Grafik aaa - Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen
2003-11-13

Protest
Ein Landstrich unter Besatzung
Wendland: Nach dem Castor-Transport ziehen Atomkraftgegner Bilanz

Von Reimar Paul, Trebel
ND vom 13.11.03

Demonstranten wurden verletzt und eingesperrt, eine Ausgangssperre verhängt. Trotz brutaler Polizeieinsätze hat sich die Zahl der Protestierer gegenüber 2002 verdoppelt, so die Organisatoren. Die Pressekonferenz in den "Trebeler Bauernstuben" steht als ein fester Termin im Castor-Kalender. Eine Stunde nach dem Eintreffen des Atommüll-Transports im Zwischenlager Gorleben ziehen übermüdete Atomgegner aus dem Wendland vor Journalisten eine Bilanz ihrer Protestaktionen. Diese Bilanz fällt in der Regel positiv aus, und auch gestern Morgen war das nicht anders.

"Unsere Ungeduld wächst und der Widerstand gegen die Ausstiegsrhetorik des Bundesumweltministers ebenso", sagt Dieter Metk von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Der Protest gegen die Castor-Transporte, gegen das ungelöste Endlager-Problem und die nicht eingelösten Ausstiegs-Versprechen sei "unübersehbar gewachsen". Tausende hätten sich in den vergangenen Tagen an den vielfältigen Aktionen beteiligt, "allein heute Nacht saßen mehr als 2000 Leute auf der Straße". Wegen des Widerstandes habe der Castor-Zug auf seinem Weg nach Dannenberg fast sechs Stunden Verspätung gehabt, betont Metk. Das Aufzählen der Verzögerungen allein sei noch kein Kriterium für die Qualität des Widerstandes, aber: "Es gibt eben keine festen Fahrpläne für die Atomtransporte, und das wird auch in Zukunft so bleiben." Dass sich die Zahl der Demonstranten gegenüber 2002 fast verdoppelt hat, führt die BI auch auf die "Verpolizeilichung" des Atomkonfliktes und die Lügen der Politiker zurück. Dies hätten die Menschen "gründlich satt".

Auch bei den Landwirten im Wendland sei der Widerstand ungebrochen, so Carsten Niemann von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Mit 200 Traktoren waren die Bauern zur Auftaktkundgebung am vergangenen Samstag gerollt, mit Dutzenden Schleppern beteiligten sie sich jeden Tag und jede Nacht an Straßenblockaden auf der Transportstrecke. Bei insgesamt rund 500 landwirtschaftlichen Betrieben im Kreis Lüchow-Dannenberg sei das doch wohl eine ganz ordentliche Quote, findet Niemann. Empört ist er darüber, dass die Polizei mehr als 50 auf einem Feld abgestellte Zugmaschinen sowie den Acker einfach beschlagnahmt hat. "Dieses Mal wurden nicht die Bauern eingesperrt, sondern die Trecker". Auch das "Unwissen der anderen Seite" macht Niemann Sorge. Die meisten Polizisten, mit denen er gesprochen habe, hätten "überhaupt keine Ahnung, worum es uns hier geht".

"Der Atomstaat erklärt der Bevölkerung den Krieg", sagt Ulrike Donath. Die Rechtsanwältin war in den letzten Tagen und Nächten mit vielen Kollegen vor Ort. Die Allgemeinverfügung, mit der die Bezirksregierung Lüneburg Demonstrationen im hundert Meter breiten Transportkorridor erlassen hatte, "ist das Papier nicht wert, auf dem sie steht", schimpft sie. Die zur Begründung des Verbotes bemühte Gefahrenprognose sei angesichts des gewaltfreien Widerstandes der Demonstranten "lächerlich". Zudem habe die Polizei die Verbotszone "nach Belieben ausgedehnt". Das sei vom Verwaltungsgericht auch noch bestätigt worden.

Die Anwältin berichtet, dass die Polizei in der Ortschaft Grippel "Zäune niedergetreten hat, um ihre Gefangenen auf einer Wiese zusammen zutreiben". Und im benachbarten Laase ein stundenlanges Ausgeh-Verbot für die Einwohner verhängte. Wie unter "Besatzungsrecht" hätten Nachbarn und Familien einander für Stunden nicht besuchen dürfen. Ihr Kollege Christian Schön beklagt, dass festgenommene Demonstranten in der Gefangenen-Sammelstelle der Polizei in Lüchow bis zu 15 Stunden eingesperrt blieben, ohne dass ein Richter über die Rechtmäßigkeit der Maßnahme entschied. Wie viele Atomgegner die Polizei während der Castortransporte festgenommen hat, war gestern noch unklar. "700 bis 1000", schätzt der Kollege einer Nachrichtenagentur.

Die Demo-Sanitäter melden 72 verletzte Castorgegner. Die meisten Blessuren rührten von Stiefeltritten und Faustschlägen, überdrehten Gelenken und zu fest geschnürten Fesseln her. Zwei Demonstranten wurden am Mittwoch noch im Krankenhaus behandelt.

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