Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2004-11-xx

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von Klaus Bindner

Lieber Walter Mossmann,
- verzeih, wenn ich mich einmische. Ich habe von deinem Schreiben Kenntnis erhalten und habe es sehr genau durchgelesen. Ich habe großen Respekt vor deinen Argumenten und ich finde es gut, dass du dich meldest. Wir (Menschen) sollten uns immer überprüfen, zweifelnd sein, um dann nach dem Ergebnis dieser Prüfung um so stärker seine Position vertreten zu können. Wir können auch unter uns in der Bewegung offen sein.

> Sebastien Briat starb, weil er- "für Leben und Zukunft kämpfte" - aber ich denke, er ist falsch.-

Dies war deine Grundäußerung. Wenn man den Gedankengang von dir in dieser scharfen Sichtweise verfolgt, dann könnte man zu diesem Ergebnis kommen. Er wollte sicherlich nicht sterben. Trotzdem halte ich diesen Satz für völlig richtig, egal ob er sterben wollte oder nicht. Wir dürfen an dieser Stelle nicht so messerscharf denken, weil auch die Sprache diesem messerscharfen Beweis oder Denken nicht standhalten kann.

Es ist für dich vielleicht vereinfachend, was ich sage. Beispiel: Wenn jemand in den Krieg zieht, weil er sein Land verteidigen will und auf dem Weg zum Angriffsort fährt und da einen tödlichen Verkehrs-Unfall erleidet. Stirbt er nicht, weil er sein Land verteidigen wollte. Stirbt er nur, weil er Auto gefahren ist. Wenn ein Surfer für seinen Sport lebt und von einem Hai gefressen wird. Stirbt er nicht auch, weil er für seinen Surfsport lebte. Stirbt er, weil er ganz einfach von einem Hai gefressen wird. Wenn ein Bergsteiger bei seinem Versuch, einen Gipfel zu erklimmen um auf Klimagefahren aufmerksam zu machen nicht auch für sein Ziel, für den Klimaschutz einzustehen. Er starb, weil er für den Klimaschutz sich einsetzte oder für Klimaschutziele kämpfte und nicht nur, weil ihn zufällig ein Stein getroffen hat. Wenn jemand aus einem brennenden Haus holen will, und zuvor von einem fallenden Baum oder Ziegel getroffen wird, stirbt er nicht auch, weil er sich für das Leben anderer einsetze. Oder müsste man ganz banal sagen. Er starb, weil er von einem Baum getroffen wurde.

Ob er sterben wollte oder nicht, kommt es nach meinem Empfinden überhaupt nicht an. Für mich und für die breite Bevölkerung ist das so, obwohl die breite Bevölkerung und natürlich auch ich mich irren kann. Die breite Bevölkerung tut das ja teilweise oft. Ich halte den Satz für voll berechtigt und auch die Einschätzung von Dr. Baum über den würdigen Rahmen. Wenn Sebastien sterben wollte, müsste man eh anders formulieren. Sebastien starb, weil er für Leben und Zukunft kämpfte und meinte, dafür sein Leben opfern zu müssen.

> Dann habe ich mich gefragt: Wo waren eigentlich die Unsrigen? die Erfahrenen?- die Älteren? Warum hat ihm niemand gesagt: "Du kannst Dich nicht darauf- verlassen, dass der Hubschrauber Dich sieht und den Zug stoppt!". "Du kannst Dich- nicht darauf verlassen, dass der Zugführer den Zug mit einer Notbremsung an- dieser Stelle rechtzeitig zum Stehen bringt!". Warum sind die Unsrigen nicht- dagewesen, um den Jungen aus dem Sog des Zuges zu reißen? Und ich sehe, dass auf- unserer Seite tödliche Fehler gemacht wurden. Und das treibt mich fast in die- Verzweiflung.

Diese Aussage ehrt dich sehr. Es ist aber auch ein großer Fehler von sensiblen Menschen, sich für jeden und alles verantwortlich zu fühlen. Man kann nicht überall dabei sein und man kann auch nicht für jeden und alles Verantwortung übernehmen. Es war aus diesem Grund "fast" nur die Verantwortung der Gruppe, die in der Ausführung einen verhängnisvollen Fehler begangen hat. Die Gruppe hätte normalerweise funktionieren müssen.

Lieber Walter, bitte verzweifle nicht. Wir sind alle tief betroffen. Du hast der Bewegung viel gegeben und das sollte dich eher zur Zufriedenheit als zur Verzweiflung führen. Sebastien hätte vielleicht auch noch viel geben können. Er starb, weil er viel, in diesem Fall eben zu viel gegeben hat, für die Zunkunft, die wir leider ohne ihn legen müssen.-

Übrigens hat ja Philipp Huginiot diese (deine) Frage gestellt. Was ich auch jedem der etwas an diesem Abend zu sagen hatte zugestehe. Die ich aber in keiner Weise teilen kann. - In Gedanken an deine Zweifel und in der Hoffnung, dass die Verzweiflung wieder von Kraft und Zuversicht in die Zukunft bei dir verscheucht wird.

Klaus Bindner

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