Maßnahmen der bisherigen Erkundung und eine vorläufige Bestandsaufnahme

Wie schnell säuft das Bergwerk ab?

    Über Tage

Die übertägige Erkundung des Salzstocks Gorleben begann 1979 und dauerte für den südlich der Elbe liegenden Teil bis 1984. Nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik erfolgte in den Jahren 1996 - 1998 die Erkundung des nördlichen Teils der Salzstruktur Gorleben-Rambow bis in den Bereich der nördlich der Elbe verlaufenden Löcknitz. Der durch Ablaugung über dem Salzstock Rambow entstandene Rudower See wurde nicht mit in die Untersuchungen einbezogen.

Im südlichen Untersuchungsgebiet wurden 158 geologische Aufschlussbohrungen mit Bohrtiefen von meist 200 - 450 m abgeteuft und in Parallelbohrungen 322 Grundwassermessstellen eingerichtet. Zusätzlich sind für die übertägige Erkundung 44 Salzspiegelbohrungen, 4 Tiefbohrungen und 2 Schachtvorbohrungen sowie eine Tiefbohrung in der südlichen Randsenke niedergebracht worden. Flachseismische Untersuchungen zur Erkundung der Salzstockoberfläche und der quartären Rinne, 4 Langzeitpumpversuchen und eine Vielzahl von Spezialuntersuchungen ergänzen die übertägige Erkundung.

Im Bereich der Elbe-Löcknitz-Niederung und somit nur zu einem kleinen Teil auch über dem Salzstock Rambow wurden auf einer Fläche von ca. 85 km² zwischen 1996 und 1998 insgesamt 27 Erkundungsbohrungen abgeteuft und 76 Grundwassermessstellen eingerichtet. Für einen Langzeitpumpversuch sind ferner 13 temporäre Messstellen erstellt worden. Neben dem Bohrprogramm wurden eine bodenkundliche Kartierung, ein quartärgeologisches Kartier- und Flachbohrprogramm sowie flachseismische Messungen zur Erkundung der quartären Strukturen im Untergrund durchgeführt.

    Unter der Erde

Die untertägige Erkundung des Salzstocks Gorleben begann mit dem Abteufen der beiden 400 m voneinander entfernten Schächte Gorleben 1 und Gorleben 2 in den Jahren 1986 beziehungsweise 1989. Im Mai 1987 mussten die Schachtarbeiten nach einem schweren Unfall unterbrochen werden. Es stellte sich heraus, dass Annahmen zur geologischen Situation folgenschwer mit Fehlern behaftet waren: die Wässer im Boden waren derart salzhaltig, dass sie trotz des aufwändigen Tiefkühlverfahrens, mit dessen Hilfe der Boden um die Schächte auf eine Frostkälte von - 16,7° C gebracht worden war, nicht festfroren, sondern flüssig blieben. Umfangreiche Maßnahmen wurden notwendig, um den Schacht zu retten und fertig zu bauen. Mit Abstellen der Kühlanlage taute der Boden wieder auf, die unterschiedlichen Minerialien reagierten darauf mit Spannung. Es entstanden Klüfte, Laugen flossen zu.

Im Zuge der Arbeiten wurde in Teilbereichen des Salinars eine neue Modellvorstellung (feinstratigraphische Gliederung) der Zechstein-Folgen erstellt. Detaillierte Erkenntnisse über den Strukturbau und die Ausbildung der Schichtenfolge ergaben sich beim Abteufen der Schächte und den untertägigen Auffahrungen sowie aus anschließenden geophysikalischen Messungen. Als Hilfe zur Aufklärung des strukturellen Baus galten neben den Kartier- und Bohrergebnissen die Elektromagnetischen Reflexionsmessungen (EMR), die Umsetzung der Erkundungsergebnisse in ein 2,5- beziehungsweise späteres 3D-Lagerstättenmodell und bei der Gliederung der Schichten die Ergebnisse der Bromgehaltsbestimmungen an Steinsalzproben.

