Bedenkenlos wurden im maroden Bergwerk Asse 125 000 Fässer mit Atommüll versenkt. Nun kostet die Sanierung den Staat Milliarden – die Chronik einer vorhersehbaren Öko-Katastrophe, die für das geplante Atomlager Gorleben eine Warnung ist.

Verstrahlt, vergraben, vergeigt

von Michael Bauchmüller, Martin Kotynek,
Nicolas Richter und Ralf Wiegand

Weil nichts die Kernenergie hemmen durfte, ließen Forscher und Beamte den Atommüll der ersten Jahre in ein marodes Bergwerk kippen. Nun droht die Grube abzusaufen, es ist die größte deutsche Umweltkatastrophe. Eine Chronik des Versagens, die für das geplante Endlager Gorleben eine Warnung ist.

Walter Randig nennt es zuweilen "die Sache da draußen". Er ist 88 Jahre alt, deutet beiläufig zum Küchenfenster. Da draußen liegen sein Garten, der Ort Groß Vahlberg, dahinter Felder und die Asse - ein sanft gewölbter Hügel. Dort, hunderte Meter tief, lagern 125 797 Fässer mit strahlendem Gift, man hat sie in einem Bergwerk entsorgt. Randig ist nur Bitterkeit geblieben, er ist bitter, weil er vor der Katastrophe gewarnt hat und ihn keiner hören wollte. Die Bundesregierung hat den Atommüll hier abladen lassen; etliche ihrer Experten haben die Leute im Dorf glauben lassen, das Salzbergwerk Asse II sei immer trocken gewesen und werde es bleiben. Es war eine Lüge.

    Walter Randig wusste es.

Am 9. Juli 1964 erschien sein Leserbrief in der Zeitung. Er warnte, Wasser dringe ein in das alte Bergwerk, man könne dort keinesfalls strahlende Abfälle lagern. Im Dorf hielt man ihn für einen Störenfried. Er solle mit seinem Gefasel aufhören, forderten die Bergleute nach dem Tischtennisspielen, sonst riskiere er eine Tracht Prügel. Er sei ja nur der Erdkunde-Lehrer. Die Wissenschaftler hingegen wüssten schon, was sie da machten.

Heute fließen jeden Tag 12 000 Liter Wasser in das Bergwerk. Irgendwann wird der Salzstock Asse II kollabieren, er wird absaufen. Im schlimmsten Fall könnte das Gebirge dann kontaminierte Salzlauge nach oben drücken, hin zum Grundwasser. Randig hat Angst davor, recht zu behalten.

Die Asse ist die größte Umweltkatastrophe Deutschlands und ein Lehrstück über die Folgen blinden Glaubens an neue Technologien; eine Hinterlassenschaft von Forschern, Beamten und Politikern der jungen Bundesrepublik, einer euphorischen Generation, die gründlich sein wollte, aber dem Leichtsinn erlag. Seit Monaten befasst sich ein Untersuchungsausschuss in Hannover mit dieser Geschichte. Die Süddeutsche Zeitung hat die Dokumente ausgewertet und mit Zeitzeugen gesprochen. Sie erzählen von Rausch und Versagen im Angesicht politischer und industrieller Interessen.

Die Lehren aus dem Desaster Asse sind auch heute von Belang: Vor allem für Gorleben, jenem Salzstock im Wendland, in dem eines Tages die hochaktiven Abfälle der deutschen Atomindustrie lagern sollen. Gorleben, ein jungfräulicher Salzstock, wird jetzt nach längerer Pause wieder erforscht. Wie auch die Asse war Gorleben stets Sache von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, nie eine der Bürger. Diese Philosophie ist geblieben, und so stehen die beiden Endlager außerhalb der Gesellschaft - bis heute.

    Bonn, 1957

Atomdebatte im Parlament. Bundesatomminister Siegfried Balke, CSU, kann der neuen Technologie nur Gutes abgewinnen, als Problem sieht er allenfalls die Zögerlichkeit der Bundesrepublik. "Wir stehen nun vor der Aufgabe, den weiten Rückstand von 10 bis 15 Jahren möglichst schnell aufzuholen", referiert der Atomminister, "um die Lebensgrundlagen unseres Volkes zu sichern."

Deutschland braucht Energie für die Wirtschaftswunderjahre. Der Bund plant seit zwei Jahren ein Atomprogramm, es soll bald beginnen und die neue Technologie keinesfalls behindern. "Kostspielige Schutzmaßnahmen können die Wirtschaftlichkeit einer Reaktoranlage völlig vernichten", warnt Balke. Knapp anderthalb Stunden redet er, von Atommüll spricht er nicht. Der Bundestag stimmt den Atomplänen zu.

