2004-03-22
Antwort und offene Fragen an SAND
von Elisabeth, aaa
Liebe Leute von SAND, wir haben Euren offenen Brief bekommen.
Ich kann verstehen, dass Ihr enttäuscht ward, Euren Text nicht als ganzes abgedruckt zu sehen, sondern eingebaut in eine virtuelle Diskussion. Leider haben wir nur mit einem von Euch vorher darüber gesprochen, was unser Problem mit der Darstellung des Konfliktes in Grippel ist und wie wir es zu lösen versuchen. Der Kommentar dazu war, "lass uns mal sehen". Sicher wäre es besser gewesen, Euch als Gruppe davon zu informieren und Euer Einverständnis zu erfragen; das ist aber in dem Stress, den wir mit diesem Heft hatten, einfach untergegangen. Das tut uns leid.
Ich finde es sehr schade, dass Ihr nicht die Möglichkeit ergriffen habt, mit uns zu reden. Es geht mir nicht darum, Eure Kritik untern Tisch zu wischen und alles im Wohnzimmer zu klären. Nur gebe ich zu bedenken, dass offene Briefe, bevor mensch miteinander gesprochen hat und sich auch mal die Gegenseite angehört hat, vielleicht anders ausfallen und möglicherweise unnötig viel Porzellan zerdeppern. Vielleicht hätten wir ja Eure Unzufriedenheit und Kritikpunkte auch anders auflösen können. Das spricht nicht gegen das öffentliche Austragen von Kritik und unterschiedlichen politischen Sichtweisen.
Andererseits hat es ja vielleicht auch was positives, wenn Euer offener Brief dazu führen würde, dass sich die LeserInnen der aaa mal über das Selbstverständnis einer solchen Bewegungszeitung Gedanken machen und dazu äußern. Das haben wir uns schon immer gewünscht. Auch das Thema "politische Zensur" find ich ziemlich spannend und ich hoffe, dass Ihr Euch auch an einer Diskussion darüber beteiligt und Eure Meinung und Argumente darlegt, nicht nur den Begriff in den Raum werft.
Aber jetzt zu Eurer Kritik. Ihr benutzt sehr heftige Worte.
"Realität" und Selbstverständnis
Wir hätten ein Bild entstehen lassen, das nicht der Realität entspricht. Was ist wohl die Realität? Was versteht Ihr unter "Realität"? Ist Euer Text die Realität über Grippel?
Jede Dokumentation von Ereignissen schließt- ob offen oder unausgesprochen- bestimmte gesellschaftliche Deutungsmustern ein und ist damit immer eine Interpretation von Wirklichkeit.
Ich verstehe die aaa als politisches Projekt. Sie ist eine Zeitung der Anti-Atom- Bewegung, in der die ganze Bandbreite der Bewegung Raum findet, sich darzustellen. Es geht darum, die Anliegen und Ziele der Anti-Atom-Bewegung öffentlich zu machen, Diskussionen und Bewegung innerhalb der Bewegung anzustoßen und eine Gegenöffentlichkeit zu den herrschenden Interessen herzustellen.
Unsere Aufgabe als Redaktion verstehe ich nicht darin, beliebig alles genauso abzudrucken und aneinanderzureihen, wie es bei uns ankommt oder in der Öffentlichkeit erscheint. Vielmehr geht es uns darum, im Gespräch und in Diskussionen mit Menschen aus der Bewegung ein Konzept, ein "Deutungsmuster" zu entwickeln und das, so weit es geht offen zu legen.
Bei der Diskussion um das Geschehen in Grippel, das offensichtlich viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen beschäftigt hat, erschien es uns zum einen wichtig, der Realität, wie sie von den widerständigen Menschen vor Ort wahrgenommen wurde, möglichst nahe zu kommen. Durch viele Gespräche mit Beteiligten, durch Recherchieren von geschriebenen Kommentaren und Berichten, und in vielen Diskussionen und Gesprächen haben wir versucht, ein Bild von den Ereignissen einzufangen. Es gab sehr viele Realitäten in Grippel. Eure Sicht der Situation ist eine davon, die wir in den Disput um Grippel mit aufgenommen haben- zwar in Textabschnitte zerlegt, aber sonst unverändert.
Zum anderen haben wir in dem virtuellen Disput eine Möglichkeit gesehen, auch die unterschiedlichen Sichtweisen, politischen Vorstellungen und Ziele, die hinter dem Verhalten der Akteure und ihrer Darstellung des Geschehens stehen, offen zu legen und zu hinterfragen. Wir haben uns dieses vielleicht ungewöhnlichen Stilmittels bedient mit dem Ziel, die Unterschiede und Kontroversen deutlich zu machen und eine weitere Diskussion darüber anzuregen.
