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Eine ganze Woche lang treffen sich
die Arbeitsgruppen der UN zum
Klimawandel in Bangkok in der
kritischen ersten Runde von
Verhandlungen, die sich aus den
Beschlüssen der Klimagespräche in
Bali im Dezember ergeben haben. Wird der Kapitalismus den Klimawandel überleben? von Walden Bello Es besteht nun ein fester Konsens in der Wissenschaft, dass, wenn die globale Erd erwärmung im 21. Jahrhundert 2,4 Grad Celsius übersteigt, die globalen Veränderungen des Klimas weitreichend, irreversibel und verheerend sein werden. Darüberhinaus wird das Zeitfenster für entscheidende Handlungsmöglichkeiten sehr eng sein – das heißt, die nächsten 10 bis 15 Jahre. In den nördlichen Industrieländern gibt es trotzdem einen starken Widerstand dagegen, das System von Produktion und Verbrauch zu verändern, das diese Probleme geschaffen hat. Statt dessen wird technischen Lösungen wie „sauberer“ Kohle, CO2-Absonderung und Speicherung, Agro-Sprit und Atomenergie der Vorzug gegeben. Weltweit verweigern transnationale Konzerne und private Akteure staatlich auferlegte Richtlinien wie vorgeschriebene Höchstwerte. Stattdessen bevorzugen sie Marktmechanismen wie das Kaufen und Verkaufen von CO2 –Emissionsrechte. Diese werden ganz einfach – wie Kritiker sagen - zu einer Lizenz für Umweltverschmutzer, weiter Umwelt zu verschmutzen. Im Süden gibt es auf Seiten der Elite wenig Bereitschaft, vom hohen Konsummodell des Nordens abzuweichen. Aus eigenem Interesse sind sie überzeugt, dass der Norden sich zuerst verändern muß und die Last der Anpassung tragen muß, bevor der Süden auch nur irgendeinen ernsthaften Schritt unternimmt, seine CO2 Emissionen zu senken. Konturen der Herausforderung In der Klimawandel-Diskussion wird das Prinzip der gemeinsamen, aber doch unterschiedlichen Verantwortung von allen Seiten anerkannt. Das bedeutet, dass der globale Norden die Last der Anpassung an die Klimakrise tragen muß, denn dessen wirtschaftliche Entwicklung hat das alles mit sich gebracht. Es wird auch anerkannt, dass die globale Antwort nicht das Recht der Länder des Südens auf nachholende Entwicklung in Frage stellen sollte. Allerdings steckt der Teufel im Detail. Wissenschaftler wie Martin Khor vom Dritte- Welt-netzwerk haben aufgezeigt, dass die von vielen für notwendig erachtete Reduzierung der Treibhausgase auf globale 80% von 1990 bis 2050 erbracht werden müssen durch eine 150-200%ige Reduktion auf Seiten des globalen Nordens – wenn die 2 Prinzipien, nämlich gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung und das Recht des Südens auf Entwicklung zu Grunde gelegt werden. Aber sind die Regierungen und Menschen des Nordens bereit, solche Zugeständnisse zu machen? Psychologisch und politisch ist es zweifelhaft, dass der Norden in der Lage ist, das Problem direkt anzugehen. Es herrscht eine Haltung vor, die Industriestaaten könnten Abmachungen zur Treibhausreduktion umsetzen, und gleichzeitig könnten sie weiterwachsen und ihren hohen Lebensstandard genießen, wenn sie auf erneuerbare Energien umsteigen. Darüberhinaus ist die Ansicht verbreitet, dass ebenso die Richtlinien, auf die sich die Staaten geeinigt haben, innerhalb eines Landes marktbasiert umgesetzt werden können mit dem Handel von Verschmutzungsrechten. Das heißt: technische Lösungen und der Emissionshandel würden die Veränderungen relativ schmerzlos, und – warum nicht?- profitabel dazu machen. Langsam aber dringt auch ins Bewusstsein, dass viele dieser Technologien noch weit entfernt sind von einer machbaren Umsetzung, und - kurz gesagt - die Energiewende hin zu nicht-fossilen alternativen Energietechniken nicht in der Lage sein wird, die jetzige Wachstumsrate aufrechtzuerhalten. Außerdem ist offensichtlich, dass die Aneignung von noch mehr Land für die Erzeugung von Agrosprit weniger Land für Nahrungsmittel und größere Nahrungsmittelunsicherheit weltweit bedeutet. Es wird immer klarer, dass der vorherrschende Wachstumsimperativ eines der größten Hindernisse darstellt für eine ernstzunehmende globale Anstrengung, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Aber dieses destabilisierende, grundlegende Wachstum- Konsum-Paradigma ist selbst mehr Wirkung als Ursache. Das zentrale Problem, das wird zunehmend bewusst, ist eine Art der Produktion, deren Hauptdynamik die Transformation von lebender Natur in tote Ware ist, mit einer enormen Verschwendung in diesem Prozeß. Der Antrieb in diesem Prozeß ist der Konsum, oder noch genauer der Überflusskonsum; und die Motivation ist der Profit oder die Kapitalakkumulation. Mit einem Wort: Kapitalismus. Die Entwicklung dieser Form von Produktion im Norden und ihre Ausbreitung in den Süden hat über die letzten 300 Jahre zu einem zunehmenden Verbrauch der fossilen Rohstoffe wie Kohle und Öl und zur Abholzung von Wald geführt, zwei von den menschengemachten Prozessen, die zur Erderwärmung beigetragen haben. Das Dilemma des Südens Eine Sichtweise der globalen Erderwärmung ist es, sie als Schlüsselsymptom für das letzte Stadium eines schmerzhaften historischen Prozesses zu verstehen: die Privatisierung der globalen