    Monte Carlo, 1959

Das Salzwasser wogt vor der Stadt, es schaukelt die Yachten, wälzt sich gegen die Felsen des Fürstentums Monaco. Hunderte Atomexperten aus 30 Ländern treffen sich im Ozeanographischen Museum von Monte Carlo. In dem Prachtbau hoch über der Brandung träumen sie von einer goldenen Zukunft. Es sind leichte Tage am Meer, abends eilt die Atom-Elite von Empfang zu Empfang.

Tagsüber erörtern die Experten die Schattenseiten. "Die Konferenz hat sehr deutlich gezeigt, dass die Beseitigung des radioaktiven Abfalls ein - wenn nicht das - Schlüsselproblem der friedlichen Nutzung der Kernenergie ist", fasste der damals anwesende deutsche Chemiker Hans Wolfgang Levi zusammen. Der Umgang mit diesem Müll also wird darüber entscheiden, ob die neue Energie so günstig ist, dass sie eine Zukunft hat.

Manche sind da noch sehr unbekümmert. Die Briten kippen strahlende Abfälle ins Meer, wo sie sich angeblich auflösen. Andere wollen die Fässer im Polareis verstecken, wieder andere scheren sich nicht darum. In Deutschland prüfen Forscher und Beamte etliche Optionen, bis sich plötzlich eine Gelegenheit bietet. Wie Schnäppchenjäger greifen sie zu.

    Salzbergwerk Asse II, 1964

Am 29. Januar 1964 besichtigen Beamte aus dem Forschungsministerium ein Bergwerk in Niedersachsen. Es liegt unter den Hügeln der Asse, bei Wolfenbüttel. Mehr als 50 Jahre lang hat die Wintershall-Tochter Burbach hier Salz abgebaut. Nun bleiben nur Löcher, Tunnel und Schächte im Gestein. Wintershall möchte die Anlage loswerden.

Die Leute aus Bonn fahren mit dem Aufzug Hunderte Meter nach unten. Die Luft ist salzig trocken. Dann rollt ein VW-Kübelwagen immer tiefer ins Bergwerk, durch die Erdgeschichte, vorbei an Schichten von Salz und Stein.

Die Besucher sind berauscht. In ersten Gutachten ist von einem einzigartigen Objekt die Rede. "Eine solche Gelegenheit dürfte kaum wiederkehren". Nach der Besichtigung notiert ein Experte: "Positiv zu werten ist vor allem der Preis" - 600 000 Mark. Eine billige Entsorgungsstätte unter Tage. "Bei längerer Standzeit des Bergwerks und höheren Abfallmengen" nähmen die Lagerkosten sogar ab, jubeln Forscher der "Studiengruppe für Tieflagerung". Es ist das Zeichen, auf das die Industrie hofft, und das der Staat allzu gern geben möchte. Am 12. März 1965 erwirbt die "Gesellschaft für Strahlenforschung", kurz GSF, im Auftrag des Forschungsministeriums den Salzstock.

    Allen Warnungen zum Trotz.

Denn schon bei der Besichtigung fällt den Beamten auf, dass der alte, ausgebeutete Salzstock feucht ist. In 750 Meter Tiefe sehen sie ein Sammelbecken für Lauge, jeden Tag fließen 700 Liter zu. Man hat vor Augen, was im Bergwerk Asse I geschehen ist: Weil das Salz rabiat ausgebeutet wurde bis zu den Wasseradern im Gestein, lief die Grube 1906 bis oben voll. Dasselbe geschah mit Asse III. Im Ministerium überlegt man deswegen, für Atommüll eine frische Grube zu graben.

Doch es gibt Gutachter, die an Asse II glauben, und dann findet auch das Ministerium das Risiko gering: Ein Beamter sagt im Bundestag, sollte das Bergwerk doch untauglich sein, könne man wieder verkaufen. Alles nur ein harmloses Experiment.

    Karlsruhe, 1965

Der Zug in die Ära der Kernenergie ist nicht mehr aufzuhalten. In Karlsruhe und Jülich sind Forschungszentren entstanden. Am 4. August 1965 wenden sich die Geschäftsführer des Karlsruher Zentrums an den Asse-Inhaber GSF: Ihre Anlage wachse, es häufe sich atomarer Abfall. "Bis zum Spätherbst dieses Jahres werden unsere Lagerhallen gefüllt sein." Noch 1965 müsse die "Versuchseinlagerung" in der Asse beginnen.

