Seit 1996 lieferte Urenco mit Wissen der Behörden
abgereichertes Uran von Gronau nach Sibirien.

Atommüll als Wertstoff

von aaaRed

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In Sibirien ist , wie schon lange bekannt und kritisiert, auch eine große Menge deutscher Atommüll entsorgt worden. Ein Drittel des gesamten schwachaktiven Atommülls lagern in einem Atomzentrum in Sewersk, früher Tomsk-7 genannt, das rund 200 Kilometer nördlich von Nowosibirsk liegt. Das Material stammt von dem Unternehmen Urenco, das im nordrhein-westfälischen Gronau eine Fabrik zur Uran-Anreicherung betreibt.

Seit 1996 hat Urenco 27.300 Tonnen radioaktives und hochgiftiges Uranhexafluorid nach Russland schaffen lassen. Exportiert werde keine Atommüll, sondern "Wertstoff", der nach seiner Wiederaufbereitung in Gronau wiederverwendet werde, beteuerte das Unternehmen immer wieder. Organisiert ist es als deutsch-britisch-niederländisches Joint Venture, an dem die deutschen Energiekonzerne RWE und Eon jeweils 16,6 Prozent halten.

Erst in der vergangenen Woche musste eine Urenco-Sprecherin dann aber einräumen, dass lediglich 10 bis 15 Prozent des Materials wieder nach Deutschland zurückgeliefert wurden. Das bei der Wiederaufbereitung nicht nutzbare abgereicherte Uran sei noch immer in den Händen der russischen Urenco-Partnerfirma Tenex. Dies sei "bei Anreicherungsverträgen üblich". Auch das extrem abgereicherte Uran sei kein Atommüll, sondern Wertstoff, der möglicherweise in der Zukunft genutzt werden könne: "Das ist eine Frage des Uranpreises." Das Material werde in Sewersk in "dickwandigen Stahlfässern" gelagert. Die Verantwortung dafür liege alleine bei Tenex.

In Russland aber werde der Atommüll in Fässern gelagert, die unter freiem Himmel vor sich hin rosteten, klagt nicht nur Wladimir Sliwjak von der russischen Umweltorganisation Ecodefense, etwa im "Sibirischen Chemischen Kombinat" bei der geschlossenen Stadt Serwersk (Tomsk-7) nahe Tomsk, deren Existenz von der Sowjetunion erst 1989 zugegeben worden war. Ähnliche Lagerstätten bestehen bei spezialisierten Chemiewerken in Swerdlowsk (Swerdlowsk-44), Krasnojarsk (Krasnojarsk-45) und in Angarsk. Selbst die russische Atomaufsicht bemängelt mittlerweile, die Lagerung des Gronauer Uranhexafluorids in den noch aus der Sowjetzeit stammenden Anlagen in Sibirien und am Ural entspreche nicht dem Stand der Technik. "Dieser lebensgefährliche Umgang mit dem deutschen Atommüll ist auch nach russischen Umweltgesetzen illegal", so Sliwjak. "Es gibt keine sichere Atommüll-Lagerung in Russland."

Gleichzeitig wurden jetzt erstmal Zahlen bekannt, welche Dimension der Atommüll-Export nach Sibirien für die Entsorgungs-Debatte in Deutschland hat. Nach Informationen der Entsorgungskommission des Bundes hätten zusätzlich 150.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle in Deutschland entsorgt werden müssen, wäre das Uranhexafluorid nicht außer Landes geschafft worden. Das für mittel- und schwach radioaktiven Müll geplante Endlager Schacht Konrad in Salzgitter ist aber nur für 300.000 Kubikmeter ausgelegt, die schon ohne den Müll aus Gronau in den deutschen Atomkraftwerken entstehen.

"Ein Drittel des in Deutschland angefallenen schwachaktiven Abfälle wurde also nach Sibirien geschafft, indem einfach behauptet wird, es handele sich nicht um Atommüll. Doch der Abfall strahlt, ist giftig und nicht mehr zu verwenden. Was ist das dann anderes als Atommüll?" fragt Jochen Stay.

Doch Urenco hält - unterstützt von der künftigen schwarz-gelben Bundesregierung wie der ebenfalls von CDU und FDP gestellten NRW-Landesregierung - an der Urananreicherung fest. Das Unternehmen hat die Atommülltransporte nach Russland auf Grund des zunehmenden Widerstands aus der antiAtom-Bewegung zwar im August eingestellt. Das in Gronau aber in immer größeren Mengen anfallende Uranhexafluorid soll künftig nach Frankreich geliefert werden und nach seiner Umwandlung in chemisch stabileres Uranoxid auf dem UAA-Gelände in Gronau zwischengelagert werden. Schon 2011 wird deshalb der Bau eines neuen Zwischenlagers in Gronau notwendig, so eine Sprecherin. Kapazität: 60.000 Tonnen.

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Verladung im Rotterdamer Hafen

Sewersk:
Die Stadt Sewersk, nahe der sibirischen Oblast-Hauptstadt Tomsk gelegen, existiert seit 1949. Hier wurde unter anderem Plutonium für Atomwaffen produziert.

Die Existenz der "geheimen Stadt", die zuerst nur als "Postfach Nr. 5" firmierte, dann auch Berjoski oder Tomsk-7 hieß, wurde erst 1989 bekannt gegeben. 1993 geschah hier ein schwerer Nuklearunfall. Sewersk gilt heute als "geschlossene Stadt", Zugang ist nur mit Passierschein möglich. Taktische Neuausrichtung der Mongolei: Die mongolische Regierung stärkt zur Zeit die russischen Bestrebungen, stärkere Kontrolle über den Uranabbau in ihrem Land zu erlangen.@

 

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