbeitung an die Oberfläche befördert. Von dort wurde es auf Lastwagen in die 80 Kilometer entfernten Uranerzaufbereitung der McClean Lake Uranmine verbracht.

Jamie Kneen von MiningWatch Canada, einer nationalen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Ottawa, äußerte sich gegenüber dieser Zeitung besorgt. Cameco habe wegen Zeit- und Kostendruck den Umweltschutz sträflich vernachlässigt. Es müsse aufgrund der Unfälle und des Absaufens der Anlage massive Grundwasserverseuchung befürchtet werden. Die Grundwasserleiter Kanadas seien ohnehin noch unerforschtes Terrain. 2007 sollte in Cigar Lake die kommerzielle Uranproduktion aufgenommen werden und 6923 Tonnen Uranmetall pro Jahr auf den internationalen Markt gelangen. Damit nährte Cigar Lake die Legende, Uran stehe der Menschheit für seine Akws und Bomben noch länger zur Verfügung als andere fossile Energieträger. Zurzeit arbeiten nach Betreiberangaben 650 Menschen in der Anlage.

Kanada ist der weltweit größte Uranproduzent mit den Haupterzeugern Cogema Resources und Cameco, die jeweils zahlreiche Minen in Kanada und in den USA auch in Zusammenarbeit betreiben. Die französische Cogema Resources - wie auch Siemens/Framatom - gehört zur bereits erwähnten AREVA Group mit Sitz in Paris. Das Tätigkeitsfeld dieser Firmengruppe deckt international fast die gesamte nukleare Brennstoffspirale ab: vom Uranabbau über Anreicherung, Brennelementefertigung, bis hin zu AKW-Bau und -Betrieb. Weltweit lag die Jahresausbeute der internationalen Uranindustrie im Jahr 2004 bei 40.251 Tonnen Uranmetall.

In einem aktuellen Bericht von Greenpeace zur "Reichweite der Uranvorräte der Welt" gehen die Autoren davon aus, dass die Uranvorräte zwischen 2026 und 2070 erschöpft sein werden. Auch Uran ist eine endliche Ressource. Wer heute längere Laufzeiten für Atomkraftwerke fordert und meint in Zukunft auf nukleare Energieerzeugung nicht verzichten zu können, muss wissen, dass ein steigender Uranbedarf durch die bekannten Vorräte nicht gedeckt werden kann.

Uran ist ein Rohstoff, der nur auf Kosten erheblicher und nicht wieder gutzumachender Umweltzerstörung und hoher radioaktiver und chemisch-toxischer Verseuchung der Arbeiter und der Bevölkerung gewonnen werden kann. Günter Wippel, versierter Kenner der Uranabbauregion Kanada, stellt fest: "Uran wird nicht nur in Kanada, vorwiegend auf dem Gebiet indigener Bevölkerungen gefördert. Die Menschen vor Ort müssen immer mit den dramatischen ökologischen Konsequenzen, einschließlich der Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen leben. Dagegen nutzen die Industrieländer den vermeintlich sauberen Atomstrom", so Wippel. "Stellen Sie sich vor", ergänzt eine kanadische Umweltschützerin im Gespräch, "wir hätten die halbe Milliarde Dollar, die Cameco in das Cigar Lake Projekt steckte, in den Ausbau von regenerativen Energien und -technologien, in Infrastruktur und nachhaltige Fischerei- und Forstwirtschaft hier in Saskatchewan investiert, wie gut wir von unserem wilden Reis und Ökotourismus leben könnten. Die Menschen hier im weiten Norden hätten eine Zukunft, stattdessen fürchten sie um Wasser und Nahrung".

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Inge Lindemann 2006

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