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vom anti-Atom-Büro Hamburg

Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome eine Studie mit weltweiter Resonanz. Durch das Buch "Die Grenzen des Wachstums" zog die Ansicht, dass die globalen Ressourcen endlich sind, auch in in die etablierten politischen Kreise der Industrienationen ein. Die Studie zeigt in zahlreichen Szenarien auf, wie endlich viele Rohstoffe sind, und wie bald sie aufgebraucht sein würden, würde das Wirtschaftswachstum im Westen so weitergehen wie bis dahin.

Diese Warnung wurde 1972 ausgesprochen, und doch wächst der Ressourcenverbrauch, vor allem des Westens weiter, ja mensch kann sagen er eskaliert weiter und weiter. Wer sich die Wirtschaftsnachrichten anhört, kann sich ein Bild davon machen. Ist die Wachstumsrate, und damit die Profitrate, nicht groß genug, werden die Blicke der PolitikerInnen sorgenvoll, und die Nachfragen der JournalistInnen drängender. Es geht dabei wohlgemerkt um Wachstumsraten, also das Maß, in dem unser ohnehin schon immenser Ressourcenverbrauch erneut gewachsen ist. Ohne Wachstum, ohne Expansion kollabiert das System, bricht der Kapitalismus in sich zusammen.

Und so führt dieses Wachstum zu immensem Flächenverbrauch, Artensterben, zur Verseuchung von Böden und und und, tja, und auch zur Freisetzung von CO2. Vor allem aber führt es dazu, dass sich die Lebensbedingungen von Menschen, meist im globalen Süden dramatisch verschlechtern. Im Nigerdelta wird Krieg gegen die lokale Bevölkerung geführt um an das dort vorhandene Öl zu kommen, in Australien werden gigantische Flächen, die den BewohnerInnen heilig sind, bei der Uranförderung verseucht, für Palmölplantagen werden Menschen in Indonesien von ihrem Land vertrieben. Die Liste ließe sich sehr lange fortsetzen, und macht überaus deutlich, dass "wir" im Gegensatz zur medialen Darstellung nicht "alle im selben Boot" sitzen, sondern, wie schon in den vergangenen 500 Jahren, der Westen auf Kosten des globalen Südens vom Ressourcenverbrauch stärker profitiert, und dem Süden die Kosten des Wachstums aufbürdet.

Der Stoff, der dieses Wachstum antreibt, ist Öl. Und wie Drogenabhängige fiebern Millionen Menschen mit, wenn der Ölpreis steigt oder fällt. Mit größter Rücksichtslosigkeit, ja barbarischen Methoden ist der Westen bereit, sich dieses "Suchtmittel" zu besorgen, auch wenn das, wie im Irak, bedeutet über Leichen zu gehen. In den fünfziger bis siebziger Jahren, und bei manchen wohl heute noch, gab es jedoch einen weitverbreiteten Traum; die Hoffnung, dass eine neue Technologie das Versprechen billigen Stroms für alle und Profite für die Konzerne einlösen könnte. Es war der Traum vom "Atomzeitalter", in dem der Strom zu billig sein würde, um ihn zu messen ("too cheap to meter"), das sauber und modern sein würde, und so paradiesisch, dass mensch Grönland in einen Garten Eden verwandeln könnte.

Doch wie schon beim Öl, das 100 Jahre zuvor die "dreckige" Kohle abgelöst hatte, ist das "Atomzeitalter" nur eine weitere Eskalation des dem Kapitalismus innewohnenden Wachstumszwanges, und auch im "Atomzeitalter" setzte sich die global ungerechte Verteilung von Nutzen und Kosten in noch drastischerer Weise fort. Dieser Vorgang wird meist als Externalisierung von Kosten bezeichnet und stellt keine Besonderheit des Energiesektors dar, sondern ist ein grundlegender Mechanismus im Kapitalismus. Die Profite, der Vorteil einer Produktion, werden privatisiert, die Kosten werden sozialisiert, also der Allgemeinheit aufgebürdet.

Dabei spielt bei Kohle und Atom vor allem die Externalisierung in Raum und Zeit eine Rolle. Im Raum heißt, dass die Folgen des Uranabbaus und des Klimawandels, aber auch des Flächenverbrauches und des Artensterbens, vor allem der globale Süden zu tragen hat. Externalisierung in der Zeit bedeutet, dass vor allem zukünftige Generationen die heute verursachten Probleme zu Schultern haben. Sei dies in Form zukünftig steigender Meerespiegel oder als Atommüll, der noch für Jahrtausende strahlt.

