Tagebau in Sichtweite der Dörfer

Uran nebenan

von Thomas Bauer, cpt
und Christian Russau

Im brasilianischen Nordosten wird in Caetité, der einzigen Uranmine in Lateinamerika, Urankonzentrat gewonnen und zu Gelbkuchen verarbeitet. In Kanada und Europa angereichert, gelangt das Uran wieder zurück nach Brasilien und wird dort in Brennstäben der Atomkraftwerke von Angra dos Reis eingesetzt. Die AnwohnerInnen der Mine wurden von den Behörden nie informiert.

Seu Florisvaldo lebt in Gameleira im Bezirk Caetité. Die gleichnamige Uranmine liegt direkt nebenan. Auf die Frage, was die staatliche Atomfirma INB dort mache, schweigt Florisvaldo ein, zwei Momente: "Die INB macht viel. Gutes für die einen, Schlechtes für die Anderen." Dann fasst er Mut: "Unsere Hausmauern sind durchzogen von Rissen. Wir sind der gesamten Verschmutzung ausgesetzt". Täglich werde in der Mine gesprengt, der Wind treibe den dichten Rauch und Staub direkt zu den Häusern. Das Haus seines Nachbarn verschwinde dann im Staub.

Und der ist radioaktiv. Durch die täglichen Sprengungen in der Mine, angesetzt immer zur Mittagszeit, sind die AnrainerInnen einer starken Belastung mit dem Krebs erzeugenden Radongas ausgesetzt.

Im semi-ariden Hinterland des Bundestaates Bahia, in dem sich Caetité befindet, liegt das Bauerndorf Riacho da Vaca. Die hügelige Landschaft ist gekennzeichnet von einer lang anhaltenden Trockenzeit. Die seit Jahrzehnten hier ansässigen Familien von Kleinbäuerinnen und -bauern lebten und ernährten sich vom Ertrag ihrer Ernten. "Auf dem Wochenmarkt mussten wir fast nichts einkaufen", erzählt Elenilde Cardoso. "Wir pflanzten Reis, Bohnen, hielten uns Schweine, Hühner und einige Rinder. Heute aber haben wir fast keine Tiere und keine Ernten mehr".

Die Lage hat sich vor ein paar Jahren schlagartig zugespitzt. Seit dem Jahr 2000, nach mehreren Jahren von Testbohrungen und geologischen Studien, gab Brasília grünes Licht, und die staatliche Atomfirma INB begann mit dem Uranabbau in Caetité. Laut offiziellen Angaben des Bundesministeriums für Wissenschaft und Technologie befinden sich hier Reserven von 100.000 Tonnen Uran. Heute werden über den Tagebau jährlich 400 Tonnen von Urankonzentrat gewonnen und zu Gelbkuchen weiterverarbeitet. Die Ziele der INB liegen hoch, in den nächsten Jahren soll der Abbau verdoppelt werden.

Informationen über den Abbau und seine Folgen dringen nur spärlich bis zur Bevölkerung durch. In der Gegend von Seu Florisvaldo war früher das Maniokmehl beliebt. Heute will sein Mehl niemand mehr haben. Gelegentlich kaufen es dann doch ein paar HändlerInnen – zum Weiterverkauf: "Sie verkaufen das Mehl auf Wochenmärkten außerhalb unseres Bezirks", erzählt er. "Und den KäuferInnen dort sagen sie natürlich nicht, dass das Mehl aus der Umgebung der Uranmine kommt."

    Bis ins Trinkwasser

Vierzehn ländliche Gemeinden der Bezirke Caetité und Lagoa Real sind direkt betroffen, im weiteren Umfeld rund 30.000 Familien. Doch es gibt Widerstand. Im Mai 2011 hatten mehr als 3.000 AnwohnerInnen des Bezirks Caetité einen aus São Paulo kommenden Atomtransport über mehrere Tage blockiert. Sie besetzten die Zufahrtsstraße zur Uranmine und konnten so Verhandlungen mit den Verantwortlichen von INB erzwingen. Einer Untersuchung von Greenpeace aus dem Jahre 2008 zufolge verseucht Lagoa Real das Trinkwasser von 3.000 Menschen der Region von Caetité. Die Belastung mit Uran liegt bis zu siebenfach über den zulässigen Grenzwerten. Dies bestätigten dann auch die zuständigen Behörden.