Mit den so gewonnenen neuen Vorstellungen über die Situation unter Tage mussten die ursprünglichen Pläne für die Anlage des Grubengebäudes grundlegend geändert werden; statt Richtung Süd-Ost wurde nach Nordwest gebaut. In Teilstrecken war wegen ungünstiger Gesteinseigenschaften ein stützender und abdichtender Tunnelausbau erforderlich. Es enstand ein Streckensystem mit einer Gesamtlänge von circa 7 Kilometern. Parallel zu den bergmännischen Auffahrungen wurden insgesamt 11 km Erkundungsbohrungen beziehungsweise geotechnische Bohrungen zur Untersuchung des stofflich-strukturellen Inventars des Salzstocks gestoßen. In den geotechnischen Bohrungen erfolgen Deformations- und Spannungsmessungen.

Zum 01. Oktober 2000 wurden sämtliche Erkundungsarbeiten als Folge eines Moratoriums eingestellt.

    Auf dem Papier und im Rechner

Nach Abschluss des Erkundungsprogramms wurden seitens der BGR die Untersuchungsbefunde in separaten Publikationen dargestellt: Im Teil 1 wird die Hydrogeologie des Deckgebirges des Salzstocks Gorleben behandelt. Der Teil 2 befasst sich mit der Geologie des Deck- und Nebengebirges des Salzstocks Gorleben. Im Teil 3 der Standortbeschreibungen werden letztendlich die Ergebnisse der übertägigen und untertägigen geologischen Erkundung des Salinars behandelt. Der Bericht ist hinsichtlich einer Aussage zur Eignung des Salzstocks für die Einrichtung eines möglichen Endlagers für radioaktive Abfälle nicht vollständig. Er umfasst die bis zum Gorlebenmoratorium gewonnenen Untersuchungen und kann nur hierfür belastbar sein. In einem 4. Teil sollen die geotechnischen Untersuchungen beschrieben werden.

Ulrich Schneider, der Autor der "Expertise zum Salzstock Gorleben" kommt nach intensiver Durchsicht der drei Teile der Standortbeschreibung Gorleben und unter Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse am Endlagerstandort ASSE II zur Auffassung, dass der geforderte sichere Einschluss der radioaktiven Abfälle für einen Zeitraum von einer Million Jahren am Standort Gorleben mehr als zweifelhaft ist. Diese Auffassung begründet sich wie folgt:

Die in der "Standortbeschreibung Gorleben" enthaltenen Gesamtdarstellungen der Untersuchungsergebnisse sollen Grundlagen liefern für die Berechnungen zur Langzeitsicherheit. In Teil 1 und 2 werden Abschätzungen vorgenommen zur Ausbreitung von Radionukliden im Deckgebirge. Szenarien für das Endlager werden bewertet mit Blick auf Ablaugung (Subrosion), weiteren Aufstieg des Salzstocks (Diapirismus) und tiefe Ausspülung im Zusammenhang mit Gletschern (glaziale Rinnenbildung).

Aufgrund methodisch ungenügender Ansätze wie zum Beispiel

  • Nichtberücksichtigung der Niederschlagsdaten nach 1997 (evtl. sogar nach 1980) zur Ermittlung der Grundwasserneubildung.
  • Abbruch des Pumpversuchs Dömitz-Lenzen wegen Elbhochwasser; deswegen keine Aussagen über hydraulische Kontakte zum oberen Grundwasserleiter möglich.
  • Nichtberücksichtigung des Salzstocks Rambow incl. der aufsitzenden Subrosionsseen
  • unzureichende Anzahl von Messstellen im unteren Grundwasserleiter,
  • ungenügende und lückenhafte Untersuchung im südwestlichen Salzstockbereich hinsichtlich der Alterseinstufung der hier verbreiteten Grundwässer.
  • fehlende Auswertung der Grundwasserstände in den tieferen wasserführenden Horizonten .
  • zu pauschale Zusammenfassung der verschiedenen wasserführenden Horizonte in unteren und oberen Grundwasser. Die Lagerungsverhältnisse im Bereich des Untersuchungsgebietes sind zu heterogen, als dass die sowohl stratigrafisch als auch genetisch und petrografisch unterschiedlichen grundwasserführenden Einheiten mit einem auf zwei Wasserleiter zurecht gestutzten Modell realitätsnah wieder gegeben werden könnten.
  • Nutzung und Interpretation von Daten aus noch nicht validierten Grundwassermodellen.
  • fehlende Untersuchung von eventuellen Wasserwegsamkeiten im Bereich des nachgewiesenen Scheitelgrabens

und zum Teil wegen inkonsistenter Auswertungen der Bohrbefunde können die vorliegenden Standortbeschreibungen dem oben angegebenen Anspruch nicht gerecht werden.

