Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2004-12-18

Gegen-Position gegen was?
von Martin Nesemann

Hallo Georg,

Wir sind immer froh, wenn uns Rückmeldungen erreichen; natürlich ist es uns lieber zu hören, wenn die Leserinnen und Leser zufrieden sind. Aber ohne Kritik würden wir ganz eingleisig, was wir, so gut es geht, vermeiden wollen. Also vielen Dank für Deinen Brief!

Allerdings mußt Du uns auf die Sprünge helfen. Wir haben nicht verstanden, um was es Dir geht. Du hältst eine Redaktions-Anmerkung für verfehlt. Welche meinst Du? Du schreibst dazu, es handele sich um eine Gegenposition zu einer Meinung von Jochen Stay. Da sich keiner der Texte mit dem befaßt, was Jochen geschrieben hat, können wir allenfalls Vermutungen anstellen.

Aus Deinen Zeilen lese ich heraus, daß Dir die Meinungen von Stay, vielen anderen und von uns so ähnlich vorkommen, daß sie in einen Topf passen. Das sind sie nicht. Bevor ich jetzt aber sagen kann, ob ich das entrüstet oder beschämt von mir weise, müßte ich zunächst erfahren, welche Du denn meinst.

Nehmen wir zum Beispiel das Titelblatt, auf das Du ansprichst. Für uns geht es um das Thema: wie politisch ist ein tödlicher Unfall bei einer unserer Blockadeaktionen? Bei den Kundgebungen, die am 8.11. nach Sébastiens Tod an vielen Orten stattfanden, ist sehr häufig in den Vordergrund gestellt worden, was sich politisch an diesem Todesfall aufzeigen läßt: das Gefahrenpotential der Atomwirtschaft, die Skrupellosigkeit des Staats, das Menschenverachtende des kapitalstischen Systems. Darauf bezieht sich J. Stay und sagt: alles das mag stimmen, der Todesfall in Lothringen steht dafür nicht exemplarisch. Dann fordert er: wenn einer stirbt, müssen wir anders reagieren als politisch.

Aber wie? Das bleibt offen, bei ihm ebenso wie bei Walter Mossmann. "Kapitalismus tötet." diese Parole zitieren wir unter dem Foto einer Kerze im Gleisbett, um sie in der nächsten Zeile umzukehren: "überall und jeden Tag." tut er (der Kapitalismus) das; als Kommentar zum Verbluten eines Mitaktivisten kann das nicht ausreichen. Das Politische darf nicht ausgeblendet werden, finden wir, es darf aber umgekehrt auch andere Dimensionen nicht überdecken.

Wir wissen auch nicht, wie sich mit Trauer und Entsetzen nach dem Tod eines Demonstranten "richtig" umgehen läßt. Auf jeden Fall unpassend scheinen uns aber zwei Arten, die uns in den letzten fünf Wochen häufig begegnet sind. Das eine ist eine Trauerkultur, die jedem und jeder einzelnen den Umgang damit als Privatangelegenheit aufbürdet. Uns liegt viel daran, daß Menschen in Bewegung Möglichkeiten entwickeln, auch etwas so Entsetzliches gemeinsam zu bearbeiten. Das andere ist der Versuch, die öffentliche Beachtung dieses "Falls" auszuschlachten für eigene Zwecke. Dazu zähle ich, wenn prominente PolitikerInnen die Gelegenheit nutzen, die anti-Atom-Bewegung dazu aufzufordern, ihre Proteste einzustellen.

Soviel erst mal von uns. Jetzt bist Du dran: welche unserer Meinungen haben wir "dauernd ostentativ und penetrant durchgeboxt", was hat Dich gestört, was siehst Du anders als wer? Und vor allem: was ist Dir wichtig nach dem Tod von Sébastien Briat?

freundliche Grüße
Martin Nesemann



Antwort auf:
2004-12-17 Anmerkung zu einer Anmerkung von Euch von Georg Lengers

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