Auch die Wirtschaft drängt. Am 8. November 1966 trifft sich ein Ministerialbeamter mit einem Vertreter von Siemens. Der Mann aus der Industrie klagt: Sein Lagerplatz für Atommüll gehe zur Neige, ein Neubau würde 230 000 Mark kosten. Es ist eigentlich das Problem von Siemens. Aber der Staat will helfen.

Wie hatte Minister Balke doch erklärt: Es geht um "die Lebensgrundlagen unseres Volkes".

Der Beamte bietet an, den Siemens-Müll in der Asse einzulagern. Ähnliche Anfragen erreichen Regierung und GSF bald zuhauf. Auch AEG baut Reaktoren und schreibt an die Betreiber der Asse: Man brauche die feste Zusage, dass schwachaktive Abfälle "jederzeit" abgenommen würden, und zwar bitte günstig.

Längst ist die Asse kein Experiment mehr, sondern Bedingung für den Erfolg eines ganzen Wirtschaftszweigs. "Die Industrie", schreibt der Historiker Detlev Möller, "wurde systematisch von Abfällen und damit verbundenen Ausgaben entlastet".

    Salzbergwerk Asse II, 1967

Am 4. April 1967 kommen die ersten Fässer. Klaus Kühn kann sich an den Tag gut erinnern: Er hat Geburtstag, und auch sonst ist es für den jungen Bergbau-Ingenieur ein Fest. Kühn arbeitet bei der GSF, also für die Inhaberin der Asse. Der junge Ingenieur darf an einem großen Experiment teilhaben, und von der Kernenergie ist er ohnehin überzeugt.

Die gelben Fässer sinken im Förderkorb nach unten. "Diese Last wird niemals wieder ans Tageslicht zurückkehren, denn dort unten ist quasi die erste bundesdeutsche Grabkammer für Atommüll", meldet die Lokalzeitung.

Kammer 4 ist so groß wie eine Dorfkirche, die Decke domartig gewölbt, es ist 30 Grad heiß. Vier Fässer lagern die Arbeiter zunächst ein, stehend senkrecht aufeinander. Zwischen zwei Fassreihen muss ein Gang bleiben, so kann man Wischproben nehmen und nachsehen, ob die Fässer rosten. So akkurat wird es nicht bleiben.

Wenig später soll Kühn erklären, wie standsicher Asse II ist. Es gab neue Warnungen: Wände wandern, könnten einstürzen. Kühn verkleinert die Gefahren, er schreibt: "Unter normalen Umständen keinerlei Gefährdung" oder "praktisch eine absolute Wasserabdichtung". Die Laien glauben ihm, dem Experten. "Der stillgelegte Schacht ist so sicher, wie es sich der Laie einfach nicht vorstellen kann", schreiben Reporter.

Narren Kühn und andere Wissenschaftler und Beamte die Republik? Blenden die Forscher Gefahren aus? Sind sie so berauscht von ihrer Forschung, dass sie auch jeden Zweifel einlagern?

Es scheint so zu sein. Denn gleichzeitig bestreitet keiner, dass die Asse allenfalls auf mittlere Sicht dicht sein wird. Wenn man aber ein Jahrhundert vorausschaut, oder Hunderte Jahre, so ist die Prognose etlicher Experten eindeutig: "In der Grube wird kein Raum trocken bleiben", stellen Oberbergamt, Ministerium und GSF im November 1967 fest.

Trotzdem lagert man weiter Müll ein. Schlimmstenfalls geht man davon aus, dass er irgendwann in einer unterirdischen Salzlaugenblase gefangen wäre.

    Bonn, 1972

Klaus von Dohnanyi, Minister für Bildung und Wissenschaft im Kabinett Willy Brandts, hat zuweilen ein merkwürdiges Gefühl. Er fragt Mitarbeiter, ob sie wüssten, "was hier in Bonn vor 3000 Jahren war". Er will verdeutlichen, über welche Zeiträume man spricht, wenn man über Atommüll entscheidet. Es dauere ja 30 000 Jahre, sagt Dohnanyi, bis sich die Strahlung des Atommülls halbiere. Eine Ewigkeit. Dohnanyi zweifelt an der Atomkraft; aber er nennt es "eher ein Bauchgefühl, keine Gegnerschaft".

