* Was hältst Du von den Bemühungen der Bundesregierung, den Ausstoß der Klimagase bis 2020 um 40% gegenüber 1990 zu reduzieren? Paula Puvogel: Die halte ich für unzureichende Antworten auf eine falsch gestellte Frage. Wer verhindern will, dass sich die Veränderung des Klimas für ein Großteil der Menschheit zu Katastrophen ungeheuren Ausmaßes entwickelt, darf das Problem nicht zu einer Kohlendioxid- Angelegenheit kleinreden. * Worin siehst Du die hauptsächliche Herausforderung des Klimawandels? Paula: Für mich als radikale Linke ist die hauptsächliche Herausforderung immer die der globalen Gerechtigkeit, der Chance auf ein menschenwürdiges Leben für alle! Aber hier willst Du ja was hören zur Energieversorgung. Und da muss ich sagen: Klima retten mit Atom geht nicht. Wer den Energiebedarf der BRD mit Atomstrom decken wollte, müsste 70 Reaktoren bauen - um sich dann zu fragen, woher das Uran dafür kommen soll. Zudem ist der Umgang mit Spaltmaterial vom Uranabbau bis zur vorläufigen Endstation im Castorlager eine hoch energieaufwändige Angelegenheit; die Kilowattstunde Strom aus einem Blockheizkraftwerk auf Gasbasis hat weniger CO2 auf dem Buckel als eine aus einem AKW. Großkraftwerke mögen gut sein für die Bilanz der Konzerne, die Entwicklung hin zu bedarfsgerechter und verbrauchsmindernder Energieversorgung ist nur durch dezentrale Versorgungsstrukturen zu erreichen. Für den jetzt anstehenden Umbau der installierten Kraftwerksleistung sind AKWs einfach keine Option. Und selbst wenn das plötzlich viele für eine gute Idee halten würden: die Asse zum Beispiel würde nicht aufhören abzusaufen. Von Leukämie betroffene Kleinkinder und ihre Angehörigen dürfte der Hinweis auf die globale Erderwärmung vermutlich kaum trösten; die sozialen Auswirkungen des Uranabbaus wären ebenso wenig verschwunden wie das elende Krepieren in den Minen durch Gift und Strahlen. Immer wieder gibt es den Wink mit dem Zaunpfahl, Deutschland sei als heimliche Atommacht durchaus in der Lage, seinen Platz unter den Superreichen dieser Erde militärisch zu sichern. Gegenüber solchen Plänen gibt es nur ein klares Nein! * Gibt es hierbei denn keine Widersprüche zu anderen politischen Fragen - etwa zwischen den Forderungen nach Wohlstand für alle und ökologischen Notwendigkeiten? Paula: Das sind keine anderen Fragen, sondern verschiedene Gesichter des selben Zusammenhangs. Die Leute von der Frankfurter Schule sprechen von "gesellschaftlichen Naturverhältnissen", eine Betrachtungsweise, die ich sehr hilfreich finde. Jede Nutzung von Energieträgern begründet soziales Verhältnis, und das ist immer voller Widersprüche. Die Parole "Wohlstand für alle", mit der Werbung gemacht wird für das atomar-fossile System des Kapitalismus, ist ein Versprechen, das nicht eingelöst wird und auch nicht einzulösen ist. Zu fordern ist ein gutes Leben für alle - was das ist, muss ausgehandelt werden. Ein Leben in den Verhältnissen, die aus dem Zwang zur Kapitalverwertung resultieren, ist es jedenfalls nicht. * Welche Forderungen lassen sich daraus für eine Klimabewegung ableiten? Paula: Eine der Gründungsideen für die Freie Republik Wendland war, dass "wir keine anderen Herren brauchen, sondern keine!" In der aktuellen Situation ergibt sich für uns eine deutliche Parallele: wir brauchen keinen grünen Kapitalismus, sondern keinen! Wenn ich gezwungen bin, eine Katastrophe abzuwenden, ist es doch vollkommen blöd, bei der Suche nach Auswegen ausgerechnet auf die Methoden des Systems zurückzugreifen, das die Katastrophe in Gang gesetzt hat. * Welchen Impuls erwartest Du für eine Klimabewegung vom Klimacamp im August in Hamburg? Paula: Für viele Menschen wird es ein Anstoß dazu sein, Energie als politisches Thema zu begreifen; bei anderen ruft es hoffentlich die Erinnerung daran wach, dass es viele Jahre gab, wo das einfach klar war. Bei der Atomgeschichte geht es eben nicht um ein paar Strahlen, da geht es grundsätzlich um die Frage, wie wir leben wollen. Auf dem Camp können wir wunderbar den politischen Streit darum führen; wir können offen reden oder tuscheln, ausprobieren, wie wir miteinander agieren. Damit schaffen wir uns die besten Voraussetzungen dafür, dass im Herbst, wenn der Castor kommt, richtig viele zeigen: Energiepolitik wird hier gemacht - mit hier meine ich nicht nur das Wendland, sondern die gesamte Strecke von La Hague bis Gorleben. Donīt nuke the climate! *Paula Puvogel:* seit es die Freie Republik Wendland gibt, kann sie wegen der besonderen Umstände ihrer Existenz ungeniert das aussprechen, was andere lieber nur denken. Aber sie muss ja nicht immer nur was Verbotenes sagen. | |||||
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