Strategiepapier für den Wahlkampf

Atomlobby als Strippenzieher

Endlagersuche "Nährboden für längere Laufzeiten"

von Vera Gaserow

Die Liste ist lang. Ins Internet eingespeiste Pro-Atom-Blogs für die "nicht-Gorleben-sozialisierte" Generation. Callcenter, die Verbraucher und Wähler mit bereits frankierten Pro-Kernkraft-Briefen an die Bundestagsabgeordneten versorgen, Vorträge und Frühstücke, in denen Politiker und Medienvertreter mit einer "leisen Kommunikationsstrategie" auf längere AKW-Laufzeiten eingestimmt werden - die Atomlobby hat sich offenbar bereits vor einem Jahr minutiös auf das Szenario vorbereitet, dass die Kernenergie zum Wahlkampfthema wird.

Foto: Kirsten Neubig
Foto: Kirsten Neubig

So liest sich zumindest ein 109-seitiges Strategiepapier der Berliner "Unternehmensberatung für Politik- und Krisenmanagement" PRGS, auf dessen Deckblatt als Adressat steht: "Für die Eon Kernkraft AG." Das Papier entwirft inklusive eines minutiösen Zeitplans ein Drehbuch für einen atomfreundlichen Bundestagswahlkampf: "Das Gesamtziel der vorgelegten Strategie ist es, die politisch-öffentliche Debatte um die Verlängerung der Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke positiv zu beeinflussen", heißt es in dem Papier, das dem Energiekonzern Eon unter anderem eine Liste mitliefert, in der die energiepolitischen Journalisten der deutschen "Leitmedien" nach (vermeintlicher) parteipolitischer Präferenz eingefärbt sind (die FR bekommt dabei ein grünes Etikett).

Nachdem das Strategiepapier publik geworden ist, bestreiten sowohl die Autoren als auch der dort als Adressat und Auftraggeber angegebene Eon Konzern vehement, dass es sich um eine Arbeit im Auftrag des Energiekonzerns gehandelt habe. Das Konzept sei von Eon weder "beauftragt noch bezahlt noch umgesetzt worden", so beteuert PGRS Geschäftsführer Thorsten Hofmann auf Anfrage der FR. Es habe sich vielmehr um eine "Ideenskizze" zur Auftragsakquise für seine Agentur gehandelt. Auch Eon distanziert sich von dem Papier.


Und noch ein guter Tipp in Sachen Gorleben

Im Text dagegen werden explizit Kommunikations-Ratschläge an Eon erteilt. Darunter vor allem die Empfehlung, im Wahlkampf keine eigene Kampagne pro Atomkraft zu starten, sondern eher auf leise Überzeugungsarbeit und Imagepflege zu setzen, indem sich das Unternehmen als Förderer der erneuerbaren Energien und des Klimaschutzes präsentiere. Außer mit dem Klimaschutz solle man auch mit dem Thema Versorgungssicherheit argumentieren, rät das Konzept. Dabei ließen sich auch historische Ängste vor dem Gas-Lieferanten Russland nutzen.

Ob und in wieweit die Empfehlungen tatsächlich in die Lobby-Arbeit der großen Energieversorger eingeflossen wäre, lässt sich kaum nachweisen. Auf etliche Werbe- und Lobby-Strategien wären sie wahrscheinlich auch längst ohne das Konzept gekommen. Und zumindest einen Ratschlag haben sie nicht befolgt. Die "Krisenmanagement-Berater" der PRGS raten in ihrem Konzept Eon nämlich unter anderem ausdrücklich, sich in Sachen Endlager-Gorleben kompromissbereit zu zeigen.

"Eon stellt sich der Verantwortung und setzt sich für den Beginn einer neuen Endlagersuche ein", heißt es in dem Papier. "Hierin besteht eine klare Chance zur Imageverbesserung, die langfristig zu Vertrauen und Akzeptanz in der Bevölkerung führen könnte." Eine ergebnisoffene Endlagersuche sei "der Nährboden für längere Laufzeiten." So wie einige andere Ratschläge auch, die die Agentur im November 2008 erteilte, dürfte dieser Ratschlag inzwischen durch die Gorleben-Debatte von Realität längst überholt sein.

 

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