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von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrem
Nutzen für Politik und Allgemeinheit Eignungshöffig von Elisabeth Krüger und Martin Nesemann
im Februar 1977 wird der Salzstock Gorleben als einziger "vorläufiger" Standort eines Atommüll-Endlagers benannt: ohne vorherige geologische Voruntersuchungen und ohne Alternativen - aus rein wirtschaftlichen und politischen Interessen.
Der wirtschaftliche Aufschwung im Deutschland der 60iger Jahre stößt an seine Grenzen. Das immense Wirtschaftswachstum braucht viel Energie. Mit der Nutzung der Atomtechnologie scheint sich der Traum von billiger und unbegrenzter Energie zu erfüllen Eifrig wird am Atomprogramm gebastelt. Im Dezember 1957 wird mit dem Memorandum der Deutschen Atomkommission ein erstes deutsches Atomprogramm verabschiedet. Es geht darum, "die Lebensgrundlagen unseres Volkes zu sichern", so Bundesatomminister Balke. Vom Atommüll spricht noch niemand. Erst Jahre später erörtern Experten, "dass die Beseitigung des radioaktiven Abfalls ein - wenn nicht sogar das - Schlüsselproblem der friedlichen Nutzung der Atomenergie ist. Der Umgang mit dem Müll wird entscheiden, ob die neue Energie so günstig ist, eine Zukunft hat. 1963 empfiehlt die Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover (heute Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe,BGR) die Endlagerung in Steinsalzformationen und begründet dies mit hervorragenden Eigenschaften von Steinsalz. Erfahrungen und auch Vergleiche mit anderen Wirtsgesteinen gibt es nicht.
Mit dem stillgelegten Salzbergwerk Asse 2 bietet sich 1965 eine kostengünstige Gelegenheit. Aus dem "Forschungsbergwerk" wird unter wachsendem wirtschaftlichen Druck ganz schnell eine billige Entsorgungsstätte für anfallenden Atommüll untertage. Schnell ist die Asse2 kein Experiment mehr, sondern Bedingung für den Erfolg eines ganzen Wirtschaftszweiges. Zweifel an der Sicherheit werden ausgeblendet, obwohl schon bald keiner mehr bestreitet, dass in absehbarer Zeit "in der Grube kein Raum trocken bleiben wird". 1976 erlässt der Bund zum ersten Mal ein Gesetz, das den Betrieb von Endlagern regeln soll. Asse 2 ist zwar faktisch ein Endlager, juristisch allerdings noch nicht. Den Anforderungen eines Atomgesetzes - das wissen die Betreiber - wird es nie genügen können - deshalb wird die Einlagerung bis 1978 für beendet erklärt: Kein Hindernis, die Zeit zu nutzen und noch möglichst viel atomaren Müll ins Bergwerk zu verbringen - trotz aller Warnungen, auch wenn das Gestein wandert, es tropft und sickert.
Ein neues Endlager muß her - denn gleichzeitig soll das Atomprogramm weiter ausgebaut werden. Die Zeit ist knapp und der Druck in Politik und Wirtschaft wächst. Wenn nicht in wenigen Jahren eine gesicherte Entsorgung des Atommülls nachgewiesen werden kann, wären nicht nur Neubauten ausgeschlossen, sondern selbst der laufende Betrieb bestehender AKW gefährdet. Die Idee eines nuklearen Entsorgungszentrums (NEZ) wird verfolgt, 3 Standorte kommen in die engere Wahl, wobei der Zeitdruck keine speziellen Voruntersuchungen zulässt. Gorleben ist allerdings nicht dabei. Geologische Kriterien spielen eine untergeordnete Rolle, allenfalls Bewertungsdaten für die Eigenschaften von AKW-Standorten. Am Ende der "Auswahlverfahren" taucht ohne Erklärung Gorleben als weitere Standort auf. Am 27.Februar 1977 wird Gorleben zum vorläufigen Standort eines möglichen Endlagers für radioaktiven Müll benannt. Zusätzlich zu untersuchende Alternativen werden vom Tisch gewischt: Gorleben oder gar nicht! Es gibt wenig Erkenntnisse über diesen ausgewählten Standort. Trotz massiver Proteste wird mit dem Bau und der Erkundung begonnen - in "großzügiger und vorausschauender Weise" werden bereits die Grundlagen für ein späteres Endlager mitgebaut. Gorleben wird als eignungshöffig erklärt: man hofft auf eine Eignung. Und die wird man auch finden.
