Die ehemalige Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe: Schlüsselstellung in einem militärischen Atomprogramm und ihre strahlenden Folgen

Bombenplutonium und strahlender Müll

von aaa-Red

Nach mehrjähriger Vorbereitungszeit dürfen Techniker nun damit beginnen, die hochradioaktiven Abfälle der ehemaligen Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe zu entsorgen. Die Verglasungsanlage wurde genehmigt. Nach dem O. K. des baden-württembergischen Umweltministeriums in Stuttgart läuft das Milliardenvorhaben Ende April an. Rund 60 000 Liter hochgiftiger radioaktiver- Flüssigkeit lagern in den Edelstahltanks auf dem Gelände bei Karlsruhe, darunter mehr als 16 Kilo Plutonium. Sie soll nach einem speziell entwickelten Verfahren in Glasblöcke eingebunden und dann in einem Castorbehälter ins Zwischenlager Nord bei Greifswald gebracht werden.


Bombenplutonium- Interesse an militärischer Nutzung

In der sog. “Versuchs”-Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) innerhalb des Kernforschungszentrums wurde von 1971 bis 1990 rund 210 Tonnen verstrahlter Brennelemente bundesdeutscher AKW und Forschungsreaktoren in Spaltprodukte, Plutonium und Uran getrennt. Etwa 1200kg Plutonium wurden dabei herausgezogen, etwa 250 kg davon waren waffenfähiges Pu-239. Das Material würde ausreichen für 30 Atombomben.

Obwohl die Wiederaufarbeitung atomtechnologisch und ökonomisch nicht zwingend war, wurde in der BRD mit der WAK und der WAA Wackersdorf das Projekt der Wiederaufarbeitung in Angriff genommen. Das offizielle Argument, durch die WAA könnten die Brennelemente ökonomisch und ökologisch wiederverwertet werden, kann bei Prüfung der Fakten nicht der Grund für die WAA gewesen sein. Das Engagement für die WAA läßt sich erklären, indem die Schlüsselstellung einer WAA für ein militärisches Atomprogramm herausgestelllt wird: In einer WAA kann das mehr oder weniger reine Plutonium 239 aus Schnellen Brütern oder Atomkraftwerken zu Bombenplutonium verarbeitet werden.


Separation von Plutonium in der WAK

So muß es nicht verwundern, daß die DAtK ( Deutschen Atomkommission, gegründet 1955 in der ersten Phase der bundesdeutschen Atompolitik, bestehend aus Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichen Leben) schon 1957 in einem Memorandum den Bau einer WAA fordert, wo Plutonium zu diesem Zeitpunkt nur als Bombenstoff bekannt war und sich keine ökonomischen Verwertungsmöglichkeiten in näherer Zukunft abzeichneten, unterstellt man ein Interesse an der militärischen Nutzung des Plutoniums.


Wohin mit dem Atommüll?

Mit den Forschungsreaktoren und der WAK wurden tonnenweise Atommüll produziert. Ein Teil davon, 61.189 Fässer, wurde in dem „Versuchsendlager“ AsseII eingelagert. Das ist fast die Hälfte der gesamten Einlagerung von radioaktivem Müll und 90 Prozent der eingelagerten Radioaktivität. Und was exakt in diesen Fässern steckt, weiß niemand. Die Karlsruher Atomforscher meldeten im Lauf der Jahre unterschiedliche Zahlen. Mal sollten 28108 Gramm Plutonium dabei sein, dann wurde die Menge auf aktuell 9579 Gramm „nachdeklariert“ und heruntergerechnet. Auch Gutachter beschäftigen sich heute mit diesen Mengenangaben. Sie halten die reduzierten Massen zwar für „vernünftig“ und „plausibel“ - aber eben nicht für gesichert. Neben dieser Hinterlassenschaft im Bergwerk Asse sammelte sich ein Konzentrat radioaktiver reststoffe seither auf dem Gelände des Forschungszentrums, die sogenannte Karlsruher Atomsuppe. Dabei sind 60.000 Liter Salpetersäure gemeint, die noch heute im Karlsruher Forschungszentrum auf dem Gelände der früheren Wiederaufarbeitungsanlage hinter dicken Betonmauern lagern.Die Atomsuppe enthält als Abfall aus früheren Wiederaufarbeitungsprozessen mindestens 16 Kilogramm Plutonium.


Die Verglasungsanlage

Bei der Verglasung wird der flüssige Atommüll in einem speziellen Schmelzofen bei ca. 1250°C mit Glasteilchen vermischt und verschmolzen. Diese heiße Mischung fließt dann in Edelstahlbehälter (“Kokillen”) und erstarrt dann jeweils zu einem gläsernen Block. Innerhalb von eineinhalb Jahren sollen so rund um die Uhr 130 Behälter gefüllt werden. Diese werden in CASTORen verpackt und außerhalb des Gebäudes gelagert, bis sie am Ende alle in einem großen Transport ins “Zwischen”lager Gorleben verbracht werden. Allerdings entstehen bei diesem Prozess auch heiße Gase, die durch Filter geleitet werden sollen. Problem: Kein Filter wirkt 100prozentig.


Folgen

Eine Verglasung mit ihren zahlreichen Handhabungsschritten birgt in verstärktem Maße die Gefahr schwerer Störfälle. Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn die hochaktive Flüssigkeit in irgendeiner Form in die Umwelt geraten oder gar durch eine Explosion weiträumig verteilt würde. Schon beim Normalbetrieb der Anlage steigt die radioaktive Belastung der Region durch entstehende Gase und Isotope, die nicht vollständig mit Filtern abgefangen werden können. Nach dem Betrieb der Anlage wird diese selbst wieder Atommüll, da die Anlagen- und Gebäudeteile verstrahlt werden. Das Problem wird nicht gelöst, sondern lediglich örtlich verschoben – nach Greifswald! Die Abrissvorhaben und damit verbundenen Maßnahmen werden fast vollständig aus den Forschungsmitteln des Bundes, d.h., aus Steuergeldern finanziert. Dies hat inzwischen sogar der Bundesrechnungshof angemahnt.


Aus Schaden nichts gelernt

Trotz der Probleme mit dem vorhandenen Atommüll wird auf dem Gelände des Forschungszentrums weiterhin fleißig Forschung mit Nuklearmaterial betrieben. Im Europäischen Institut für Transurane wird mit Plutonium hantiert, und mit einem Tritiumlabor wird das Milliarden-Euro- Grab Kernfusionsforschung (vor allen Dingen kostenmäßig) “vorangetrieben”.@

Quelle:
Martin Kalinowski, Wolfgang Liebert und Silke Aumann:
The German Plutonium
Balance,1966 - 1999

 

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