Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2004-11-10 und 11

Offener Brief an jene, die am Sonntag abend in Hitzacker auf der Bühne standen und die erste Zusammenkunft nach der Nachricht über den Tod eines angeketteten Atomkraftgegners für den anwesenden "Widerstand" gestaltet und bestimmt haben.

- Wenn die Angst regiert -

Ihr habt uns zusammen gerufen, gemeinsam nach der schockierenden Nachricht einen Ausdruck zu finden und herauszufinden, wie es weitergehen sollte. Keine leichte Aufgabe und ich kann niemandem verdenken, in diesem Moment nicht ganz die richtigen Worte gefunden zu haben. Gerade deshalb wäre eine offene Aussprache unverzichtbar gewesen. Statt dessen blieb bei vielen der Eindruck zurück, es habe sich um eine Verlautbarung im Auftrag der Polizei gehandelt, nach dem Motto: 'Ruhe ist die erste Bürgerpflicht'.

Da war der Ausdruck von Sprachlosigkeit, Jochen hat dann, ich finde stimmig, gesagt, daß wir alle ein Gemisch von Gefühlen in uns haben: Trauer, Wut und vieles mehr und er hat vorgeschlagen, eine Weile zu schweigen, um uns miteinander zu verbinden und klarer zu werden, was nun zu tun ist. Doch statt dem, was uns dabei bewegte, dann Raum und Ausdrucksmöglichkeit zu geben, wurde verkündet, es werde einen Trauerzug geben, der NICHT AUF DIE GLEISE gehe, ein Pastor empfahl dann noch, es dürfe nicht in Wut 'umschlagen' als wäre Wut gleichbedeutend mit Gewalteskalation, dann Blasmusik, Amen.

Viele fanden sich darin nicht wieder, hätten mehr zu sagen gehabt, hätten sich einen anderen Ausdruck unserer Trauer um diesen auf den Gleisen gestorbenen Mitstreiter gewünscht, als die Versicherung, nicht auf die Gleise zu gehen. Statt gemeinsamer Kraft griff unter denen, die da um mich herum standen Frustration um sich, Ärger über die ängstliche Deckelung all der Gefühle, die Jochen erwähnt hatte, Wut auch über das Mißtrauen, das uns da offensichtlich entgegengebracht wurde, als seien wir es, die über Leichen gehen, als seien wir eine unberechenbare Masse, die es im Zaum zu halten gälte und nicht fähig selbst einen besonnenen, aber kraftvollen Weg zu finden, wie es der Widerstand im Wendland bisher immer gekonnt hat.

Weil ich auch etwas zu sagen hatte, bin ich zur Bühne vorgegangen. Es war deutlich, daß dort keine Ergänzung erwünscht war. Ansagen wurden zugelassen, einer hat noch in einem kurz hingeworfenen Statement unterbringen können, daß hier auch Leute Wut haben. Mir fehlte in dieser kurzen Spanne, wo ein Durchsetzen noch möglich gewesen wäre, die Entschlossenheit, die ich doch für's Gehen durch eine Polizeikette so oft geübt habe. Bei 'unseren Leuten' hatte ich nicht erwartet, sie zu brauchen. Nun ärgere ich mich sehr über meine 'Feigheit vor dem Freund'. Um es doch noch einmal los zu werden, hier kurz , was ich so ungefähr sagen wollte, nichts besonderes, aber mein Beitrag und es war dort so noch nicht gesagt:

'Er, dessen Namen wir noch nicht kennen, der da auf den Gleisen überrollt wurde, hat sicher nicht geahnt, was er opfert. Aber er hat mit seiner Aktion gezeigt, daß es ihm ernst war. Und uns ist nun schlagartig wieder bewußt, wie ernst es ist. Auch wir sind hier, weil es uns ernst ist. Und deshalb ist es richtig, daß Veranstaltungen abgesagt werden, die mehr der Leichtigkeit und dem Spaß gedient hätten, manches bleibt uns jetzt im Hals stecken, wird unangemessen, aber der Widerstand ist um so wichtiger. Wir wissen wofür wir hier streiten und deshalb sollten wir, besonnen wie immer aber um so entschlossener weitermachen.' Ungefähr das hätte ich gesagt, Wolfgang Ehmke wurde später mit einer ähnlichen Aussage zitiert.

Ergänzungen waren nicht erwünscht. Und doch war es Einigen ein dringendes Bedürfnis. So auch der Frau, die von der Bühne aus, ohne Mikrophon sprach. Die meisten TeilnehmerInnen der Versammlung haben es gar nicht mehr gemerkt, vielen tat das leid, als sie später davon erfuhren. Hunderte blieben vor der Bühne stehen, um zu hören, forderten ein Mikro für die Frau, sie sprach manchen aus dem Herzen, zumindest war es hörenswert. Statt ihr und denen, die hören wollten ein Mikrophon zur Verfügung zu stellen, habt Ihr der Kollegin aus dem Widerstand das Licht abgedreht. Ungehörig und mißachtend finde ich das.