Mit der Festlegung auf Gorleben als alleinigem Endlagerstandort kam dem geologischen Sachverstand die Aufgabe zu, fachlich begründet darzulegen, warum an dieser Entscheidung - komme, was da wolle - festgehalten werden kann. Auch wenn seither in der gesellschaftlichen Debatte immer wieder angeführt wird, die Erkundung der geologischen Situation am Standort geschehe ergebnisoffen, drängt sich durch den bisherigen Verlauf der Eindruck auf, dass sich die maßgeblich Beteiligten in ihrer Mehrheit diese Zielvorgabe zu eigen gemacht haben. Ein Prinzip der "projektbegleitenden Konzept-Erstellung" macht es möglich, das Endlagerprojekt durch alle Höhen und Tiefen der Untersuchung bis zur Einlagerungsreife zu führen. Ohne die vorherige Festlegung auf Kriterien, die durch die Untersuchungsergebnisse zu erfüllen wären, und die anderenfalls auch zu einem Abbruch führen, wird projektbegleitend das Konzept an die vorgefundenen Tatsachen angepaßt. Lange Zeit stand es in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung außer Frage, dass ein intaktes Deckgebirge und ein ausreichend mächtiges und homogenes Salzgestein eine notwendige Voraussetzung für die Einlagerung radioaktiver Abfälle bilden. Nun haben bereits die übertägigen Untersuchungen zweifelsfrei ergeben, dass das Deckgebirge über dem Salzstock Gorleben gravierende Mängel aufweist. Gorleben erfüllt als Endlagerstandort die bisher geltende Forderung nach einem Mehrbarrierensystem nicht: eine Erkenntnis, die bereits zu diesem Zeitpunkt zu einem Abbruch der Erkundung führen müßte. Aber was passiert? Statt Konsequenzen zu ziehen, erweist die Gemeinde der Experten sich als geschmeidig. In der wissenschaftlichen Diskussion wird die Vorstellung von einem Mehrbarrierensystem durch den Begriff des "einschlusswirksamen Gebirgsbereichs" ersetzt. Eine amtliche Stellungnahme der Bundesanstalt für Geowissenschaften hält fest, dass in einem späteren Genehmigungsverfahren natürlich auch nach dem Deckgebirge geschaut werden muss. Aber, so schränkt es ein: in einem Zeitraum von 1 Million Jahren können auch andere Salzgesteine, die möglicherweise jetzt einen intakten Gipshut haben, durch eiszeitliche Veränderungen beschädigt werden. Und dieser (hypothetische) Schaden könnte dann sogar größer sein als der derzeit vorhandene in Gorleben. Deshalb muss der offenkundige Mangel in der Beurteilung ohne Beachtung bleiben. Das unzureichende Deckgebirge wird so zu einem hinnehmbaren "Normalfall", und die damit verbundene Gefahr in Bezug auf einen "sicheren" Einschluß von radioaktiven Müll ist als unausweichlich zu akzeptieren. So lässt sich wegdefinieren, was nicht passt. Und es geht weiter mit der Erkundung. Nicht alle akzeptieren den Maulkorb. Kritische Wissenschaftler weisen immer wieder auf die katastrophalen Folgen der Nichtbeachtung des Deckgebirges hin. Sie machen auch auf andere eklatante Mängel und Sicherheitsrisiken aufmerksam. Die besonderen Risikobereiche und Unsicherheitsfaktoren wollen wir auf den nächsten Seiten möglichst allgemein verständlich darstellen. Es zeigt sich, dass eine ganze Reihe geologischer Befunde schon längst die Aussicht auf eine Eignung zunichte gemacht haben, und sich ein weiterer Ausbau in Gorleben verbietet. Aber schon von Anfang an stehen mächtige Interesse dem entgegen. Unliebsame Wissenschaftler werden unter Druck gesetzt und weggemobbt, Gutachten werden aussortiert. Die massive Dienstbarmachung geologischer Kompetenz durch die Politik, die es in diesem Zusammenhang gegeben hat und gibt, kommt immer mehr ans Tageslicht, seit es möglich ist, in bislang unter Verschluss gehaltene Akten Einsicht zu nehmen. Mit den Erkenntnisse aus dem Asse-Untersuchungsausschuss fängt es an, dass Transparenz in ein bislang undurchschaubaures Geflecht kommt. Aufklärung ist angesagt und Misstrauen ist berechtigt, wenn auf dem Hintergrund wirtschaftlicher und politischer Interessen geologische Untersuchungen in Auftrag gegeben werden; wenn Ergebnisse von Wissenschaftlern interpretiert und bewertet werden, die sich auf ihre Unabhängigkeit berufen und doch nur dienstbare Geister sind; und wenn die Politik nach ihrem Kalkül Entscheidungen trifft, und diese mit der Autorität wissenschaftlicher Begründung legitimiert.
