Im Gemenge der Versprechen von Sicherheit, Transparenz
und Partizipation wird das Pferd von hinten aufgezäumt.
Platzt deshalb eine Seifenblase?

Akzeptanz- und Sicherheitsproduktion

von der aaa-Redaktion

Beim Endlager-Symposium im Oktober vergangenen Jahres sollte es ausdrücklich nicht um Gorleben gehen. Und auch das Folgetreffen Ende März, bei dem die BI Lüchow-Dannenberg das Ende des Dialogs erklärte, hatte Gorleben nur indirekt zum Thema. Vielmehr ging es um „Sicherheitsanforderungen“, denen ein allgemeingültiger Charakter zugesprochen werden soll. Trotzdem ist es vielleicht ganz hilfreich, sich zunächst noch einmal kurz die Geschichte des Standorts an der Elbe ins Gedächtnis zu rufen.

Im Salzstock Gorleben wird seit fast dreißig Jahren Bergbau betrieben. Der landläufigen Auffassung, hier würde ein Atommüll-Endlager gebaut, widersprechen die Betreiber. Nein, sagen sie, die Verhältnisse tief im Boden würden zu wissenschaftlichen Zwecken untersucht. Deshalb sprechen sie von einem Erkundungs-Bergwerk.

Seit ebenso langer Zeit fordern KritikerInnen dieses Baus, dass von den „Forschern“ benannt wird, was genau sie denn da erkunden. Woran soll zu erkennen sein, ob bei ihrem Forschungsobjekt die „Eignung für den dauerhaften Verbleib hochradioaktiver wärmeentwickelnder Abfälle“ vorliegt oder nicht? Welcher Befund könnte zu der Aussage verhelfen: hier an diesem Ort lässt sich ohne schlechtes Gewissen Atommüll unter die Erde bringen? Oder eben, falls die gesuchten Bedingungen nicht zu finden sind, die Feststellung zu treffen: hier geht es nicht!

Ob es diese zweite Möglichkeit ist, die die Befürworter des Projekts davon abgebracht hat, nachvollziehbare Kriterien als belastbare Bedingung zu formulieren? In den Anfangszeiten waren sie in dieser Hinsicht deutlich unverkrampfter. Wer in den Jahren des Bohrbeginns nachfragte, erhielt die Auskunft:

  1. Ein Gesteinsvorkommen, das die giftige, heiße und strahlende Fracht aufnehmen kann, muss homogenes Salz von ganz bestimmter Art sein und in ausreichender Mächtigkeit vorliegen.
  2. Es muss unverritzt sein, darf also nicht durch irgendwelche Maßnahmen, zum Beispiel durch Bohrungen, angetastet sein; dies würde ja künstliche Wegsamkeite für Wasserzutritte schaffen.
  3. Der Gipshut über dem Stock muss intakt sein; überhaupt soll
  4. das Deckgebirge so beschaffen sein, dass es den sogenannten Salzspiegel, also die Oberkante des Salzstocks, vor jeglichem Kontakt mit Grundwasser schützt.

Lange dauerte es allerdings nicht, dass solch konkrete Angaben gemacht wurden.

Die Auswertung der Voruntersuchungen führte dazu, dass der Leiter des Projekts, Klaus Duphorn, sein Amt niederlegte und ins Lager der Kritiker überwechselte. Es hatte sich gezeigt, dass sich während der Elster-Eiszeit der Gletscher über den Salzstock geschoben, den Gipshut wegrasiert und an Stelle des Deckgebirges einen Haufen Schutt und Geröll hinterlassen hatte. Auch der Nachfolger in dieser Position, Helmuth Röthemeyer, hielt nach ersten Tiefbohrungen in einem Gutachten die Empfehlung fest, an anderen Stellen nach alternativen Standorten zu suchen. Mitte der 80er Jahre stand fest, dass von den oben genannten vier Kriterien bereits jetzt drei nicht erfüllt sein würden.

