noch immer ist „Gorleben“ ein symbolischer Ort

Ein Signal, das lange wirkt

von Martin Nesemann

Am Tag nach der großen Demonstration bemühte Wolfgang Ehmke als Sprecher der BI gegenüber der Presse einen Vergleich aus der jahrzehntelangen Geschichte des Widerstands gegen Atomanlagen. „Als wir nach der Benennung von Gorleben zum Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum unsere erste große Demonstration veranstalteten, da kamen 15.000 Menschen. Und gestern waren wir auch wieder 15.000!“

Zu diesem Zeitpunkt setzte sich der Reparaturzug in Bewegung, der die Castorbahn durch die Göhrde erst wieder passierbar machen sollte, nachdem bei einer Aktion am Morgen ein Schaden am Gleis entstanden war; die Dynamik eines (ersten) großen Aktionstages war gerade erst dabei, sich zu entfalten. Die mediale Aufmerksamkeit richtete sich folgerichtig auf das aktuelle Geschehen. Deswegen blieb offen, wie der Hinweis auf diese Parallele wohl zu deuten wäre. Jetzt, mit ein wenig Abstand, könnte es hilfreich sein, diesem Vergleich nachzugehen.

Angenommen, beim Symposion in Berlin, das den Castor-Tagen vorangegangen war, sei verkündet worden, das Endlager-Projekt in Gorleben würde aufgegeben und die Schächte würden verfüllt. Dann hätte sich unter Umständen sagen lassen: so hat es also aufgehört, wie es angefangen hat, und mit solch freundlichwohlwollender Anmerkung hätte ein Kapitel als beendet zu den Akten gelegt worden können. Von diesem hypothetischen Fall war die Realität allerdings weit entfernt: nicht das Endlager in Gorleben sollte politisch begraben werden. Nein, der Bundesumweltminister äußerte in seiner Ansprache den Wunsch, all diejenigen endzulagern, die zu diesem Projekt eine ausgeprägte Haltung haben.

Befürworter wie Gegner hätte er nach eigenem Bekunden am liebsten unter der Erde gesehen, um endlich unangefochten das bewerkstelligen zu können, was er als vernünftige Politik ansieht. Und politische Vernunft in seinem Sinn erfordert nun einmal, dass alles und jedes für jeglichen Kuhhandel herhalten kann. Wer sich etwas anderes versprochen hatte, fuhr enttäuscht nach Hause. Im Salzstock unter der Elbe wird weiterhin alles offen gehalten für den Stoff, der niemandem wirklich nützt und allen schadet.

Ohnehin wäre damit nur der Deckel über der unseligen Geschichte eines Standortes zugeklappt; die großen Themen der Demonstration vom 8. November, dass nämlich kein Mensch weiß, was aus dem Atommüll jemals werden soll, und der Unwille darüber, dass trotzdem Tag für Tag mehr davon produziert wird, blieben selbst dann aktuell, wenn die Festlegung auf Gorleben als Standort zur Disposition stände. Von einem Schlusspunkt in der Auseinandersetzung könnte in solch einem Fall nur jemand reden, die oder der vor allem die Unversehrheit der eigenen Wohnumgebung im Auge hätte. Aber wer von denen, die sich nun seit Jahrzehnten mit all den Facetten dieses Problems intensiv befasst haben, würde so denken? Die Frage, wie der Verweis auf die Parallele zwischen den Gorleben-Ereignissen aus den Jahren 1977 und 2008 wohl zu verstehen wäre, ist ein rhetorischer Schlenker. Denn eigentlich ist die Antwort klar: beides mal ging es um ein Zeichen für Aufbruch, auch wenn sich die Umstände von damals und heute noch so sehr unterscheiden.

Damals: gab es eine große Mehrheit der Unentschiedenen, die über Atomkraft schlicht nichts wussten, und die offen waren für die Verheißungen der neuen Technologie. Aber es gab auch Tausende, die elektrifiziert waren von dem Gedanken, sich gegen die davon ausgehenden Gefahren zur Wehr zu setzen. Innerhalb von vier Wochen kam es im März 77 zu Demonstrationen bei Brokdorf mit 50.000 Menschen, bei Dannenberg (1.500), Gorleben (15.000) und Grohnde (20.000); und das ist nur ein winziger Ausschnitt aus unzähligen kleinen und großen anti-AKW-Aktionen zwischen 1971 und dem Jahr 1986, als mit Brokdorf das letzte AKW ans Netz ging.

