Rausholen oder Drinlassen:
der Optionenvergleich an der Asse

von Udo Dettmann

antiAtom-Treck 2009:
Inspektion des
Endlagers Asse2
Foto PubliXviewinG
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Am Freitag, 2. Oktober wurden an der Asse auf einer 6-Stunden-Veranstalung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) die drei Machbarkeitsstudien für den weiteren Umgang mit dem Atommüll in der Asse vorgestellt: * Rückholung, * Umlagerung, * Vollverfüllung. Alle drei Varianten wurden als "technisch machbar" und "strahlenschutztechnisch umsetzbar" eingestuft. Sie wurden von den ausarbeitenden Firmen und Konsortien vorgestellt; das BfS legt Wert darauf, dass die Vorträge nicht die Meinung des BfS widerspiegeln.

Dieses Vorgehen - außerhalb jeglicher Rechtsgrundlage - entspricht dem besonderen Verhalten des Staates bei dem Asse-Problem. Denn im Gegensatz zu Morsleben wird die Bevölkerung schon weit vor einem Planfeststellungsverfahren, weit vor dem Scoping-Termin, mit Informationen versorgt und in den Prozess mit eingebunden. Ob dieses ausreichend ist, ob es zielführend sein kann, kann ich nicht beurteilen - das wird uns die Zukunft zeigen. Dass es so stattfindet ist in meinen Augen dem Umstand geschuldet, dass die Bewegung eine gewisse Stärke aufgebaut hat, die Medien sich dieses Themas angenommen haben und die Politik versucht, sich mit der Asse voneinander abzugrenzen. In dieser Dreiecksbeziehung findet das Agieren und Reagieren statt.

Doch jetzt zu den einzelnen drei Machbarkeitsstudien. Eine genauere Bewertung konnte ich noch nicht vornehmen, die 700 Seiten der drei Studien liegen noch an meinem Bett.


Rückholung

In vier verschiedenen Varianten ist die Rückholung vorgestellt worden. Sie unterschieden sich in der "Gründlichkeit" der Rückholung, sprich wie hoch der prozentuale Anteil der rückgeholten Radioaktivität ist. Zwischen 70% sowie 100% mit Dekontamination der Einlagerungskammern lagen die Varianten. Allerdings mit der Einschränkung auf die Einlagerungskammern, nicht mit einbezogen waren die Kontaminationen im Tiefenaufschluss sowie verschleppte Kontamination in anderen Grubenbereichen. Als Zeitachse wurden je nach Variante 3 bis 15 Jahre benannt. Der Ausschöpfungsgrad der Grenzwerte der heute gültigen Strahlenschutzverordnung liegt bei bis zu 50% für die Bergleute und bei bis zu 27% für die Bevölkerung. Alle diese Zahlen sind wesentlich positiver als zu erwarten war - es bleibt zu hoffen, dass die Prüfungen hier keine Fehlkalkulationen offenbart. Erreicht wurden diese Werte durch eine massive Fernsteuerung und Automatisation der Maschinen unter Tage. Das Problem des "Flaschenhalses Förderschacht" der in der Fichtner-Studie noch ausschlaggebend war, wurde durch Kompaktion des rückgeholten Mülls unter Tage mit Pressen gelöst.


Umlagerung

Eine Umlagerung in der Tiefe des alten Grubengebäudes (500m bis 900m) wurde ausgeschlossen, da in diesen Tiefen kein "heiles" Salzgestein zu erwarten ist. In der Tiefe von ca. 1.200m sehen die Gutachter allerdings eine große Wahrscheinlichkeit für einen "intakten Salzbereich", der nach der Umlagerung wirksam vom derzeitigen Grubengebäude abgeschlossen werden kann. Dieser Bereich müsste allerdings erst erkundet und untersucht werden, es stehen heutzutage nicht genügend Kenntnisse vom geplanten Umlagerungsbereich zur Verfügung. Der Variante, den Atommüll durch Schächte in tief liegende Kavernen zu verstürzen, standen die Gutachter sehr kritisch gegenüber. Stattdessen konzentrierten sie sich auf das Verbringen der Abfälle in Containern per Wendel-Strecke und Blindschacht in den neuen Einlagerungsbereich. Dieses setzt ein Bergen der Abfälle wie in der Option "Rückholung" voraus. Als Zeitbedarf für eine vollständige Umlagerung wurden 15 bis 18 Jahre genannt, der Ausschöpfungsgrad der Grenzwerte der heute gültigen Strahlenschutzverordnung ist ähnlich der Variante der Rückholung. Bei der Umlagerung ist wahrscheinlich ein vollständiges Planfeststellungsverfahren mit Langzeitsicherheitsnachweis zu durchschreiten.