„Eine erste Bewertung des Deckgebirges hinsichtlich seiner Barrierenfunktion für potentielle kontaminierte Grundwässer zeigt, daß die über den zentralen Bereichen des Salzstocks Gorleben vorkommenden tonigen Sedimenten keine solche Mächtigkeit und durchgehende Verbreitung haben, daß sie in der Lage wären, Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten.“ hieß es 1983 im Bericht der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt PTB. Es lässt sich auch weniger zurückhaltend ausdrücken, als es in diesem Gutachterdeutsch formuliert ist: über den Salzstock zieht sich die Gorlebener Rinne. In einer Ausdehung von mehreren Quadratkilometern ist die Oberfläche des Salzstocks nicht von einer schützenden Tonschicht bedeckt. Grundwasserströme streichen über den Salzspiegel und laugen ihn kontinuierlich ab.

Hier ist nun die hohe Kunst der Interpretation gefordert. Wie entsteht Sicherheit? „Wenn nicht Ton über dem Salz liegt, sondern Sand und Geröll, dann ist das gut und nicht schlecht.“ Das jedenfalls meint die PTB in einem Statusbericht, den sie 1991 vorlegt. Denn durch die daraus resultierende Wasserspülung und Filterwirkung erhöht sich der Verdünnungsgrad ungemein, wenn radioaktive Stoffe sich unterstehen, den ihnen zugewiesenen Platz im Endlager zu verlassen. Und auch die Tatsache, dass das Grundwasser Salz ablaugt, steigert so gesehen den Grad der Sicherheit. Denn Salzwasser, das ist doch klar, bewegt sich erstens langsamer als klares Wasser, und außerdem will es eher nach unten als nach oben. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass an der Erdoberfläche die Strahlenbelastung steigt. Zumindest im Simulationsmodell. Und das ist gut für die Berechnung beim Langzeit- Sicherheits-Nachweis.

Gedankliche Beweglichkeit wird der PR-Abteilung auch durch ein Ereignis der bergbaulichen Praxis abverlangt: Nach den Befunden der Voruntersuchung ist klar, dass es nicht einfach sein würde, Schächte bis hinab ins Salz durch ein Gemenge aus Wasser, Sand und Geröll zu bauen. Aus diesem Grund wird zunächst eine riesige Vereisungsanlage in den Boden gebohrt. Anderthalb Jahre lang werden Kühlmittel mit -40°C durch kilometerlange Rohre gepumpt, um das gesamte Deckgebirge zu einem festen Körper tiefzugefrieren. Offenbar aber nicht fest genug. Am 12. Mai 1987 drücken die Erdmassen seitlich so stark auf den im Bau befindlichen Schacht, dass in 230 Meter Tiefe tonnenschwere Stahlringe bersten. Ein Bergarbeiter kommt dabei ums Leben, seine sechs Kollegen werden schwer verletzt. Nach der Bergung der Leute wird in aller Eile der Schacht mit Magerbeton verfüllt, um ein komplettes Zusammenbrechen zu verhindern.

Dies lässt sich nur schwer mit einer Vorschrift aus dem Atomgesetz in Einklang bringen. Der Betrieb von Atomanlagen ist gebunden an einen Entsorgungsnachweis, wenn auch einen ausgesprochen großzügigen. AKWs dürfen betrieben werden, solange es Fortschritte bei der Erkundung zukünftiger Möglichkeiten einer sicheren Aufbewahrung der Abfälle gibt. Unvoreingenommen würde mensch nach diesem Ereignis vielleicht eher von einem Rückschritt als einem Fortschritt sprechen. Entsprechend dauert es damals denn doch einige Zeit, bis ein Vertreter der zuständigen Aufsichtsbehörde die tröstliche Lebensweisheit ausspricht, wonach in jeder negativen Erfahrung auch der Keim eines Zugewinns an Erkenntnis steckt. So wird aus jedem Rückschritt im Prinzip ein Fortschritt.

