Immer neue Störfälle verunsichern die Bürger

115 „kleine Unregelmäßigkeiten“
jedes Jahr in der französischen Atomindustrie.

 

Ungewöhnliche Debatte in Frankreich: Das Land bezieht 80 Prozent seiner elektrischen Energie aus AKW. Die Zustimmung zu dieser Form von Energiegewinnung in der Bevölkerung ist hoch. Doch nun stellen immer mehr Menschen, die im Umfeld der 57 Atomblöcke in den 19 Standorten leben, die Atomkraft infrage. Störfälle, besonders in dem größten AKW Tricastin in der südlichen Vaucluse, verunsichern die FranzösInnen und bringen die Nuklearindustrie, die wegen ihrer mangelnden Transparenz bei Atomgegnern ohnehin umstritten ist, in Erklärungsnot.

    Tricastin

Eine Tochter des mächtigen Atomkonzerns Areva, die Betreiberfirma Socatri, die auf dem Gelände von Tricastin (vier Reaktoren) arbeitet, kommt immer wieder ins Gerede.:


74 Kilo Uran gelangen in Flüsse

Am 7. Juli waren aus der Anlage 74 Kilo flüssiges Uran ausgetreten und in zwei benachbarte Flüsse gelangt.


Radioaktiver Staub bedroht MitarbeiterInnen

Am 25. Juli mußte Tricastin abermals eine Panne melden: Radioaktiver Staub bedrohte 100 Mitarbeiter. Die Chefin der unabhängigen Atomwissenschaftler-Organisation (GSIEN), Monique Sene, kritisierte: „Bei keinem anderen Unfall waren bisher so viele Menschen betroffen!“


Radioaktive Gase treten aus

Am 6.8.08 trat auf dem Gelände der Anlage bei der Entsorgung von radioaktivem Müll das Isotop Kohlenstoff-14 aus. Schon Anfang Juli stellte die Betreiberfirma Socatri Informationen zufolge eine Grenzwerüberschreitung fest. Die Atomaufsichtsbehörde ASN (Autorité de sûreté nucléaire) stufte den Vorfall auf der Gefahrenskala von 0 bis 8 bei 1 ein. Der Unfall wurde erneut viel zu spät öffentlich gemacht. AtomgegnerInnen fordern nun die sofortige Schließung des Werks.

Die wiederholte Panne veranlasste die ASN dazu, den Betrieb der Anlage für das laufende Jahr zu verbieten. Areva, der betreibende Atomkonzern, führt den Austritt des radioaktiven Gases auf die Lieferung von medizinischem Abfall zurück Auslöser für den Vorfall sei die falsche Beschriftung eines Behälters gewesen. Die Verantwortung müsse dabei allerdings das Subunternehmen Socarti übernehmen, dass im Auftrag von Areva auf dem Werksgelände in Tricastin für die Dekontaminierung von Atommüll und die Verarbeitung von Uran durch die Wiederaufbereitungsanlage Eurodif zuständig ist.

Auf die Forderung des französischen Anti-Atom Netzwerkes Sortir du nucléaire, das AKW Tricastin mit sofortiger und endgültiger Wirkung zu schließen, argumentiert Areva, der jetzige Unfall habe nichts mit der Atomanlage selbst zu tun. Dennoch hat der durch Negativschlagzeilen an Bekanntheitsgrad gewonnene Konzern keine Erklärung vorzuweisen, weshalb der Vorfall erneut erst mit mehrwöchiger Verspätung gemeldet und damit öffentlich gemacht wurde. Auch die anderen Vorfälle, waren erst mit erheblicher Verspätung gemeldet worden.

Die Bevölkerung zeigt sich in zunehmendem Maße verunsichert, vor allem durch weiter schwankende Messungen des Urangehalts im Grundwasser.

Die Angst vor verseuchtem Grundwasser und Nahrungsmitteln wächst. Regionale Winzer sehen sich mittlerweile gezwungen, neue Herkunftbezeichnungen für ihren Wein einzuführen, da der Name Tricastin zunehmend mit Krebsgefahr sowie Verstrahlung assoziert werde.

