2003-11-28
Bericht der Vorfälle in Grippel am 11./12. November 03
von Martin Donat
Am Abend des 11. November begab ich mich nach Laase, um im dortigen "Musenpalast" eine Lesung anzuhören.
Da ich erfuhr, dass meine Lebensgefährtin und meine Tochter sich im benachbarten Grippel aufhielten, und da ich diese im Laufe des Tages aus den Augen verloren hatte, weil es an diesem Tage durch Polizeiabsperrungen unmöglich war, Strassen und Wege in gewöhnlicher Weise zu benutzen, ging ich zu Fuß dorthin. Ich erfuhr, dass sich einige meiner Familienmitglieder im Auto einer Bekannten aufhielten, die hier nicht mehr wegfahren konnte. Ich wärmte mich an einer auf einem Privatgrundstück befindlichen Feuertonne auf und unterhielt mich mit verschiedenen Personen.
So gegen 0:00 Uhr beschloss ich, mich nach hause zu begeben, da ich am nächsten Tag zur Arbeit musste und suchte meine Tochter in dem PKW auf. Vom Acker hinter dem Grundstück tauchte eine Kette Polizeibeamten auf, die mich daran hinderten, das Gelände zu verlassen und mich aufforderten, mich der "Versammlung" anzuschließen. Es ertönte daraufhin eine schwer verständliche Lautsprecherdurchsage, dass sich alle anwesenden Personen in Gewahrsam befänden. Meine Frage an einige der Polizisten einer bayrischen Einheit, auf welcher Rechtsgrundlage hier ein Entfernen verhindert werde, wurde sehr aggressiv mit Drohgebärden beantwortet. Ich fragte daraufhin, ob ich oder meine sehr dünn gekleidete Tochter sich zu dem PKW begeben dürften, um einige Sachen zu entnehmen oder abzuschließen. Dies wurde verweigert. Etwas später bat uns die Besitzerin des PKW, ihren Personalausweis aus dem 1 Meter entfernten Wagen zu holen, was meiner Tochter in Begleitung von 2- 3 Polizeibeamten gestattet wurde.
Eine Gruppe von Polizisten begann mit Hilfe eines starken an einer Kamera befestigten Scheinwerfers die Gesichter der Anwesenden zu kontrollieren. Unvermittelt rannte eine Gruppe Polizisten mitten in die Menge und ergriff eine Person, die sie sehr brutal hinter die Polizeiabsperrung zerrten. Dies wiederholte sich noch 1 oder 2 Mal. Auf meine Frage an einen Beamten, was hier geschehe, antwortete dieser, jetzt werde "selektiert".
Dann drang erneut eine Gruppe von Polizisten in die Menge der auch sitzenden und liegenden Personen, trat dabei auf Menschen und trat um eine Feuertonne Sitzende mit den Stiefeln beiseite. Alle Personen wichen sofort aus, niemand leistete in irgendeiner Weise Gegenwehr. Die Polizisten stürzten auf eine an der Feuertonne sitzende junge Frau (oder langhaarigen Mann ?), den sie traten, mit Hieben und Griffen den Kopf bearbeiteten und diesen tief in den Schoß drückten. Hierbei stürzte einer der Beamten, weil er zwischen einen schlecht sichtbaren dort befindlichen Haufen Findlinge getreten war. Er drohte rücklings gegen die glühende Feuertonne zu fallen. Ich sprang sofort in den freien Raum und hielt ihn vorsichtig davon ab, gegen die Glut zu fallen. Als er aufstand, schlug er mit dem Arm um sich, was mich mit dem Rücken gegen die Feuertonne drückte. Die Polizisten schleppten die Person hinter die Polizeiabsperrung, wobei sie sie meiner Auffassung nach weiter misshandelten. Die "abgeführte" Person leistete keinerlei Gegenwehr.
Ich fragte nach dem Verantwortlichen, wurde an einen "Einsatzleiter" ohne Helm verwiesen und machte diesen darauf aufmerksam, dass dieses Vorgehen in keiner Weise deeskalierend wirke und meiner Auffassung nach gerade jemand unverhältnismäßig misshandelt wurde. Zu meinem Erstaunen äußerte er, darauf achten zu wollen.
Es erschien ein Mann, der sich als Anwalt des anwaltlichen Notdienstes ausgab. Diesem wurde der Zugang zu den in Gewahrsam genommenen recht grob verwehrt. Erst nachdem mehrere Anwesende lautstark den Einsatzleiter zu sprechen forderten, wurde er hinter die Absperrung gelassen.
Irgendwann nach 1 Uhr kamen einige Lautsprecherdurchsagen, wobei sie sich an "Versammlungsteilnehmer", "Demonstrationsteilnehmer" mit verschiedenen Orts- und Geländeangaben richteten. Es wurde aufgefordert, sich in eine Polizeiabsperrung zu begeben, wobei keine Möglichkeit bestand, die vorhandene zu verlassen. Auch von einer Wiese "links" war die Rede, wobei in der Ortslage keine Wiese zu sehen war.