Trotz aller Zweifel verkündet Dohnanyi in dieser Zeit im Bundestag, was die Asse-Forscher zuvor nach oben meldeten: Wasser könne so gut wie nicht eindringen, auf jeden Fall sei das Grundwasser sicher. Es klingt, als spreche Kühn. Was Dohnanyi zu unterschreiben hat, das unterschreibt er, zwar mit diesem Gefühl im Bauch, aber, wie er sagt, nach bestem Wissen und Gewissen.

In der SPD, die Jahrzehnte später den Atomausstieg beschließen wird, gebe es da noch eine "hymnische Verehrung für die Atomkraft", sagt Dohnanyi. Im Godesberger Grundsatzprogramm der Partei von 1959 heißt es, der Mensch könne im atomaren Zeitalter sein Leben "von Sorgen befreien".

    Natürlich leisten einige Widerstand.

Der Erdkunde-Lehrer Randig aus Groß Vahlberg ballt die Fäuste, wenn er heute davon erzählt. Er weiß von einem Kuhhirten, der gesehen hat, wie Bergleute schon in den vierziger Jahren Wasser aus der Asse gefahren und in den Höllebach gekippt haben. Bevor der Bund das Bergwerk kaufte, hat Randig die Bergleute gefragt, warum sie die Anlage aufgeben. Eine der Antworten: "Seit Jahren kämpfen wir mit Wassereinbrüchen, wir kriegen die Grube einfach nicht dicht."

Auch die Frauenverbände der Region verstanden schon in den sechziger Jahren genau, was gespielt wurde. Überall würden Atommeiler geplant, weswegen die Asse kein Provisorium, sondern eine "ständig wachsende Gefahr" sei.

Aber in den Ministerien gelten solche Leute jahrzehntelang als ahnungslose, ängstliche Gegner des Fortschritts, womöglich verunsichert durch die Zerstörungskraft der Atombombe. Franz Josef Strauß diagnostiziert eine landesweite "Atompsychose". Die Beamten in Bonn teilen die Verfasser von Protestbriefen in drei Kategorien ein: "die besorgten Eltern", "die Querulanten", und "Menschen, die skurrile Vorschläge machen".

Rechtlich ist es eh nicht vorgesehen, dass das Volk mitredet. Asse II wird unter Bergrecht verwaltet, dieses Recht verlangt nicht, dass man die Bürger fragt.

    Salzbergwerk Asse II, 1977

Es kracht und tropft und sickert. Decken brechen ein. Das Gestein wandert, unter Tage verschieben sich die Pfeiler um bis zu drei Meter. Die Experten beschäftigen sich wieder mit einer Erkenntnis, die ziemlich alt ist, aber lange verdrängt wurde: Das Bergwerk besteht stellenweise aus dem hochlöslichen Carnallit. Ein Einfallstor für Wasser. Ein örtlicher Verantwortlicher will 1977 schon Leitungen im Schacht verlegen - um zu steuern, wie schnell welche Räume volllaufen. Kühn spielt es herunter, sagt, dafür sei es noch zu früh.

Ein Beamter im Innenministerium dagegen liest den Vermerk und schreibt an den Rand nur ein Wort: "Hilfe!"

Aber im Bergwerk herrscht Hochbetrieb. Die Asse ist zwar faktisch längst ein Endlager, rechtlich aber noch nicht. 1976 erlässt der Bund erstmals ein Gesetz, das den Betrieb von Endlagern regelt, das Atomgesetz. Daraufhin will das Land Niedersachsen nicht länger das alte Bergrecht auf die Asse anwenden. Das Land fordert ein ordentliches Planfeststellungsverfahren - mit Beteiligung der Bürger. Kein Zweifel, diese Hürde ist zu hoch: Spätestens im Dezember 1978 wird Schluss sein mit der Einlagerung. Es ist ein Ende mit Ansage.

Kraftwerksbetreiber und Forscher verfallen in Eile. In den letzten 24 Monaten vor der Schließung allein kommen mehr als 50 000 Fässer. Viel Arbeit für Bergleute wie Robert Ahrens. "Die ersten Lastzüge standen schon morgens früh auf dem Hof, sogar in der Nacht schon. Wir haben um 5.45 Uhr mit dem Entladen angefangen", erinnert er sich. Manche Fässer brechen auf, strahlender Schlamm ergießt sich auf den Boden. Unter Tage kippt man die Fässer einen Hang hinunter und schüttet Salz darüber. Für die Arbeiter ist das gut, sie müssen die Fässer nicht berühren, und es geht schneller. Der Andrang ist oft so groß, dass die Arbeiter abends nicht einmal mehr Zeit haben, die Fahrzeuge zu dekontaminieren.

