2005-04-11
Liebe Leute aus dem Münsterland,
von Elisabeth
mir ist nicht so ganz klar, für wen Ihr in Eurem offenen Brief sprecht, da offensichtlich nicht alle aus Eurem Bündnis dazu gefragt worden sind.
Offene Briefe sind irgendwie "in" geworden. Sicherlich gibt es Themen und Konflikte, die für die ganze Bewegung wichtig sind und offen diskutiert werden sollten. Aber wenn offene Briefe die Kommunikation untereinander ersetzen sollen bzw. einem Gespräch vorausgeschickt werden, dann ist da für mich was faul. Das klingt nach Machtspielchen, in dem Menschen erst mal öffentlich eins reingewürgt wird und sie sich dann rechtfertigen dürfen. Das widerstrebt mir, deshalb dauert es auch so lange, bis ich antworte. Gleichzeitig habe ich gewartet, ob vielleicht irgendjemand in der Bewegung was zu Eurem Thema, das ja alle angeht, zu sagen hat.
Jetzt zum Inhaltlichen:
Kurswechsel?
Ihr wünscht Euch einen "sofortigen und deutlichen Kurswechsel". Mir war bisher gar nicht klar, dass wir überhaupt einen bestimmten Kurs fahren. In welche Richtung bewegen wir uns, welches Ziel steuern wir an? Und wohin soll es Eurer Meinung nach in Zukunft gehen?
Ist Gorleben wichtiger als Ahaus?
Ihr beklagt Euch über die Castor-Doku vom Gorlebentransport.
Warum überhaupt so eine dicke Doku, hör ich da raus. Ist denn Gorleben wichtiger als Ahaus?
Auch wenn das öffentliche Interesse gesunken ist, so ist für mich unbestritten, dass der Gorleben-Castor immer noch ein Kristallisationspunkt für die Bewegung ist, bei dem der Widerstand in unterschiedlichen Facetten sichtbar wird und unsere unterschiedlichen Themen und Anliegen Raum finden. Das hat sicher auch mit der Geschichte der Bewegung zu tun und es wäre schade, das nicht zu nutzen. Trotzdem ist klar, dass sich die antiAtom-Bewegung nicht darin erschöpft und sich gerade in Zukunft neue Themen und Aktionsfelder erschließen muss. Darüber wird immer wieder diskutiert, auf Konferenzen und Delitreffen. So gab es in letzter Zeit immer wieder den Versuch, den Anfang der Atomspirale, sprich Gronau, mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Da tut sich was und hoffentlich in Zukunft noch mehr.
Wenn wir eine Doku vom Gorleben-Transport machen, so nicht, um Widerstand an anderen Orten klein zu machen, sondern um die Stärke und die Möglichkeiten der Bewegung sichtbar zu machen, an einem Ort, der in der Auseinandersetzung um die Atompolitik eine wichtige Rolle gespielt hat und immer noch spielt.
Jetzt noch zum Meudelfitz-Camp:
Wir können nur das berichten, was uns auch mitgeteilt wird. Wenn hier niemand was von Euch mitkriegt, dann müsst Ihr vielleicht selber dafür sorgen, dass es bekannt wird. Wir haben uns mal sehr bemüht, eine Scheune für Euch aufzutun. Da habt Ihr Meudelfitz-CamperInnen dann einfach abgesagt und Euch nicht mehr blicken lassen, obwohl Ihr doch wisst, wo wir sind. Wie können wir Euch ignorieren, wenn wir, trotz allgemeiner Aufforderung, uns Material und Bilder zukommen zu lassen, von Euch nichts bei uns ankommt?
Die Gorleben-Doku ist nur ein Heft der aaa.
Jetzt zu der Chronologie in der Doku. Ich habe sie zusammengestellt. Unser Hauptinteresse war, die Themen, die in diesem Jahr die Bewegung beschäftigt haben, beispielhaft deutlich werden zu lassen. Da fällt natürlich vieles unter den Tisch, aber nicht, weil es weniger wichtig ist. Daraus zu schließen, dass der Ahaus-Widerstand von der aaa "massiv benachteiligt wird", ist für mich eine nicht nachvollziehbare Verallgemeinerung. Bei genauerem Hinsehen müsstet Ihr eigentlich wahrnehmen, dass in allen aaa-Heften im letzten Jahr der Konflikt um den Rossendorf-Ahaus-Transport in aller Ausführlichkeit dargestellt wurde.