Mir war klar, dass nun die auf der Strasse sitzenden Menschen geräumt würden und ich stellte mich so an den Straßenrand, dass ich das Vorgehen sehen konnte. Die vordersten Menschen hatten eine Plane über sich ausgebreitet. Bei den ersten 3 -4 Menschen beugten sich die Beamten noch herab und sprachen diese an, zogen sie dann aus der Gruppe heraus und trugen sie weg. Unvermittelt begann ein Beamter, die Plane wegzureißen. Als dies nicht auf Anhieb gelang, riss er mit großer Gewalt und begann dann, auf die Sitzenden einzutreten. Zwei danebenstehende Beamten beteiligten sich an dem Vorgehen. Dieser Beamte begann dann, auf Sitzende zu treten und wahllos nach Köpfen zu greifen, schlug diese, drückte sie auf den Asphalt und in den Nacken und drückte mit den Fingern in Nasen und hinter Ohren.
Ich rief dem Polizisten mit dem Megafon, der offenbar den Einsatz leitete, zu, dass er persönlich für das Vorgehen dieses Beamten verantwortlich sei und ob er ihn nicht zurückziehen könne. Trotz des großen Lärms verstand er mich offenbar, denn er hielt inne und schaute mir ins Gesicht. Er unternahm jedoch nichts, sondern fuhr fort, den Sitzenden zuzurufen, dass sie sich lediglich wegtragen lassen müssten und es den Beamten nicht unnötig schwer machen sollten. Keiner der Sitzenden leistete in irgendeiner Weise Gegenwehr.
Nachdem ca. ein Viertel bis ein Drittel der Menschen weggetragen und weggeführt waren, kamen die Polizisten zu drei jungen Frauen, von denen mir eine namentlich bekannt ist. Diese kauerten sich aneinander. Ein Polizist begann unvermittelt ohne vorherige Ansprache nach den Köpfen zu greifen. Er schlug auf die Köpfe, verdrehte sie, griff ins Gesicht und hinter die Ohren und stieß den Kopf der einen immer wieder zu Boden, bzw. versuchte ihn in den Nacken zu reißen, wobei er auch an den Haaren riss. Dann trennte er sie mit anderen Kollegen, indem er die Hände überdehnte, als ob er sie brechen wollte.
Kurze Zeit später griff ein Beamter einem Sitzenden in das Gesicht, kniete oder beugte sich auf ihn nieder und drückte ihm den Kopf auf den Boden und Mund und Nase zu. Soweit es ihm möglich war, schrie dieser Mann fürchterlich. Er hatte keine Möglichkeit, auszuweichen, oder sich, wie verlangt, zu erheben. Daneben Sitzende versuchten zaghaft, den Beamten abzuhalten und schrieen ihm zu, dass der Mann keine Luft bekomme. Eine sitzende Person griff dem Beamten in den Arm, worauf dieser sofort zurückschlug.
In Höhe der Blockade drückte eine Gruppe von bayrischen Polizisten die Menschen auf dem Bürgersteig zurück. Es war hier durch geparkte Autos und die vielen Menschen sehr eng. Plötzlich begannen die Beamten wahllos Personen zu schubsen und als einer sich dagegen verwahrte, schlugen und traten sie nach ihm. Die Situation entspannte sich erst wieder, als ich den Beamten klarmachen konnte, dass sie gerade den Weg abschnitten, den wir laut Lautsprecher offenbar nehmen sollten und hier keine Gelegenheit zum Ausweichen war.
Ich begab mich auf das angrenzende Privatgelände. Hier wurden jetzt auch Personen einzeln weggeführt. Hierbei beachteten die Polizisten eine Absperrung mit Flatterband an einem angrenzenden keilförmigen Privatgelände mit Neuanpflanzung, welches bislang von allen Anwesenden respektiert worden war, nicht und führten trotz Protestes des Anwohners Menschen quer darüber.
Als einer der Letzten auf diesem Gelände wurde ich von einem Beamten angesprochen und unsanft weggeführt. Ich fragte ihn, auf welcher Rechtsgrundlage ich meiner Freiheit beraubt wurde und er äußerte, ich habe an einer verbotenen Versammlung teilgenommen. Ich erläuterte ihm, dass ich am Verlassen des Geländes gehindert wurde, schon über 2 Stunden in Gewahrsam sei und fragte, wo ich einen Antrag auf richterliche Überprüfung der Freiheitsentziehung stellen könne. Er schubste mich in die Polizeieinkesselung und sagte dies könne ich an der Durchlassstelle am anderen Ende. Als ich dort hinging, gab es dort keine Durchlassstelle und keiner der Beamten war bereit, einen Antrag auf richterliche Überprüfung entgegenzunehmen.
In die Einkesselung war eine Toilette vom angrenzenden Privatgelände gestellt worden, es war unmöglich, sie zu nutzen, weil sich bei über 1000 Personen eine lange Schlange bildete. Die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt und wer sich nicht eine Isolier- oder Sitzgelegenheit mitgebracht hatte, musste mehrere Stunden lang stehen. Nach einiger Zeit saßen und lagen Menschen allen Alters auf dem gefrorenen Rasen. Auch ich legte mich in das gefrorene Gras, da ich in wenigen Stunden arbeiten musste. Erst kurz vor Auflösung der Einkesselung machte eine Nachricht die Runde, es gäbe heißen Tee und Suppe, gesehen habe ich diese jedoch nicht.
Irgendwann gegen morgen kam eine Lautsprecherdurchsage, dass ohne Vorwarnung mit Wasserwerfern vorgegangen werde, wenn es irgendein Vorgehen gegen die Kette der Polizeibeamten gebe. Dann fuhren die Castor- Behälter auf der Strasse vorbei.
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