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2004-11-15

Re: Sébastien
von Walter Moßmann

Liebe Marianne,
danke für Deinen Brief. Er hat mich nicht befremdet. Ich habe Dich sehr gut herausgehört. Aber ich denke in einigen Punkten anders.

Hartmut Gründler wollte sterben. (Wir kannten uns vom besetzten Platz im Wyhlerwald). Er wollte mit seiner Selbstverbrennung ein Zeichen setzen. Das habe ich damals sehr gut gewusst und respektiert. Ich habe 1977 im Bremer Blatt auf zwei Seiten seine Erklärungen, Begründungen, Argumentation zusammengestellt und veröffentlicht. Wie gesagt: Ich dachte überhaupt nicht so wie er, aber ich habe seine Entscheidung respektiert.

Soviel ich weiß, wollte Sébastien Briat nicht sterben. Er wollte den Castor-Zug möglichst lange aufhalten und mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Aber er wollte nicht sterben. Wenn ich recht verstehe, hat er sich darauf verlassen, dass er und seine Freunde rechtzeitig entdeckt werden und dass der Castor-Zug dann anhält.

Aber Sébastien Briat wurde nicht gesehen. Der Zug hat nicht angehalten. Sébastien Briat wurde überfahren und grausig getötet. Als ich das las, hat mich zuerst der Schrecken verstummen lassen. Dann habe ich mich gefragt: Aber wo waren die Unsrigen? die Erfahrenen? die Älteren? Warum hat ihm niemand gesagt: "Du kannst Dich nicht darauf verlassen, dass der Hubschrauber Dich sieht und den Zug stoppt!". "Du kannst Dich nicht darauf verlassen, dass der Zugführer den Zug mit einer Notbremsung an dieser Stelle rechtzeitig zum Stehen bringt!". Warum sind die Unsrigen nicht da gewesen, um den Jungen aus dem Sog des Zuges zu reißen? Und ich sehe, dass auf unserer Seite tödliche Fehler gemacht wurden. Und das treibt mich fast in die Verzweiflung.

Und dann lese ich, dass die Unsrigen Erklärungen abgeben, in denen unser Versagen nicht vorkommt. Kein Erschrecken und kein Verstummen, sondern sehr schnell die anklagende Rede. Nur der anklagende Zeigefinger, die drei anderen Finger gibt es nicht. Dass dieser zum Verzweifeln sinnlose Tod mit Sinn gefüllt wird. Damit dieser bittere Tod sozusagen "süß und ehrenvoll" wird.

Ich weiß nicht, wer den Satz formuliert hat - "Sébastien Briat starb, weil er für Leben und Zukunft kämpfte" - aber ich denke, er ist falsch. Ganz und gar falsch. Er verschweigt nämlich alles, was uns betrifft, die Unsrigen, unsere Fehler, unsere Verantwortung. Deshalb halte ich diesen Satz für eine Propagandalüge. Da wird ein getöteter junger Mensch instrumentalisiert.

Die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen haben diesen Satz benutzt. Dagegen hab ich aufs Schärfste protestiert. Ich finde, wir sollten in solchen Fragen jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Apropos Gold: Wie Du weißt, habe ich keine Parteikarriere gemacht. Ich verfüge über keinerlei Ressourcen. Mit den ungeheuren Ausmaßen meiner KSK-Rente will ich Dich nicht langweilen, sonst initiierst Du noch eine Sammlung. Aber weißt Du: Auch wenn andere Freunde und Freundinnen Karriere gemacht haben - ich schau mir ihre Argumente genau an, bevor ich sage "ja" oder "nein".

Ich grüße Dich, genauso herzlich wie erstmals am 12. März 1977, und bitte Dich: lass Dir doch meine Gedanken durch den Kopf gehen. Sie sind gar nicht so neu. Einige hab ich bei Dir gelernt.

salü, Walter.

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