Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2004-11-xx

Gorleben oder Gortod
von Wolfgang Ehmke

Wie oft wurde in der mittlerweile 27-jährigen Widerstandsgeschichte dieser Slogan gewendet! Gemeint war der lebensbejahende Impuls einer Bürgerbewegung, die zwar in die Jahre gekommen ist, aber deren Kraft nie zu versiegen schien. Der Kampf gegen die Atomkraft war immer auch ein Kampf für das Leben. Strahlenfrei sollte die Zukunft sein, die schleichende Verseuchung oder ein Zwischenfall mit verheerenden Folgen für Mensch und Natur waren die Triebfeder.

Seit dem 7. November ist alles anders. Der Tod des jungen Mannes, der sich bei Avricourt im Departement Meurthe-et-Moselle an die Schiene gekettet hatte, um den alljährlichen Castorzug aus der französischen Plutoniumschmiede La Hague ins niedersächsische Elbdorf Gorleben zu stoppen, gleicht einer Zäsur. Wie ein Blitz schlug diese Nachricht im Wendland ein, wo man sich gerade noch freute, dass allen Prophezeiungen zum Trotz wieder Tausende zur Auftaktkundgebung für die „fünfte Jahreszeit“, die Castorzeit, auf die Straße gingen. Grell wird die Befindlichkeit des Protests und aller Akteure ausgeleuchtet. Diese Bewegung ist trotz der rot-grünen Ausstiegsrhetorik nicht tot zu kriegen. Aber genau diese Formulierung erzeugt in mir ein würgendes Gefühl. Sebastian Briat ist tot.

Bei jedem Durchgang der allherbstlichen Castortransporte war es mein Trauma, als Sprecher der Bürgerinitiative vor laufende Kameras und angeknipste Mikrofone treten zu müssen, um den Tod eines Demonstranten, Unbeteiligten oder Polizisten zu kommentieren. Der Tod verbietet Kommentare, sofern vorsätzliches Handeln nicht nachweisbar ist. Wird die Auseinandersetzung um die rot-grüne Mogelpackung Atomausstieg mit dem Tode bezahlt, so ist der Preis entschieden zu hoch. Genau das ist die Zäsur: nichts ist wie zuvor.

Die Bauern auf ihren Traktoren, die Schülerinnen und Schüler, die Zugereisten und Einheimischen sind unnachahmlich in ihrer Haltung: der Widerstand blieb gewaltfrei, listig, nicht immer gesetzeskonform. Aber die Widerstandsform Schienenblockade gehört auf den Prüfstand. Niemand hat sich unter dem Eindruck des Geschehens zu etwas anderem hinreißen lassen.

Noch vieles mehr gehört auf den Prüfstand.

Warum setzte der Todeszug seine Fahrt schon nach wenigen Stunden fort? Warum blieb die Polizeieinsatzleitung taub gegenüber dem Appell der Bürgerinitiativen, den Transportvorgang wie auch alle Widerstandsaktivitäten nach dem Umladen der Castoren auf die Straßentransporter in Dannenberg für eine Stunde auszusetzen, um in dieser beklemmenden Situation der Trauer und Betroffenheit Raum zu geben? Wahrscheinlich ist es unsinnig, von einer Firma (Bahn AG) oder einem Apparat (BGS und Polizei) Fingerspitzengefühl und rituelles Handeln zu erwarten: hier wird ein Auftrag eingelöst.

Das Versagen liegt eindeutig bei der Politik, und zwar in jeder Hinsicht und nicht erst seit dem 7. November. Hier findet man die „Befehlsgeber“ für Firmen und Exekutive. Warum beeilt sich Bundesumweltminister Jürgen Trittin, die Demonstranten zur Besonnenheit aufzurufen – und das angesichts der politischen Reife der Protestszene, die sie seit Jahren unter Beweis stellt-, aber nicht den Transportvorgang zu stoppen?

Wie steht es um die Politiker gleich welcher Couleur und deren Verantwortung, geht es ihnen um die Tragik des Geschehens und am Ende um die Sache selbst? Sie haben den Konflikt einfach an die Polizei delegiert. Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit wurden auch dieses Mal ignoriert. Die einzige Kontrollinstanz bilden inzwischen Gerichte, die der Polizei in den letzten Monaten in vielen Verfahren Rechtsbruch bei der Behandlung von Demonstranten bei der Durchsetzung des Castorkonvois attestierten. Ein bleiernes Schweigen politischer Unverantwortlichkeit lastet auf dem Wendland.

Da ist schließlich noch der marode Salzstock Gorleben, laut Jürgen Trittin ein „Schwarzbau“, der als Endlager für den heißen Strahlenmüll nicht taugt. Der Endlagersuchprozess jenseits von Gorleben ist versiegt, aber der Widerstand nicht. Wo bleibt der Mut, den Leuten aus Gorleben das zuzugestehen, was ihnen gebührt, die Aufgabe Gorlebens als Endlagerstandort und ein Atomausstieg, der nicht nur auf dem Papier steht.

Je ferner man ist, desto klarer schaut man hin.

Wolfgang Ehmke
Langjähriger Sprecher der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und Vorstandsmitglied, seit 1. September in der deutschen Botschaft in Ankara/Türkei zuständig für das Anadolu-Lehrerentsendeprogramm

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