  Gorleben 1977:
Nicolaus Born und Robert Jungk halten auf der Kundgebung ihre viel beachteten Reden; währenddessen greifen andere zu Säge, Hammer und Pinsel und legen auf der Fläche des abgebrannten Walds einen Spielplatz an.

Foto: Günter Zint

Zwischen Oberrhein und Unterweser war an praktisch jedem größeren Gewässer der Bau eines Atomkraftwerks zu verhindern. Dafür legten sich viele ins Zeug, die Mehrheit zu gewinnen: durch Informieren, Aufklären, Überzeugen. In dieser Auseinandersetzung spielten viele Argumente eine Rolle. Das Verdienst von „Gorleben“ war es, in dieser Debatte die Frage unausweichlich zu machen, was denn aus den nuklearen Hinterlassenschaften werden solle.

Auf die Gorleben-Demo vom März 77 folgten im Wendland: die Sammlung einer riesigen Geldsumme, um der DWK das Gelände vor der Nase wegzukaufen, Blockaden der Bohrfahrzeuge, der Treck nach Hannover, das Hüttendorf 1004, Brandanschläge, die ersten Castor-Blockaden. Bundesweit wurden ungezählte Gorleben-Freundeskreise gegründet, später in vielen Städten Botschaften der Freien Republik Wendland eröffnet. Das Signal war angekommen.

Heute: gibt es eine deutliche Mehrheit gegen den Betrieb von Atomkraftwerken. Das Unbehagen sitzt tief. Aber die meisten wissen noch immer viel zu wenig Konkretes über Atom, Energie, Klima. Das macht die Sache auf besondere Art schwierig. Wer heute informieren, aufklären, überzeugen möchte, stößt häufig an eine merkwürdige Mauer von Ignoranz. „Das ist doch alles nichts Neues!“ ist der allgemeine Reflex, wenn die Rede auf (Atom-)Energie kommt - und die meisten staunen in der Regel, was sie alles gar nicht wussten, wenn sie denn erst einmal zuhören. Dass sich an Fragen der Energienutzung bestimmt, in welcher Gesellschaft mensch lebt, dieses Bewusstsein ist weitgehend verloren gegangen.

Überhaupt ist es ungeheuer schwer, mit politischen Anliegen bis zur Wahrnehmung der Öffentlichkeit vorzudringen. Die Zahl der als wichtig angesehenen Themen ist groß, und nur von ganz wenigen geht ein Funke aus, der Menschen in nennenswerter Zahl anzustecken vermag. So gesehen stellt der Transport der elf Behälter aus La Hague nach Gorleben eine bemerkenswerte Ausnahme dar: zu der Demonstration und den anschließenden Aktionstagen kamen so viele Menschen, dass die Polizei zu einem Aufwand gezwungen war, der sich mit dem für den G8-Gipfel in Heiligendamm durchaus messen kann.

Von daher stimmt der Vergleich mit 1977: immer noch ist „Gorleben“ ein symbolischer Ort für eine Aufgabe, deren Wichtigkeit unbestreitbar ist. Aber die Aufgabe hat sich verändert. Es geht nicht darum, wie damals in einem hoch sensibilisierten und handlungsbereiten Umfeld bestimmte Gesichtspunkte stark zu machen. Heute prickelt nichts ringsum; der Wille, gesellschaftlich etwas zu verändern, ist nicht allgegenwärtig, um es milde auszudrücken.

Anders als 77 geht es heutzutage darum, ein Thema mühsam wieder freizulegen, nachdem das große Einwickeln durch die Konsensbemühungen so erfolgreich vonstatten gegangen war. Erst die dreisten Versuche der Atomlobby, den Klimadiskurs für ihre Interessen zu nutzen, haben in Erinnerung gerufen, dass die Frage danach, wie lange die Gesellschaft die Risiken dieser Technologie eigentlich noch zu tragen bereit ist, durchaus nicht vom Tisch ist. Heute ist zu einer konkreten Gefahr geworden, was es seinerzeit als Risiko zu verhindern galt. Von dem Optimismus, wie er damals weit verbreitet war, von der rosigen Sicht auf eine bessere Welt, die es für die nahe Zukunft zu erkämpfen galt, ist soziale Bewegung im Jahr 2008 weit entfernt.


