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Stand der Dinge zum Reaktorneubau in der Basse-Normandie und zum Widerstand dagegen EPR: wieso, weshalb, warum? Interview: Cécile Lecomte Übersetzung: Clemens Rabe und Cécile Lecomte
Cécile: In Flamanville, bei Cherbourg in der Basse-Normandie, soll ein neuer Atomreaktor gebaut werden. Wir werden zum aktuellen Stand der Dinge zurückkommen. Kannst du zunächst aber etwas zur Region sagen und einen Überblick über die bestehenden Atomanlagen geben? Sie ist ja bereits besonders stark von der Atomindustrie, die die Atomenergie dort sowohl militärisch als auch zivil nutzt, geprägt. Didier: Auf der Cotentin-Halbinsel, in der Normandie, gibt es:
So eine Konzentration an Atomanlagen gibt es nicht überall. Wie ist es denn dazu gekommen? Mit dem Rhône-Tal ist der Cotentin die Region in Frankreich, in der die Atomenergie am stärksten vorangetrieben wurde. Das ist die Folge der Politik des französischen Staates, der bereits 1945 mit der Schaffung der CEA (staatliche atomare Forschung) die atomare Bewaffnung anstrebte. Angesichts der Konfrontation, des Wettbewerbs zwischen östlichen und westlichen Blockstaaten galt es der französischen Regierung - aus Gaullisten und Kommunisten bestehend- nationale Unabhängigkeit zu beweisen. Der erste Vorsitzende der CEA war der Wissenschaftler und Kommunist Joliot-Curie. Aber warum ausgerechnet der Cotentin? In Cherbourg herrschte schon seit langer Zeit eine Tradition des militärischen Zentralstaats: Beginnend mit dem Bau des Militärhafens in Cherbourg, direkt gegenüber des englischen Feindes, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, insbesondere unter Napoleon I. und schließlich unter Napoleon III. Ende der 1950er Jahre war die Fabrik von La Hague zunächst für den Notfall vorgesehen gewesen: Sollte sich in Marcoule am Rhône, der ersten Fabrik zur Wiederaufbereitung von Plutonium - für die Herstellung der französischen Atombombe - ein Unfall oder Brand ereignen, hätte man La Hague in Betrieb genommen.Das CSM ist logischerweise später daneben errichtet worden, befindet sich auf dem selben Gelände wie die CEA. Und dies war Militärgeheimnis. Gab es Widerstand dagegen? Der Widerstand gegen diese Politik ist hier, wie im Rest des Landes und in Deutschland, in den 1970ern wirklich stark geworden, zur Zeit der ersten Ölkrise, als der Staat uns vorgaukelte, die Atomenergie sei der Weg, die energetische Unabhängigkeit zu erreichen. 1972, ist das erste Antiatombündnis aufgrund eines Atomtransports vom Ballungsgebiet Cherbourg nach La Hague entstanden, auf Initiative von Bauern und Lehrern, da war ich dabei.
CRILAN und die örtliche Gewerkschaft CFDT haben im Bahnhof von Mézidon, vor Caen, sogar einen Zug blockiert. Dieser kam aus dem deutschen AKW Biblis: Das ist der einzige Zug gewesen, der dahin zurückgekehrt ist, wo er herkam (September 1981). Von unserem Rufen nach Gerechtigkeit haben wir uns versprochen, die Bauarbeiten aufzuhalten aber wir haben sie nicht verhindern können (Flamanville, Endlager Manche). Wir sind militärisch besiegt worden, trotzdem haben wir Ende der 70er/ Anfang der 80er zum Teil Siege errungen (nur zwei von vier vorgesehenen Reaktoren wurden in Flamanville gebaut, die Verträge mit Schweden wurden abgebrochen) . Was ist der aktuelle Stand der Dinge in La Hague? Zu La Hague: Der Umfang der Verträge für UP3 in La Hague ist deutlich zusammengeschrumpft.