Die Idee beim Konzept der Endlagerung im Salz ist es, vor allem die vorhandene Geologie und weniger technisch bewerkstelligte Barrieren zu nutzen, um die Schadstoffe einzuschließen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Salz in der mittelbaren und unmittelbaren Umgebung der Strahlen- und Hitzequellen zu. Dessen unterstellte positiven Eigenschaften können sich jedoch allenfalls dann auszahlen, wenn das Salzgestein in ausreichender Mächtigkeit und Homogenität angetroffen wird. Je nachdem, wieviel Hitze und Strahlung dem Einlagerungsgestein zugemutet werden soll, muss es entsprechend in alle Richtungen über viele Hunderte-Meter in völlig reiner und einheitlicher Form vorliegen. Aus der über hundertjährigen Geschichte des Salzgewinnungsbergbaus in Norddeutschland ist bekannt, dass es Stellen gibt, an denen diese Bedingung erfüllt ist. Es gibt Salzbergwerke, in denen eine riesige Halle neben der anderen ausgeräumt werden konnte. Über manchmal hunderte von Metern nach vorne oder zur Seite, nach oben oder unten erstreckte sich reines Salz. Die Erfahrung ist allerdings auch die, dass die Bergleute nie mit Sicherheit wissen können, wo sie auf andere Schichten treffen. In enger Nachbarschaft zum Salz finden sich, bedingt durch die Entstehung der Lagerstätten, fast immer mehr oder weniger ausgedehnte Vorkommen von Kali, Schwefelverbindungen und Kohlenwasserstoffe, also Erdöl und Gas. "Vor der Hacke ist es duster." Mit diesem Bergmannssprichwort ist auch die Erfahrung festgehalten, dass jeder Schlag gegen die Wand einer zuviel gewesen sein kann. Von den Salzbergwerken, die im Lauf der Jahrzehnte angelegt worden sind, ist es nur eine kleine Zahl von Anlagen, die heute (noch) nicht voll Wasser stehen.
Ziel der Endlagerung von radioaktivem Müll - so wird es seit Jahrzehnten bekundet - soll es sein, den Müll "sicher" für 1 Million Jahre von der Biosphäre abzuschirmen. Geologische Befunde lassen nur eine sehr begrenzte Aussage über die Unwägbarkeiten des Einlagerungsgesteins und alles darum herum zu; prognostische Geologie ist deshalb häufig mit dem Versuch gleichgesetzt worden, aus Kaffesatz die Zukunft vorauszusagen. Zukünftige Enwicklungen über einen so langen Zeitraum von 1 Million Jahre können nur Plausibilitätsrechnungen sein und Möglichkeiten aufzeigen. Aussagen über eine sichere Verwahrung von Atommüll lassen diese Rechnungen nicht zu. Im Alltagsverständnis bedeutet "alles bleibt sicher eingeschlossen": alles bleibt drin, und nichts kommt raus. Gar nichts. Dauerhaft. Zuverlässig. Unter allen Umständen. Eben: sicher. Wenn überhaupt, dann müsste es so sein! Und weil es das nicht gibt, lehnen viele Menschen schon den Versuch ab. Für Fachleute allerdings verbindet sich mit "Sicherheit" ein ganz anderer Begriff. Denn Wissenschaft, das ist ihnen völlig klar, ist gar nicht in der Lage, eine Aussage über absolute Sicherheit zu treffen. Da geht es um Modelle, Wahrscheinlichkeiten und festgelegte Grenzwerte. "Sicherheit" in diesem Sinne ist immer begrenzt; sie schließt ein Restrisiko ein, sie definiert einen Grenzbereich zur Unsicherheit. Für Experten ist Sicherheit ein berechenbare Größe. Aus diesem unterschiedlichen Sprachgebrauch ist in den vergangenen Jahren eine neue Variante der Akzeptanzbeschaffung geworden. "Nichts ist sicher." stellte der ehemalige Bundesumweltminister Gabriel fest. Natürlich könne es ein "alles bleibt drin" nicht geben. Deshalb sei auch der Versuch abzulehnen, Sicherheit in diesem Sinne zu garantieren. Was nicht bedeutet, dass die Fachwelt die Allgemeinheit mit der Zumutung eines "Langzeit-Sicherheits-Nachweises" verschonen soll. Nein, die öffentliche Forderung soll jetzt eine sein nach einer Abschirmung des Strahlenmülls, die so sicher wie möglich ist. "Sicherheit" wird zum Streit darüber, was möglich ist, zur verhandelbaren Masse. Die Allgemeinheit soll lernen, die Fachleute in deren Sinn richtig zu verstehen.
