Türkei : Der Bau des ersten AKW stößt auf erhebliche Schwierigkeiten.
An der Südküste soll der erste türkische Reaktor entstehen, nahe einer Bruchzone in der Erdkruste. Zwei weitere sind geplant. Umweltschützer und Experten warnen, die Bevölkerung geht auf die Straße. Für die Investoren ist der Bau zu teuer und zu riskant. Seit mehr als 50 Jahren plant die Türkei den Einstieg in die Atomenergie. Im März 2008 schrieb die Regierung in Ankara den Bau des ersten Atommeilers aus. A 24. September lief die Ausschreibung ab. Dann sollte der Auftrag vergeben werden. Das Interesse schien zunächst groß: Konzerne aus Kanada, den USA, Japan, Frankreich, Belgien, Russland, China und Südkorea traten, teils gemeinsam mit türkischen Partnern, in mehreren Konsortien an. Für die Atom-Branche schien die türkische Ausschreibung wichtig - nicht nur weil die Regierung in Ankara in den kommenden Jahren zwei weitere AKW bauen will und damit Anschlussaufträge locken. Aus Sicht der Industrie sollte der Atom-Einstieg der Türkei auch einen wichtigen Schritt zur weltweiten Renaissance der Atomenergie markieren. Doch inzwischen haben sowohl die weltweite Finanzkrise als auch ungünstige Rahmenbedingungen zu einer starken Verzögerung der Auftragsvergabe für das erste AKW geführt. Offensichtlich wird der Bau doch als zu teuer und zu riskant eingeschätzt. Strombedarf steigt jährlich „Die Kernenergie ist keine Option, sie ist eine Notwendigkeit für unser Land“, sagt der türkische Energieminister Hilmi Güler und verweist auf den wachsenden Energiehunger Anatoliens: Jährlich steigt der Strombedarf um sieben bis acht Prozent. In den kommenden zwölf Jahren will die Regierung deshalb rund 85 Milliarden Euro in den Energiesektor investieren. Das erste, jetzt zur Vergabe anstehende Kraftwerk soll bei Akkuyu an der türkischen Südküste gebaut werden. Der Standort liegt in einer Wachstumsregion, hat aber einen großen Nachteil: in nur 25 Kilometer Entfernung verläuft der Ecemis- Graben, eine Bruchzone in der Erdkruste. Neue Untersuchungen zeigen, dass er aktiv ist und ein Erdbeben der Stärke von 6,5 oder höher auf der Richterskala auslösen könnte. Der kanadische Seismologe Karl Buckthought warnt, dass bei einer 40-jährigen Betriebszeit des Akkuyu-Reaktors die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebenschadens bei 50 % liege. Ein weiterer Brennpunkt der Anti-Atom-Proteste ist Sinop an der türkischen Schwarzmeerküste, wo das zweite Akw gebaut werden soll. Tausende Bewohner demonstrierten hier bereits gegen das Vorhaben. In diesem Teil der Türkei hat die Kernenergie besonders wenig Freunde. Denn viele Menschen erinnern sich an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Vor 22 Jahren zogen radioaktive Wolken über das Schwarze Meer zur türkischen Küste. Felder, Tee- und Haselnussplantagen wurden verstrahlt. Immer noch sind die Kliniken Sinops überfüllt mit Krebspatienten. Die Forderungen der Bevölkerung nach einer Untersuchung der Tschernobyl-Folgen ignorieren die Politiker - so wie sie 1986 die Katastrophe verharmlosten: etwas Strahlung sei gar nicht so schlimm, behauptete damals ein Minister, trank in Sinop demonstrativ Tee und naschte Nüsse. Vor diesem Hintergrund finden die Beteuerungen der Politiker, Atomkraft sei eine sichere Sache, bei den Menschen in Sinop wenig Glauben. Hat die Türkei die Kompetenzen? Es gibt auch Zweifel, ob die Türkei überhaupt die technologische Kompetenz und die administrativen Voraussetzungen für den Bau und Betrieb von AKW hat. Der bekannte türkische Energie-Analyst Haluk Direskeneli sagt: „Wir haben nicht einmal die Kompetenz, moderne Wärmekraftwerke zu betreiben.