„Die Steine selbst so schwer sie sind ...“

Wie im Lied von des Müllers Lust hat sich der Müll mit dem Wasser auf Wanderschaft gemacht; was aus den Augen, aus dem Sinn war, das bringt die Asse wieder an den Tag. Wenn wir heute über Atommüll reden, dann sprechen wir nicht mehr nur über mögliche Wegsamkeiten, sondern auch über tatsächlich bereits mobilisierte giftige und strahlende Stoffe. Nachdem die Betreiber diese Realität über zwei Jahrzehnte vertuscht hatten, ist es durch die beharrliche Arbeit der Asse-Koordination gelungen, mit diesen Heimlichkeiten Schluss zu machen. Und indem der Blick auf das Müll-Desaster frei gemacht wird, steigt in erfreulichem Maß auch wieder die Aufmerksamkeit für all die anderen Probleme, die die Nutzung der durch die Spaltung von Uranatomen freigesetzten Energie mit sich bringt.

Die Argumente, die von den unermüdlich Aktiven immer wieder vorgetragen wurden, waren ja nicht außer Kraft; nun werden sie - bildlich gesprochen - mit nach oben gespült und finden endlich wieder Gehör. Wenn heutzutage fünfzehntausend Menschen für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen auf die Straße gehen, dann ist das ein Erfolg, der von der BI Lüchow-Dannenberg zu Recht gefeiert wird. Denn immerhin zeigt sich hier, dass sich selbst die einlullende Wirkung von acht Jahren rot-grünem Konsens durchbrechen lässt.


Impulse?

Was folgt diesmal darauf? Wie entwickelt sich ein Ereignis wie eine Demo zu einem Zeichen für einen Aufbruch? Wir sind gespannt.

Gorleben 2008:
ein Demotag kann auch 2008 für Kinder eine ermüdende Angelegenheit sein. Die meisten von ihnen dürften aber spätestens mit dem Auftritt von Madsen auf ihre Kosten gekommen sein.

Foto: aaa-West
 

Noch ist die Gründung von Wendland-Freundeskreisen in den Städten kein Massenphänomen. Vielleicht warten die von den Aktionstagen Zurückgekehrten ja erst einmal die aaa- Dokumenation ab (die im Februar erscheinen wird), um dann die Menschen aus ihrem Bekanntenkreis zu einer doku-release-party einzuladen? Oder zu einem Erzählabend, an dem sie all das Erlebte mal loswerden? Oder zum Bilder gucken? Oder um sich mit welchen, die am anderen Ende der Blockade tätig waren, über deren Sichtweise auszutauschen? Oder um Details von dieser oder jener Technik weiterzuentwickeln? Oder um Perspektiven energischer Diskurs-Intervention zu diskutieren? Oderoderoder ... Was immer sich die Freundinnen und Freunde einer Freien Republik einfallen lassen, damit aus diesem langen Wochenende im November 08 ein Signal wird, das lange und weit hinaus wirkt: sie sollten es nicht für sich behalten!

Neben diesen Impulsen für eine Arbeit am eigenen Ort gibt es natürlich auch im kommenden Jahr gute Möglichkeiten, mit antiAtom- Engagierten überregional zusammen zu kommen. Auf zwei wird in den neben stehenden Artikeln hingewiesen: am 4. Februar wird das Atom-Forum in Berlin umzingelt. Eine Lichterkette verbindet am 26. Februar die Stadt Braunschweig mit den Atommüll-Standorten Asse II und Schacht Konrad. Dann arbeiten einige Aktive an dem Vorhaben, im Frühjahr eine Konferenz auf die Beine zu stellen. Dazu steht in diesem Heft noch nichts, denn es gibt leider bisher noch nichts Konkreteres als die erklärte Absicht.

Ähnlich ist es um zwei weitere Projekte bestellt: im Wendland brütet eine ganze Reihe Bäuerinnen und Bauern über der Idee, ihre Traktoren klar zu machen und wieder einen Treck zu starten. Und dann beginnt in Kreisen des Klima-Camps gerade eine Diskussion darüber, welcher Ort geeigneter sein könnte, um den Zusammenhang von Klima, Energie und globaler Entwicklung zum Thema zu machen: Gorleben - oder der andere Desasterfleck Morsleben?@

 

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