2004-11-15
Sébastien
von Marianne Fritzen
Lieber Walter Mossmann,
Deine mail an erhard schulz habe ich mit großem Befremden gelesen. Es ist genau zehn Jahre her, dass ein Demonstrant in Malville zu Tode geprügelt wurde, weil er an einer Demonstration gegen den super-phénix teilnahm. Leider von vielen schon vergessen, wie vieles im Leben. Gründler: war die verzweifelte Tat damals eine Heldentat, pure Verzweiflung, den Finger auf die tödlichen Gefahren der Atomanwendung legen? Hartmut Gründler hat sich verbrannt, während ich in Hamburg war. Er hat seine Verzweiflung mit dem Leben bezahlt.
Was machen die Atomkraftgegner, die sich im Wendland, oder in Frankreich, auf die Schienen begeben. Was hat Marie Steinemann vor zwei Jahren bewogen, mit 16 Jahre diese wahnsinnige Ankettaktion zu machen, vor der sie weder die Ängste der Eltern noch der Freunde zurückhalten konnten. Marie hat in allem Glück gehabt. Sébastien blieb dieses Glück verwehrt. Dürfen wir - gerade wir Alten, die am Anfang der Demonstrationen standen, Plätze besetzten, Strassen besetzten - nicht trauern um einen unseresgleichen?
Walter ich habe wirklich seit diesem tragischen Geschehen, ganz andere Sorgen.
Wohin sind wir gekommen, wenn wir die freie Entscheidung unserer Mit"kämpfer" verurteilen - ob wir ihre Aktionen billigen oder nicht. Hiess es nicht über viele Jahre in der Anti-AKW-Bewegung: "Jeder ist für sein Tun und seine Entscheidung selbst verantwortlich"? Glaubst Du, dass jemand sein Leben aufs Spiel setzt, um ein Held zu sein? Ich hasse die Verlogenheit der Schuldzuweisung. Staatsmänner schicken 17-18 Jährige in die Kriege, mit dem vollen Bewußtsein, dass sie darin umkommen können. Und sie werden im Nachhinein - gerade auch an Volkstrauertagen - als Helden der Nation gefeiert. Ist ihr Leben wertvoller, als das eines Sébastien, der bestimmt auch aus ehrlichen Motiven seine Aktion vorbereitet hatte.
Ich ärgere mich noch viel mehr über meine langjährigen Weggefährtinnen und -Gefährten, denen vor Jahren, bevor sie in Parteien "Karriere" gemacht haben, meine Bedenken bei Aktionen Schnurz und piepe waren, und mir eher einen Rippenstoß verpassten als ihr Vorhaben aufzugeben, wenn ausgerechnet diese heute UNS in Gorleben zur Umsicht und Umdenken glauben ,mahnen zu müssen. Sébastien ist tot, tot, wie mancher unter uns sein könnte, wenn er nicht ein Riesenglück gehabt hätte.
Tot, wie die unendlich vielen Opfer der Folgen der Atomkernspaltung, der Seveso-Vergiftung und so weiter.... Wer gedenkt dieser Opfer und wer trauert wann um sie?
"Feierliche Worte"! "Falsche Strategie" ! Betroffenheit ist nicht feierlich, sie ist ein in Sich.hineingehen, und wer kennt die "richtige" Strategie? Was haben wir nicht alles versucht, in den fast 30 Jahren. Und was hat es uns gebracht? Die Politiker und die Medien mahnen zur "Besonnenheit", weil eine besonnene Bevölkerung bequemer ist, als eine renitente.
Mich macht dieser Tot auch krank, und auch ich fühle mich verantwortlich, aber ich verurteile nicht.
Sei gegrüßt mit diesen Zeilen, von einer "alten, immer noch rebellischen Mitstreiterin".
Marianne Fritzen
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