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Abschalten aller Atomanlagen
anti-atom-bs (at) web.de Wir vom antiAtom-Plenum Braunschweig sind das, was der Stern diese Woche in seinem Artikel über die Asse „ideologische Atomkraftgegner“ genannt hat. Ja, das sind wir und zwar aus voller Überzeugung! Ich möchte Euch hier erklären, warum es uns um mehr geht als um die persönliche Betroffenheit: Einige der hier Anwesenden werden sich vielleicht noch an die Anfänge erinnern: vor 41 Jahren rollte das erste Atommüllfass in die Asse und das alte Bergwerk wurde zum Atommüllager. „Nur versuchsweise!“ beruhigten damals die Politiker die hiesige Bevölkerung. Besorgte Anwohner wurden verhöhnt, kritischen Wissenschaftlern wurde die Karriere versaut und Deutschlands erstes Atommülllager in Betrieb genommen. Dass es sich hier tatsächlich um eine „versuchsweise“ Lagerung handelt, klang von Anfang an unglaubwürdig. Einen Versuch kann man jederzeit abbrechen, aber die Fässer, die dem Versuch dienen sollten, wurden schon bald nicht mehr ordentlich gestapelt, sondern nur lose abgekippt und damit eine mögliche Rückholung erschwert. Dass der GAU – der größte anzunehmende Unfall – nämlich das Absaufen des Schachtes - irgendwann eintreten würde, haben die damaligen Betreiber und das zuständige Bergamt von Anfang an gewusst. Und in Kauf genommen. Das belegen Akten aus den 60er Jahren. Mitte der 70er Jahre zeichnet sich ab, dass bald ein Atomgesetz in Kraft treten wird. Zur gleichen Zeit warnen unabhängige Wissenschaftler schon vor einer Verformung des Bergwerks und fordern eine feste Verfüllung. Statt über eine Bergung der damals noch 80.000 Fässer nachzudenken, werden innerhalb von 2 Jahren noch schnell 50.000 oben drauf gekippt. Damit war der gesamte in der Bundesrepublik angefallene Atommüll in der Asse vergraben. Das Atomgesetz von 1978 schiebt der Verklappung unter Tage einen Riegel vor. Erst 14 Jahre später wird die mangelhafte Standsicherheit auch von den Betreibern als Problem erkannt. So wird 1995 begonnen, Salz aus Ronnenberg in die Hohlräume unter Tage zu blasen. Als optimale Lösung wurde das von der GSF damals angepriesen und konnte die Bewegung des Bergwerks doch nicht stoppen. Seitdem hat sich die Südwest-Flanke der Asse um weitere 3,5 Meter verformt. Seit 1988 ist offiziell bekannt, dass täglich 12 Kubikmeter Lauge in das Bergwerk fließen. Die Lauge wurde - zumindest teilweise – abgepumpt, um nicht mit den Atommüllfässern in Berührung zu geraten. Heute will die GSF – jetzt heißt sie Helmholtz-Institut - das Bergwerk samt Atommüll fluten, um dem Zersetzen des Salzgesteins durch die Wasserzuflüsse entgegenzuwirken. Statt den Atommüll aus dem immer nasser werdenden Salz zu bergen, wird zusätzlich Flüssigkeit eingeleitet. Das klingt absurd und damit wird bewusst in Kauf genommen, dass sich der Atommüll in der Salzlauge auflöst, Radioaktivität freigesetzt wird und im schlimmsten Fall das Grund- und später unser Trinkwasser kontaminiert. Vor 4 Wochen wurde schließlich bekannt, dass dies schon beginnt. Die seit den 80er Jahren zulaufende Lauge wurde gar nicht komplett aufgefangen und aus dem Bergwerk gepumpt. Sie wurde teilweise im Bergwerk „versumpft“ und ist aus noch unbekannter Quelle hochgradig mit Cäsium 137 kontaminiert. Strontium und Plutonium sind auch mit im Spiel, woher es kommt, weiß der Betreiber nicht. Wer davon wielange wusste, wird zur Zeit geklärt. So gehen Betreiber und Aufsichtsbehörden in der Asse mit Atommüll um! Denen muss man doch das Handwerk legen, wird so manche hier unter uns schon gedacht haben? Natürlich sind die Vorkommnisse in der Asse mehr als besorgniserregend. Aber uns geht es nicht in erster Linie darum, aufzuklären, wer in der Schachtanlage was zugelassen hat und wer die politische Verantwortung dafür trägt. Die Ereignisse, die sich hier direkt unter unseren Füßen abspielen, müssen viel mehr bewirken als einen Referatsleiter zu versetzen, Zuständigkeiten zu verändern, Ausschüsse