Wenngleich bei der untertägigen Erkundung des Salzstocks Gorleben offensichtlich ein Vorkommen vom Hauptsalz der Staßfurtfolge angetroffen wurde, wie es für die Einlagerung von radioaktiven Abfällen als ausreichend angesehen wird, gibt es eine Vielzahl von negativen Einzelbefunden wie zum Beispiel

  • Vorauseilende Auflösung des Kaliflöz Staßfurt bis in Tiefen von 170 m unter den Salzspiegel
  • Kaltzeitlich bedingte Entlastungsklüfte in der Nähe des Salzspiegels
  • Lösungs- und Laugenzutritte bis 165 m3
  • Von der Quartärbasis bis zum Zechsteinsalinar hinabreichende Scheitelstörungen im Top des geplanten Endlagerbergwerks (Analogie ASSE II)

Diesen Einzelbefunden ist bislang nicht gezielt nachgegangen worden. Vielmehr werden diese in der Regel mit der durch keine Zusatzbefunde belastbar belegten Bemerkung "mehr ist nicht zu erwarten" bagatellisiert.

    In der Gesamtschau
ergibt sich folgendes Negativbild:
  • Neben den unmittelbaren großflächigen Kontakten zwischen den Grundwasserleitern in der Gorlebener Rinne und dem Salzstock Gorleben sind intensive Störungen in den geringmächtigen tertiären Deckschichten des südlichen Salzstockbereichs (fossile Subrosionssenke) sowie, bis zum Zechsteinsalinar hinabreichend, in den für weitgehend undurchlässig gehaltenen Schichten des Hebungskranzes belegt.
  • Die wasserführenden Hohlräume im Hutgestein stehen in direktem hydraulischen Kontakt zum Unteren Grundwasserleiter.
  • Über dem südlichen Teil des Salzstocks Rambow wurden ausgeprägte Scheitelstörungen nachgewiesen. Diese erstrecken sich offensichtlich bis zur Südspitze des Salzstocks Gorleben. Sie sind kartenmäßig dargestellt, werden jedoch im Text nicht weiter erwähnt.
  • Im Top des Salzstocks Gorleben ist durch methodisch unterschiedliche Untersuchungen der Zustrom von lösungspotenten Süßwässern bis zur Basis der Deckgebirgsschichten über dem Salzstock nachgewiesen. Diese Zutritte von jungen Süßwässern bis hinab zum Salzspiegel erfolgen nicht nur über die Gorlebener Rinne sondern auch über den teilweise abgetragenen Ringwall und über eistektonische Störungsflächen und vermutlich auch über Scheitelstörungen.
  • Im zentralen Bereich der Gorlebener Rinne traten bis in eine Tiefe von 170 m unter den Salzspiegel Einwirkungen von Grundwasser auf das leicht lösliche Kaliflöz Staßfurt auf. Einträge von Deckgebirgsmaterial wurden bis in vergleichbare Tiefen festgestellt. Weitere und tiefer reichende Lösungsgänge sind nicht auszuschließen. Sie können nach dem Auffahren der Endlagerbereiche durch die danach einsetzende Deformation der Hohlräume, nach der Einlagerung wärmeproduzierender Abfälle durch Aufheizung und die dadurch bedingte Ausdehnung der Salzgesteine und die damit verbundenen Einwirkungen auf das Deckgebirge verstärkt werden.

Für den Standort Gorleben ist letztendlich nicht allein die Fragestellung "wie lange brauchen Radionuklide von der Endlagersohle über den Wasserpfad bis in die Biosphäre" von prioritärer Bedeutung, sondern vielmehr die Frage "Wie schnell säuft das Endlagerbergwerk ab?". Eine Antwort auf diese Frage steht bislang aus. Bei der Asse wurde sie nach wenigen Jahrzehnten durch die Natur beantwortet.@

 

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