Zum Zeitpunkt der Entscheidung für ein Nukleares Entsorgungszentrum am Standort Gorleben war über den Salzstock unter der Elbe bekannt, dass es ihn gibt. Viel mehr nicht. Beim Symposium der Deutschen Geologischen Gesellschaft im November 1979 wiesen vortragende Fachleute darauf hin, dass mit den bis dahin benutzten Messverfahren lediglich ungefähre Angaben gemacht werden können. Mit den Methoden der Oberflächenkartierung, der Gravimetrie und der übertägigen Reflexionsseismik können nur Lage und Größe des Salzstocks bestimmt werden. Zudem lassen sich Vermutungen anstellen, indem aus der Kenntnis benachbarter Strukturen Schlussfolgerungen gezogen werden. Belastbare Aussagen darüber, wie er im Inneren gestaltet ist, wie seine Randbereiche aussehen und wie er sich in das umgebende Erdreich einfügt, lassen sich erst dann treffen, wenn dem Boden Proben entnommen werden. Für den angestrebten Zweck müssen die Erkundungsergebnisse sehr detailliert und weitgehend zuverlässig sein. Hier existiert ein schwer aufzulösender Zielkonflikt: eine feinmaschige Erkundung kann das Ergebnis bringen, dass die aufgesuchte Struktur groß genug, rein genug und ungestört gewesen ist. Dann allerdings kann sie möglicherweise nicht mehr genutzt werden, weil sie nach der Untersuchung einem Schweizer Käse gleicht. Ohne die Probenentnahme bleiben andererseits alle Aussagen zur Struktur spekulativ. Damit wird ein Erkundungsprogramm zur Gratwanderung zwischen erforderlichem Erkenntnisgewinn und Rücksicht auf das Forschungsobjekt.
Zunächst wurde eine umfangreiches Bohrprogramm gestartet. Viele Kilometer von Bohrkernen wurden gezogen und begutachtet. In einem Netz von Messbrunnen werden seitdem kontinuierlich Pegelstände festgehalten.Viermal wurde an einigen Stellen gepumpt, an anderen Stellen die Reaktion beobachtet. Wassertemperaturen und -mineralgehalte werden ermittelt. Reflexionssonden wurden in ausgesuchten Tiefen installiert und mit seismischen Methoden angesprochen. All die so gewonnenen Einzeldaten setzten die Geologen in Beziehung zu vergleichbaren Angaben, die sie bei der früheren Errichtung von Bergwerken oder der Förderung von Gas und Öl gewonnen hatten. Sie entwickelten daraus eine modellhafte Vorstellung: kartierten, bis zu welcher Höhe das Salz an welcher Stelle aufgestiegen ist; skizzierten, wo Sättel liegen, über welche Achsen sich welches Mineral über anderes geschoben hat, in welchen Falten sich Randbereiche darstellen; lokalisierten Klüfte, Flöze, Grundwasserleiter; suchten nach Hutgestein und tonigen Abdeckungen. Mit Hilfe dieser Modellvorstellung legten sie fest, an welcher Stelle die Schächte zu bauen sind. Beim Graben in die Tiefe hatten sie reichlich Gelegenheit zu schauen, wo sie mit ihren Vermutungen richtig gelegen hatten - und wo falsch. Das blieb (und bleibt) dann auch bei Anlage des Stollensystems das Verfahren: die Annahmen über die geologische Situation werden durch ausgetüftelte Messverfahren bestätigt oder verworfen. Das Modell wird immer wieder korrigiert und immer feiner. Es bleibt ein Modell. Vollständige Gewissheit - zum Beispiel in der Frage, ob ein Bergwerk wohl trocken bleibt, - lässt sich erreichen erst im Augenblick des Scheitern. In dem Moment, in dem in einer absaufenden Grube das Wasser rinnt und der Zulauf nicht mehr versiegt, zeigt sich, dass trotz aller höchstwahrscheinlichen Abschätzung, die vom Gegenteil ausging, doch eine Verbindung zu Grundwasser entstanden ist. Auch wenn es über viele Jahre gut ging. Bis dahin bleibt das bange Hoffen darauf, dass die geologische Realität der Modellvorstellung entspricht; dass sich hinter der anstehenden Wand nicht doch eine üble Laune der Erdgeschichte verbirgt. Die tonangebenden Geologen haben in der Debatte einen Begriff dafür etabliert. Den Salzstock Gorleben bezeichnen sie als "eignungshöffig".@ | ||
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