Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
zum Artikel von Jochen Stay [hier] in der aaa 160
und der Antwort von Willi Hesters und Matthias Eickhoff [hier] in der aaa 161

Wie viel mehr wollen wir?

von Anja Gärtner

Für "unsere Sache" ist doch letztendlich ziemlich schnuppe, wer die Wahlen gewinnt. Wenn die CDU die Wahlen gewinnt, geht es für mich auf gar keinen Fall "in einem ersten Schritt wirklich darum, den ungeliebten (so genannten Atom-) Konsens zu verteidigen", wie Jochen geschrieben hat.

Warum hocken denn "alle" hinter ihren Öfen und lassen sich zum Thema Atomkraft nicht mehr hervorlocken? Vielleicht auch, weil sich die kapitalistische Krise verschärft, und somit immer mehr Menschen zu denen gehören, die aus der beschäftigungs- und wachstums-wahnsinnigen Gesellschaft heraus gestoßen werden, oder sich davon bedroht sehen - weil sich "die Menschen nicht mehr rentieren" - und darum Jede und Jeder mit sich selbst und dem persönlichen Elend "genug zu tun" hat.

Die Anti-Atom-Bewegung war immer ganz besonders pluralistisch, über gesellschaftliche Grenzen hinweg konnte sie agieren: Bürger, Landwirte, Autonome... fanden sich zusammen unter dem Obermotto "für das Leben - gegen die Lobby". Hier trafen sich Unterschiede, die größer kaum sein konnten, es wurde gemeinsam gekämpft und geträumt, gestritten und ausprobiert, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte, darin lag eine der ganz großen Stärken der Bewegung. Brockdorf hat sich in viele Biografien eingeprägt, und wer im Dorf am "Bohrloch 1004" war, wird die kraftvollen Eindrücke nie vergessen.

Das ist lange her, ich will damit nicht schwärmerisch in die Vergangenheit blicken, sondern aus Fehlern lernen: die Leute, die sich die parlamentarische Politik auf die Fahne geschrieben haben, sind langfristig übergelaufen oder z.B. nach dem Krieg 1999 ausgestiegen. Vielleicht liegt unsere Stärke eher darin, gemeinsam aktiv zu werden, das alternative Leben auszuprobieren, als im Starren auf die kurzfristige Medienwirksamkeit in den Massenmedien.

Die Erkenntnis, dass Staat, Politik und Polizei nicht die Interessen der Menschen, sondern die des Kapitals vertreten, verbindet uns mit den Kämpfen gegen Sozialabbau, Rassismus, Krieg etc. - unser Widerstand richtet sich am Ende nicht nur gegen das Phänomen Atomenergie, sondern gegen das System an sich.

Jochens Überschrift "wir wollen mehr", hatte mir mehr versprochen, als die Ideen zur Belebung der Bewegung durch eine Selbstverpflichtungserklärung im Stil von X1000, eine breite, frühzeitige Mobilisierung zur Auftaktkundgebung im Wendland und einen Zeitplan für die nächsten Jahre. Als "niederschwelliges Angebot" zum Einsteigen in den Widerstand ist X1000 ein wunderbares Mosaikteil, neben denen, die mit viel Ausdauer in Initiativen und Gruppen wurschteln, anderen, die subversive Aktionen machen, - unsere Palette ist bunt! Wir können uns weiter horizontal vernetzen und sollten uns nicht darin zerfleischen, wer nun die wichtigere Arbeit leistet.

Der Irrsinn des kapitalistisch-demokratischen Systems wird insbesondere in der Atompolitik deutlich. Wir wollten immer schon, und wir wollen immer noch mehr, - nein - alles! Ich finde, wir sollten genau so weitermachen. Wenn wir damit nicht aufhören, dann ist das verdammt ne ganze Menge!

Für eine weniger verrückte Welt, - ohne Kapitalismus.

Anja Gärtner



 

Zum Diskussion zurück zur Diskussion

Ende