Anwohner noch heute besorgt wegen Reaktorunfalls

1986:
Störfall am AKW Hamm


von Nina Magoley

Am 4.Mai 1986 ereignete sich im AKW Hamm-Uentrop ein Störfall. Radioaktivität gelangte in die Umgebung. Die möglichen Folgen ängstigen bis heute die Bewohner der Region.


Radioaktive Strahlung

Es war in der Nacht auf den 10. Mai 1986, morgens um vier. Horst Blume erinnert sich noch genau. Auf einem Feldweg in Sichtweite des Atomkraftwerks Hamm-Uentrop stand, im Schutz der Dunkelheit, eine kleine Ansammlung von Menschen: Bauern der Umgebung, Atomkraftgegner, besorgte Nachbarn. Dazu 15 Traktoren. Dann kam das geflüsterte Signal: Es geht los! „Mit einem Affenzahn sind wir dann mit den Traktoren und unseren Autos Richtung Eingangstor gerast“, erzählt Blume. Der heute 53-jährige Agraringenieur war damals noch Student und gehörte zur neu gegründeten Bürgerinitiative Hamm, die sich aus Protest gegen den Hochtemperaturreaktor gegründet hatte. Ziel der nächtlichen Aktion war es, den Eingang zum Atomkraftwerk zu blockieren.


Entsetzen wenige Tage nach Tschernobyl

Der Grund für die Aufregung: „Ein paar Tage vorher hatten unsere Messgeräte für Radioaktivität plötzlich stark erhöhte Werte gezeigt“, erinnert sich Blume. Rund um das neue Atomkraftwerk hatte die „Gesellschaft für angewandten Umweltschutz“ GAU eigene Messgeräte installiert. Die Bürgerinitiative schlug Alarm bei den lokalen Zeitungen, die Bewohner der Region waren entsetzt: Erst eine Woche zuvor war es in Tschernobyl zum bisher größten Reaktorunglück weltweit gekommen. Die dabei entstandene radioaktive Wolke gigantischen Ausmaßes hatte gerade auch Deutschland erreicht, ihre Auswirkungen vermochte noch niemand abzuschätzen. Nach mehreren Dementis dann einige Tage später das Geständnis des damaligen Kraftwerks-Betreibers VEW: Ja, auch im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop habe es am 4. Mai eine Panne gegeben.

Nach und nach sickerten nun Details darüber durch, was genau sich im Hochtemperaturreaktor in Hamm ereignet hatte: Im Rohrsystem der Anlage - damals die neueste Technik - waren urangefüllte Kugeln steckengeblieben. Den Reaktortechnikern, die für einen solchen Störfall offenbar keine spezielle Anweisung hatten, gelang es schließlich nach stundenlangen Versuchen, das verstopfte Rohr unter Hochdruck wieder freizupusten. Dabei trat radioaktive Luft durch den Schornstein des Kraftwerks aus. VEW will den Vorfall herunterspielen.

Zeitungsberichte und Meldungen der Tagesschau aus diesen Tagen dokumentieren, dass die VEW tagelang versuchte, den Vorfall erst geheim zu halten, dann die möglichen Gefahren zu bagatellisieren. Zur Empörung der Anwohner hieß es dann, dass die VEW-eigenen Messgeräte für Radioaktivität in der Umgebung just am Tag des Störfalls ausgefallen waren. Die erhöhten Becquerel-Werte auf den Anzeigen der GAUGeräte seien Auswirkungen der Tschernobyl- Wolke, versuchte VEW zu beschwichtigen. Das Öko-Institut Freiburg dagegen, inzwischen eins der größten Forschungsinstitute Europas, das auch im Auftrag der Bundesregierung arbeitet, ortete die Quelle der Radioaktivität in der unmittelbaren Umgebung.