Es ist nicht immer leicht, allen Initiativen gerecht zu werden. Außer Ahaus gibt es noch viele Orte, in denen regelmäßig und kontinuierlich antiAtom-Arbeit geleistet wird, die es aber nicht so gut hinkriegen, ihren Widerstand öffentlich zu machen und dann manchmal untergehen. Selbst Gorleben kommt in den normalen aaa Heften nicht so häufig vor.
Ihr habt den Eindruck, dass wir uns "seit einiger Zeit immer stärker zum Sprachrohr einer regional, inhaltlich und personell immer verengteren Sichtweise machen". Was meint Ihr denn damit? Welche Region, welche Inhalte und welche Personen vertreten wir und wie sieht unsere "verengte Sichtweise" aus? Es könnte für eine Diskussion ganz fruchtbar sein, wenn Ihr Eure Vorwürfe ein wenig konkreter macht.
Ich will gar nicht abstreiten, dass wir vermutlich die Dinge manchmal mit dem "Gorleben" -Blick sehen. Es ist aber schon unser Anliegen, das auch immer mal wieder zu hinterfragen, und wir bemühen uns, in jedem Heft, möglichst viele Gruppen, Themen, Aktionen, Diskussionen abzubilden - wenn es sie denn gibt.
Warum Gronau - und nicht Ahaus?
Euer Widerstand in Ehren. Ich finde es toll, was Ihr zuwege bringt. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass Euer pressemäßiges Puschen einer Mobilisierung nicht immer förderlich ist. So haben viele Menschen im letzten Jahr geäußert, dass sie Eure Mitteilungen gar nicht mehr lesen und ernst nehmen, weil sie sich einfach überschüttet fühlten mit ständig wechselnden Terminen und "heißen" Phasen. Es gab ganz oft den Wunsch, dass Ihr auch mal beim Delitreffen erscheint und da Eure Ideen und Konzepte näher darlegt, denn da gab es ganz viele offene Fragen. Wenn Ihr wollt, dass die Bewegung Euer Thema, Euren Transport, aufgreift und sich zu eigen macht, wäre es sicher notwendig, dass Ihr Euch da mehr einbringt.
Warum wir Gronau zum Titelthema gemacht haben, liegt schlicht und einfach daran, dass die Erweiterung genehmigt wurde und uns das ein guter Anlass schien, die Farce des Ausstiegs deutlich zu machen und gleichzeitig Gronau als Anfang der Atomspirale ins Blickfeld zu rücken.
Gleichzeitig haben wir aber auch Euren Aufruf für den Rossendorf-Ahaus Transport abgedruckt. Was soll das misstrauische und eifersüchtige Wachen darüber, ob anderes wichtiger genommen wird als Ahaus und gleich wieder zu schlussfolgern, wir würden nicht nach Ahaus mobilisieren, wie Ihr schon vermutet hättet. Nicht jede aaa bis zum Juni kann eine Mobilisierungsnummer für Ahaus sein. Ich finde, lieber Matthias, es reicht jetzt. Du musst nicht immer noch ein "letztes" draufsetzen.
Wir mobilisieren auch für den Rossendorf-Ahaus-Transport
Wenn Ihr Eure Demo-Konzepte weiter ausgearbeitet habt, könnt Ihr sie uns gerne zuschicken. Natürlich auch inhaltliche Beiträge und Diskussionen. Das drucken wir gerne ab. Bei Wiederholungen und ähnlichen Beiträgen würden wir allerdings gerne auswählen, um unsere Leserinnen nicht zu verknatzen.
Und wenn tatsächlich der Bär los ist, was wir sehr hoffen, werden wir auch gerne viele Eurer Aktionsberichte und Bilder dokumentieren.
Dies ist meine ganz persönliche Meinung als eine von zwei aaa-RedakteurInnen zu Eurem offenen Brief und den mails von Matthias. Statt eines persönlichen Gesprächs bei Euch, von denen andere ja nichts mitbekommen, schlage ich vor, dass VertreterInnen von Euch zum nächsten Delitreffen nach Lüneburg kommen (17. April 2005) und Ihr da Euer Problem mit uns und die massive Benachteiligung von Ahaus zum offen zu diskutierenden Thema macht. Wenn das Thema alle angeht, dann sollte es meiner Meinung nach auch in einem größeren Rahmen diskutiert werden.
Mit atomfeindlichen Grüßen
Elisabeth
2005-03-15 Offener Brief an die Redaktion der aaa
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