2003-12-xx
Castor 7 - Wird der Widerstand zum Ritual?
Mittlerweile jährlich im November rollen 12 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague in das bisher so genannte Zwischenlager ins wendländische Gorleben. Jedes Jahr wird in dieser Zeit das Wendland in einen polizeilichen Ausnahmezustand versetzt. Dieser wird mittlerweile auch auf das für den Transport wichtige Lüneburg (Umrangierbahnhof) aufgrund des erstarkenden Widerstandes ausgeweitet.
Vor allem Jugendliche werden willkürlich von Polizeitruppen kontrolliert. Die Einsatzleitung weiß, dass sich der Widerstand immer wieder aus Heranwachsenden reproduziert. Der Terror gegen sie dient der präventiven Aufstandsbekämpfung. Der Terror gegen sie bleibt weitgehend unbeachtet des organisierten Widerstandes. Sie sind nicht in die Strukturen eingebunden, bilden auf der anderen Seite aber eine erhebliche Menge der Demonstranten auf den großen Demos im Wendland und in Lüneburg. (1)
Es geht nicht darum, den Widerstand schlecht zu schreiben. Nach wie vor mobilisieren sich Jugendliche immer wieder neu und die Unterstützung in der Bevölkerung außerhalb des Wendlandes wächst weiterhin. Auch als sozialer Ort eines `anderen Lebens` übt er weiterhin eine nicht zu unterschätzende Anziehung aus.
Auf der Lüneburger Demonstration am Tag vor der Ankunft des Castors waren über 2000 Menschen, was mehr war als vergangenes Jahr. Auch war sie entschlossener. Es gab Versuche, die offizielle Route zu verlassen und durch die Polizeiketten zum Bahnhof zu kommen. An einer Stelle gelang das auch etlichen. Auf halber Strecke wurden sie aber dann gekesselt. Vor der Bezirksregierung wurden die Polizeiabsperrungen attackiert und nach dem offiziellen Demoende gelang es Hunderten, Richtung Bahnhof zu laufen und zumindest die Hauptverkehrsader lahm zu legen.
Die Entschlossenheit wurde aber nicht auf den nächsten Tag, den Tag des Transportes, übertragen. Es gab nur eine kleinere Aktion im Bahnhof, die aber schnell beendet wurde. Sonst passierte nichts. Letztes Jahr bewegten sich am Tag X noch Hunderte durch die Stadt und beeinträchtigten den Verkehr erheblich. Es gab eine Blockade der Hauptstrecke, die für eine Zeit lang den Zugverkehr auf dieser für den kapitalistischen Güterverkehr zum Erliegen brachte. Die Demo nach dem Castor dieser Jahr war schwach. Ganz im Gegenteil zum letzten Mal.
Überwiegend hatten die Leute sich dieses Jahr wieder verstärkt auf das Wendland konzentriert. Hier gelang es dann auch, im Gegensatz zum letzten Jahr, die Bahnstrecke zu blockieren und nach zwei Jahren gelang es mal wieder, den Transport auf der Straßenstrecke vom Verladekran in Dannenberg zum `Zwischenlager` zum Stehen zu bringen.
Eine der beiden Straßen zum `Zwischenlager` wurde durch Verlegen einer Wasserleitung unterspült. Sie wurde notdürftig repariert und genau über diese Strecke lief dann der Transport. Eine Unterspülung des Bahnkörpers wurde durch einen dummen Zufall verhindert.
Schwächer ist der Widerstand bisher also nicht geworden. An einer zunehmenden Kontrollierbarkeit des Widerstandes lässt sich dennoch nicht vorbeireden. Das könnte in Zukunft zu einer Schwächung führen.
Der Widerstand bleibt beschränkt auf den unmittelbaren Transportweg des Castors und findet seine politische Einengung auf die Atomindustrie und die allseits bekannten Sicherheitsrisiken, sowie auf den repressiven Staatsapparat. Der "dezentrale Widerstand" und der Aufruf "Betriebsstörung" haben lediglich den Aktionsradius auf die Strecke außerhalb des Wendlandes verlegt. Dabei kann mittlerweile davon ausgegangen werden, dass die Polizei mit ihren massiven Truppen die Strecke mehr oder weniger unter Kontrolle hat und der Castor immer schneller das Zwischenlager erreicht.