Proteste der Bevölkerung reißen nicht ab

Die Proteste der Bevölkerung waren heftig: „Zwei Tage lang ist da niemand in das Werk reingekommen“, erinnert sich Atomkraftgegner Blume an die erste Demonstration, bei der die Zeitungen 500 Demonstranten vor dem Werkstor vermeldeten. „Die Hammer Polizei war voll auf unserer Seite, die waren genauso besorgt wie wir. Alle dachten: Jetzt sind wir auch verstrahlt.“ Der Protest riss nicht ab: Am 19. Mai rief der Verband „Bauern und Verbraucher“ zu einer Kundgebung vor dem Reaktor auf, 2.500 Menschen kamen. Anfang Juni blockierten die Bauern noch einmal sieben Tage lang die Zufahrt zum Gelände mit einer Zeltstadt, 7.000 Menschen kamen zu einer weiteren Kundgebung.


„Vorgang der Vertuschung“

Während Betreiber VEW weiterhin darauf beharrte, dass es keinen meldepflichtigen Störfall gegeben habe, vermeldeten Zeitungen und Fernsehnachrichten täglich neue Details auch über frühere Störfälle im Hammer Reaktor. Auf Anordnung des damaligen NRW-Wirtschaftsministers Reimut Jochimsen (SPD) wurde der Reaktor zeitweise abgeschaltet. In der Tagesschau sprach Jochimsen von einem „unglaublichen Vorgang der Vertuschung“ seitens des Kraftwerksbetreibers.


Angst der Bewohner bleibt bis heute

Im Jahr 1988, nach insgesamt fünf Jahren Laufzeit, wird der Hochtemperaturreaktor, einst als einer der modernsten der Welt gepriesen und für zwei Milliarden Euro gebaut, schließlich für immer abgeschaltet. Seitdem befindet sich die Anlage im Prozess der Stilllegung.

Doch die Angst der Anwohner bleibt. Ärzte und Familien berichten von ungewöhnlich vielen Krebsfällen, die auch regelmäßig an das Deutsche Krebsregister gemeldet würden. Ausgewertet wurden die Zahlen aber nie. Als im Dezember vergangenen Jahres eine Studie im Auftrag der Bundesregierung veröffentlich wird, die eine Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern im Umkreis verschiedener Atomanlagen deutschlandweit belegt, ist Hamm bei den untersuchten Regionen nicht dabei. „Das ist ein Skandal“, sagt Horst Blume, und er spricht aus, was offenbar viele verunsicherte Bewohner fühlen.


Städte fordern Untersuchungen

Inzwischen haben die Stadträte von Hamm, Lippetal und Welver gemeinsam einen Antrag an die Landesregierung NRW gerichtet, in dem sie eine Untersuchung auch für ihre Region fordern. Die Antwort der Landesregierung ist bis jetzt ausweichend. Im Januar 2008 wies Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) in einem Schreiben an die drei Städte darauf hin, dass das Atomkraftwerk in Hamm-Uentrop nur „sehr kurz“ genutzt worden sei. Es habe aber „erste Gespräche“ mit der Leitung des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz darüber gegeben, wie die Daten über Krebsfälle in Hamm und Umgebung ausgewertet werden könnten.


Kosten für Stilllegung höher als erwartet

Doch der schlummernde Reaktor sorgt nicht nur die Anwohner in Hamm. Auf eine Anfrage des Grünen NRW-Landtagsabgeordneten Reiner Priggen zu den Kosten der Stilllegung bekannte die Landesregierung NRW, dass der Reaktor „im sicheren Einschluss“ bis 2009 die öffentlichen Kassen jedes Jahr 2,5 Millionen Euro koste. Der jetzige Betreiber RWE beteiligt sich dagegen nur mit einer vergleichsweise kleinen Summe. Wer nach 2009 die Kosten für die Ruine übernimmt, ist bis jetzt unklar. In einer Stellungnahme der Landesregierung heißt es, man werde diesbezüglich „Verhandlungen mit der Stromwirtschaft“ aufnehmen. Zunächst aber müssen die Kosten ganz neu kalkuliert werden, da inzwischen klar ist, dass die Stilllegung in Zukunft teurer wird als gedacht. Das Gutachten soll im Lauf des Monats veröffentlicht werden. @

 

- zurück




      anti-atom-aktuell.de