Im Schweizer AKW Beznau kam es allein im Jahr 2007 zu acht „Vorkommnissen“.

AKW Beznau:
Testanlage in punkto Lebensdauer


aus externer Link tagesanzeiger.ch vom 14.2.08

Das bald 40 Jahre alte AKW Beznau musste der Bundes-Atomaufsicht im letzten Jahr acht «Vorkommnisse» melden, so viele wie kein anderes Werk je zuvor.

2008 hat für die Betreiber der zwei Reaktorblöcke von Beznau nicht besser begonnen als das letzte Jahr aufgehört hat: Mit einer weiteren Panne. Am 31. Januar morgens um sechs Uhr kam es im Reaktorblock II zu einer unvorhergesehenen Schnellabschaltung. Zuvor war die Stromversorgung von mehreren Anzeigeinstrumenten im Haupt-Kommandoraum des AKW ausgefallen. Dadurch fielen auch zur Regelung der Reaktorleistung benötigte Signale aus. Das wiederum führte zu einer automatischen Reduktion der Reaktorleistung. Die Wachmannschaft reduzierte deshalb auch die Turbinenleistung. Weil ihr die dazu notwendigen Anzeigeinformationen fehlten, konnte sie nicht verhindern, dass auch ein automatisches Abblasen von Frischdampf ausgelöst wurde.

Um 6.19 Uhr löste die Mannschaft aus Sicherheitsgründen schliesslich manuell eine Schnellabschaltung des Reaktors aus und konnte die Anlage so stabilisieren. Der defekte Anlagenteil wurde lokalisiert und ersetzt. Im Laufe des Nachmittags konnte Reaktor II den Betrieb wieder aufnehmen.

Dieser jüngste Zwischenfall in Beznau reiht sich ein in eine Serie von Pannen im Jahr 2007:

 

Von den insgesamt 13 meldepflichtigen «Vorkommnissen» - so der Fachbegriff - in den Schweizer Atomkraftwerken, ereigneten sich letztes Jahr 8 allein in Beznau. Das teilte die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) Mitte Januar mit. Noch nie zuvor ist es in einem Schweizer AKW zu einer derartigen Häufung von Pannen gekommen: Bisher hatte Leibstadt mit sechs Vorkommnissen in einem Jahr den unrühmlichen Rekord gehalten.


Vorübergehende Risikoerhöhung

Während sieben der letztjährigen Beznau-Zwischenfälle von der Atomkontrollbehörde als «nicht sicherheitssignifikante Vorkommnisse» eingestuft wurden, klassierte die HSK den vorübergehenden Ausfall eines Notstand-Dieselgenerators im August 2007 auf der internationalen Ereignisskala INES immerhin auf der Stufe 1 als Anomalie, die zu einer vorübergehenden Risikoerhöhung geführt habe. Trotzdem kam die HSK wie in allen Jahren zuvor auch diesmal zum Schluss, dass die nukleare Sicherheit sowohl in Beznau als auch in den übrigen Werken das ganze Jahr über gewährleistet war.


Zugeknöpfte Atomaufsicht

In ihrem Kurzrückblick auf 2007 nennt die HSK bloss die nackte Zahl der Pannen, ohne Angabe von möglichen Gründen und allenfalls notwendigen Gegenmassnahmen. Auf Anfrage verweist HSK-Mann Georg Schwarz darauf, dass der definitive Bericht zu den Vorkommnissen erst Ende April publiziert und man erst dann genauere Angaben machen werde. Schriftlich antwortet die HSK schliesslich doch auf die vom TA gestellten Fragen.

Zu berücksichtigen sei, dass Beznau eine Anlage mit zwei Reaktoren sei, relativiert die Atomaufsicht ihre eigene Statistik. Und aus der Anzahl von Vorkommnissen allein könne weder auf den Zustand der Anlage noch auf eine Verschlechterung der Sicherheit geschlossen werden. Keines der Ereignisse lasse sich gemäss der bisherigen Beurteilung zudem auf Altersschäden zurückführen. Menschliche Faktoren seien hingegen bei mehreren der Vorkommnisse «mitverursachend» gewesen. Auch dazu werde aber erst der Aufsichtsbericht eine genauere Analyse bringen. Gar nichts mag die HSK zu einer allfällig notwendigen Spezial- Sicherheitskur für Beznau aufgrund der hohen Zahl von Pannen sagen.


Werksleitung nicht beunruhigt

Von der Verschwiegenheit der Bundes-Atomaufsicht unterscheidet sich angenehm die Beznau-Werksleitung. «Tatsächlich hatten wir im letzten Jahr mehr Ereignisse als sonst», sagt Josef Schib, Leiter der Kommunikation in Beznau. «Das beunruhigt uns aber nicht speziell». Die Anzahl der Ereignisse schwanke von Jahr zu Jahr. Und die intern gesetzten Sicherheitsziele seien im letzten Jahr eingehalten worden. Bei der Sicherheitskultur liege jedenfalls nichts im Argen, beteuert Schib. Beznau habe wie Leibstadt seit rund zwei Jahren einen speziellen Sicherheitsverantwortlichen, der auf allen Stufen aktiv sei. «Weitere organisatorische Massnahmen erachten wir deshalb als unnötig».

Ob das Alter der Anlage schuld sei an der auffälligen Zunahme der Pannen, sei unklar: Interne Abklärungen hätten zu keinem eindeutigen Schluss geführt, sagt Schib. In zwei bis drei Fällen sei dies aber wohl der Fall gewesen, meint er in Abweichung von der HSK-Einschätzung.

Besorgt reagiert Greenpeace-Atomfachmann Leo Scherer auf die Beznauer Pannenserie. Im Alt-AKW der Axpo im unteren Aaretal sei in den letzten Jahren rund um den eigentlichen Reaktorkern zwar sehr viel nachgerüstet worden und man rühme sich deshalb gerne, wie modern die Anlage sei. Gerade das schaffe aber möglicherweise Probleme. «Zudem ist Beznau inzwischen punkto AKW-Lebensdauer eine eigentliche Testanlage», sagt Scherer. Weltweit gebe es nämlich kein älteres, noch aktives Werk. In Spanien und im deutschen Obrigheim seien vergleichbare Reaktoren abgeschaltet worden. «Speziell in der Materialtechnik fehlen deshalb schlicht Erfahrungen zur Lebensdauer von Komponenten. Man wiegt sich da in einer völlig falschen Sicherheit», warnt Scherer. @

 

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