Lebensgrundlagen durch das Kapital. In diesem Verständnis muss die Klimakrise gesehen werden als die Ausbeutung des ökologischen Raums der weniger entwickelten und marginalisierten Gesellschaften durch die fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften. Das führt uns zu dem Dilemma des Südens: Bevor das volle Ausmaß der ökologischen Destabilisierung durch den Kapitalismus erkannt wurde, wurde erwartet, dass der Süden ganz einfach den Wachstumsschritten des Nordens folgen würde. Jetzt aber ist klar, dass diese Schritte nicht möglich sind, ohne eine ökologische Katastrophe auszulösen. China ist bereits auf dem Weg, die USA als größten Produzenten von Treibhausgas zu übertreffen. Und die Mächtigen von China, von Indien und anderen sich rasch entwickelnden Länder sind gerade dabei, den typisch amerikanischen, von übermäßigem Verbrauch getriebenen Kapitalismus nachzumachen. So beinhalten die Implikationen einer effektiven globalen Antwort auf die Erderwärmung nicht nur, dass einige Länder in ein System von verpflichtenden Reduktionen der Treibhausgase eingebunden werden, auch wenn das kritisch ist: In der gegenwärtigen Runde von Klimaschutzregelungen zum Beispiel kann China nicht mehr länger von solchen Verpflichtungen ausgenommen werden, nur auf Grund der Tatsache, dass es ein Entwicklungsland ist. Noch kann die Anforderung an die meisten der anderen Entwicklungsländer sich darauf beschränken, den Norden zu technischen Transferleistungen zu veranlassen, um die globale Erwärmung abzumildern, und Fonds zur Anpassung an den Klimawandel bereitzustellen, wie viele bei den Bali-Vereinbarungen zu denken schienen. Diese Schritte sind wichtig, aber sie sollten nur als die ersten Schritte betrachtet werden in einer breiteren globalen Reorientierung des Paradigmas der Schaffung von ökonomischenr Prosperität. Während die Anpassung des Nordens viel viel größer und schneller sein muß, wird sie für den Süden im wesentlichen dasselbe bedeuten: ein Bruch mit dem Modell von hohem Wachstum und übermäßigem Verbrauch zugunsten eines anderen Modells eines guten Lebens für alle. Im Gegensatz zu der Strategie der Mächtigen des Nordens, den Versuch zu unternehmen, Wachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln, muß eine progressive umfassende Klimaschutzstrategie sowohl im Norden wie im Süden darauf aus sein, Wachstum und Energieverbrauch zurückzuschrauben und gleichzeitig die Lebensqualität der Mehrheit der Menschen zu verbessern. Unter anderem bedeutet das, ökonomische Gerechtigkeit und Gleichheit in den Vordergrund eines neuen Paradigmas zu stellen. Die Transformation muß nicht nur weg von einer auf fossiler Energie basierenden Wirtschaft sein, sondern auch weg von einer Ökonomie des übermäßigen Verbrauchs. Das Endziel muß sein, ein Modell von niedrigem Verbrauch, niedrigem Wachstum und hoher Gleichheit zu übernehmen, das zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, einer besseren Lebensqualität für alle und einer stärkeren demokratischen Kontrolle über die Produktion führt. Es ist unwahrscheinlich, dass die Mächtigen des Nordens und Südens einer solchen umfassenden Antwort zustimmen werden. Sie werden sich höchstens auf technik-fixierte und marktorientierte Veränderungen wie den Emissionshandel einlassen. Wachstum muß unangetastet bleiben, genauso wie das System des globalen Kapitalismus. Aber, konfontiert mit dem Weltuntergang, kann die Menschheit sich nicht selbst zerstören! Es mag ein schwieriger Weg sein, aber wir können sicher sein, dass die große Mehrheit der Menschen nicht sozialen und ökologischen Selbstmord begehen wollen, um die Privilegien der Minderheit zu erhalten. Wie auch immer es erreicht wird, eine tiefgehende Umorganisation von Produktion, Konsumption und Distribution wird das Ergebnis der Antwort der Menschheit auf die Klimakatastrophe und die Umweltkrise sein. Bedrohung und Chance In diesem Sinn ist Klimawandel sowohl eine Bedrohung als auch eine Chance, die schon lange fälligen sozialen und ökonomischen Veränderungen zu verwirklichen, die in der Vergangenheit von den Mächtigen verhindert und sabotiert wurden, um ihre eigenen Privilegien zu erhalten und zu verbessern. Der Unterschied heute ist, dass die Existenz der Menschheit und des Planeten von der Einrichtung eines ökonomischen Systems abhängt, das nicht auf feudaler Ausbeutung, Kapitalakkumulation und Klassenausbeutung basiert, sondern auf Gerechtigkeit und Gleichheit. Heutzutage wird häufig die Frage gestellt, ob die Menschheit in der Lage sein wird, ihr eigenes Geschick in die Hand zu nehmen und eine effektive Antwort auf die Klimakrise zu formulieren. Obwohl es keine Sicherheit gibt in einer Welt voller Unsicherheit, glaube ich daran. In dem sozialen und ökonomischen System, das gemeinsam erarbeitet wird, wird sicher auch Platz für den Markt sein. Die viel interessantere Frage ist jedoch: Wird es Raum für Kapitalismus haben? Wird Kapitalismus als System der Produktion, Konsumption und Distribution die Herausforderung, eine effektive Lösung der Klimakrise zu finden, überleben?@ | ||
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