Daraufhin wurden die Brunnen versiegelt. "Doch dann hatten wir kein Wasser mehr", sagt Dona Elenilde. Das ist in einer semi-ariden Gegend umso dramatischer. Die meisten der versiegelten Brunnen wurden inzwischen wieder geöffnet. Die Bezirksverwaltung und die staatliche Atomfirma INB wollten keinerlei Verantwortung für die überschrittenen Grenzwerte übernehmen. "Der zuständige Bezirksbeamte hat uns ermutigt, die Brunnen wieder zu verwenden und versprochen, die Stromkosten der Pumpe zu übernehmen", berichtet Elenilde Cardoso. "Heute verwenden wir dieses Wasser, denn wir haben kein anderes". Die Minenbetreiber versorgen zudem die AnwohnerInnen mit Wasser. Nur, so sagen die BewohnerInnen, wird es geliefert in Tankwagen, die auch in der Mine eingesetzt werden.

Die Radonbelastung ist nicht die einzige Gefahr. Seit der Öffnung der Mine kam es mehrmals zu schweren Unfällen. Das Überlaufen der Schutzdämme in der Regenzeit, mit verseuchten Abwässern und Schlämmen, bereitet große Sorgen. Vor einigen Jahren gelangten auf diesem Weg große Mengen von Uran, Thorium und Radium in das Bachbett der Gemeinde Riacho da Vaca. Diese Unfälle wurden von der INB verschwiegen. Das ganze Minenabbaugebiet ist eingezäunt und zum Sperrgebiet erklärt. So fällt es den AnwohnerInnen schwer, den Verantwortlichen etwas nachzuweisen. In diesem konkreten Fall allerdings gelang es auf Druck der Öffentlichkeit, die Mine für mehrere Monate wegen Vernachlässigung der Sicherheitsvorkehrungen von den zuständigen Behörden zu schließen. Ein kurzfristiger Erfolg – bis die Behörden sie wieder öffneten.

Die BewohnerInnen verlieren keineswegs den Mut. Im April dieses Jahres versammelten sie sich in der Fakultät der Stadt Caetité. Dort wurden die ersten Ergebnisse einer mehrjährigen Untersuchung über Gesundheitsprobleme im Umfeld der Mine zusammengetragen. Die Untersuchung setzte von Beginn an auf die Beteiligung der AnwohnerInnen. Die Offenlegung der ersten Ergebnisse ist ein weiterer wichtiger Schritt, um die fatalen Nebenwirkungen aufzuzeigen, die von offizieller Seite ständig unter den Tisch gekehrt werden. So betonte der französische Nuklearphysiker Bruno Chareyron, dass die Vorsichtsmaßnahmen und Studien der INB absolut unzureichend sind. Anhand seiner Messungen an mehreren Stellen der betroffenen Dörfer rund um die Mine konnte er belegen, dass die Messwerte um ein Vielfaches höher sind als erlaubt.

Marcelo Firpo vom staatlichen Gesundheitsforschungsinstitut FIOCRUZ ist Koordinator der Studie, sein Resümee ist bitter: "Von der gesamten Produktionskette der Kernenergie ist der Abbau die riskanteste Tätigkeit". Denn bei unzureichenden Schutzmaßnahmen sei man hier der hohen Konzentration von Radioaktivität besonders ausgesetzt.

Schon jetzt ist eine stark steigende Tendenz zu Krebserkrankungen anhand der im Rahmen der Untersuchung erhobenen Daten ersichtlich. Sehr besorgniserregend findet Firpo, dass vor allem die jüngere Bevölkerung zwischen ein und 17 Jahren davon betroffen ist. Elenilde Cardoso hat erst kürzlich zwei enge Verwandte verloren, die an Leukämie und Nierenversagen gestorben sind, und berichtet von Babys, die mit Deformationen geboren wurden. Wollen hier alle nur noch weg? "Ich möchte nicht, aber ich muss voraussichtlich mein Grundstück wegen der Vergrößerung des Abbaugebietes verlassen." @

Thomas Bauer arbeitet bei der Landpastorale CPT in Bahia.
Christian Russau ist Journalist und lebt in Berlin.

 

- zurück




      anti-atom-aktuell.de