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zeitlos Die Hohe Kunst des Lügens von Ulrich Uffrecht Von der einfachen, plumpen Form der Lüge (Ladendieb zum Kaufhausdetektiv: "Ich weiß wirklich nicht, wie diese DVD in meine Aktentasche gekommen ist; die muß mir jemand heimlich hineingesteckt haben!") soll hier nicht die Rede sein, jedermann durchschaut sie sofort, auch wenn er sie nicht gleich widerlegen kann.
Etwas raffinierter lügt man schon, wenn man Begriffe aus der Umgangssprache benutzt, ihnen aber - ohne das zu erkennen zu geben -, einen anderen Sinn unterlegt, als sie in der Umgangssprache gemeinhin haben. Ich nenne das die "semantische" Lüge.
1. Beispiel: - Für "zulässig" hält man doch wohl gemeinhin nur etwas, was ungefährlich ist? Aber eine ungefährliche Strahlendosis gibt es überhaupt nicht. Jede, auch die geringste Strahlendosis richtet Schaden an, besonders dann, wenn sie über längere Zeit einwirkt. Für "zulässig" erklärt eine dafür berufene Kommission diejenige Strahlendosis, die den Betrieb atomtechnischer Anlagen ohne allzu große Einschränkungen ermöglicht, auch wenn sie die Gesundheit der von Emissionen betroffenen Menschen gefährdet. Beispielsweise fallen in vielen atomtechnischen Anlagen große Mengen des hoch gefährlichen radioaktiven Wasserstoffisotops H3 ("Tritium") an. Rückhaltemöglichkeiten für Tritium gibt es praktisch nicht. Um solche Anlagen weiter betreiben zu können, wurde der "zulässige Grenzwert" für die Belastung des Trinkwassers mit Tritium in der am 1. Januar 2003 in Kraft getretenen neuen Trinkwasserverordnung ohne Rücksicht auf unvermeidliche gesundheitliche Gefahren auf 100 Bequerel pro Liter festgesetzt. Das ist mehr als das Zweihundertfache (!) der natürlichen Belastung des Grundwassers, die zwischen 0,4 und 0,5 Bequerel pro Liter liegt. Ehrlich wäre es, solche Grenzwerte nicht als "zulässig" zu bezeichnen, sondern als "zugelassen".
2. Beispiel: Das klingt beruhigend, und bei einer vom Verfasser unternommenen Umfrage dachten mehr als 67 Prozent der mehr als tausend Befragten dabei an das umgangssprachlich Nächstliegende, nämlich an harmlose kleine Ereignisse, denen man keine große Bedeutung beizumessen braucht. Kaum jemand weiß, daß dem Begriff "Restrisiko" schwerste Unfallabläufe zugeordnet sind, die sicherheitstechnisch nicht abgefangen werden können, und deren Auswirkungen weit über die der Katastrophe von Tschernobyl hinausgehen würden. Solche Ereignisse werden lediglich für "derart unwahrscheinlich angesehen, daß sie nicht mehr Grundlage für die Auslegung darstellen". Und so gut wie niemand weiß, daß die häufig zu hörende Versicherung, das Restrisiko der Atomenergie sei "vernachlässigbar gering", sich nicht etwa auf das mögliche, in Wahrheit kaum vorstellbar große Schadenspotential bezieht, sondern allein auf die rein theoretische Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit. Wie wenig man sich aber auf Wahrscheinlichkeitseinschätzungen verlassen kann, das haben wir in den letzten Jahren an vielen Beispielen erlebt: z.B. Bruch des Elbe-Seiten-Kanals vier Wochen nach der feierlichen Eröffnung, Bruch eines wenige Tage zuvor sicherheitstechnisch überprüften Radkranzes beim ICE "Wilhelm-Conrad Roentgen", Unfall des "absolut unfallsicheren" Transrapid, Ausfall des weit mehr als 3 Milliarden Euro teuren Teilchenbeschleunigers LHC bei Genf genau 36 Stunden nach der überschwenglich gefeierten Inbetriebnahme. - - Viele weitere Beispiele ließen sich anführen. Wie oft haben wir dann hinterher gehört: "Wir haben wirklich an alles gedacht; aber damit konnte nun wirklich niemand rechnen!" Sind die aus Spezialstahl gefertigten, im Turnus von fünf Jahren (!) überprüften Reaktordruckbehälter wirklich so viel sicherer als die aus Spezialstahl gefertigten, im Turnus von wenigen Tagen überprüften ICE-Radkränze?
Die wirkliche Hohe Kunst des Lügens besteht aber darin, zu lügen, ohne die Unwahrheit zu sagen. Wie das?