Von der bürgerlichen Öffentlichkeit wird der Castor-Widerstand zunehmend zum jährlichen Ritual erklärt. Und da ist etwas dran. Ein Ritual ist kontrollierbar. So wurde der diesjährige Castor-Widerstand von der Gegenseite mit Lob überhäuft. Der "kreative Widerstand" wird gewürdigt und allseits Verständnis für das Anliegen der Castor-Gegner und der wendländischen Bevölkerung geheuchelt. Den Transport und den Verkehr nicht unmittelbar behindernde Straßenblockaden im Vorfeld gehören mittlerweile zu den von der Polizei erlaubten Spielregeln. Selbst die jährliche Beschlagnahme der Trecker der bäuerlichen Notgemeinschaft gehört da schon zum Ritual. Es ist in die polizeilichen Spielregeln integriert.
Der letzte Castor-Transport und dann die Stilllegung des AKW Stade waren begleitet von erklärten Absichten der Industrie, wieder verstärkt auf die Atomenergie zu setzen. CDU, CSU und Teile der FDP haben angekündigt, bei einen Wahlsieg die Atomindustrie wieder zu forcieren. Die niedersächsische Landesregierung praktiziert mittlerweile den "Ausstieg aus den Ausstieg aus der Atomenergie" (der nie einer war). Sie forciert die Erkundung im Salzstock Gorleben für ein Endlager und treibt den Bau einer Verpackungsanlage für Atommüll voran. Der Verkauf von Nukem an China und der Genehmigung der Lieferung eines AKWs an Finnland sind Anzeichen dafür, dass auch mit dieser Bundesregierung im Atomgeschäft zu rechnen ist.
Begründet wird dieses Wiederanfahren des Atomprogramms mit der Notwendigkeit, den Industriestandort Deutschland zu sichern. Es geht nicht um AKWs allein, sondern um die industrielle Verarbeitung des gesamten Atomkreislaufes weltweit. Das kapitalistische System wird als Ganzes ins Spiel gebracht.
Große Teile der Anti-AKW-Bewegung sehen sich aber weiterhin als Teilbereichskampf gegen die Atomindustrie, die Profit vor Menschenleben stellt. Profit an sich wird aber nicht in Frage gestellt. Er soll nur menschenwürdig erreicht werden, z.B. durch Alternativenergien oder freiwilligen Einschränkungen der Bevölkerung.
Wenn wir unser Handeln in einzelne Bereiche und Felder zerlegen, dann nehmen wir auch die Welt so wahr. Es hängt zwar irgendwie alles zusammen, gehen aber von der Getrenntheit der einzelnen Unterdrückungsverhältnisse, der einzelnen Seiten der Zerstörung und des Elends aus. Tut sich etwas mehr, dann wird von einer "Vernetzung" der einzelnen Felder geredet. Aber im Konzept der Vernetzung ist schon unterstellt, dass es sich erst mal um getrennte Felder handelt.
Die Aufteilung in "Felder" ist Ausdruck einer Defensive, einer Schwäche der Bewegung, die es zu überwinden gilt. Defensive heißt, nicht mehr die gesamten Verhältnisse, sondern einzelne Facetten in Frage zu stellen. Damit werden im eigenen Denken auch die Verhältnisse akzeptiert und es werden die Vorstellungen übernommen, die schon immer dazu gedient haben, die herrschende Ordnung auch im Kopf zu legitimieren.
