|
Die Schweiz beteiligt sich der Entwicklung von Generation IV -Reaktoren Auferstanden aus Ruinen von Horst Blume Es mehren sich die Anzeichen, dass die Schweiz verstärkt auf Hochtemperatur- Reaktoren setzt und sich auf internationaler Ebene an der Entwicklung von Generation IV-Reaktoren stärker beteiligt. Sie knüpft damit an ihr Engagement in den 70er und 80er Jahren für diesen Reaktortyp an. Lothar Hahn und Britta Nockenberg schrieben 1990 dazu in einem längeren Gutachten Folgendes: „In der Schweiz gibt es ein eigenes HTR-Forschungsprogramm, in dessen Rahmen man sich an der Entwicklung des deutschen Kugelhaufenreaktors beteiligt hat. Durch Zusammenarbeit der bundesdeutschen Kernindustrie (ABB Mannheim bzw. HRB) mit der IGNT, der schweizerischen ‚Interessengemeinschaft zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen an der Entwicklung nuklearer Technologien‘, sind so die Konzepte für den HTR-500 und den kleinen Heizreaktor GHR-10 entstanden. Die Schweizer Industrie lieferte auch 20 % der Komponenten für den THTR-300, die im Rahmen des schweizerischen HTR-Forschungsprogramms entwickelt worden sind. In der IGNT sind sowohl die schweizer Industrie (Sulzer, Elektrowatt, ABB Baden etc.) sowie das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung (EIR), heute Paul-Scherrer-Institut (PSI) vertreten. Seit 1973 sind rund 100 Millionen Schweizer Franken in die HTR-Forschung geflossen, zuletzt 1986 noch einmal 27 Millionen für den HTR-500.“ Die Zeitschrift „Atomwirtschaft“ (atw) schrieb damals: „Ein für die weitere Zusammenarbeit der Schweiz mit der BRDeutschland bei der Hochtemperaturreaktor-Entwicklung (HTR) vorgesehener Bundesbeschluß zur Bewilligung eines auf die Jahre 1986-1988 beschränkten Verpflichtungskredits von 15 Mio. sfr für Beiträge an die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten der schweizerischen Industriepartner in der Planungsphase des Projekts ‚HTR-500 MW‘ wurde am 19. 12. 85 vom Nationalrat mit 80 : 38 Stimmen verabschiedet und dem Ständerat zugeleitet.“ Doch schon wenige Wochen nach dem THTRStörfall im Jahre 1986 sah die Welt in den Augen des Bundesamtes der schweizer Energiewirtschaft etwas anders aus. Sie jammerte in der Berner Zeitung: „Leidtragende wäre die schweizerische Industrie, die sich vom Bundesengagement und mit ihren eigenen finanziellen Beiträgen in der Aufbauphase bei einer Kommerzialisierung der HTR-Linie Marktchanchen ausrechnet.“ Aber selbst von dem THTR-Störfall hat die schweizer Atomindustrie dank der NRW-Landesregierung auch noch profitiert, wie die NRWGrünen anmerkten: „Die Landesregierung habe mit dem Elektrowatt Ingenieurunternehmen (Schweiz) eine Firma mit der Sicherheitsüberprüfung beauftragt, die seit 1973 selbst an der Planung und Entwicklung der bundesdeutschen Hochtemperaturreaktorlinie beteiligt sei.“ Die Atomindustrie „überprüfte“ sich also selbst!
Noch 1988 schrieb die Frankfurter Allgemeine
Zeitung kurz vor der endgültigen THTR-Stilllegung
verhalten optimistisch: „In der Schweiz
entsteht derzeit in einer Kooperation zwischen
BBC und Sulzer ein Vorprojekt für ein HTR-Heizkraftwerk.“
(5) Doch gravierende technische
und finanzielle Probleme und der Widerstand
gegen den THTR Hamm machten den Atomfreunden
einen Strich durch die Rechnung, der
auch auf die Schweiz Auswirkungen hatte: Für die Forschungsarbeiten im Rahmen des in der BRD mit Schweizer Beteiligung durchgeführten HTR-500 Projekts wurde den schweizerischen Industriepartnern ein Kredit von 15 Mio. sFr bewilligt. Bis Herbst 1990 wurden insgesamt 5,1 Mio. sFr genehmigt und von diesen rd. Die Hälfte beansprucht. Mit dem noch verbleibenden vertraglich zugesicherten Betrag von r. 2.5 Mio. sFr werden die Teilprojekte bis Ende 1992 so abgeschlossen, daß die Ergebnisse kerntechnisch genutzt werden können.