Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2003-11-18


von aucheherautonome

Teile der geübten Kritik sind für mich voll nachvollziehbar, einige Ereignisse lassen sich aber ohne viel Nachdenken aus den unterschiedlichen Ansätzen erklären und sind nicht unbedingt auf mangelnde Solidarität zurückzuführen.

Ich rechne mich eher zu den Autonomen als zu den Gewaltfreien (bin jedenfalls nicht gezielt gewaltfrei und mit den richtigen Leuten auch für eher autonome Aktionsformen zu haben aber auch nicht für alle "autonomen" Aktionen zu haben), kenne aber auch viele eher Gewaltfreie und habe auch schon öfter an deren Aktionen teilgenommen, kenne also beide Seiten.

Zum ersten ist es richtig, dass es die Fraktion der militant-Gewaltfreien gibt, die bei jeder dunklen Kapuze schon anfangen zu schreien.

Zweitens ist generelle und grundsätzliche Staatskritik nicht für alle "Gewaltfreien" selbstverständlich, aber dennoch für mehr, als viele Autonome glauben. Dass das nicht automatisch eine Übereinstimmung in den Aktionsformen beinhaltet bzw. Einschätzungen zu der Frage wie genau der Staat jetzt auf welche Form von Widerstand reagiert durchaus auseinander gehen können und trotzdem die Ideen, wie die Welt aussehen könnte, wäre sie anders, sich ähneln können, geht oft schwer in die Köpfe sowohl von Autonomen als auch von Gewaltfreien. Die Gewaltfreiheit der Gewaltfreien beruht genauso auf einer Überlegung (z.B. dass, wer eine hierarchiefreie Gesellschaft will, sich im Kampf dafür nicht zu sehr denen angleichen darf, die man bekämpft, weil dann am Ende vielleicht wieder nur ein autoritäres, gewalttätiges System herauskommt) wie die Militanz der Autonomen (die Gewalt in Form von Gegengewalt gegen ein gewalttätiges Regime als legitim und vielleicht notwendig für das eigene physische und psychische Überleben sieht).

Drittens ist - und das ist für die beschriebene Situation wichtig - die Frage, welche Aktionsform gewählt wird, oft auch vom persönlichen Mut abhängig. Für manche Menschen (und das bitte, sollten gerade langjährig militant-autonom aktive Menschen versuchen zu verstehen!) ist der Schritt, sich in einer halbwegs berechenbaren Aktion auf die Straße zu setzen, schon ein sehr großer und wird es für einige auch immer bleiben. Das kann ich gut oder schlecht finden, aber es lässt sich nicht leugnen und für einige ist dieser Schritt dann auch ein Schritt zu weiteren, vielleicht auch mal militanteren Aktionen.

Viertens muss ich, wenn ich als Autonome an einer Aktion von X-Quer oder Widersetzen teilnehme auch in gewissem Maße deren Spielregeln akzeptieren - gerade weil sie vorher so klar formuliert werden. Letzteres schien aber bei der beschriebenen Aktion der Fall gewesen zu sein.

Soweit zu den Einwänden. Angepöbelt zu werden, weil man sich nicht genauso brav und hinnehmend verhält, wie die anderen ist frustrierend. Ich war selber letztes Jahr in Laase und fand die Stimmung, vor allem später im Kessel z.T. ebenfalls unerträglich und fühlte mich in meinen Möglichkeiten, die Situation für mich erträglich zu gestalten (wozu zumindest ein verbales Wut-rauslassen zählt) ziemlich eingeschränkt. In diesem Punkt kann ich euren Ärger gut verstehen und es gibt auch ein paar Leute, bei denen werdet ihr mit euren Argumenten, egal wie gut und freundlich formuliert, nie durchdringen. Solche Leute gibt es aber überall in unterschiedlichen Ausgaben (autoritäre Marxisten z.B. sind auch nicht besser, nur anders).

Anders sieht es mit Eurem Ärger aus, dass Euch niemand zu Hilfe gekommen ist. Damit müsst Ihr allerdings rechnen, wenn Ihr so in gewaltfreien Blockaden agiert. Nicht aber, weil alle so doof und absichtlich unsolidarisch sind, sondern, weil sich gerade viele Gewaltfreie mit dieser Art der Konfrontation mit den Bullen nicht wohl fühlen, vielleicht Angst vor der eigenen Aggressivität oder aber vor der der Bullen haben. Weil sie die Situation nicht einschätzen können, nicht wissen, was für Folgen dieses Handeln nach sich zieht oder sich nicht vorstellen können, das Kettenbilden hilft. Weil sie nicht einschätzen können, ob Eure Ketten vielleicht gerade den Bullen den Vorwand zum Reinknüppeln bieten und sie dieses Risiko nicht eingehen wollen. Schließlich sind das vielleicht genau die Gründe, aus denen sie sich zur Teilnahme an genau dieser Aktion und nicht einer anderen entschieden haben.

Wenn das bislang noch nicht klar geworden ist: ich versuche hier nichts zu entschuldigen, aber ich versuche Verständigungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es war immer eine Stärke des Widerstandes im Wendland, dass er sich niemals hat spalten lassen, das mehr oder weniger Gewaltfreie und mehr oder weniger Militante immer einen Wege gefunden haben, miteinander auszukommen und dabei auch einiges voneinander gelernt haben. Ich sehe auch gerade keine große Spaltungsgefahr, aber gerade weil in den letzten Jahren immer weniger Autonome ins Wendland gekommen sind, wünsche ich mir, dass ihr versucht, auch die andere Seite zu verstehen und trotzdem oder gerade deswegen wiederkommt. Ein bisschen Fingerspitzengefühl gehört zum Wendlandwiderstand dazu, aber im großen und ganzen ist die Bewegung weitaus toleranter als viele andere und auch Leute, die auf den ersten Blick recht bürgerlich wirken, können auf den zweiten oder dritten Blick erstaunlich militant sein. Und das Erlebnis, mal nicht im eigenen Saft der kleinen autonomen Heimatgemeinde zu schmoren, sondern mal die Möglichkeit zum Kontakt mit Menschen zu haben, die sonst unter "Normalbevölkerung" laufen, ohne deren Beteiligung sich aber in diesem Land auch nie was ändern wird, ist gelegentliche Zusammenstöße mit dogmatischen Gewaltfreien durchaus wert!

Lasst euch nicht spalten, frustrieren, vergraulen. Sucht die Verständigungsmöglichkeiten, wo es sie gibt, um klarer zu erkennen, wann und wo Gespräche tatsächlich nichts bringen. Stimmt Eure Aktionsformen auf Euer Drumherum ab und überlegt vorher, wie das Umfeld reagieren könnte und warum. Und vor allem: bleibt militant und kommt wieder!

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