2003-11-11
"Die Aktivisten sind erschöpft" Was ein Forscher über den Widerstand sagt
Von: http://www.abendblatt.de
erschienen am 11. Nov 2003 in Norddeutschland
Dannenberg/Berlin - Die Veränderung lässt sich in Zahlen messen: Versammelten sich im Frühjahr 2001 noch gut 10 000 Atomkraft-Gegner im Wendland, um gegen den Castor-Transport ins zu protestieren, sind es diesen Herbst weniger als ein Drittel. "Es gibt eine Erschöpfung der Aktivisten", sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht (57). Grund: "Die wissen, sie können die Transporte verzögern, aber am Ende nicht verhindern."
Allerdings, so der Soziologie-Professor, der sich seit den 70er-Jahren wissenschaftlich mit den Protesten beschäftigt, bedeute das nicht, dass die Anti-Atomkraftbewegung am Ende sei. "Wenn irgendwo ein neues Atomkraftwerk gebaut würde, ständen die alle wieder auf der Straße." Jetzt aber, vor dem Hintergrund einer rot-grünen Bundesregierung mit einem beschlossenen Atomausstieg, fehle ein klarer Gegner. "Die eigentliche Schlacht ist geschlagen. Es bleiben Nachhutgefechte um Detailfragen."
Der alljährliche Transport samt Widerstand ist zum Ritual geworden - und für die große Masse uninteressant, abgenutzt, langweilig. "Aber die Binnenperspektive sieht anders aus", sagt Rucht. "Ein Ritual verliert für die Beteiligten durch die Wiederholung nicht an Sinn und Wertschätzung." Es diene der Selbstvergewisserung. "Es ist unverzichtbar, um den Zusammenhalt der geschrumpften Gruppe zu sichern." Motto: Wir glauben an uns, bleiben der Sache treu.
Dabei unterscheiden die Demonstranten im Wendland sich deutlich von denen, die etwa gegen Globalisierung auf die Straße gehen, so Rucht. "Bei lokal verankertem Widerstand sind nicht nur die hoch gebildeten Linken vertreten, sondern alle Altersgruppen, Schichten und politischen Lager." Auch Konservative brächen dann Regeln, kümmerten sich nicht mehr um das Legalitätsprinzip. Das mache das Besondere dieses Protests aus.
Trotz der Krise des Widerstands ist Forscher Rucht sicher, dass die wendländische Anti-Atom-Bewegung die Republik verändert hat: "Es bleibt etwas", sagt er. Die politische Solidarisierung habe viele Leben gravierend verändert. Gesellschaftlich konstatiert er "ein Protest-Potenzial, das reaktiviert werden kann". Angesichts der bis 2013 geplanten Transporte sagt er: "Es ist nicht sinnvoll zu versuchen, gegen jeden Transport anzugehen." Wichtiger wäre, eine Pause zu machen, Kräfte zu bündeln. "Jeden Transport mit immer weniger Leuten aufhalten zu wollen", sagt Rucht, "das ist zum Scheitern verurteilt." mik
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