“ Mit dem Einstieg in die Atomenergie begebe sich das Land in neue Abhängigkeiten von ausländischen Betreibern. Dabei propagiert die Regierung die AKW gerade mit dem Argument, die Türkei müsse bei der Energieversorgung unabhängiger vom Ausland werden. Zurzeit importieren die Türken 90 Prozent ihrer Energie. Größte Lieferanten sind Russland und der Iran, einer der wichtigsten Energiekorridore der Türkei ist Georgien. Die Kaukasuskrise habe eindringlich gezeigt, wie gefährlich diese Abhängigkeiten seien, argumentieren Kernkraft-Befürworter. Necdet Pamir, Energie-Experte und Dozent an der Bilkent Universität in Ankara, macht eine andere Rechnung auf: allein mit einer Modernisierung der Verteilungsnetze und einem optimierten Einsatz elektrischer Energie ließen sich 25 Prozent des Stromverbrauchs einsparen - dreimal so viel wie das erste AKW produzieren soll. Der Sprecher des Berufsverbandes der Elektroingenieure, Necati Ipek, rechnete erst kürzlich vor, dass die Türkei ein Windenergiepotenzial von 48.000 Megawatt hat, wovon erst 250 Megawatt genutzt würden. Dazu kommen bislang kaum genutzte Sonnenenergie und der mögliche Ausbau von Wasserkraftwerken. Erhebliche Verzögerung bei der Auftragserteilung Schon vor der Entgegennahme der Angebote hatten fünf Bieterkonsortien die Regierung gebeten, das Ende der Ausschreibungsfrist um mindestens sechs Monate zu verschieben. Angesichts der Turbulenzen im Bankensektor hatten die Firmen Schwierigkeiten, die Kreditkosten für den auf fünf bis sechs Milliarden Dollar geschätzten Bau des AKW abzuschätzen. Aber die Regierung blieb stur. Als am 24. September die Vorsitzenden der Atomenergiebehörde die Umschläge der Bewerber für den Bau eines AKW öffneten, machten sie lange Gesichter. „Thank you, but we are no more interested“, stand in fünf von sechs eingegangenen Umschlägen. Lediglich eine russische Staatsfirma reichte einen konkreten Kostenvoranschlag ein. Damit waren nach einem monatelangen Bieterverfahren von ursprünglich weltweit zwölf Industriekonsortien, unter ihnen auch die deutsche RWE, lediglich die Russen übrig geblieben. Viele ausländische Investoren hatten sich offenbar daran gestört, dass der Staat ihnen für den 10 Milliarden teuren Bau nur für 15 Jahre garantiert Strom abnehmen wollte, es müssten eigentlich 30 Jahre sein, damit die Investition sich lohnt, hieß es - besonders seit die weltweite Finanzkrise alle Kredite zusätzlich verteuert. Dass die Regierung trotz der Erdbebengefahr an Akkuyu festhalten will, ist ebenfalls schwer vermittelbar. Der Bauplatz war bereits Anfang der 1990er-Jahre ausgesucht und evaluiert worden, mit dem Erdbeben von 1999 hatte sich der Bau dann aber bereits einmal erledigt. Akkuyu als Bauplatz aufzugeben erschien der Regierung aber zu zeitaufwendig. Bis für einen anderen Platz - vorgesehen ist ein Standort in Sinop am Schwarzen Meer - alle Voraussetzungen für einen Baubeginn geschaffen sind, werden noch Jahre vergehen. Atommachts-Ambitionen Für die überhastete Ausschreibung waren vermutlich außenpolitische Gründe ausschlaggebend. Nicht nur die Regierung, auch der im August in Pension gegangene Generalstabschefs Yasar Büyükanit hat sich für die Atomenergie stark gemacht. Das Militär hat Angst, nach dem möglichen Bau einer Atombombe im Iran in der Region militärisch nur noch zweitrangig zu sein. Cengiz Candar, ein angesehener Außenpolitik-Experte, erklärte schon vor einem Jahr, die Türkei werde sich im Falle eines atomar bewaffneten Iran nicht mehr auf den Schutz des Westens verlassen, sondern selbst aktiv werden. Nuri Ersoy von der Bosporus-Universität weist darauf hin, dass die Türkei nicht nur den Bau eines AKW plant, sondern den gesamten Urankreislauf zur Herstellung von Brennstäben realisieren will. Ginge es nur um Energie, hätte die Türkei in der Tat weit bessere Möglichkeiten.@ | |||||
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