Es ging nicht um Harmonisieren, sondern im Gegenteil darum, die unterschiedlichen Argumente und politischen Einschätzungen herauszuarbeiten, an denen dann weiterdiskutiert werden kann. Der Disput könnte eine Möglichkeit sein, tiefer in die Diskussion einzusteigen. Die Einleitung zu dem Disput dürfte eigentlich für jede Leserin klar gemacht haben, dass diese Diskussion nicht wirklich stattgefunden hat.
Ich hätte es für politisch falsch gehalten, nur Euren Text als Realität von Grippel abzudrucken, in einem Heft, das nicht nur für aaa-LeserInnen gedacht ist, und damit auch nicht unbedingt ein Folgeheft mitgelesen wird, in dem die Reaktion auf Euren Text dann stehen könnte. Ihr habt Euren Text nicht an die angesprochene Gruppe, die Ihr kritisiert habt geschickt, und so gab es auch keinen Erwiderungstext. Wir haben Leute von Widersetzen angesprochen und ein Gespräch angeregt, das leider erst nach der Doku stattgefunden hat.
In dieser Situation haben wir den Versuch einer virtuellen Diskussion unternommen, um ein möglichst umfassendes Bild von Grippel darzustellen und eine Grundlage für eine solidarische Diskussion und Kritik zu schaffen. Unser Text war für mich ein Versuch, eine Diskussion innerhalb und außerhalb der Anti-Atom Bewegung anzuregen. Das ist ein wichtiges Anliegen der aaa. In welchem Selbstverständnis habt Ihr Euch da getäuscht?
Solidarität
An diesem Punkt würde ich gerne mal über "Solidarität", solidarische Kritik etc. diskutieren. Das wird immer so in die Diskussion geworfen, als gäbe es da so eine Klarheit darüber, was das in einer konkreten Situation heißt. Mir ist nicht so klar, was Ihr damit meint. Was macht Eure Kritik zu einer solidarischen?
Welche solidarische Kritik ist unserem unbedingten Willen zur Harmonisierung zum Opfer gefallen? Ich habe unseren Text als Aufforderung zum genauer Hingucken und zur Auseinandersetzung über die kontroversen Punkte verstanden. Auch ich finde Auseinandersetzung wichtig, aber mensch muss sie dann auch führen!
Es ging nicht darum, dass die Zeitung mehr Leuten gefallen soll, und Eure strittige Punkte weggelassen oder gelöst oder geglättet werden sollten, sondern darum, dass ein strittiger Punkt nicht einseitig abgehandelt wird. Gerade mit dem Grippel-Disput wird doch deutlich, dass es sehr unterschiedliche Meinungen und Widersprüche gibt. Es wird niemand vor etwas geschützt. Ich finde nur, dass zu einer solidarischen Kritik auch gehört, dass die kritisierte auch ihre Position darstellen kann.
Politische Zensur
Die Veränderung Eures Textes, d. h. den Einbau von Textabschnitten in eine Diskussion, findet Ihr politische Zensur. Das ist ein heftiger Vorwurf und ich habe lange darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeuten soll. Für mich ist Zensur ein Instrument zur Herrschaftssicherung. Unabhängig davon, dass der Inhalt Eurer Kritik nicht verändert wurde, finde ich den Begriff Zensur hier völlig unangemessen.
Ich kann verstehen, dass Ihr nicht wollt, dass wir Euren Text so behandeln. Mag sein, dass Euer Text in dem Kontext des Disputs anders wirkt. Aber was daran ist Zensur? Welche Macht hat eine Bewegungszeitung, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen? Welchen Herrschaftsinteressen dient unser Stilmittel eines virtuellen Disputs? Also noch mal: Was genau versteht Ihr unter politische Zensur?
Unabhängig davon können wir natürlich Euren Text noch mal abdrucken, in seiner Gänze. Gut fände ich es allerdings, wenn Ihr das bereits stattgefundene Gespräch auch noch aus Eurer Sicht kommentiert. Denn das hat ja tatsächlich stattgefunden und es wäre schön, wenn das Ergebnis auch für andere, die nur Eure Kritik kennen, zugänglich ist.
Viele Fragen und hoffentlich auch viele Antworten
Solidarische Grüße
Elisabeth
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