Was hat Euch dazu bewegt, Euch so kontrollierend und respektlos zu verhalten ?
Ich kann es mir nur mit blanker Angst erklären. Angst vor einer Eskalation, die zu befürchten für die Verantwortlichen des Atomtransports, für die, von denen die Gewalt ausgeht, in ihrem vielleicht schlechten Gewissen nahe lag. Aus unserer Sicht wäre es absurd gewesen, in blinde Gewalt auszubrechen, nicht aber, den Schmerz in Kraft und Entschlossenheit zu wandeln. Vermutlich habt Ihr Euch in der Verantwortung gesehen, für das, was wir an jenem Abend tun würden, vielleicht hat die Polizei Euch gedroht. Eigentlich ein Thema, mit dem umzugehen Ihr gewohnt seid. Ihr wißt, daß wir alle eigenverantwortlich zu handeln imstande sind. Nachdem Ihr die Veranstaltung offiziell für beendet erklärt hattet, hättet Ihr für die Aussagen anderer nicht haftbar gemacht werden können. Habt Ihr das alles im Schock der schrecklichen Nachricht vergessen ?
Was immer Eure Motive waren, die Wirkung war fatal.
Statt zusammen zu kommen fühlten wir uns zu Sprachlosigkeit verdammt, isoliert, getrennt, verraten von Euch, die Ihr Euch die Definitionsmacht über unsere Trauer und unsere spontane Reaktion darauf angemaßt habt. Viele sind frustrierter, trauriger, hilfloser und wütender von dieser Zusammenkunft weggegangen, als sie gekommen waren.

Mir hat diese Erfahrung einmal mehr gezeigt: Angst ist zerstörerisch, schafft Grenzen und Repression. Auch langjährige StreiterInnen für Demokratie und Selbstbestimmung, auch 'die Guten' sind vor diesen Mechanismen nicht gefeit. Um so wichtiger scheint es mir, Euch an dieser Stelle zuzurufen: - STOP! So nicht! Nicht mit mir, nicht mit uns! -
Bitte überdenkt Eure Rolle in dieser Situation und überhaupt in der Bewegung. Wenn das Gefühl, verantwortlich zu sein, Euch so eng macht, prüft, wo Eure Verantwortlichkeit beginnt und wo sie endet...

Vielleicht wäre es am Sonntag nach einer offenen Aussprache zu folgendem gekommen:
Die vielleicht Tausend Menschen auf dem Platz hätten sich zu einer kraftvollen gemeinsamen Aktion entschlossen. Wir wären alle in einem Trauerzug losgegangen und hätten unsere gemischten Gefühle mitgenommen. Gemeinsam wären wir entschlossen auf die Gleise gegangen und hätten dort eine Mahnwache gehalten. Statt uns durch die Versicherung, nicht auf die Gleise zu gehen, quasi von Sébastien zu distanzieren und den Kritikern des Widerstands auf den Gleisen Recht zu geben, hätten wir dort gezeigt, daß es uns ernst ist, so wie ihm und daß es an Politik und Atomindustrie wäre, ihr Vorgehen zu überdenken, sich zu mäßigen, sich fragen zu lassen, warum sie über Leichen gehen.
Mir sind viele Leute begegnet, die sich ein solches Signal gewünscht hätten. Überall auf die Straßen und Schienen zu stürmen und Trauer, Schmerz und Wut Ausdruck zu geben, lautstark ein Ende dieser das Leben verachtenden Transporte zu fordern, wäre das die gefürchtete Eskalation gewesen? Ich hätte auch das angemessen gefunden. Solche Impulse im Keim zu ersticken, konnte jedenfalls nicht Euer Anliegen sein.

Ich wünsche mir einen Austausch über das Geschehene zwischen uns, die wir im Zorn dort weg und jede/r unserer Wege gegangen sind und Euch, die Ihr sicher Eure Beweggründe hattet, aber hoffentlich Eure Rolle an jenem Abend im Nachhinein noch einmal gründlich überdenkt. Anderenfalls bliebe nur die schmerzliche, trennende Erfahrung, die zu weiterer gegenseitiger Mißachtung und Verletzungen führt. Dies können und sollten wir uns meiner Meinung nach nicht leisten, wenn wir die Kraft behalten wollen, weiter gemeinsam für das Leben einzustehen.

Schalom!
Schulamith Weil

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