Argentinien-Flüchtling -Munitions- und Kampfstoffexperte für die IG Farben;- Walther Schnurr war jahrelang Chef des Kernforschungszentrums Karlsruhe

Altnazis schoben BRD-Atomprogramm mit an

von Reimar Paul

Das Kernforschungszentrum Karlsruhe war der Hauptlieferant von radioaktivem Müll ins Pannen-Endlager Asse. Bis zu 90 Prozent der dort vergrabenen Abfälle stammen nach unterschiedlichen Angaben aus dem Forschungszentrum, der größte Teil aus einer Versuchswiederaufarbeitungsanlage. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe wurde 1956 gegründet. Ein Jahr zuvor hatte die Bundesrepublik Deutschland ihre volle Souveränität erhalten – und damit das Recht, Atomkraft zu »friedlichen« Zwecken zu entwickeln und zu nutzen.

In Karlsruhe wurden und werden zahlreiche kerntechnische Anlagen betrieben. Neben der erwähnten Wiederaufarbeitungsanlage waren dies mehrere Leichtwasser-Forschungsreaktoren (FR 1 und FR 2), ein Schneller Brüter (KNK) sowie eine Verglasungsanlage für Atommüll. Im Forschungszentrum ereigneten sich etliche schwere Unfälle.

Träger und Geldgeber sind der Bund (90 Prozent) und das Land Baden-Württemberg (zehn Prozent). Seit den 1980er Jahren weitete das Zentrum seine wissenschaftliche Arbeit auf andere Bereiche aus, 1995 wurde es in Forschungszentrum Karlsruhe umbenannt. Es zählt nach eigenen Angaben heute zu den größten natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Europa, hat mehr als 3800 Beschäftigte und ein Jahresbudget von über 300 Millionen Euro. Das Forschungszentrum Karlsruhe gehört zur Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Zu diesem Verbund zählte auch der bisherige Betreiber des Atommülllagers Asse, das Helmholtz- Zentrum München.

Erster Geschäftsführer des Kernforschungszentrums Karlsruhe war der Deutsch-Argentinier Walther Schnurr. Während der Nazidiktatur arbeitete er als Munitions- und Kampfstoffexperte für die IG Farben; nach Ende des Zweiten Weltkrieges flüchtete er nach Argentinien. Von dort holte ihn Atomminister Franz-Josef Strauß (CSU) zehn Jahre später zurück. »Er war eine Kombination von Experte und Manager«, rechtfertigte Strauß damals gegenüber der BBC seine Wahl.

Doch die Berufung von Schnurr hatte System. Fast zeitgleich zum Kernforschungszentrum konstituierte sich 1956 unter dem Vorsitz von Strauß die Deutsche Atomkommission, die später in das Deutsche Atomforum überging und die bei weitem einflußreichste Pro- Atom-Lobbyorganisation ist. Zu den Gründungsmitgliedern zählten etliche Männer, die bereits während der Nazidiktatur hohe Ämter bekleidet hatten. Unter anderem waren dies:

Hermann Abs (Deutsche Bank, vorher Wehrwirtschaftsführer) Hans Boden (AEG, vorher Beauftragter für Wirtschaftsfragen in Ungarn) Hermann Reusch (Gutehoffnungshütte, vorher Generalbevollmächtigter für Wirtschaftsfragen im besetzten Jugoslawien) Karl Winnacker (Höchst, vorher im Vorstand der IG Farben) Otto von Bismarck (vorher Gesandter Nazi-Deutschlands in Rom) Heinrich Röhrs (Howaldtswerke, vorher ranghohes SS-Mitglied).

Der stellvertretende Vorsitzende Winnacker beschrieb die konstituierende Sitzung später so: »Jedes Mitglied verpflichtete sich durch Handschlag, in einem Gentleman’s-Agreement, über alle Verhandlungsgegenstände Stillschweigen zu bewahren. So war bei allen Entscheidungen hinreichende Diskretion sicher.«

Zu den diskreten Plänen der Atomkommission gehörte ganz offensichtlich von Beginn an auch, unter dem Deckmantel der »zivilen« Atomkraft deren militärische Entwicklung voranzutreiben. Dieser Ansicht ist auch der Bielefelder Professor für Technikgeschichte, Joachim Radkau. Er vertritt in seinem Buch »Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945 bis 1975« die These, daß ein entscheidender Grund für den Bau der Karlsruher Wiederaufarbeitungsanlage die militärische Option war. Die Anlage erlaubte die Heraustrennung des Bombenspaltstoffs Plutonium.

aus junge welt vom 23.10.08

 
 
 


Franz Josef Strauß,
Bundesminister für Atomfragen,
unterzeichnet die Gründungsurkunde
der Kernreaktor Bau- und
Betriebsgesellschaft mbH,



Geschäftsführer-Trio:
Rudolf Greifeld,
Walther Schnurr und
Josef Brandl / VA (v.l.)



Nobelpreisträger Werner Heisenberg
besucht das Kernforschungszentrum



Geschäftsführer Dr. Walther Schnurr
beim Reaktorstart


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