“ Die Atomindustrie gab also noch nicht ganz auf und hoffte auf für sie bessere Zeiten. Wie stark auch in der Schweiz die Zuneigung der Industrie zum HTR war, konnte man daran ablesen, dass die schweizer Spezialfirma Colenco sich 1990 standhaft weigerte, den Auftrag für den Abbau des THTR in Hamm zu übernehmen, da dieser Reaktor angeblich so „umweltfreundlich“ und „sicherheitstechnisch unbedenklich“ sei! Diese Vorstellung hat sich offensichtlich nicht nur bei der schweizer Atomindustrie, sondern auch bei den politischen Entscheidungsträgern gehalten. Im Jahre 2002 trat die Schweiz dem „Generation IV International Forum“ (GIF) bei. Hierin hatten sich bereits neun Länder (USA, Frankreich, Südafrika, China, Japan ...) zusammengeschlossen, um auf internationaler Ebene die Forschung und Entwicklung neuer, innovativer Reaktoren langfristig zu planen und voranzutreiben. Dies ist sehr kostspielig und auf Jahrzehnte hinaus angelegt. Eine völlig neue Generation von AKWs hat einen Vorlauf von mindestens 20 bis 30 Jahren. Es müssen zunächst nicht nur kleine Forschungsreaktoren gebaut, erprobt und ausgewertet werden, sondern auch ein großer Prototyp erfolgreich laufen. Das alles kostet dutzende von Milliarden Euro. Die Weiterexistenz der Nuklearindustrie und umfassender Nuklearforschungsprogramme wird auf diese Weise langfristig auf internationaler Ebene gesichert. Ist ein solches milliardenschweres Atomprogramm erstmal gestartet worden, wird es sehr schwer, dies wieder zu stoppen. Wie langfristig die Atomindustrie strategisch denkt und plant, zeigt sich in ihren konkreten Überlegungen: „Die Generation IV Planung rechnet je nach System mit Prototypen zwischen 2020 und 2030 und mit Beginn der Kommerzialisierung zwischen 2030 und 2040. Wegen der langen Planungs- und Bauphasen beim Ersatz der bestehenden Kraftwerke, kommt die Generation IV für den Ersatz in Gösgen (2038) kaum in Frage. Für Leibstadt (2044) könnte ein solches Werk in Betracht gezogen werden.“ An anderer Stelle wird das nukleare Szenario noch etwas konkreter: „In Frage käme dafür beispielsweise ein Park von 6 – 8 VHTRs, mit einer Gesamtleistung von 2000 MW.“ Am 14. 4. 2005 teilte der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) auf ihrer Internetseite mit, wie die nächsten konkreten Schritte in Richtung Generation IV-Reaktoren aussehen werden: „Das Paul Scherrer Institut (PSI), das eine hochstehende Infrastruktur für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stellt, ist bereits in der kerntechnologischen Forschung tätig. Sein Forschungsinteresse gilt insbesondere zwei (von sechs) neuen Reaktortechnologien: der gasgekühlte, schnelle Reaktor (GFR) und der Höchsttemperturreaktor (VHTR). Mit dem Beitritt der Schweiz zum Rahmenübereinkommen kann das PSI aktiv an dieser weltweit durch das GIF koordinierten Forschung teilnehmen. Darüber hinaus können mit dieser Spitzenforschung auch künftige Ingenieure und Forscher für Evaluation, Bau und Betrieb dieser neuartigen Reaktoren ausgebildet werden.“ Konstantin Foskolos, stellvertretender Leiter des Bereichs Nukleare Energie und Sicherheit am Paul-Scherrer-Institut, gehörte zu dem Auswahlgremium, das innerhalb des GIF Kriterien für neue Reaktoren festlegte, Konstruktionsvorschläge bewertete und konkrete Empfehlungen für die nächsten Jahrzehnte abgab . Welch Geistes Kind dieser Mensch ist, konnte man in der Zeitschrift „Horizonte“ lesen, wo er auf die Frage, wie lange der radioaktive Abfall gefährlich sei, allen Ernstes antwortete: „Nur noch einige hundert Jahre. Aber damit treten wir in eine vom Menschen gestaltbare historische Dimension ein. Selbst viele mittelalterliche Kathedralen sind älter.“ – Hilft jetzt nur noch beten?? - Dieser Mann bestimmt also innerhalb eines exklusiven Gremiums die weltweit wichtigsten energiepolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahrzehnte! Am 28. Juli 2007 hielt Horst-Michael Prasser, Professor für Kernenergiesysteme, an der Zürcher Hochschule Winterthur den Vortrag „Die Zukunft der Kernenergie“, indem er die Generation IV und Hochtemperaturreaktoren ausführlich darstellte und propagierte. Ganz praktisch in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Firma Sulzer, die schon in den 70er Jahren Teile für den THTR gebaut hat. Einlader zu dieser öffentlichen Veranstaltung - ausgerechnet unter der Rubrik „Umwelt- und Gesundheitsschutz“ - war ebenfalls noch das „Stadtwerk Winterthur“. Inniger können sich die Beziehungen zwischen Politik, Wissenschaft und Atomindustrie wohl kaum darstellen.@
aus | ||
|
anti-atom-aktuell.de |