und Kommissionen einzusetzen oder politisch ein paar Bauernopfer zu bringen. Denn die Asse war in zweifacher Hinsicht Versuchskaninchen für Endlagerkonzepte der Atomindustrie und zwar weltweit! Erstens: galt sie in den späten 60er Jahren auch international als erstes unterirdisches Atommüllager als Vorzeigeprojekt. Niemand hatte vorher gewagt, Atommüll unter der Erde zu vergraben! Zweitens: Galt und gilt die Asse immer noch als „Forschungsbergwerk“ für die Endlagerung von Atommüll in Salz. Die Parallelen zu Gorleben hat meine Vorrednerin ja aufgezeigt. Doch es gibt noch einen dritten Salzstock in Deutschland: keine 40 km von hier entfernt liegen nochmal knapp 37.000 Kubikmeter schwachund mittelaktiver Atommüll in Salz. Auch dort ist das Deckgebirge porös. Auch das war den damaligen Betreiber vor der ersten Einlagerung bekannt. Auch dort es gibt es mindestens 5 Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge. Trauriges Highlight der letzten Jahre: 2001 lösten sich mehrere Tonnen Salzgestein und stürzten in das Grubengebäude. Morsleben ist so instabil, dass es im Rahmen bergbaulicher Gefahrenabwehr notverfüllt werden muss, ohne das atomrechtliche Schließungsverfahren abwarten zu können. Doch wer redet schon darüber? ![]() Die Probleme in Morsleben werden oft der DDR in die Schuhe geschoben und der Standort als „sozialistische Schwesteranlage“ der Asse bezeichnet. Interessant daran ist, dass weit mehr als die Hälfte des Abfallvolumens zwischen 1994 und 1998 dort eingelagert wurde und da ging es in Deutschland wahrlich nicht sozialistisch zu! Die selben Wissenschaftler und Politiker, die noch vor wenigen Jahren behaupteten, die Asse sei dicht und der Atommüll dort sicher, müssen nun eigentlich angesichts der nicht mehr zu verschweigenden Tatsachen zugeben, dass sie uns jahrzehntelang an der Nase herumgeführt haben? Mit absoluter Ignoranz stellen sie sich aber in der Öffentlichkeit auf und behaupten nun, die zukünftigen Endlager Schacht Konrad und Gorleben seien sicher. Trotz offensichtlich katastrophaler Erfahrungen mit unterirdischer Lagerung soll mit Schacht Konrad in den nächsten Jahren ein weiteres Endlager hier in der Region in Betrieb genommen werden. Auch die Arbeiten am Erkundungsbergwerk in Gorleben sollen fortgesetzt werden. Zu beiden Standorten gibt es ebenfalls erhebliche wissenschaftliche und konzeptionelle Zweifel. Sollen auch diese Endlagerkonzepte erst als gescheitert erklärt werden, wenn dort Atommüll eingelagert wurde und die Umwelt verseucht ist? Sollen auch an diesen Standorten die Menschen vor vollendete Tatsachen gestellt werden, bis es zu der Erkenntnis kommt, dass auch dort kein sicherer Ort für atomare Hinterlassenschaften existiert? Viele von denen, die nicht nur die ASSE II geplant, befürwortet und zu verantworten haben, sind heute bei den Endlagerprojekten Schacht Konrad und Gorleben tätig. Wir fragen uns wohl ziemlich zu Recht: Wer sich bei der ASSE II angeblich geirrt hat oder die Umstände unter Umgehung der Wahrheit für zumutbar hielt, warum sollte der in Gorleben und Salzgitter anders handeln? Liebe Atomkraftgegner und -gegnerinnen: diesen bezahlten Lobbyisten ist nicht zu trauen, das haben die traurigen Erfahrungen aus 40 Jahren hier vor Ort gezeigt! Wir hier in der Region haben es schon lange kapiert: die Asse war von Anfang an nicht geeignet - aber billig - und der Zeitpunkt historisch günstig, den unliebsamen Atommüll zu verklappen. Ganz unabhängig davon, was in Zukunft mit der Asse passiert, muss heute festgestellt werden: der Versuch ist gescheitert, das Ergebnis steht fest: unterirdische Lagerung von Atommüll birgt unkalkulierbare Risiken. Bergwerke verformen sich, Wassereinbrüche sind an der Tagesordnung. Salz ist sicher kein geeigneter Ort für Fässer voll Atommüll. Asse und Morsleben haben es an den Tag gebracht: das Endlagerprojekt für Deutschland ist gescheitert. Und Asse und Morsleben werden an den Tag bringen: die abstrusen Behauptungen