einkriechende Wässer sorgen für mächtige Ausspülungen

Vorauseilende Subrosion

Erosion, oder die Abtragung von Oberflächen infolge der Einflüsse von Wind, Sand oder Wasser, lässt sich als allmähliches, aber allgegenwärtiges Geschehen an vielen Stellen beobachten. In ihrer Wirkweise vergleichbare Veränderungen gehen auch unter der Erdoberfläche vonstatten. An ihren Außenbereichen werden bestimmte Gesteinsformationen angegriffen; Mineralien werden gelöst, abgewaschen, davongetragen. Die Geologen sprechen dann von Subrosion.

Dass Subrosion auf den Salzstock Gorleben einwirkt, ist völlig unstrittig. Unterschiedliche Fachleute kommen allerdings zu großen Differenzen, wenn sie das Ausmaß der stattgefundenen Prozesse beschreiben. Klaus Duphorn berechnet zum Beispiel für bestimmte Phasen einen jährlichen Abtrag von 1,9 Millimeter; Appel und Habler dagegen kommen auf einen Mittelwert von 0,22 mm bei einem Maximalwert von 0,46 mm. Für Bornemann gilt ein Langzeit-Mittelwert zwischen einem Tausendstel und einem Hundertstel Millimeter als realistische Bezugsgröße.

Zustande kommen diese unterschiedlichen Ergebnisse, weil die Höhen und Mächtigkeiten der aufeinanderliegenden Schichten in ihrer erdgeschichtlichen Entstehung lediglich abgeschätzt werden können; werden den Berechnungen dann noch verschiedene Betrachtungszeiträume zugrunde gelegt, können statistische Werte leicht um Größenordnungen auseinanderliegen. Ein hinkender Vergleich macht das nachvollziehbar: die Zahl der Unfalltoten pro Jahr auf der Straße zwischen Lüneburg und Dannenberg variiert deutlich, je nach dem, ob die Zeit zwischen heute und 1990, heute und 1948 oder heute und 1153 betrachtet wird.

Für die Einschätzung von Risiken, die in der Zukunft liegen, ist das Ausmaß der flächenhaften Abtragung allerdings nur von nachrangiger Bedeutung. Die Lebenserwartung eines Dachs, um einen weiteren Vergleich zu bemühen, bemisst sich nicht danach, wieviel Hundertstel Millimeter der Regen jedes Jahr von den Ziegeln abspült. Wann das Dach kaputt geht, hängt vielmehr an Fehlerstellen im Material, an Kratzern in der Oberfläche, an Sprüngen an den Kanten. Wenn hier Feuchtigkeit eindringt, Hitze im Sommer Risse weitet, Eis im Winter die Fugen sprengt, dann wirkt sich das für das Gebäude sehr viel mehr aus als die rechnerische Tatsache, dass 2 Zentimeter starke Ziegel bei dieser oder jener Erosionsrate erst nach soundsoviel Jahren ihre Ursprungsmächtigkeit aufgebraucht haben.

Die Geologen haben auch hierfür einen Begriff: sie sprechen von vorauseilender Subrosion. Ein warnendes Beispiel dafür, wie Wasser auch einen Einlagerungsbereich erreichen kann, der 840 Meter tief unter der Erde errichtet wird, liefern die Ergebnisse einer Bohrung. Zufällig an dieser Stelle gesetzt zeigte sich im Bohrbefund, dass durch die Effekte vorauseilender Subrosion 170 Meter tief in das Salzgestein hinein eine Art Kaverne ausgespült und später mit Sanden verfüllt wurde. Dass dieser Befund ein Einzelergebnis ist, kann sehr gut daran liegen, dass nur wenige Bohrungen von oben in den Körper des Salzstocks gestoßen wurden.@

 

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