Vollverfüllung

Diese Option weist sehr starke Parallelen zum alten Flutungskonzept des Helmholtz-Zentrums München (HMGU) auf. Nur dass die Einlagerungskammern mit Brucit-Mörtel verfüllt werden. Weitere erreichbare offene Bereiche werden mit Sorelbeton verfüllt, einschließlich der Firstspalte der Kammern in der Südflanke. Bis zur 700-m-Sohle wird der Porenraum im Grubengebäude mit einer MgCl2-Lösung (vergl. HMGU-Konzept) geflutet - immerhin sind das noch 500.000m³. Die Bereiche oberhalb 700m sollen offen stehen bleiben, um mit der Zeit durch den Laugenzufluss vollzulaufen. Dadurch soll erreicht werden, dass kontaminierte MgCl2-Lösung aus den Einlagerungskammern aufgrund der Konvergenz des Grubengebäudes erst dann ausgepresst werden kann, wenn die Hohlräume sich vollständig mit dem Laugenzufluss gefüllt haben. Dabei wurde dieses Verhalten mittels Simulation nicht überprüft. Es besteht die Gefahr, dass aufgrund eines höheren "Feuchte-Kriechens" die Stabilität des Bergwerkes so weit abnimmt und das Grubengebäude zusammenstürzt, ggf. mit einem Tagebruch. Damit wäre die Asse ein eingültig chaotisches System.


Wie wird dieser Prozess jetzt weitergehen?

Diese drei Machbarkeitsstudien werden jetzt von allen Seiten geprüft, auf Vollständigkeit und Plausibilität untersucht. Danach wird das BfS diese Studien anhand des Kriterien-Papiers bewerten. Dieses Kriterien-Papier ist Anfang Oktober noch einmal überarbeitet worden und befindet sich in einer weiteren Abstimmungsrunde zwischen BfS, Arbeitsgruppe Optionenvergleich (AGO) und der Asse-II-Begleitgruppe (A2B) aus der Region Braunschweig.

Die Bewertung der Machbarkeitsstudien durch das BfS anhand des Kriterien-Papiers wird in einem Paarvergleich der drei Optionen erfolgen. Damit möchte das BfS bis zum Jahresende fertig sein, um dann zum Jahreswechsel die Option zu benennen, nach der die Asse geschlossen werden soll. Diese eine Option soll dann in den folgenden Monaten detaillierter ausgearbeitet werden - in meinen Augen auch mit der Möglichkeit eines Rücksprunges, wenn grundlegende Fehlprognosen in den Studien erkennbar werden.

Zu dieser Rücksprungmöglichkeit hat das BfS sich noch nicht geäußert. Aufgrund der Regierungsneubildung nach der Wahl wird dieses bei Bedarf noch zu erkämpfen sein (mit der vollen Breite aller drei atomkritischen Parteien auf der Straße und nicht nur in den Parlamenten). Um dann die Umsetzung der "am wenigsten gefährlichen" Option im nächsten Jahr beginnen zu sehen - denn auch das ist sicher: je länger gewartet wird desto unsicherer und schlechter wird der Zustand der Asse.

Es bleibt nur die große Hoffnung, dass aus den Desastern von Asse und Morsleben die Lehren gezogen werden und die Positionierung auf die "wartungsfreie, nicht rückholbare Lagerung von Atommüll in tiefen geologischen Schichten" aufgebrochen wird. Für den Umgang mit dem vorhandenen Atommüll darf es keine Denkverbote geben. Genauso wie es nicht akzeptabel ist, dass weitere Atommüll produziert wird. @

 

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