Wir sehen: auch unvorhergesehene Ergebnisse bei der Erkundung führen nicht dazu, dass das Projekt über den Haufen geworfen wird. (Die ursprüngliche Zielsetzung schon eher. Die hieß nämlich einst: die Schadstoffe sicher und für alle Zeit von der Biosphäre abschotten. Vergessen?) Um ihn einfach aufzugeben, ist den Produzenten von Atommüll der Bau ihres Endlagers zu lieb und zu teuer. Daran ändern auch Regierungswechsel nichts. Selbst der Atom-Konsens genannte Vertrag über eine befristete Absicherung von AKW-Laufzeiten bewirkt kein Ende, sondern nur eine Pause für den Gorlebener Bergbau. Rotgrün und die Energieversorgungs- Unternehmen einigen sich schriftlich darauf, dass sie Zweifel an der Eignung nicht erkennen können. Das Moratorium dient, so der Text der Vereinbarung, lediglich der Klärung konzeptioneller und sicherheitstechnischer Fragen.

Welche das sind, ist nicht so recht zu erfahren; auch nicht, was bei der Klärung herausgekommen ist. Fest steht nur, dass das Moratorium spätestens im kommenden Jahr ausläuft. Bevor nun die Baumaschinen angeliefert und die Arbeitsstellen für den weiteren Bergbau ausgeschrieben werden, steigt bei den Beteiligten aller Seiten der Druck, etwas unternehmen zu wollen. Damit sind günstige Rahmenbedingungen gegeben für einen Versuch, Bewegung in eine festgefahrene Auseinandersetzung zu bringen, wie Sigmar Gabriel ihn unternimmt. Teile des Widerstands nehmen das Gesprächsangebot gerne an. Wer wollte ihnen das verdenken, nachdem es bisher mit dem Endlager immer weiterging - unangefochten von jeder Vernunft und jedem Ereignis? (Und selbst 2002 war es auch nicht gelungen, das Jahrhundert hochwasser zu einer rechtzeitigen Flutung der Anlage umzuleiten!)

Eingeladen wird zur Beteiligung an einem Suchverfahren. Das nährt unter anderem die Illusion, es könnten hierbei Standort-Alternativen zu Gorleben herausspringen. Zwar hat Minister Gabriel dies nie in Aussicht gestellt, im Gegenteil. Statt dass einem solchen Suchverfahren eine weiße Landkarte zugrunde gelegt wird, wie es der akEnd geraten hatte, geniest der Standort Gorleben in der vom BMU angedachten Prozedur ausdrücklich das zweifelhafte Privileg, die ständige Vergleichsgröße zu sein. Nur, wenn sich andernorts die Vorteile aufdrängen, soll dort eine Prüfung fortgesetzt werden.

Aber wer, den Umständen zum Trotz, nicht alle Hoffnung fahren lassen will, der hofft auch.

Also begeben sich AtomkraftgegnerInnen aus dem Wendland auf das dünne Eis der Wünsche und lassen sich auf einen institutionalisierten Prozess ein. Emsig arbeiten sie in einer Programm-Kommission mit und tragen zur Gestaltung eines Endlager-Symposiums bei, das Ende Oktober 2008, eine Woche vor dem Castor-Transport, in Berlin über die Bühne geht. Zentral für diese Veranstaltung ist, dass ein Papier vorgelegt wird, welches in der Folge diskutiert werden soll. Es trägt die Überschrift „Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle“. Wegen des knappen Vorlaufs müssen die Reaktionen darauf relativ spontan erfolgen. Sie werden als Anmerkungen notiert; auf deren Grundlage unterziehen die Autoren im BMU ihre Vorlage einer Revision.

Um das Ergebnis zu präsentieren, laden sie zu einer Folge-Veranstaltung zum Symposium; diesmal richtet sich die Einladung allerdings nicht an die breite Öffentlichkeit, sondern an eine handverlesene Schar von ExpertInnen. Gut ein Viertel der TeilnehmerInnen kommt aus dem Wendland. Und denen gehen im Lauf der Veranstaltung die Augen auf: das, was sie als unverzichtbares Anliegen einbringen wollen, ist hier schlicht nicht gefragt.