Diese Beschränkung des Denkens, die immer auch unser Handeln bestimmt, sollte für zukünftige Praxis im Castor-Widerstand, in der Anti-AKW-Bewegung und überhaupt überdacht und überschritten werden. Sich nicht mehr als Teilbereichsbewegung sehen, die sich im Widerstand immer nur auf die Gebiete beschränkt, die diesen Teil anscheinend unmittelbar betrifft, sondern Teil einer weltweiten Bewegung, die sich dem gemeinsamen Zusammenhang der gesamten gesellschaftlichen Reproduktion, der kapitalistischen Produktionsweise entgegenstellt. Nicht mehr: die in Argentinien kämpfen für ihre Sache, die Flüchtlinge für ihre und wir für unsere und dabei unterstützen wir uns gegenseitig, sondern: im Kampf gegen das System der Ausbeutung sind wir eine Bewegung.
Die Auflösung des Denkens in Teilbereichen eröffnet einmal einen anderen Blick auf die Verhältnisse hier und erweitert die Möglichkeiten einer widerständigen Praxis, die einer Umzingelung, einer Vereinnahmung durch unseren Gegner, wie sie im Castor-Widerstand zu beobachten ist, entgeht. Reibungslose Produktion, das Herz des Kapitalismus, ist heute hochgradig von zeitgenauer Lieferung von Roh- und Fertigteilen abhängig. Die Adern des Kreislaufes ist die gesamte Infrastruktur, sind Bahnlinien, aber auch Straßen, Häfen und Flughäfen. Befinden sich überall, wo wir wohnen und arbeiten.
Sehen wir uns als Teil einer gesamten zusammenhängenden Bewegung, brauchen wir uns nicht mehr jährlich ins Wendland begeben, sondern können überall für Herzrhythmusstörungen für die Industrie, von der die Atomindustrie auch nur ein Teil ist, sorgen. Aus einer Defensive wird eine Offensive, weil diese Art von dezentralem Widerstand wirklich nicht mehr kontrollierbar sein wird. Und es entsteht ein ganz anderer Druck. Blockaden von wichtigen Verkehrsadern sind mittlerweile weltweit erfolgreiche Methoden geworden, mit denen Menschen, die sich nicht mehr mit den Gegebenheiten abfinden, auf sich und ihren Kampf aufmerksam machen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir gerne auf Argentinien geschaut. Lange bevor es dort zur Revolte kam, haben die Piqueteros, die ArbeiterInnen ohne Arbeit, gekämpft. Welches war ihre bevorzugte Methode?
(Tanz auf den Straßen)
(1) Beispiele:
Gegen Mitternacht bewegen sich mehrere Jugendliche in Barendorf über eine Wiese zu der Wohnung eines Jugendlichen. Eine Bullenwanne, die über die B216 fährt, versucht sie auf einer Seitenstraße zu stoppen. Einige können entfliehen. Einer muss sich einer Ausweißkontrolle unterziehen. Da er unter 16 ist, werden seine Eltern verständigt, die sich aber zu Recht darüber beschweren.
Gegen 20 Uhr sitzen Jugendliche in einer Bushaltestelle an der B216, rauchen und trinken Bier. Eine vorbeifahrende Wanne hält an und kontrolliert ihre Papiere. Wieder werden die Eltern der unter 16-jährigen informiert.
Ein Landschaftsgärtner fährt morgens gegen 5 Uhr zur Arbeit nach Uelzen. Er hat entsprechendes Werkzeug auf dem Kleintransporter geladen. Nach einiger Zeit bemerkt er, daß er verfolgt wird. Auf einer kleinen Straße wird er überholt und angehalten. Die Verfolger stellen sich als Bullen vor und wollen wissen warum er die Route fährt. Erst nach Überprüfung des Arbeitsplatzes über den Arbeitgeber darf er weiter fahren. Wird aber bis zum Arbeitsplatz "begleitet".
Zwei Jugendliche, die in einer Bäckerei arbeiten, fahren morgens Backwaren aus. Als sie auf einem Parkplatz Pause machen wollen tauchen Bullen auf, kontrollieren sie und die Wagenladung. Als sie nur Brötchen und Brote finden, dürfen sie weiter fahren, müssen den Parkplatz aber sofort verlassen.
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