Die Anti-Atom-Gruppe „Sortir du nucleaire“ wirft dem Areva-Konzern und der Behörde ASN „Verharmlosung“ der Störfälle vor. Seit Jahren kritisiert der Verband, dass es an zuverlässigen Informationen und an Transparenz fehle. Die Atomaufsicht ASN hatte die Unfälle auf ihrer Gefährlicheitsskala von 0 bis 7 auf der niedrigsten Stufe 0 eingeordnet. Die Regierung in Paris schickte Umweltminister Jean-Louis Borloo an die Front. „Nichts ist schlechter als ein System, das nicht informiert!“ räumte er öffentlich ein. Er veranlasste, dass im Umfeld aller 57 AKW nach Uranspuren im Grundwasser und in Flüssen bis zum Jahresende geforscht werde.

Kritik ruft auch die Frage der Endlagerung hervor. Allein 1800 Kubikmeter Atommüll lagern derzeit in Stollen der Wiederaufbereitungsanlage La Hague am Ärmelkanal. Für das Jahr 2025 ist in Bure (Champagne-Ardennen) ein 500 Meter tiefes Bergwerk als angeblich sicherste Stätte gefunden.


Brennstäbe verkeilen sich

Am 8.9.08 mußte der Stromkonzern Eléctricité de France (EDF) einen dortigen Reaktor den zweiten Tag in Folge abgeschaltet lassen, nachdem sich beim Austausch von Brennstäben zwei verbrauchte Brennstoffelemente verkanntet haben und sich nicht entfernen lassen.

Das Reaktorgebäude sei vorsorglich geräumt worden, teilte die französische Atomaufsicht ASN mit. Es sei keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt, und die Mitarbeiter seien nicht verstrahlt worden. Das staatliche Institut für Strahlenschutz IRSN schloss dagegen nicht aus, dass Strahlung in die Umwelt gelangen könnte, allerdings nur in sehr geringen Mengen.

Das Unternehmen EDF hat der französichen Atomaufsicht vorgeschlagen, den Vorfall auf Stufe eins der Störfallskala von null bis sieben einzuordnen. Mitarbeiter suchten am Dienstag weiter „nach der besten Strategie“, um die Brennstäbebelälter im Reaktorbottich zu bergen. „Wir wissen nicht, wieviel Zeit das in Anspruch nehmen wird.“

Ein ähnlicher Zwischenfall hatte sich bereits 1999 in der Atomanlage von Nogent-sur-Seine im Osten von Paris ereignet. Die Arbeiten zum Herauslösen der feststeckenden Brennstoffelemente hatten 20 Tage gedauert.

Laut ISRN wurden die Brennelementebehälter vor der Panne zu zwei Dritteln aus dem Reaktorkern gezogen. Jetzt bestehe theoretisch die Gefahr, dass sich die Behälter lösten und nach unten auf den Reaktorkern fielen. Dabei könne die Freisetzung von strahlendem Material in das umgebende Wasser und darüber in die Atmosphäre des Reaktorgebäudes drohen.

    Brennstäbe-Fabrik in Romans-sur-Isère

Am 17.7. sind in der Atomanlage in der Nähe von Grenoble knapp 800 Gramm uranhaltige Flüssigkeit ausgetreten. Die Betreiberfirma Areva hat die defekte Pipeline mittlerweile gesperrt. Die undichte Stelle befinde sich an einem unterirdischen Rohr, das Uranhaltige Flüssigkeit transportiere, teilte Areva mit. Der Riss an der Leitung sei vermutlich bei Arbeiten im Jahr 2006 entstanden, teilte die ASN unter Berufung auf das Unternehmen mit.

Umweltminister Jean-Louis Borloo zeigte sich bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen. Eine Überreaktion sei unangebracht. Schließlich gebe es jedes Jahr 115 „kleine Unregelmäßigkeiten“ in der französischen Atomindustrie.@

 

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