In einem methodisch angelegten Verfahren, das Legitimation durch Beteiligung und Transparenz schaffen soll, wie die Akzeptanz- Experten es immer wieder anraten, müsste natürlich zunächst über den ersten Schritt gesprochen werden, nämlich über Kriterien für eine Standort-Suche. Zu benennen wären also belastbare Bedingungen, die über Ausschluss oder Einschluss konkreter Vorschläge in die Auswahl entscheiden, und klar nachvollziehbare Kenngrößen, die innerhalb einer Auswahlmenge als Grundlage für eine Sortierung nach mehr oder weniger geeignet herangezogen werden können.

Mit dem vagen Versprechen, eine solche Suche politisch zu ermöglichen, hatte Sigmar Gabriel AtomkraftgegnerInnen mit ins Boot geholt. (Wir haben das schon früher kritisiert, weil der Begriff in die Irre führt. Es handelt sich nicht um eine Suche, sondern um eine Findung - und bereits das ist in unseren Augen eine Zumutung. Denn es wird nicht ergebnisoffen gesucht. Für die Möglichkeit, dass kein Ort geeignet sein könnte, gibt es in diesem Verfahren keinen Platz. Das Ergebnis steht von Anfang an fest: es wird gefunden!) Inzwischen ist so häufig wiederholt worden, dieser erste Schritt sei im Rahmen einer Großen Koalition nicht realisierbar, dass alle, die da im Boot sitzen, sich scheinbar damit abgefunden haben.

Also kümmert mensch sich schon mal um den zweiten Schritt. Der Logik folgend, dass auf eine Suche ein Suchergebnis folgt, wird geregelt, wie es dann weitergeht, wenn die Entscheidung für einen ausgewählten Standort vorliegt. Dann ist ein Antrag zu stellen. Dieser ist zu bescheiden. Und an dem Bescheid soll nachher niemand rummeckern. Deshalb sollen quasi blanco Verfahrensschritte diskutiert werden, zu denen am Ende alle sagen: ja. Wenn das so gemacht wird, dann ist das Ergebnis gerecht. Hier, so hatte die Gruppe aus dem Wendland es sich gedacht, wäre unverzichtbar festzuschreiben, dass vor diesem zweiten Schritt notwendig der erste Schritt (siehe oben) kommen muss. Nein, müssen sie nun erfahren, hier sollen sie einfach nur an einem Behördenhandbuch für das Genehmigungsverfahren eines bereits festgelegten Projekts mitarbeiten. Sonst nichts. Ihnen geht es eigentlich um klare Kriterien, und sie bekommen als Erwiderung: „Das ist jetzt nicht dran. Sicherheit ist etwas ganz Komplexes. Was das ist, lässt sich mit einfachen Worten gar nicht sagen.“

Dabei könnte es einfach sein: „Die Asse hätte nie als Endlager genutzt werden dürfen!“ Das sagen inzwischen PolitikerInnen und ExpertInnen aller Couleur ohne großes Wenn und Aber. Für die Vergangenheit scheinen Aussagen über eine Eignung oder Nichteignung für einen Standort mit ziemlicher Trennschärfe möglich zu sein. „Im Umgang mit Atommüll gibt es keine Sicherheit.“ Wahrscheinlich wird diese Erkenntnis mittlerweile von allen, die sich ernsthaft mit den Problemen auseinandergesetzt haben, anerkannt. Die Uneinigkeit allerdings ist groß bei der Frage, welche Konsequenz aus dieser Einsicht zu ziehen ist. Nach wie vor leiten wir und eine hoffentlich große Anzahl vernünftig denkender Menschen daraus die Notwendigkeit ab, alles Erdenkliche daran zu setzen, um die Produktion weiteren Mülls sofort und unumkehrbar zu beenden.

Andere dagegen propagieren als Konsequenz, es gehe darum, den Umgang mit der Unsicherheit zu organisieren. Sie berechnen Ausbreitungspfade, kategorisieren Wahrscheinlichkeiten und quantifizieren Strahlenkrebs. Dafür beanspruchen sie die Vokabel Verantwortung. Zu Unrecht, wie wir meinen.@

 

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