Die neue Abkipptechnik macht die Asse im Wortsinne zur Müllkippe. Der Experte Kühn sagt im Nachhinein: "Es war ein psychologischer Fehler. Hier wurde einfach weggeschmissen."

Am 31. Dezember 1978 wird das letzte Fass angenommen. Vergeblich hatte der Bund das Land Niedersachsen gedrängt, die weitere Endlagerung zu genehmigen - mit allen Mitteln. "Das waren für mich eigentlich so die negativsten Stunden eines Verwaltungsbeamten", erinnert sich einer aus der niedersächsischen Landesregierung, "weil mit sehr viel persönlicher Diskreditierung gearbeitet wurde."

Seither wird Atommüll in oberirdischen Sammelstellen in den Bundesländern gelagert. So etwa im schleswig-holsteinischen Geesthacht. Dort tritt um die Jahrtausendwende aus einigen Fässern strahlende Flüssigkeit aus; die Fässer waren eigentlich für Asse II bestimmt. 28 davon werden geöffnet. Ergebnis: Nur zwei sind korrekt deklariert. Auch in der Asse dürfte deutlich mehr Gift sein als bekannt. Zwar kam jedes Fass mit Begleitschein, doch die Angaben wurden nur oberflächlich überprüft. Erst kürzlich wurde bekannt, dass im Bergwerk weit mehr gefährliches Plutonium lagert, als in den Papieren steht.

    Neuherberg, 1988

In Neuherberg bei München liegt die GSF, die das Bergwerk Asse II betreibt. Es ist eine Art Outsourcing: Das Forschungsministerium hat die Verantwortung ausgelagert an den engen Zirkel von Forschern und Ingenieuren. Mit gutem Grund, wie sich erweist. 1988 erfährt der Asse-Forscher Kühn, dass in das Bergwerk Salzlauge eingebrochen ist. Im nächsten GSF-Jahresbericht steht darüber kein Wort. Er habe vermutet, "dass dieser Laugenzutritt wieder versiegt", erklärt Kühn später. Das Beschwichtigen dauert an, wieder wird die Öffentlichkeit auf Abstand gehalten. Von Problemen soll das Volk nichts wissen.

Später wird der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Alexander Kaul, das Umweltministerium in einem Brief warnen, dass unkontrolliert einbrechendes Wasser in Asse II auch alle anderen Endlager im Salz in Frage stellen würde. Dann wäre auch Gorleben gefährdet, schreibt Kaul. Der Salzstock im Wendland soll eines Tages den hochaktiven Müll der Atommeiler aufnehmen. Inzwischen weiß man, dass die Salzlauge, die ins Bergwerk fließt, zum Teil verseucht ist: Auf ihrem Weg nimmt sie Radioaktivität aus kaputten Fässern auf.

    Remlingen, 1990

Kühn hat sich mittlerweile zum einflussreichsten Experten entwickelt, die Asse ist das Reich seiner Forschung. Erbittert kämpft er darum, das Bergwerk nicht zu schließen. Seine eigentliche Mission aber ist der Salzstock Gorleben: Die Experimente in der Asse sollen zeigen, dass sich Salz auch für den hochaktiven und heißen Atommüll eignet. Versuchsweise will die GSF solchen Müll sogar in der Asse lagern, zwölf Jahre nachdem dort das letzte Fass angekommen ist.

Doch die Menschen rund um die Asse werden misstrauisch. Mehr als tausend Dorfbewohner bilden eine Menschenkette am Zaun der Anlage, sie wollen von dieser Art Forschung nichts mehr wissen. Die letzten Pläne der GSF scheitern.

    Berlin, März 2007

Später Abend im Deutschen Bundestag. Die Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl verlangt, alle Abfälle aus der Asse zu holen. Bis dahin weiß die breite Öffentlichkeit wenig von der Katastrophe unter Tage. Zwar hätten die Fraktionen unterschiedliche Ansichten, sagt sie. Alle aber müssten sich darin einig sein, dass der Bevölkerung an der Asse Unerträgliches zugemutet werde.