1. Beispiel: Alles, was Ihr Gesprächspartner da gesagt hat, ins unbestreitbar wahr! Unsere Reaktoren sind anders konstruiert als es der in Tschernobyl war. Unsere Reaktoren sind wassermoderiert, der von Tschernobyl war graphitmoderiert. Unsere Reaktoren haben einen negativen Void-Koeffizienten, der von Tschernobyl hatte einen positiven. Ein Unfallablauf genau wie in Tschernobyl ist tatsächlich in unseren Reaktoren konstruktionsbedingt gar nicht möglich. Gleichwohl wird die Rede zur Lüge, wenn man verschweigt, daß in unseren Reaktoren andere Abläufe möglich sind, deren verheerende Auswirkungen (und das wird auch von niemandem geleugnet) die der Tschernobyl-Katastrophe noch weit übertreffen würden.
2. Beispiel: Auch hier ist unbestreitbar wahr, daß Atomkraftwerke wenn überhaupt, dann nur sehr wenig CO2 abgeben. Gleichwohl wird die Rede zur Lüge, wenn man verschweigt, wieviel CO2 bei der Uran-Gewinnung ausgestoßen wird und - vor allem - daß die Nutzung der Atomenergie die Umwelt auf andere Weise weit gefährlicher und noch sehr viel dauerhafter belastet, als es mit dem CO2-Ausstoß geschieht, so gefährlich der auf lange Sicht auch sein mag.
3. Beispiel: Und es ist unbestreitbar wahr, daß sich ein Alpha- oder ein Beta- oder ein Gamma-Strahl aus einem durch Kerspaltung entstandenen Atom wenn überhaupt, dann nur sehr geringfügig von einem Strahl aus einem in der Natur vorhandenen Atom unterscheidet. Gleichwohl wird die Rede zur Lüge, wenn man verschweigt, daß "natürliche" Strahlung teils aus dem Weltraum kommt, sonst aber größtenteils aus ortsfesten, meist im Gestein gebundenen Strahlenquellen, die in Atomreaktoren in gewaltigen Mengen erzeugten Radioisotope dagegen vielfach nicht ortsgebunden, sondern leicht flüchtig sind und mit dem Wind fortgetragen werden können. Diese Strahlenquellen kommen in der Natur praktisch überhaupt nicht vor, und wenn es sie je auf der Erde gegeben hat, dann haben sie ihre Radioaktivität in erdgeschichtlich langen Zeiträumen abgestrahlt, lange bevor sich höher organisiertes Leben auf der Erde entwickeln konnte. Im Unterschied zu den häufigsten "natürlichen" Strahlenquellen können die künstlichen vom menschlichen (selbstverständlich ebenso auch vom tierischen) Körper mit der Atemluft oder mit der Nahrung aufgenommen und dort an bestimmten Stellen eingebaut werden. Sie bestrahlen dann ständig die gleiche Körperstelle und erzeugen in aller Regel Krebs, unter gewissen Bedingungen auch Mutationen und Erbschäden. Mit natürlichen Strahlenquellen ist das so gut wie ausgeschlossen.
vor Rattenfängern auf der Hut zu sein und sich gründlich zu informieren. Viele weitere Beispiele lassen sich anführen. Ulrich Uffrecht - 21614 Buxtehude
Atomstrom: Lichtbildervortrag in zwei bis drei Teilen
Wie entsteht er? - Ist er wirklich umweltfreundlich? - Ist er wirklich billig? - Inhalt:
![]() Fotos: (c) aaa-West Hintergrund: Atomstrom wird in Deutschland seit vierzig Jahren genutzt, und ebenso lange dauert nun schon der Streit um das Für und Wider dieser Technologie. Die Auseinandersetzung trägt alle Züge eines Glaubenskrieges. Auf der einen Seite wird von der Klimafreundlichkeit der Atomkraftwerke und vom billigen Atomstrom gesprochen, auf der anderen Seite wird auf die damit verbundenen Gefahren durch Radioaktivität sowie auf die ungelöste Problematik der Endlagerung radioaktiver Abfälle hingewiesen. Jede Seite verkündet ihre eigene Lehre mit großem Eifer und erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen die andere. Der "Normalbürger", der die sachlichen Hintergründe nicht kennt, steht ratlos zwischen beiden und weiß nicht, wem er glauben soll - so dass er schließlich überhaupt niemandem mehr glaubt. In meinem Vortrag sollen die wichtigsten physikalischen und technischen Grundkenntnisse vermittelt werden, die man braucht, um die Stromerzeugung aus Kernprozessen zu verstehen und sich in diesem Streit ein eigenes Urteil bilden zu können. Zugleich werde ich die Mechanismen der Radioaktivität und ihrer Einwirkung auf den menschlichen Organismus darstellen. Trotz aller Vielschichtigkeit des Themas können die Zusammenhänge auch ohne physikalische und technische Vorkenntnisse verstanden werden - und das ist obendrein auch noch sehr interessant. Um ein wirkliches Verständnis zu erreichen und nicht nur - wie Politiker es gern tun - Behauptungen und Gegenbehauptungen aufzustellen, sondern alles in einen sinnvollen und verständlichen Zusammenhang zu bringen, braucht man freilich etwas Zeit und Geduld. Der Vortrag kann deshalb auf bis zu drei Tage verteilt sein.
Ulrich Uffrecht | ||||
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