|
„Alles andere als alltäglich“
PM-IPPNW vom 5. Juni 08 Aus dem Primärkreis-Leck im Atomkraftwerk Krsko entwichen 3 Kubikmeter Kühlwasser pro Stunde. Kaltfahren des AKW Krsko offenbar noch nicht abgeschlossen. Anlässlich des Zwischenfalls im slowenischen AKW Krsko weist die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW darauf hin, dass ein so genannter „Kühlmittelverlust“ aus dem Primärkreis von Druckwasserreaktoren (Primärkreisleck) potenziell zu einem schweren Kernschmelz-Unfall mit massiven radioaktiven Freisetzungen führen kann. Nach Angaben der slowenischen Atomaufsichtsbehörde SNSA kam es in Krsko am Mittwoch um 15.07 Uhr zu einem Leck in der Nähe einer Hauptkühlmittelpumpe, aus dem etwa drei Kubikmeter Wasser pro Stunde austraten. Es war nach Angaben der Behörde daher zwingend erforderlich, die Anlage abzufahren. Die Meldung an die EU-Kommission zeigt nach Auffassung der IPPNW, dass die Slowenen den Vorfall zumindest zwischenzeitlich als extrem gefährlich eingeschätzt haben müssen.
Primärkreislecks sind nach Angaben des IPPNW-Atomenergie-Experten Henrik Paulitz „alles andere als alltägliche Ereignisse. In allen Risikostudien zählen diese Lecks zu den so genannten Auslösenden Ereignissen, die zum Kernschmelzunfall führen können, sofern die zur Beherrschung erforderlichen Betriebs- und Sicherheitssysteme versagen. Solche Vorfälle können auch schief gehen“, so Paulitz. Im US-Atomkraftwerk Harrisburg sei es 1979 bei einem Kühlmittelverluststörfall (offenes Druckhalter-Ventil) zu einer Teil-Kernschmelze gekommen. Die besondere Gefahr bei einem kleinen Leck bestehe darin, dass es bei bestimmten Leckgrößen dazu kommen kann, dass der Druck im Primärkreis nicht absinkt und selbst die Hochdruck-Kühlsyseme kein Kühlwasser einspeisen können, so Paulitz. Die IPPNW erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass es am 18. Dezember 2003 im jüngsten deutschen AKW, Neckarwestheim-2, zu einer Dampfleckage in der Deckelentlüftungsleitung des Reaktordruckbehälters gekommen ist. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) stellte nach dem Vorfall fest, „dass bei einem Abriss der Leitung direkt oberhalb des Reaktordruckbehälterdeckels eine nicht absperrbare Primärkreisleckage mit Anforderungen von Sicherheitseinrichtungen entstanden wäre“. Das Leck hätte laut IPPNW mit einem Leckquerschnitt von knapp 5 cm2 dann eine Größe gehabt, bei der der Druck im Primärkreis erwartungsgemäß hoch bleibt und selbst die Hochdruck-Pumpen nicht einspeisen können. Die GRS geht laut IPPNW obendrein davon aus, dass in den „modernen“ Konvoi-Anlagen wie Neckarwestheim-2 die dann erforderliche Notfallmaßnahme „Primärseitige Druckentlastung und Bespeisung (PDE)“ in der kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit nicht durchführbar ist und es zur Kernschmelze kommt. Am 18. Dezember 2003 hätte es also ausgerechnet im neuesten deutschen Atomkraftwerk bei einem Abriss der Deckelentlüftungsleitung sehr schnell zum Super-GAU kommen können.@
Henrik Paulitz
| ||||||
|
anti-atom-aktuell.de |