der Atomindustrie und ihrer politischen Lobbyisten, bei der Nutzung der Atomkraft handele es sich um eine besonders sichere und saubere Art der Energiegewinnung sind nicht wahr! Das widerlegen schon allein die Vorfälle hier. Wo das Gegenteil behauptet wird, stehen lediglich wirtschaftliche und machtpolitische Interessen dahinter. Alle Störfälle – sei es in den Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel oder beim kürzlich entdeckten Cäsium in der Asse – haben eins gemeinsam: sie werden von der Atomwirtschaft und den staatlichen Vertretern verharmlost und manchmal auch vertuscht. Europaweit setzen die Regierungschefs derweil wieder alles auf die Karte „Atomkraft“; Berlusconi kündigt Italien eine ganze Neubauserie an, Sarkozy fordert jetzt schon den zweiten Druckwasserreaktor EPR in Frankreich und Merkel wartet nur darauf, dass die Koalition platzt, damit der sogenannte Atomausstieg für Deutschland in den Reißwolf wandern kann. Zur gleichen Zeit versucht die Atomindustrie ihr Image aufzupolieren und startet eine Medienkampagne, die sie als Klimaretter darstellen sollten. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen werden die Atomkraftwerke als CO2- neutrale Wunder(kraft)werke verkauft. Atomkraft = Klimaschutz ist die Formel, die sich in unsere Köpfe einbrennen soll. Dabei wird völlig außen vor gelassen, dass beim Uranabbau, der Herstellung von Brennstäben, beim Bau der Kraftwerke, den Transportwegen und der Wiederaufarbeitung riesige Mengen von CO2 freigesetzt werden. Atomenergie dient nicht dem Klimaschutz, sondern ist eine der dreckigsten, gefährlichsten und menschenverachtendsten Energiegewinnungsarten. Von den vertrahlten Uranminen in Australien, Südafrika und Namibia bis zu den Atommüllklos a la Asse wird skrupellos mit dem Leben und der Gesundheit der Bevölkerung umgegangen. Warum ist das so? Es geht hier nicht vorrangig um die Energieversorgung der privaten Haushalte und der großen Wirtschaftsbetriebe. Atomkraftwerke sind mit Steuergeldern subventioniert, konnten somit billig gebaut werden und werfen jährlich beträchtliche Gewinne ab. Je länger so ein Meiler läuft, desto besser für die Energiekonzerne. Zusätzlich fällt bei der sogenannten „friedlichen“ Nutzung der Kernenergie in den Reaktoren Plutonium an. Aus diesem atomaren Abfallstoff kann mit geringem technischem Aufwand atomwaffenfähiges Material gewonnen werden. Das Interesse daran ist in Zeiten globaler Kriegsprojekte ungebrochen groß! Auch aus diesem Grund wird die Atomtechnologie nicht nur hierzulande gegen den erklärten Willen der Bevölkerung durchgesetzt. Der Staat setzt seine wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen – notfalls auch mit Gewalt – gegen seine Bürger durch. Leidvoll erfahren müssen das die Anwohner unseres benachbarten Endlagerstandorts Gorleben in den letzten 12 Jahren, wenn der jährliche Castor-Transport mit dem jeweils größtmöglichsten Polizeiaufgebot ins Wendland geprügelt wird. Die Castortransporte werden nur noch ein paar Jahre laufen und hoffentlich weiter von Protest und Widerstand begleitet werden, aber intern rüsten sich Polizei und Politik schon für die kommenden Auseinandersetzungen um Schacht Konrad. Vor dem ersten Atommülltransport nach Salzgitter graust es sicherlich schon mancher hier unter uns. Aber lassen wir es gar nicht erst soweit kommen: legen wir jetzt den Daumen in die klaffende Wunde hier in Asse II und verhindern wir die künftigen Endlager Schacht Konrad und Gorleben politisch. Zeigen wir an dem havarierten Bergwerk, dass es nach wie vor weltweit kein sicheres Endlager für Atommüll gibt. Die Asse bringt es an den Tag: Atomkraft ist ein Holzweg! Das gelbe „A“, das jetzt in immer mehr Vorgärten spriest und das heute hoffentlich viele von Euch mit nach Hause nehmen, steht in unsren Augen nicht nur für „Asse“ und „aufpassen“, für uns steht das „A“ dreifach für „Abschalten aller Atomanlagen“.@ Kontakt:
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