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Verriss des Monats: Liebling, ich habe den Reaktor geschrumpft von Peter Glaser Mitte Dezember meldete Next Energy News dass die japanische Firma Toshiba ein Atomkraftwerk entwickelt habe, das 100 mal kleiner als eine herkömmliche Anlage sei. Der etwa 6,5 Meter lange und 2 Meter tiefe Block des Rapid-L-Reaktors kann in einem Bau in der Größe einer Garage untergebracht werden und soll der Energieversorgung von Apartmentgebäuden und Wohnblocks dienen. Der Reaktor mit einer Leistung von 200 Kilowatt ist selbstverständlich, wie stets bei Atomanlagen, „ störungssicher konstruiert, läuft vollautomatisch und kann sich nicht überhitzen.“ Kann also gar nichts passieren, zumal man im erdbebengeplagten Japan bestimmt ganz besondere Sorgfalt bei der Entwicklung solcher technischer Anlagen walten läßt. „Für menschliche Siedlungen bieten Atomkraftwerke den großen Vorteil, dass sie keine rauchenden und rußenden Schlote haben. Man kann also Atomkraftwerke auch im Zentrum von Großstädten errichten“, schrieb der DDR-Wissenschaftler Robert Havemann bereits 1955 im Atom-Sonderheft der Zeitschrift „Wissenschaft und Fortschritt“. „Wenn in Berlin Atomkraftwerke an die Stelle der jetzigen Kohle-Elektrizitätswerke getreten sein werden, dann wird die heute noch über der Stadt lagernde Ruß- und Rauchwolke verschwunden sein, und alle Häuser werden mit Atomkraft zentralgeheizt werden.“ Wie weit die Phantasien von Wissenschaftlern schon damals gingen, belegt etwa die Idee, die Bahn der Erde zu korrigieren, um des Dezimalsystems willen die Länge des Tages zu verändern, so dass statt der krummen 365 1/2 Tage eine gerade Zahl herauskommt. „Auf künstlichen Monden könnten wir auch gewaltige Spiegel bauen, die das Licht der Sonne auf bestimmte Punkte der Erde konzentrieren und auf diese Weise z.B. das Eis des Südpols zum Schmelzen bringen“, so Havemann weiter, „so daß mitten in der Eiswüste der Antarktis eine tropische Oase entsteht.“ Bemerkenswerter Weise nimmt dieser Entwurf inzwischen Realität an, allerdings auf die harte Tour - durch den Klimawandel.
„Eine der verlockendsten Aussichten für den Verkehr der Zukunft bietet das Atomflugzeug. ... Mit der Energie des Atomes wird es uns in absehbarer Zeit möglich sein, durch die weiten Räume des Weltalls zu fliegen.“ Wozu das ganze gut sein soll, war für den deutschen Raketenwissenschaftler Eugen Sänger sonnenklar: „Die Frage nach dem Sinn solcher Unternehmen hat Papst Pius XII. im Herbst 1956 gegenüber Teilnehmern des Internationalen Astronautischen Kongresses in Rom mit der offiziellen Erklärung beantwortet: ‚Der Herrgott, der ins Menschenherz den unersättlichen Wunsch nach Wissen legte, hatte nicht die Absicht, dem Eroberungsdrang des Menschen eine Grenze zu setzen.‘ In den USA, wo man neben der Sowjetunion die eingehendste Erfahrung im Bau von Reaktoren aller Größen besitzt, sind seit 30 Jahren keine neuen zivilen Atomkraftwerke mehr gebaut worden. Neben der Sorge der Bürger ist einer der Hauptgründe das nach wie vor ungelöste Problem der Entsorgung radioaktiver Abfälle. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat manchen zu der Einsicht geführt, dass es noch andere Wege geben muß, große Mengen heißes Wasser herzustellen, als in einem Kernreaktor. Andere, wie die Toshiba-Entwickler, versuchen nun der Stagnation der Atomindustrie mit einer Strategie entgegenzutreten, die dem Militär entlehnt ist - moderne Kriege gewinnen keine großen Heere mehr, sondern verteilte kleine Einheiten. Die Entwicklung von Mikroreaktoren bedeutet nicht, dass weniger oder nur noch kleine Nuklearanlagen gebaut werden sollen. Außer als exotische Zentralheizung sollen die reduzierten Module zu Clustern zusammengesetzt letztlich doch wieder den Leistungsumfang herkömmlicher Atomkraftwerke erreichen. Der scheinbare Fortschritt liegt darin, dass die Risiken in kleinen Modulen harmloser und beherrschbarer aussehen, als in einem großen, herkömmlichen Reaktorblock. Aber mit der Clusterung und unverminderten Stromverbrauchsprojektionen tritt auch das zentrale Problem der Atomwirtschaft wieder aus dem Schatten: der begrenzte Vorrat an dem Kernbrennstoff Uran. Zehn Staaten der Erde verfügen über 96 Prozent der weltweiten Uranreserven. Der jährliche Uranbedarf liegt bei etwa 65.000 Tonnen, die „gesicherten und vermuteten“ Uranreserven umfassen geschätzte 3,5 Millionen Tonnen. Die rechnerische Reichweite der globalen Uranreserven umfaßt etwa 50 Jahre. Und zum Thema „Endlagerung“ heißt es in der Wikipedia: „Heute geht man ... davon aus, dass für alle Arten radioaktiver Abfälle - mit Ausnahme kurzlebiger Abfälle - ein Isolationszeitraum von mindestens einer Million Jahre benötigt wird. Die Vorstellung, ein kleines Atomkraftwer in der Art eines Blockheizkraftwerk‘ als dezentrale Energiequelle verfügbar zu haben, nimmt dem Gefahrenpotential einer großen Atomanlage jedoch gleich viel von seiner gefährlichen Anmutung und bringt es auf das Level von Macho-Spielzeug für Multimillionäre. „Ich kenne eine Menge Leute im Silicon Valley“, schreibt Peter Glaskowsky, „die sich sowas sofort in ihr Haus einbauen lassen würden.“ Der Haken an der Sache ist zwar, dass ein solcher Kleinreaktor nicht nur 200 Kilowatt Strom, sondern darüber hinaus noch fünf Megawatt Abwärme produziert. Glaskowsky sieht reiche Männer im Vorteil, die, weil sie gern Angeln, über einen Herrensitz in Idaho verfügen - „man muß dann bloß einen Teil der Fischgewässer als Kühlwasser für den Reaktor umleiten, schon braucht man seinen großen Plasmafernseher nie wieder auszuschalten und auch die Fische werden sich in dem warmen Wasser wohler fühlen.“ @ aus: Technology Review vom 2.1.08 | |||||
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