Die GSF, die jetzt Helmholtz-Zentrum heißt, will den Müll unten lassen - und wohl auch die Debatte über ihr eigenes Versagen. Ein "Schutzfluid" soll das Grubengebäude für immer fluten. Das findet auch der Karlsruher Unions-Abgeordnete Axel Fischer gut. "Im Erfolgsfall wäre die Schachtanlage 2013 geschlossen, die Abfälle dauerhaft entsorgt", sagt Fischer. "Sozusagen: Klappe zu, Affe tot."

Es soll anders kommen. In den Monaten darauf wird ruchbar, dass das Helmholtz-Zentrum ohne Erlaubnis radioaktive Lauge in die tiefsten Bereiche des Bergwerks pumpte. Immer neue Ungeheuerlichkeiten kommen ans Licht. Am 1. Januar 2009, 30 Jahre nach Ende der Einlagerung, übernimmt das Bundesumweltministerium den Problemfall. Nicht mehr Forscher führen die Asse, sondern das Bundesamt für Strahlenschutz. Erstmals bekommen Sorgen der Anwohner Gewicht. Bald wird der neue Minister, Norbert Röttgen, CDU, davon sprechen, den Müll aus dem Bergwerk zu holen.

    Hannover, 2010

Die Mitglieder des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Asse im Landtag von Hannover werden gut versorgt. Jede Stunde nimmt eine Bedienung die Bestellungen auf und schiebt dann einen vollen Servierwagen in den Leibniz-Saal. Kaffee, Obstsalat, Sandwiches - die stundenlangen Sitzungen sind auch eine Art Überlebenstraining.

Der linke Flügel des Ausschusses würde gerne das aktuelle politische Personal aus Berlin in den Zeugenstand, besser, auf eine Anklagebank bekommen.

Die Konservativen wollen wenigstens verhindern, dass das Desaster auch noch das Endlager Gorleben beschädigt.

Es geht, wie so oft bei der Atomkraft, nur vordergründig um die Sache. Tatsächlich stehen hier Philosophien gegeneinander, Lebenswerke, Biographien. Eine Euphorie lässt sich nicht einfach stoppen. Sie wirkt fort in den Köpfen ihrer Protagonisten.

Kühn warnt den Ausschuss davor, heute alles besser wissen zu wollen. Dass Asse II aber ein Fehler war, sagt jetzt auch er: "Ich würde auf keinen Fall mehr ein Gewinnungsbergwerk, welches 60 oder 80 Jahre in Betrieb gewesen ist, für die Endlagerung aussuchen."

    Epilog

Im Bergwerk sind die meisten Fässer unsichtbar, versteckt unter dem Salz, das man später über sie gehäuft hat. Geschieht nichts, wird das Salz irgendwann zuwachsen, wird sich die Fässer einverleiben auf alle Zeit. Es wird sich um sie legen wie ein wucherndes Gewächs, während es andernorts millimeterweise wandert und die Statik des ganzen Bergwerks verändert. Gleichzeitig bahnt sich das Wasser seinen Weg durch die Südflanke. In einer Wanne wird es aufgefangen, mittlerweile 12 000 Liter am Tag. Tanklastwagen transportieren die Lauge ab. Woher das Grundwasser kommt, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass es den Stein auswäscht - und den Weg bereitet für das endgültige Absaufen der Grube.

Also wird man die Fässer wohl entfernen müssen. Doch wohin mit dem Müll? Es ist kein Ausweg in Sicht: Wer durch die Dörfer fährt, findet an vielen Häusern ein großes, gelbes A, es steht für "Aufpassen". Die Bewohner schauen jetzt ganz genau hin. Lange Zeit war das Thema in den Dörfern tabu, doch im vergangenen Jahr demonstrierten 15 000 Menschen. Auch anderswo will man den Müll nicht haben. In Salzgitter, wo gerade das Endlager Schacht Konrad gebaut wird, das erste ordentliche Endlager auf deutschem Boden, wehren sich die Stadtväter gegen die Fässer aus der Vergangenheit. Günstig wird es so oder so nicht werden. Zwischen zwei und vier Milliarden Euro kostet die Bergung der Fässer, grob geschätzt. Und nur, wenn alles gutgeht.

Es ist ein Dilemma. Walter Randig, der Erdkundelehrer, weiß auch nicht, was ihm lieber ist: Werden die Fässer geborgen, wäre das Problem an der Oberfläche, die Laster mit den Fässern würden vielleicht auch durch sein Dorf fahren. Bleiben sie aber unten, lagert 750 Meter unter der Erde ein Blindgänger. Ob, wann und wie er hochgeht - das weiß keiner so genau. Und denen, die vorgeben es zu wissen, traut keiner mehr.

 

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