    Für eine Gesellschaft, in der der Betrieb von Atomanlagen nicht machbar ist!

Der Zwang zum Wachstum und zur Steigerung des Profites prägt eine Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, dass wir anderen Gesellschaften oft mit Gewalt ihre Bodenschätze entreißen und zukünftigen Generationen den Müll hinterlassen. Die gleiche Dynamik führt auch dazu, dass Produktionen rationalisiert und zentralisiert werden. In der Energieerzeugung nimmt dieser Zwang besondere Formen an. Immer größere Konzerngebilde entstehen, immer größere Kraftwerke werden gebaut. Im Bereich der weltgrößten Konzerne liegen immer noch die Öl- und Autokonzerne vorne, im Bereich der Kraftwerke Atom- und Wasserkraftwerke.

Effizient sind Kraftwerke für die Konzerne vor allem dann, wenn möglichst wenig Personal möglichst viel Strom erzeugen kann. Nachdem es gelungen war, die Kosten für Forschung und Entsorgung dem Staat, also der Allgemeinheit, aufzubürden, stellen sich Atomkraftwerke als die Spitze dieser Entwicklung dar. Die Stromerzeugung durch AKWs zum Beispiel in Deutschland richtet sich also nicht nach den Bedürfnissen der Bevökerung, sondern nach den Anforderungen der Konzerne, möglichst viel Profit mit möglichst geringem Einsatz zu machen.

Eine früher sehr dezentrale Versorgungsstruktur mit Hunderten von Stadtwerken wurde so über die Jahre hinweg in eine zentralisierte Energieversorgung mit vier großen Konzernen überführt (e.on, RWE, Vattenfall und EnBW). Nur sie können das Kapital für den Betrieb von Atomanlagen aufbringen. Welche Macht sich in diesen Konzernen akkumuliert, zeigt sich zum Beispiel darin, wie gut sie in der Lage sind, den Staat für ihre Belange zu nutzen.

So stellt der Staat jedes Jahr Tausende von PolizistInnen ab, die Castortransporte durch die Republik prügeln, ohne dass dies den Konzernen in Rechnung gestellt würde. Zentralisierter Staat und große Konzerne bedingen sich gegenseitig. Der Betrieb von Atomanlagen ist konsequenter Ausdruck dieser gesellschaftlichen Entwicklung. Ein Blick auf die Liste der 37 Staaten, die Atomanlagen betreiben, offenbart vor allem Gesellschaften, in denen die gesellschaftliche Akkumulation von Reichtum und die Zentralisierung von Macht schon sehr weit fortgeschritten ist.

    Herrschaftsfrei und Spass dabei!

Das Ziel der Anti-Atom-Bewegung ist daher nicht eine kapitalistische Gesellschaft in der es nur keine Atomanlagen gibt (das fordern auch SPD und Grüne), sondern eine grundlegend andere Gesellschaft, in der Atomanlagen nicht machbar sind. Eine Gesellschaft, die sich von einer fatalen Wachstumslogik zu befreien versucht, die zwangsläufig drastische soziale Folgen hat, und die Lebensgrundlagen von Menschen vor allem im Süden zerstört.

Die Kritik der Anti-Atom-Bewegung ist der Versuch, eine Energieversorgung zu denken die sich an den Bedürfnissen derjenigen orientiert, die die Energie verbrauchen, aber auch derjenigen, die die Rohstoffe zur Verfügung stellen. Damit dies auf Augenhöhe miteinander verhandelt werden kann (beispielsweise RapsbäuerInnen, AgrospritproduzentInnen und AgrospritverbraucherInnen) braucht es eine herrschaftsfreie und selbstbestimmte Gesellschaft, die Gremien und Orte bereitstellen kann, die gewährleisten, dass die Belange keiner einzigen Gruppe Betroffener einfach unter den Tisch fallen können. Die Frage nach einer anderen Energieerzeugung ist daher vor allem die Frage nach einer anderen Gesellschaft, und weniger nach anderen Technologien.

Der Widerstand gegen Wachstumsideologie, Ressourcenverbrauch und den Betrieb von Atomanlagen steht dabei exemplarisch für viele andere gesellschaftliche Bereiche, beispielsweise die Themen Mobilität, Landwirtschaft, oder Wohnen. An vielen Stellen kann mensch beginnen, Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse zu entwickeln. Der Kampf gegen den Betrieb von Atomanlagen ist nicht die Schlechteste davon. @

 

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