Es bleiben nur die kleinen Verträge mit Holland. Mit Italien wurde gerade ein Vertrag für 240 Tonnen abgebrannter Brennelemente geschlossen. Obwohl das Land bereits 1987/88 per Referendum aus der Atomenergie ausgestiegen ist. Gleichzeitig ist ENEL ( italienischer Produzent) mit 12,5% am EPR in Flamanville beteiligt, setzt sich nachträglich für einen EPR-Bau im Rhône- Tal ein, um von dort Strom für das italienische Stromnetz zu bekommen. Die Verträge von 2003 erlauben Wiederaufbereitung von 1.000 Tonnen/ Jahr für jede der beiden Fabriken in La Hague, aber nicht mehr als 1700 Tonnen insgesamt (!) . Tatsächlich werden nicht mehr als 900 Tonnen/ Jahr wiederaufbereitet. Für die Zukunft ist es klar: Eine der beiden Fabriken wird in Betrieb sein während die andere Pause haben wird. ![]() Was sind eure Forderungen? CRILAN hat sich immer gegen die Wiederaufbereitung von Plutonium gestellt, weil diese die atomare Bewaffnung Frankreichs und anderer Staaten fördert. Aus denselben Gründen haben wir uns 1984 und 1992 auf sehr eindrückliche und kraftvolle Art und Weise im Fall von Japan gegen die Rückkehr des Plutoniums nach der Wiederaufbereitung gestellt. Wir haben gefordert, dass das Plutonium unter internationaler Kontrolle unnutzbar gemacht wird, in dem man es in sehr kleinen Dosen den hochradioaktiven Abfällen beimengt, um so gut wie unmöglich zu machen, dass es militärischen Zecken von Nutzen sein kann. Wir sind nach Wackersdorf und Gorleben gefahren, um der Antiatombewegung in Deutschland in ihrem Kampf gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage und eines Endlagers unsere Solidarität auszudrücken. Wie in Frankreich haben wir auch da die Idee verteidigt, dass es Aufgabe jeder Region auf dem Erdball ist, ihre eigenen Abfälle zu entsorgen. Deshalb weigern wir uns, uns der Rückkehr atomarer Abfälle in ihr Ursprungsland entgegen zu stellen und beschweren uns gegen die illegale Endlagerung atomarer Abfälle aus dem Ausland in Frankreich. Wir haben bereits erreicht, daß strafrechtliche Ermittlungen gegen Cogema eingeleitet wurden und deren Verwaltungssitz in Vélizy durchsucht wurde. Jeder Produzent ist in der Pflicht - in Frankreich, für EDF, ist dies der Staat, bei euch in Deutschland sind dies die privaten Produzenten - seine eigenen Abfälle an den Standorten der abgeschalteten AKW zu lagern (wie befürworten also KEIN zentrales Endlager, es gibt sowieso kein sicheres Endlager). Zurück zum Thema EPR und Flamanville. Wie kam es zu der Entscheidung, einen neuen Reaktor zu bauen? Wie ist der Stand der Dinge? Die Bauarbeiten sollen angefangen haben, habe ich gehört. AREVA ist eine Krake, dessen Körper sich nach Frankreich zurückzieht, aber der Konzern möchte seine Tentakel auf der ganzen Welt ausstrecken und nutzt dabei erneut die Ölkrise und den Treibhauseffekt. AREVA (heute AREVA NP) möchte den EPR verkaufen. EPR ist die Abkürzung für Réacteur Pressurisée Européen und bedeutet Europäischer Druckwasserreaktor. « Europäisch » weil der deutsche SIEMENS-Konzern an FRAMATOME (Jetzt Areva NP), mitbeteiligt, also Teil des Kartells ist. Dies gescheht aber momentan nicht unter der Schirmherrschaft der EU. Es handelt sich um einen Druckwasserreaktor mit größerer Leistung ( 1650 Megawatt). 2005 wurde die Entscheidung gefällt, in Frankreich einen Prototypen zu bauen - nachdem Sarkosy (damals Wirtschafts- und Finanzminister) und Anne Lauvergeon (Vorstandsvorsitzende von AREVA), zu dieser Zeit ohne Erfolg, aus China zurückgekehrt waren. Es ging darum ein Vorzeigeprojekt zu etablieren. Wo? An einem Ort, der bereits im Besitz von EDF war, im Küstengebiet: Entweder in Gravelines im Norden, in Penly in der Nähe von Dieppe oder in Flamanville. Die Wahl ist zum einen wegen des ungezügelten Lobbyismus der Atomindustrie im Nord-Cotentin auf Flamanville gefallen und zum anderen wegen der lokalen Abgeordneten sowohl der Rechten als auch der Linken. Die « öffentliche Debatte », gemäß dem Gesetz ist sie obligatorisch, hat erst erst nach der der Bau-Entscheidung durch die Regierung stattgefunden. « Zuerst entscheidet man, danach diskutiert man. » Die öffentlichen Befragungen (im Rahmen der Panfestellungsverfahrens) fanden im Juli 2006 statt, mitten in den Sommerferien, die vorbereitenden Arbeiten bereits im August 2006, weit vor Erteilung der Baugenehmigung Mitte April 2007, wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen. Anfang Dezember 2007 haben die Bauarbeiten für den nuklearen Teil begonnen. Der Neubau wird mit Gewalt duchgesetzt: Atomenergie und Demokratie sind inkompatibel Wie wirksam ist der Widerstand gegen den EPR? Was hat sich bisher getan? Die Schwachstelle des Projekts ist die Notwendigkeit, zusätzliche 400.000 Volt-Hochspannungsleitungen (HSL) in einem Korridor in Richtung der Gebiete an der Loire errichten zu müssen. Der Widerstand aus der Bevölkerung ist vor vier Jahren mit der Gründung einer regionalen Gruppe « Grand Ouest » entstanden. Unter dem Slogan « EPR, Nein danke, weder hier noch anderswo. » haben sich um die zwanzig Gruppierungen zusammen gefunden - Gewerkschaften, Parteien und Einzelpersonen, dann noch Delegierte der Anti-HSL-Gruppen (inzwischen mehr als Hundert). CRILAN ist der Koordinator, jede Gruppierung behält ihre Autonomie.
Die Anti-HSL-Gruppen und ihre Koordinatoren haben am 20. Otober letzten Jahres eine Demonstration mit 7.000 Menschen in Ernée in Mayenne organisiert. Die lokalen Gruppen verstärkten ihre Interventionen und bestürmten die Vertreter von RTE (staatliches Stromversorgunsunternehmen) mit Fragen. Kleine Gruppen haben sehr spektuläre symbolische Aktionen organisiert, wie die Besetzung eines HSL-Strommasts vor den Präsidentschaftswahlen in Flamanville und später in der Nähe von Fougères im Frühjahr. Atomstaat heisst ja bekanntlich Polizeistaat. Seid ihr wie in den 70er-80er Jahren mit Repression konfrontiert? Die Repression durch die Polizei ist sehr gegenwärtig und belastend: Es gibt eine Kaserne in Flamanville selbst und die « Gendarmerie cantonale » (militärische Kreispolizei) aus Pieux. Bekannte Aktivisten werden sichtbar überwacht, die Polizei wartet vor ihrem Haus, ihre Personalien werden in der Nähe des Atomkraftwerks festgestellt. Strafverfahren zum beispiel gegen Strommasbesetzer wurden eingeleitet. Die Atomindustrie macht Geschäfte über die Grenzen hinaus. Was hältst du von internationalem Widerstand? Die Atomenergie deckt nur 2,5 % der weltweit verbrauchten Energie ab. Die Anzahl der geschlossenen (weil veralteten) Reaktoren ist bedeutsamer als die derer, die in Betrieb sind. Ob die Vermarktung des EPR gelingt ist ungewiß aber Sarkosy wird, als Vertreter von AREVA, mit seiner Ankunft an der Spitze der Europäischen Union im Juni 2008 versuchen, die Entwicklung seines Findelkinds, der Atomenergie, voranzutreiben. Auch im Mittelmeerraum (Ägypten, Libyen, Marokko, Algerien). Das Bündnis von SIEMENS mit AREVA und MITSUBISHI muss auch in Deutschland bekämpft werden. Wir zählen auf euch um gegen den französischen Atombunker und dessen Unterstützer in Industrie und Politik zu kämpfen. Wie wär‘s mit der Idee, einer Dauermahnwache mit internationaler Beteiligung beim AKW Flamanville? Was habt ihr noch vor? Was die Perspektiven hier vor Ort betrifft, schauen wir , ob es möglich ist, eine Mahnwache abzuhalten, wie es sie schon vor der WHO in Genf gab. Es gibt die Möglichkeit, die diesjährigen « Sommeraktionstage » von « Sortir du Nucleaire » im Département Manche (Region Basse-Normandie) abzuhalten. Darüber reden wir auf unserer nächsten Vollversammlung im Januar. Die « Désobéissants » (« Ungehorsamen ») wollen ein internationales Camp veranstalten und CRILAN wird schauen, ob es nach deren Konzept funktioniert. Das sind aber nur Projekte, konkret entschieden wurde noch nicht.
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